Kobra-Dinner in Vietnam Schlagendes Herz in Schnaps

Garstiges Gemetzel oder einzigartige Delikatesse? Reiche Vietnamesen feiern Festgelage in Kobra-Restaurants. Luc Levesque besuchte eine Schlangenzucht bei Hanoi - und würgte beim 15-Gänge-Menü sogar ein schlagendes Herz herunter.


Ich sage immer, man muss alles einmal probiert haben – in diesem Fall mit Betonung auf "einmal". In Hanoi in Vietnam hatte ich noch einen Tag Zeit vor meinem Weiterflug nach Laos, und ich beschloss, in ein nahe gelegenes Dorf zu fahren, das für seine Schlangenfarmen bekannt ist.

Und tatsächlich – dort gab es eine Schlangenaufzucht neben der anderen. An einer Straßenecke sah ich eine Gruppe Vietnamesen, die sich zum Mittagessen versammelt hatten, und ich gesellte mich dazu. Ein paar Männer standen um einen der Farmarbeiter herum, der einer lebenden Schlange das murmelgroße Herz herausschnitt und in eine Schüssel legte – es zuckte noch rhythmisch. Ich fragte einen der Männer, was es mit den Herzen auf sich hat – "Machen sehr stark", antwortete ein Mann, zeigte auf seinen Bizeps und posierte wie Popeye, der Seemann.

"Sie wünschen?", fragte die Kellnerin. Jetzt gab es kein Zurück mehr – "Was kostet eine Kobra?", fragte ich und deutete auf den Käfig mit lebenden Schlangen. "20 Dollar". In Vietnam sind die Tiere ein exklusives Mahl für die Reichen.

Ein Kellner brachte mich in den Speisesaal. Eine Gruppe von Soldaten saß dort, sie grinsten hämisch, als ich hereinkam. In einem Schnapsglas bekam ich das zuckende Schlangenherz serviert, vermischt mit einem sehr starken durchsichtigen Likör. "Du trinken, schnell", sagte der Kellner. Die Soldaten hörten auf zu essen, alle starrten mich an – und bogen sich vor Lachen, als ich zögerte. Also stürzte ich das Zeug herunter, es schmeckte so ähnlich wie ein Wodka-Drink.

Zur Belohnung für meinen Mut nahm der Kellner nun die Gallenblase der Schlange und schlitzte sie auf – eine schwarze Flüssigkeit sickerte in mein Glas. "Du trinken, sehr gut für dich." Ich trank, um nicht noch mehr Gelächter zu hören. Mir wurde flau im Magen, und ich bat den Kellner, wenigstens das Glas Schlangenblut, das schon auf dem Tisch stand, wieder mitzunehmen. Keine Chance. "Du musst trinken", beharrte er – so ein teures Getränk könne man nicht zurücksenden.

Ich bestellte ein Heineken dazu und würgte die zähwarme Flüssigkeit herunter. In meinem Magen brodelte es. Doch ich hatte ich mir den Respekt der anderen Gäste erkämpft – die Soldaten hoben ihre Gläser und prosteten mir zu.

Ich konnte meinen Triumph kaum auskosten, denn schon kam das Essen: insgesamt 15 verschiedene Teller, unter anderem gab es gebratene Kobra-Rollen und gerollte Schlangenleber. Das Fleisch der Schlange war gar nicht schlecht – ähnlich wie Hühnchen, nur ein bisschen weicher. Ich trank viel Bier dazu, um nicht zu lange nachzudenken, was ich da aß – wahrscheinlich half auch das Adrenalin, das Essen zu überstehen. Außerdem war ich durch die ganzen Liköre und das Bier bald ziemlich betrunken. So betrunken, dass ich kaum realisierte, was für eine Köstlichkeit als Nachtisch serviert wurde: eine stinknormale Mango.

Luc Levesque, aufgezeichnet von Stephan Orth

Dieser Artikel spiegelt das Erlebnis eines Einzelnen wider und soll keine Reiseempfehlung sein. Sofern die Tiere aus einer dokumentierten Zucht stammen, verstößt der Verzehr von Kobras in Vietnam nicht gegen Tierschutzbestimmungen - die Ausfuhr von Schlangenprodukten als Souvenir dagegen ist ohne artenschutzrechtliche Dokumente verboten.



insgesamt 129 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
meister1993 19.04.2007
1. ---naklar warum nicht :-)
auf keinen Fall ---Alles--- Hunde, Affen und ähnliche ---NIEMALS
annew, 19.04.2007
2.
Hab da eigentlich mehr gute als schlechte Erfahrungen gemacht. Wie sagt man so schön: Probieren geht über studieren. Man muss es ja nicht nochmal essen, wenn es einem nicht schmeckt, aber wenn man nicht wenigstens probiert, wird man eine Menge verpassen.
Constantinopolitana, 19.04.2007
3.
Hallo, selbst bei einheimischer traditioneller oder neumodischer Kost läßt mich doch einiger erschauern: Joghurt mit GELATINE Döner (soll in Deutschland erfunden worden sein, eine Hypothese, die ich, wäre ich ein Türke, sofort mir zu eigen machen würde) sämtlicher Tiefkühlfertigfraß Burger, egal in welchem Land produziert Wiener Schnitzel so dick paniert, daß man den Fäulniszustand des innenliegenden Fleisches zumindest optisch nicht mehr wahrnimmt Brot in Scheiben geschnitten und in Plastikfolie eingeschweißt... BEVOR ich mir davon auch nur einen Bissen antue, beiße ich sofort freiwillig in die Heuschrecke oder in die Hühnerkralle :-) Halt machen würde ich allerdings, wie auch meister 1993 vor Hunden und Affen, des weiteren vor allem, was mit extremer Tierquälerei verbunden ist, so wie Gänsefüße und -stopfleber, alle Zubereitungen, die am noch lebenden Tier vorgenommen werden inclusive. Allerdings gilt das auch für sämtliche hiesigen Tierprodukte aus Massentierhaltung; der Tod des Tieres ist vielleicht weniger grausam, aber dafür war sein gesamtes Leben eine Qual. Allerbeste Grüße, Eva
Fred Heine 19.04.2007
4.
Zitat von sysopNicht jeder mag und verträgt fremde Kost, was für uns alltäglich schmeckt, lässt andere Völker erschauern. Was wind Ihre Erfahrungen mit exotischer, überraschender Küche? Überwiegen die Genüsse oder die Enttäuschungen?
Ich esse grundsätzlich keine Tiere, die ein ethisch-moralisches Problem hätten, mich zu essen.
Peter Sonntag 19.04.2007
5. Alles essen ?
Zitat von ConstantinopolitanaHallo, selbst bei einheimischer traditioneller oder neumodischer Kost läßt mich doch einiger erschauern: Joghurt mit GELATINE Döner (soll in Deutschland erfunden worden sein, eine Hypothese, die ich, wäre ich ein Türke, sofort mir zu eigen machen würde) sämtlicher Tiefkühlfertigfraß Burger, egal in welchem Land produziert Wiener Schnitzel so dick paniert, daß man den Fäulniszustand des innenliegenden Fleisches zumindest optisch nicht mehr wahrnimmt Brot in Scheiben geschnitten und in Plastikfolie eingeschweißt... BEVOR ich mir davon auch nur einen Bissen antue, beiße ich sofort freiwillig in die Heuschrecke oder in die Hühnerkralle :-) Halt machen würde ich allerdings, wie auch meister 1993 vor Hunden und Affen, des weiteren vor allem, was mit extremer Tierquälerei verbunden ist, so wie Gänsefüße und -stopfleber, alle Zubereitungen, die am noch lebenden Tier vorgenommen werden inclusive. Allerdings gilt das auch für sämtliche hiesigen Tierprodukte aus Massentierhaltung; der Tod des Tieres ist vielleicht weniger grausam, aber dafür war sein gesamtes Leben eine Qual. Allerbeste Grüße, Eva
Mich auch: Gekochte Eier mit Senfsoße und Kartoffeln, gebackener Camembert mit Preißelbeeren, Grützwurst, Putenfleisch, Schwarzsauer, Snuten un Poten.... Nur, liebe Eva, es zwingt uns doch niemand, dergleichen Kram zu uns zu nehmen !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.