Tyler Brûlés Wohlfühlprogramm: Hübsch verblichen in Okinawa

Beton-Architektur, merkwürdiges Grünzeug und viele Spelunken: Die japanische Stadt Naha gewinnt keinen Schönheitspreis, aber das Herz von Tyler Brûlé. Der Kolumnist genießt die bunten Straßen mit ihren ausgeflippten Bewohnern - und lässt sich selbst von nordkoreanischen Raketen nicht aus der Ruhe bringen.

Okinawa: Im Süden der Insel findet sich die US-Militärbasis Camp Schwab Zur Großansicht
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Okinawa: Im Süden der Insel findet sich die US-Militärbasis Camp Schwab

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Wie oft sind Sie schon in einer neuen Stadt gelandet und wussten sofort, dass Sie sich dort wohlfühlen werden? Denken Sie in so einem Fall auch mal ein bisschen über die Gründe dieser spontanen Zuneigung nach, während Sie sich langsam dem Puls des Ortes hingeben? Sehen Sie sich um und überlegen, ob es an der Architektur oder an der Stadtplanung liegt, an den Einheimischen, den Speisen oder einer Kombination all dessen?

Nachdem ich am Ostersonntag ein phantastisches Essen im Anwesen des dänischen Botschafters in Tokio genossen hatte, raste ich zum Flughafen Haneda, um den Flug nach Naha zu erwischen. Bei meinem letzten Aufenthalt in Japans südlichstem Zipfel hatte ich mich vor allem nach potentiellen Hotel-Branding-Aufträgen umgeschaut und bis auf Bagger, Bebauungsplänen und Musterwohnungen sehr wenig von der Insel und noch weniger von Naha gesehen.

Diesmal handelte es sich jedoch um einen reinen Urlaub mit Mats, Noriko und Mina als Weggefährten. Ursprünglich hatten wir vorgehabt, über Ostern wieder nach Auckland zu fliegen und einige Tage auf Waiheke Island verbringen. Die Flugzeiten sowie allgemeine logistische Probleme ließen uns davon allerdings Abstand nehmen, und ich musste mich um eine Alternative kümmern.

Kurz dachte ich an Thailand, da noch eine Reihe quer über Japan verteilter Meetings sowie ein Besuch in Seoul auf meiner Agenda standen. Die Entfernung erschien mir dann aber doch zu groß. Hokkaido war eine ernsthafte Möglichkeit, schließlich wollten wir auf jeden Fall etwas Sonne abbekommen. Kyushu sah auch gut aus, allerdings hatten wir schon letztes Jahr im Tenku no-Mori übernachtet und wollten nun mal etwas Neues ausprobieren.

Das beste Schweinefleisch der Insel

Nachdem wir ein paar der üblichen Hotels in Okinawa abgeklappert hatten, entschieden wir uns für Bungalows im Busena Terrace an der Westküste der Insel und erfreuten uns am späten Sonntagabend bereits an einem "shabu-shabu"-Abendessen mit dem besten Schweinefleisch der Insel. Naha lag hingegen nicht auf unserer Strecke, da wir uns eine Stunde entfernt oberhalb der Küste niedergelassen hatten.

Im Jahr 2000 war das Busena Terrace Stützpunkt des G8-Gipfels gewesen, an diesem Tag beherbergte es vor allem Pärchen auf Hochzeitsreise und Familien vom Festland (Japan, in diesem Fall). Architektonisch hat es in etwa die Originalität eines Flughafenhotels in der Nähe von Chicagos O'Hare Airport - höhlenartige Räume, beiger Stuck und etwas verloren wirkende Topfpflanzen. Auf der anderen Seite ist der Service wirklich gut, die Zimmer klug eingerichtet und der kleine Bungalow plus Privatpool eine angenehme Kombi unter dem sonnigen Himmel.

Nach zwei Tagen voller Sonnenschein und kleinen Erkundungen im Norden der Insel (inklusive einer himmlischen Pizza in einem reizenden kleinen Laden hoch über Motobu sowie perfekten Burgern in einem tollen Restaurant namens Captain Kangaroo), beschlossen wir, uns einen Besuch in Naha zu gönnen - und dabei auch gleich einige Zwischenstopps in den hiesigen Töpfereien und Bäckereien einzulegen (Wie überall in Japan ist auch in Okinawa ein Bäckereien-Boom ausgebrochen - adrette junge Männer und Frauen schmeißen reichlich leckere Kuchen, Croissants und knusprige Brötchen auf den Markt).

Lärmende Kampfjets in der Luft

Ein kurzer Blick auf unsere Rückflugtickets nach Tokio brachte uns dazu, unsere Unterkunft noch einmal zu überdenken. Schließlich beschlossen wir, vorzeitig aus dem Busena auszuchecken und die letzte Nacht lieber direkt in Naha zu verbringen. Meine Erwartungshaltung gegenüber der Stadt befand sich auf einer Skala irgendwo zwischen mittel und niedrig. Die ersten Eindrücke luden auch nicht gerade zu einer Korrektur ein: Es nieselte, Naha lag unter einer tiefen Wolkendecke.

Im Fernsehen sahen wir die japanischen Nachmittagsnachrichten, in denen es um die Aufregung rund um den sich abzeichnenden nordkoreanischen Raketenstart ging (Okinawa spielte dabei eine Schlüsselrolle: Die Patriot-Raketen-Abschussrampen der US-Militärbasen wurden aktiviert und jede Menge Aufklärungsflugzeuge waren in der Luft - strotzend vor Antennen und mit hässlichen Ausbuchtungen am Rumpf). Auch draußen auf den Straßen war der Lärm der Kampfjets und Tankflugzeuge über uns zu hören.

Es ist unwahrscheinlich, dass Naha jemals zum schönsten Ort der Pazifik-Region gewählt wird, aber ich wusste bereits nach wenigen Metern, dass die Stadt nach meinem Geschmack war. Vierstöckige Apartmentblocks aus Beton, denen unordentliche Balkone voller Grünzeug einen menschlicheren Anstrich verleihen sollen, beherrschten das Bild. Auf den Bürgersteigen standen Terrakotta-Töpfe und tropische Pflanzen herum und die einheimische Bevölkerung wirkte angenehm ausgeflippt: eine ansprechende Mischung aus super-coolen Tokio-Flüchtlingen und gebräunten Omas mit Kopftüchern, deren Alter irgendwo zwischen 95 und 115 Jahren liegen mochte.

Läden voller Vintage-Schätze

Als wir zum ersten Mal in einer schicken, winzigen Stehbar anhielten, um etwas zu trinken, hatte ich Naha als hübsch verblichen abgespeichert - ähnlich wie Taipei, jedoch mit einer höheren Zahl an spelunkenartigen Restaurants. Als ein paar Stunden später die Lichter angingen, erinnerten mich all die Siebziger-Jahre-Schilder und historischen Cafés plötzlich an Hamra in Beirut.

Ein weiteres Abendessen und eine Runde Getränke später tauchten Schatten des alten Wan Chai, Teile von Bangkok sowie die Gemütlichkeit von Fukuoka vor meinem inneren Auge auf. Als wir ins Bett gingen, war Naha endgültig zu einem Ort geworden, den ich gerne eine weitere Woche lang erkundet hätte.

Während es Honolulu an Intimität und am richtigen Maßstab mangelt, hat Naha genau dies im Überfluss - kunterbunte Straßen, Läden voller Vintage-Schätze aus US-amerikanischen Armeebeständen, großartigen Kaffee und köstliche Speisen an jeder Ecke.

Wenn Sie also nach einem Frühlingswochenendtrip mit Ecken und Kanten suchen, wissen Sie nun, wo Sie suchen sollten.

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Zur Person
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    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".