Koreas "Liebesland" Im Garten der Phallus-Sprudler

Hartnäckig hält sich im Westen der Glaube, Japan, Korea und andere Fernost-Gesellschaften seien prüde wie die Biedermeier. Wer das Love Land auf der koreanischen Insel Cheju gesehen hat, wird das Vorurteil zumindest noch mal überdenken. Matthias Streitz war dort.


Ich erinnere mich noch gut an mein "Das kann doch nicht sein"-Gefühl, als ich vor ein paar Jahren in irgendeinem grundsoliden Viertel Tokios um die Ecke bog und plötzlich vor einem Pornokino stand. Nur eine Gehminute von einer Familien-Shopping-Meile entfernt priesen da Poster in den Schaukästen mit großer Anschaulichkeit die obszöne Filmware an. Ein achtbar aussehender Anzugträger stand zur besten Geschäftszeit davor und inspizierte die Szenen mit Kennermiene.

Wer hat doch gleich gesagt, Japaner seien ein schamhaftes Volk? Für mich war es einer jener Momente der Verblüffung, wie man sie als Tourist in Ostasien öfter erlebt. Man glaubt, die ganze Region sei verklemmt wie ein Priesterseminar. Man sieht, dass nur besonders furchtlose Teenager-Pärchen es wagen, öffentlich zu knutschen. Doch dann hockt plötzlich ein Salariman auf dem U-Bahn-Sitz nebenan und blättert sein Sex-Manga durch. Oder man stößt in einem Tempel auf erstaunliche Fetische der Fruchtbarkeit - einen mächtigen Glockenklöppel in Penisform etwa, der von der Decke herabbaumelt.

Ein besonders eindrucksvoller Ort für Nachhilfe zum Thema "Sexualität in Fernost" ist das Love Land in Südkorea.

Dieser vielleicht zwei Fußballfelder große Themenpark liegt im Norden der Insel Cheju und ist vollgestopft mit Bergen von Softporno-Tinnef. Mit Statuen, Fotos und Figuren, die ein bisschen wirken wie die postmoderne Version jener Tempel-Phallen - und ein bisschen wie Installationen des US-Kitschkünstlers Jeff Koons. Nur noch trashiger, sofern das möglich ist.

Gleich hinter dem Eingang zum Liebesland thront eine akrobatisch anmutende Oralsex-Statuen-Kombo mit einem männlichen Teilnehmer und zwei Frauen - eine davon umklammert mit den Beinen seinen Hals und riskiert offenkundig den Genickbruch. Bei Nacht wird der Turn-Dreier angestrahlt, ebenso wie alle übrigen Exponate hier: Der mit rosa Noppen gekrönte Brustwarzenhügel oder die dicken erigierten Glieder, die wie Fontänen im Goldfischteich thronen. Die Skulpturen sind so explizit geraten, dass man - auch als abgebrühter West-Tourist - erst einmal ungläubig-amüsiert davorsteht.

Was soll das alles? Und warum findet sich dieses Disneyland der Anzüglichkeiten ausgerechnet hier, zwischen den Feldern der Vulkaninsel Cheju, die ansonsten ein Volkskundedorf und ein Teddybärmuseum zu bieten hat?

Abend-Animation mit Engtanz und Schlüpfrigkeiten

Auch wer so gut wie nichts über dieses Eiland weiß, weiß doch zumindest eines: Cheju gilt als "Honeymoon Isle", als Flitterwochenhochburg Südkoreas. Diesen Ehrenrang hat die 600.000-Einwohner-Insel seit Ende des Korea-Kriegs inne, und sie verdankt ihn einem doppelten Zufall: Zum einen ist Cheju der südlichste, sprich wärmste, zivilisatorisch ordentlich erschlossene Fleck des Landes. Zum anderen war es den meisten Südkoreanern bis Anfang der neunziger Jahre kaum möglich, ins Ausland zu reisen, aus politischen wie finanziellen Gründen.

Südkorea und Cheju (im Südwesten): Eiland der Aufklärung
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Südkorea und Cheju (im Südwesten): Eiland der Aufklärung

Für all diejenigen, die Bergwanderungen mit Tempel-Spotting im Inland lieber vermeiden wollten, geriet Cheju mit seinen Stränden und dem mächtigen Vulkanberg so zur Destination erster Güte. Das galt – und gilt - besonders für frisch vermählte Paare.

In vergangenen Jahrzehnten wurden viele dieser Jungeheleute noch von ihren Eltern verkuppelt, konnten sich vor der arrangierten Hochzeit im glücklichen Fall ein paar Mal unter Aufsicht beschnuppern - und wurden sogleich nach der Trauung ins Flugzeug gen Süden verfrachtet. Auf Cheju verbrachten sie dann, unversehens aneinander gekettet, ihre Hochzeitsnacht und die Tage danach. Die Honeymoon-Insel wurde so nebenbei zum Eiland der Aufklärung.

Noch in einem Reisebericht aus den späten achtziger Jahren beschreibt der Journalist Simon Winchester, wie mancher Insel-Hotelier als "professioneller Eisbrecher" auftrat: Die Gastwirte boten abends ein Engtanz-und-Schlüpfrigkeiten-Programm zur Lockerung für die verschüchterten Ehe-Novizen an, die noch nicht recht wussten, was sie miteinander anfangen sollten. Über einen dieser Hotelier-Animateure spöttelt Winchester, er sei wohl für "die Entjungferung von mehr Frauen verantwortlich als jeder andere Mann in Asien".

So gesehen ist es kein Wunder, dass Koreas Liebesland ausgerechnet hier entstanden ist, in Taxi-Distanz von Cheju City. Wer durch das gigantische Paar Schamlippen aus Stein hindurchgeschlendert und auf den grau-weiß marmorierten Zehn-Meter-Phallus hinaufgeklettert ist - der fühlt sich vielleicht schon ein bisschen weniger gehemmt.

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Von großer sexueller Offenherzigkeit und Lockerheit zeugt das alles trotzdem nicht - eher vom Gegenteil. Im Love Land werden Dinge gezeigt und gedacht, die in Südkorea, von wenigen regulierten Ausnahmen abgesehen, ansonsten verhüllt werden. Insofern wirkt der Park, ebenso wie die Sex-Mangas und die Fruchtbarkeits-Riten, wie ein kleiner Freiraum in einem Meer von Tabus.

Jungen Flitter-Koreanern stehen heute neben Cheju natürlich auch andere Reiseziele frei – das Land ist reicher geworden, politisch sind Flüge ins Ausland kein Problem mehr. Dennoch hat die Insel ihren Rang als wichtiges Jungpärchen-Ziel verteidigt.

So sind im Liebespark, neben älteren Kaffeefahrt-Touristen, auch viele eher schüchtern aussehende Paare Anfang und Mitte 20 unterwegs. Sie schauen sich um, sie kichern verschüchtert. Sie setzen sich zu zweit auf die Phallus-Bank und schießen - wir sind ja in Korea - per Stativkamera mit Selbstauslöser ein Erinnerungsbild ihrer Zweisamkeit im Abenteuerland. Vielleicht erwerben sie hinterher im Liebesland-Shop sogar noch ein paar Souvenirs für den späteren Gebrauch.

Wenn sie sich trauen.



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