Kreuzen in der Ägäis Segeln mit Taucherbrille

Segeln und Tauchen - wer diese Kombination liebt, wird bei Veranstaltern selten fündig. In der türkischen Ägäis jedoch kreuzt der Zweimaster "Caferoglu 6". Mit ihm und seinem Skipper gelingt die Erkundung der Mittelmeer-Fauna mit Oktopoden und Bärenkrebsen - und die der romantischen Buchten.

Gerald Nowak

Von Linus Geschke


Eine wilde, zerklüftete, fast schon archaische Landschaft zieht an dem Zweimaster "Caferoglu 6" vorüber: die Halbinsel Datça südlich von Marmaris. Man kann sich gut vorstellen, wie hier sarazenische Heere landeten, byzantinische Gelehrte die Küsten erkundeten oder osmanische Bäuerinnen Salbei und Oregano pflügten. Die schroffen Hänge sind frei von jeglicher menschlicher Behausung: Jürgen Janning nennt sie sein "Outback".

Janning ist Westfale, ein hünenhafter Mann mit lächelnden Augen, der sein Herz an die Hänge der Halbinsel verloren hat. Mit seiner Firma J-Dive organisiert er die einzigen regelmäßigen Tauchsafaris in der Türkei - und es scheint auf der Welt keinen Ort zu geben, an dem er lieber wäre: "Die Menschen hier sind ebenso erdverbunden wie herzlich, das Küstenpanorama raubt mir immer noch den Atem", sagt er. Seit seinem ersten Besuch lasse ihn die Gegend nicht mehr los.

Nach gut einer Stunde Fahrtzeit erreicht die "Caferoglu 6" den ersten Tauchspot. Janning erklärt anhand einer Karte, wo es unter Wasser lang geht, dann checken alle ihre Ausrüstung und springen von Bord. Als sich das Gewitter aus Luftblasen vom Eintauchen lichtet, zeigt sich das türkische Mittelmeer. Aufgeräumt sieht es aus, klare Gesteinsformationen, die Sichtweite ist schier atemberaubend. Und erschreckend leer ist es. Wo sind all die Fischschwärme, die man auf einer Tauchsafari zu sehen erhofft?

Der zweite Blick fällt genauer aus: Ein Einsiedlerkrebs bringt sich mit seiner Behausung in Sicherheit, Muränen lugen aus ihren Spalten hervor, und Jungfische suchen Schutz zwischen Steinblöcken, die mit ihren geraden Linien wie von Menschenhand erschaffen wirken. Das Leben in der Ägäis präsentiert sich dem Besucher nicht wie auf dem Silbertablett. Hier wird der Blick für die kleinen Schönheiten geschärft, die man an einer tropischen Riffwand achtlos links liegenlassen würde. Und für die Amphoren: Ob in kleinen rotbraunen Bruchstücken oder nahezu vollständig erhalten, das klassische Transportgefäß der Antike ist an nahezu jedem Tauchplatz zu finden.

Der Hektik den Stecker rausziehen

Nach dem Tauchgang sieht man das Funkeln der Sonne auf dem weiten Blau, lauscht dem Flüstern des Windes und dem leisen Schlag der Wellen an der hölzernen Bordwand. Die Berlinerin Dagmar Thümler ist mit ihrem Mann Ingo zum ersten Mal auf einer Tauchsafari dabei - und findet neben den entspannenden Tauchgängen vor allem das Ambiente an Bord des klassischen "Gulet", wie die Zweimaster in der Türkei heißen, unwiderstehlich: "Es ist, als würde man der alltäglichen Hektik den Stecker rausziehen."

Eine Tauchsafari hier ist eine Tauchsafari für Menschen, die eigentlich keine Tauchsafaris mögen: Weil ihnen da die Kultur fehlt, die Landschaft, all die Themen, die außerhalb der Welt des Tauchsports liegen.

Auch bei den großen Tauchreiseveranstaltern nimmt die "Caferoglu 6" eine Sonderposition ein. "Rund 30 Prozent aller Buchenden sind Nichttaucher", erklärt Andrea Jasper vom Spezialisten Sub Aqua. "Eine Quote, die wir bei anderen Tauchsafaris nicht mal annähernd erreichen." Dazu ist die Zahl der Wiederholungsgäste ungewöhnlich hoch, denn die Mischung aus Tauchen und Segeln ist weltweit nur selten zu finden.

Mit gut fünf Knoten gleitet das Schiff unter 350 Quadratmetern Segelfläche dem nächsten Ziel entgegen. Hur Mali heißt es, die Bucht der Sarazenen. Manche Männer werden zu begeisterten Kindern, wenn sie eine Modelleisenbahn sehen - bei Jürgen Janning tritt der Effekt ein, wenn er von seinem "Outback" erzählt: "Im siebten Jahrhundert kampierten die arabischen Heere der Sarazenen hier. Zur Verpflegung hatten sie auch Datteln dabei, deren Kerne sie auf den Boden spuckten. Daraus wuchsen dann die Dattelpalmen, die man in der türkischen Ägäis sonst nicht findet." Da ist sie wieder, die Kultur: Bei nur zwei Tauchgängen täglich bleibt genug Zeit für Landgänge und Besichtigungen übrig.

Mönchsfische, Barrakudas, Zweibindenbrassen

Doch irgendwann ruft Ahmet Durmaz, Jannings türkischer Partner vor Ort: "Ab in die Pelle!" Auf dem Programm steht der Abstieg bei "Atabol", einem der Küste vorgelagerten Tauchplatz, der sich aus großen Tiefen bis fünf Meter unter die Oberfläche erhebt. Das Gulet bleibt in der Bucht vor Anker, die Fahrt mit dem Schlauchboot dauert nur zehn Minuten, und Janning verspricht, dass dieser Spot "zu den besten der Tour" gehören würde.

Unter Wasser dauert es keine fünf Minuten, bis Ingo Thümler zustimmend zunickt: Was die Fischerei dem Mittelmeer an anderen Stellen geraubt hat, hier findet man es im Überfluss. Tausende Mönchsfische betupfen die Steilwand, Schwärme von silbrig glitzernden Zweibindenbrassen, denen zwei schwarze Streifen zu ihrem Namen verhalfen, ziehen darüber hinweg. Ihr Weg wiederum wird gekreuzt von unzähligen Schnappern, zwischen denen Makrelen- und Barrakudaschwärme hin und her schießen. Mit ihren lichtstarken Lampen leuchten die Taucher in jede Spalte, unter jeden Überhang: Hat sich da vielleicht ein Oktopus versteckt, wartet dort ein Bärenkrebs?

Nach einer knappen Stunde kann nur der zur Neige gehende Luftvorrat die Taucher wieder an die Oberfläche zwingen. An Bord der "Caferoglu 6" sind sich alle einig: Jede gute Tour braucht ihr Highlight, mit Atabol haben sie es gefunden. Und als sich alle umgezogen haben und bei Kaffee, Tee und Keksen zusammensitzen, beschließt Jürgen Janning, seinen ursprünglichen Plan umzuschmeißen und der Begeisterung nachzugeben: "Kein Problem - dann bleiben wir heute in der Bucht und betauchen Atabol am Nachmittag eben nochmals!"

Wunschbaum mit weißen Tüchern

Das nächste Mal macht der Segler an einem Platz fest, den Ahmet Durmaz Kameriye Asasi nennt. Auf einem kleinen Plateau steht ein noch kleineres Kloster aus byzantinischer Zeit - seit langem verlassen und dem Verfall preisgegeben. Der Vorplatz ist mit einem gut erhaltenen Mosaik versehen, in dessen Mitte sich ein uralter knorriger Olivenbaum erhebt. Janning erzählt: "An dem Baum befestigen die Einheimischen weiße Tücher. Sie glauben, dass so ihre Wünsche in Erfüllung gingen."

Im Inneren der Kapelle findet sich ein Jesusbild, teilweise zerstört, dessen verbliebene Farben jedoch immer noch leuchten. Dagmar Thümler steht an einem Fenster, schaut hinaus, sieht das Gulet auf dem Blau vor Anker liegen. Sie sieht die zerklüfteten Berghänge, denkt an Tauchgänge durch die Vergangenheit, an Amphoren und antike Steinanker. Ihr prägendster Eindruck der vergangenen Woche? "Die große Freiheit an Bord, ganz ohne Stress und Hektik."

Ein letztes Mal noch heißt es "Ab in die Pelle!", schweben die Taucher durch das fast transparent erscheinende Mittelmeer. Es ist fast wie bei einer "Goodbye-Tour", ein Verabschieden von Bärenkrebs und Fadenschnecke, bevor die Ausrüstung gewaschen und für die Heimreise gepackt wird. Mantas und Hammerhaie? Scheint an Bord der "Caferoglu 6" kein Mensch vermisst zu haben.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Ursprung 22.05.2010
1. Guelet: segeln?
Die Guelets sind einen Art Kuestenmotorschiffe in der Gegend. Mit Segeln ist da nicht viel. Das ist nur fuer die Optik. Sie sind oft sehr gepflegt, huebsch zurechtgemacht und an Bord zu sein ist sehr erholsam, was im Artikel auch durchkommt. Mitnehmen darf man von den Amphoren kein Stueckchen: damit kann am am Flughafen haengen bleiben und Turkeis fuer uns ungwohnte Justiz unliebsam kennenlernen. Alles in allem treffend geschildert, auch die Gestade. Nur das mit dem Segeln ist etwas irrefuehrend: sorry, darunter versteht man etwas anderes und meint ueblicherweise bestimmt keine Guelets.
sirkus 27.05.2010
2. Tauchen und Segeln in Indonesien
In Indonesien befinden sich viele der schönsten Tauchreviere der Welt. Und bis heute werden dort im traditionellem Stil Segelschiffe gebaut, unter anderem die sogenannten Phinisi Schoner der Bugis auf Sulawesi. Etliche dieser Segler werden heute für Kreuzfahrten und Tauchkreuzfahrten als Liveaboards benutzt. Das Angebot reicht von einfach-rustikal bis zur Luxusyacht mit allem erdenklichen Komofort. So eine tropische Tauchkreuzfahrt ist ein unvergessliches Erlebnis. Kontakte vermittelt zum Beispiel der Verband traditioneller Segler, die "Traditional Fleet of Indonesia" unter http://SonglineCruises.com.
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