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Kolibri-Watching: Ruhepuls 700 und süchtig nach Süßkram

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Smaragde mit Flügeln: Theo Ferguson aus Trinidad ist Kolibri-Fan. Um die Winzlinge besser fotografieren zu können, hängte er Futterspender in seinen Garten. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen.

Trinidad in der Karibik: Die Vogelinsel Fotos
imago

In Theo Fergusons Garten auf der Karibikinsel Trinidad herrscht Tieffliegeralarm, zwölf Stunden am Tag. Wie Torpedos schießen kleine bunte Kolibris durch die Luft, dann plötzlich verharren sie wie Helikopter auf der Stelle, manchmal nur Zentimeter von den Augen und Ohren der menschlichen Besucher entfernt.

Bei denen treiben solche Nahtiererfahrungen den Puls in die Höhe. Nicht annähernd wird dabei jedoch die Herzfrequenz der wendigen Winzlinge erreicht. "Kolibris haben einen Ruhepuls von 500 bis 700 Schlägen", sagt Ferguson, 70. Er trägt eine dicke Brille und ein rotes Polohemd mit Kolibri-Aufdruck.

Stundenlang kann er über die wundersamen Eigenheiten seiner Lieblingstiere berichten. "Sie sind im Verhältnis zu ihrer Körpergröße die schnellsten Lebewesen der Erde. Und die einzigen Vögel, die ohne Gegenwind auf der Stelle oder sogar rückwärts fliegen können."

Um die Kolibris in seinem Garten im Örtchen St. Joseph besser fotografieren zu können, begann er vor viereinhalb Jahren, Futterstationen aus Plastik aufzuhängen. Die sehen ein bisschen aus wie kleine Lavalampen, gefüllt sind sie mit einem Energiemix, der hauptsächlich aus Wasser und weißem Zucker besteht.

Scheint zu schmecken, denn seitdem hat der pensionierte Uni-Dozent Ferguson täglich Hunderte, manchmal sogar Tausende Besucher: Die Schmuckelfe schnattert mit dem Topasrubinkolibri, Florisuga mellivora trifft Tobago-Amazilie. Gartenparty auf Karibisch.

An der können auch Touristen teilnehmen: Gegen Voranmeldung dürfen sie vorbeikommen, auf der Veranda einen ortstypischen Lunch zu sich nehmen und das Gefiepe, Geflatter und Gezwitscher zentimeternah miterleben. Kolibri-Beobachtung habe sogar heilsame Wirkung, sagt Ferguson, zum Beispiel bei stressbedingten Störungen. Auch zwei Herzinfarkt-Patienten kämen regelmäßig vorbei. "Eine Stunde hier, und deine Stimmung ist besser, ganz bestimmt."

Fliegendes Juwel als Wappentier

Die kleinsten Vögel der Tierwelt sind sehr beliebt in der Karibik. Kein Wunder bei den Superhelden-Fähigkeiten und einer Schönheit, die zum Spitznamen "fliegende Juwelen" geführt hat. Auf Trinidad sind Kolibris in den Logos von Polizei, Armee und Post zu sehen, ebenso auf der 20-Dollar-Banknote, und auch die Fluggesellschaft Caribbean Airlines verziert die Hecks ihrer Maschinen mit einem Bild des bunten Winzlings. Amerikanische Ureinwohner glauben, dass die Seelen der Toten in den Körpern der Kolibris fortleben.

17 Arten leben auf Trinidad, sie zählen zu den mehr als 450 Vogelspezies der Insel, die Ornithologen aus der ganzen Welt anlocken. Rote Ibisse im Caroni-Sumpf, Pelikane an jedem Strand und eine enorme Vielfalt an Krähenstirnvögeln, Tukanen und Säbelpipras im Asa-Wright-Vogelpark: Es gibt viele geflügelte Gründe, mit Fernglas und 400-Millimeter-Kameraobjektiv im Gepäck in die südliche Karibik zu reisen.

Und einmal im Jahr verwandeln sich auf Trinidad sogar die Menschen in bunte Vögel: Beim berühmtesten Karneval der Karibik tragen die Damen schillernde Federkronen auf dem Kopf und sonst fast nichts.

100 Flügelschläge pro Sekunde

Bei TripAdvisor kürten Touristen den Garten von Theo Ferguson zur Touristenattraktion Nummer eins auf Trinidad, wie der Besitzer nicht ohne Stolz berichtet. Dann zeigt er auf dem nahezu Tischplatten-großen Flachbildfernseher im Wohnzimmer ein paar Fotos: Schmuckelfen beim Paarungstanz, schillernde Blaukinn-Smaragdkolibris ("Das sind die Lieblingstiere meiner Frau") und Rosenkehlkolibris, die wie Libellen in der Luft stehen.

Bald will er einen Bildband mit seinen Vogelfotos veröffentlichen. "Ich glaube, jeder Mensch hat mindestens eine Tierart, mit der er eine besondere Verbindung verspürt", sagt Ferguson. "Das können Katzen sein, Hunde oder Pferde. Bei mir sind es die Kolibris. Ein Arzt hat einmal gemessen, dass ich eine ähnliche Art von Energie habe wie die Tiere. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber vorstellen könnte ich mir es schon."

Dann zählt er noch ein paar Superlative seiner Lieblinge auf. Man erfährt, dass Kolibris 80 bis 100 Flügelschläge pro Sekunde schaffen. Dass sie das Eineinhalbfache ihres Körpergewichts an Zucker pro Tag zu sich nehmen können. Und dass sie ein Herz haben, das im Vergleich zum Rest des Körpers fünfmal größer ist als beim Menschen.

Ferguson hat diese Dinge schon hundertmal erklärt, doch die Leidenschaft klingt immer noch in jedem Satz durch. "Früher habe ich an der Uni Landwirtschaftskurse gegeben, jetzt zeige ich Touristen meine Kolibris. Glauben Sie mir - das ist der bessere Teil meines Lebens", sagt er.


SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Stephan Orth wurde auf dieser Reise von der Agentur Aviareps unterstützt, die das Fremdenverkehrsamt von Trinidad & Tobago vertritt.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Nackter, ungehemmter Neid
frenchie3 10.08.2015
auf dieses Anwesen. Hoffentlich kommt der Bildband bald raus.
2.
Oberleerer 10.08.2015
Hoffentlich verlernen die Tiere nicht, sich auch in der Natur zu ernähren.
3.
Softship 10.08.2015
https://www.youtube.com/watch?v=Fouo6GKGBIM
4. nette Vögel, schlechte Bilder
auf_dem_Holzweg? 10.08.2015
die Belichtung ist wichtig,... Am besten werden Colibri-Bilder im Sonnenlicht, dort kann man auch bis 1/4000 gute Farben erzielen.
5. Nur kein Streit!
uchawi 10.08.2015
Phantastische Vögel und großartige Fotos. Es gehört schon was dazu, diese flinken Burschen so schön ins Bild zu bekommen. Kleiner Hinweis zu Bild 11: Das dürfte alles andere als ein Streit sein. Der rechte Vogel bettelt den linken eindeutig um Futter an, es handelt sich also wohl um ein Elterntier und einen fast ausgewachsenen Jungvogel.
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