Kochkurs in Bangkoks Slum: Schlemmen mit Poo

Von Michael Lenz

Kann ein Kochkurs Erfolg haben, wenn sein Titel Assoziationen mit Fäkalien weckt? Na klar, zumindest im Fall von "Cooking with Poo" in einem Bangkoker Armenviertel. Die Wok-Meisterin bringt dort Touristen bei, wie man perfektes Pad Thai zubereitet - und machte damit richtig Karriere.

Kochkurs in Bangkok: Brutzeln in den Slums Fotos
Michael Lenz

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Der deftige Humor der Australier ist nicht jedermanns Sache. Selbst den Briten geht das Spaßverständnis der Nachfahren ihrer deportierten Häftlinge schon mal zu weit. So wurde in Großbritannien 2006 der unflätige Slogan der australischen Tourismuswerbung "Where the bloody hell are you" kurzerhand verboten. Jüngstes Opfer australischen Humors wurde die Thailänderin Saiyuud Diwong, Spitzname Poo. Die energiegeladene 38-jährige hat gerade mit Hilfe einer australischen Hilfsorganisation ein Kochbuch veröffentlicht. Titel: "Cooking with Poo". "Poo" ist aber das englische umgangssprachliche Wort für Kot, was Poos australische Mentoren zum Brüllen komisch fanden.

Poo lächelt diesen Fäkalhumor thailändisch höflich weg. Die 38 Jahre alte Mutter von zwei Söhnen strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Die Australier mögen der Frau aus Bangkoks Slum Klong Toey mit Rat und Tat geholfen haben, ihre Kochschule zu gründen. Aber Poo weiß nur zu genau, dass sie ihren Erfolg letztlich ihrem Charme, ihrer Energie, ihrer Zielstrebigkeit und natürlich ihrer Kochkunst zu verdanken hat.

Poo ist in dem von Unrat, Drogen, Kriminalität und bitterer Armut geplagten Klong Toey geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern verdingten sich als Tagelöhner auf Baustellen, ihr Ehemann arbeitete als Motorradtaxifahrer, sie selbst betrieb eine kleine Garküche. Der magere Profit von 400 Baht am Tag reichte weder zum Leben noch zum Sterben. Aber das ist Vergangenheit. Heute haben Poo und ihre Familie dank der 1000 Baht pro Kochkursteilnehmer ein gutes Auskommen.

Keinen Appetit auf Insekten

Ein Kochkurs mit Poo beginnt mit einem Spaziergang über den Markt von Klong Toey, bei dem die jeweils acht bis zehn Kursteilnehmer pro Tag einiges über Land, Leute und die regionalen Esskulturen erfahren. "Viele Thais aus der Isan-Region kaufen hier ein. Deshalb gibt es viele Stände mit Isan-Food", erzählt Poo, während die kleine Gruppe mit Entsetzen an den Ständen mit Isan-Delikatessen wie Käfern, Skorpionen, Kröten und lebendigen Minishrimps vorbeiziehen. Poo teilt die Abscheu vor den Insekten, die zwischen 400 und 500 Baht das Kilo kosten. "Ich mag das überhaupt nicht", versichert sie.

Poo schätzt auch nicht die Liebe der Menschen im Isan, Thailands Armenhaus, für superscharfes Essen. "Durch die Chilis schwitzen sie so viel. Deshalb sind sie so dünn", sagt Poo und lacht. Sie hält es mehr mit der Küche der (ethnischen) Thais, die milder ist, süßer und für Saucen und Currys auf Fleisch, Saft und Kokosnussmilch setzt. Auf ihre Landsleute aus dem Isan, die ethnisch mit den Laoten und den Khmer in Kambodscha verwandt sind, lässt Poo aber nichts kommen. "Trotz der Unterschiede beim Essen und Kochen sind das sehr nette Menschen."

Poo ist auch geradeheraus, wenn sie über ihre Kundschaft spricht, die Farangs, wie die Thais Ausländer nennen. "Farangs sind so pingelig mit ihren Nahrungsmitteln. Anfangs habe ich ganz nach Thaiart gekocht. Hühner zum Beispiel werden grob zerteilt und mit Haut und Knochen gekocht oder gebraten. Das kam bei den Farangs nicht so gut an. Ich musste lernen, dass Farangs nur das Fleisch mögen und am besten das von der Brust."

In ihrer Schule in dem kleinen Häuschen mitten in Klong Toey steht sowohl thailändische als auch Isan-Küche auf dem Lehrplan. Immerhin stammen ja weltweit berühmte Essens-Klassiker wie der scharfe Papaya-Salat aus dem Isan. In der Kochschule mit der bunt zusammengewürfelten Einrichtung ist es heiß. Die Decke der Hütte ist niedrig, eine Klimaanlage gibt es nicht. Lediglich ein paar Ventilatoren rühren langsam die stickige Luft um, ohne wirklich für Abkühlung zu sorgen.

Fastfood in frisch

Auf dem Tisch stehen vier Gaskochherde, je einer für zwei Kursteilnehmer. Poo zeigt die Zutaten, erklärt die Zubereitung, kocht das Gericht schwupdiwupp vor. Das ist die erste Lektion: Thaiküche ist Fastfood vom Feinsten, gekocht mit frischen Zutaten. Für mehr Aufwand gäbe es an den Straßengarküchen auch weder Platz noch Zeit. Die weitere Zutat ist die Einfachkeit der Rezepte der thailändischen Hausmannskost. Wie die eifrigen Kochschüler aber schnell beim Nachkochen feststellen, braucht es trotzdem viel Übung, Gespür und Erfahrung, um mal eben eine Tom Yum zu köcheln oder ein Pad Thai im Wok zu brutzeln.

Der Erfolg als Köchin, Kochlehrerin, Kochbuchautorin, Partyservicebesitzerin und Chefin von zehn Mitarbeitern ist Poo nicht zu Kopf gestiegen. Sie denkt nicht im Traum daran, ihre Kochschule in einen schickeren Teil Bangkoks zu verlegen oder aus Klong Toey wegzuziehen. "Das ist mein Zuhause, hier sind meine Wurzeln". Außerdem unterstützt sie in dem Slum Schulen und Kindergärten mit Spenden und Mahlzeiten. "Ich kann mir das jetzt leisten", sagt Poo ganz selbstverständlich.

Dabei geht es ihr nicht nur um materielle Hilfe. "Ich versuche, den Kindern hier im Slum beizubringen, stolz darauf zu sein, was sie sind. Viele hier hadern mit ihrer Hautfarbe", klagt Poo. Dann zeigt sie auf ihre engste Mitarbeiterin Noi und sagt: "Ihre Tochter hatte mal eine Phase, in der sie stundenlang duschte und versuchte, ihre braune Hautfarbe mit einem Stein abzureiben. Die Kinder fühlen sich oft wegen ihre dunklen Haut minderwertig."

Ein wenig bang schaut Poo auf die politische Zukunft Thailands, auch und gerade jetzt nach den Wahlen. Poo gehört zu jenen 54 Prozent in Bangkok, die Angst haben vor einem neuerlichen Ausbruch politischer Unruhen. Die Geschäftsfrau ist ein gebranntes Kind. Die Straßen am Rand von Klong Toey waren eine der Kampfzonen im Mai 2010 bei der Niederschlagung des Rothemdenprotests. "Ich konnte keine Kochkurse abhalten, weil niemand nach Klong Toey gelangen konnte. Es war einfach zu gefährlich", erinnert sie sich mit Schrecken.

Zum Nachtisch serviert Poo ein himmlisches Highlight der thailändischen Küche, das sie fertig auf dem Markt gekauft hat: Sticky Rice mit frischer Mango und Kokosnussmilch. Die Kochschüler sind begeistert und stimmen dem Spruch aus Poos Schürze bedingungslos zu: "Cooking with Poo. I liked it."


Kochschule Helping Hands Thai Cooking School Bangkok "Cooking with Poo"Klong Toey Slum, Bangkok
Buchung unter: helping.hands.bkk@gmail.comEin Vier-Stunden-Kochkurs kostet 1000 Baht pro Person, Minimum: zwei Personen

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insgesamt 25 Beiträge
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1. ...
gummiball2 04.08.2011
Ich habe erst "Konkurs in Bangkoks Slum" gelesen. Muss am Wetter und zuwenig Schlaf liegen :-)
2. Hier könnte Ihre Werbung stehen
ArnoNym 04.08.2011
Zitat von sysopKann ein Kochkurs Erfolg haben, wenn sein Titel Assoziationen mit Fäkalien weckt? Na klar, zumindest im Fall von "Cooking with Poo" in einem Bangkoker Armenviertel. Die Wok-Meisterin bringt dort Touristen bei, wie man perfektes Pad Thai zubereitet - und machte damit richtig Karriere. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,776997,00.html
Im Rezept zu Pad Thai habe ich die omnipräsente Fischsoße* vermißt, ohne die leider fast kein authentisches Thaigericht auskommt. * Fischsoße ist Fisch, den man solange verfaulen läßt, bis selbst die Gräten vermodert sind, und dann mit Wasser verdünnt. Schmeckt ekelhaft (für mich).
3. Pad Thai mit dieser Fischsoße ...
the_flying_horse 04.08.2011
Zitat von ArnoNymIm Rezept zu Pad Thai habe ich die omnipräsente Fischsoße* vermißt, ohne die leider fast kein authentisches Thaigericht auskommt. * Fischsoße ist Fisch, den man solange verfaulen läßt, bis selbst die Gräten vermodert sind, und dann mit Wasser verdünnt. Schmeckt ekelhaft (für mich).
Kommt darauf an, wo sie in Thailand sind. Im Süden und auch in Bangkok ist die Fischsauce etwas aus der Mode gekommen, sie schmeckt vielen jungen Thais auch nicht mehr. Das hier vorgestellte Pad Thai Rezept ist auf alle Fälle sehr gut; das schmeckt auch wirklich klasse. Ich habe einmal Pad Thai mit dieser Fischsoße gegessen, das war grauenvoll...
4. Nam Pla
Layer_8 04.08.2011
Zitat von ArnoNymIm Rezept zu Pad Thai habe ich die omnipräsente Fischsoße* vermißt, ohne die leider fast kein authentisches Thaigericht auskommt. * Fischsoße ist Fisch, den man solange verfaulen läßt, bis selbst die Gräten vermodert sind, und dann mit Wasser verdünnt. Schmeckt ekelhaft (für mich).
Ich liebe Fischsoße verrührt mit Limettensaft und Chilies zum nachwürzen. Ach, ich muß heute abend mal wieder Pad Thai machen. P.S. Auch die alten Römer hatten eine ähnliche Fischsoße...
5. Viel Spaß
leser_81 04.08.2011
Ich habe mir in BKK schnell abgewöhnt auf Märkten oder kleinen Ständen was mit Fisch oder Fleisch zu essen. Selbst das Gemüse in dem Gericht mit Vorsicht zu genießen. Die Hygienischen Zustände unter denen dort gekocht wird sind i.d.R. sehr schlecht und ein durchschnittlicher Europäischer Magen hat oft Probeleme mit diesem Essen. Der ganze Spaß endet meist mit heftigen Magenschmerzen und Stunden lang auf dem stillen Örtchen. Dann doch lieber in einem Restaurant oder im Hotel was essen. Da kann man zwar auch nicht immer ausschließen Probelme zu bekommen aber die Gefahr ist doch wesentlich geringer.
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Staatsoberhaupt: König Bhumibol Adulyadej

Regierungschef: Armeechef Prayuth Chan-ocha (seit 22. Mai 2014)

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