Kreuzfahrt im russischen Eisbrecher Kurs 90°N

Generationen von Abenteurern haben ihr Leben riskiert, um einmal am Nordpol zu stehen. Die Kreuzfahrtgäste des größten Atomeisbrechers der Welt haben es bequemer. Im Sommer können sie in wenigen Tagen "90°N" erreichen.

TMN / Ulf Mauder

Feurig glänzt das Rot des Eisbrechers "50 Let Pobedy" im Sonnenlicht des Hafens von Murmansk. Das farbige Schiff bildet einen scharfen Kontrast zum sonst eher farblosen hohen Norden Russlands.

Hier, in der größten Stadt nördlich des Polarkreises, hat die russische Atomflotte (Rosatomflot) ihren Hafen. Der Hochsicherheitsbereich mit Stacheldraht öffnet sich selten für Fremde. Zur wärmeren Jahreszeit aber können sich Touristen hier einen besonderen Traum erfüllen: eine Reise zum Nordpol - mit dem größten nuklear betriebenen Eisbrecher der Welt.

Für einige Monate im Jahr räumt die Crew für die zahlenden Gäste aus aller Welt ihre Kajüten mit Meerblick im Oberdeck. Die Besatzung rückt dann in Kabinen im Schiffsrumpf zusammen. Die Arktisexpeditionen bringen Geld - um russische Gastfreundlichkeit geht es eher nicht.

"Im Sommer sind die Schifffahrtswege frei, unsere Dienste werden nicht gebraucht. Trotzdem müssen wir das Schiff unterhalten und die Besatzung beschäftigen und bezahlen", sagt Kapitän Dmitrij Lobusow. Für vier Millionen Rubel (rund 52.000 Euro) am Tag können Expeditionsanbieter die "50 Let Pobedy" (50 Jahre Sieg) für Kreuzfahrten mieten, der Tourist aus Deutschland zahlt 26.995 Euro für die Seereise.

102 Gäste aus 21 Nationen hat Lobusow diesmal an Bord. Rund um die Uhr lässt er für sie die Brücke geöffnet. Sie genießen den Rundumblick, inspizieren die Navigationssysteme und Elektronik. Anke Wodarg aus dem nordrhein-westfälischen Langenfeld ist Dauergast hier. Stundenlang schaut sie jeden Tag in die Weite des arktischen Ozeans.

Rumpelnd durchs Eis

Die "Pobedy" rauscht durch die Barentssee. Nur noch die Konturen der Inseln von Franz-Josef-Land sind im Nebel zu sehen. Erst treiben kleine Eisschollen auf der See, dann größere. Bis es tatsächlich Eis zum Brechen gibt, dauert es Tage. Rund 600 Kilometer vor dem Nordpol beginnt die Meereisdecke auf dieser Fahrt. 90 Grad Nord ist das Ziel der Sehnsucht: "Das Dach der Erde", der Punkt, von dem aus alle Wege nach Süden führen.

"Dieses Krachen zu spüren, den Widerstand des Eises, die mächtige Kraft des Schiffes - das ist herrlich", sagt die 48-jährige Wodarg. Als es beim Essen kräftig rumpelt, arbeitet sich die "Pobedy" durch meterdickes Eis. Manche fühlen sich an Turbulenzen im Flugzeug erinnert. "Der Unterschied ist, dass ich hier viel gelassener bin. Das Schiff gibt einem viel Sicherheit", sagt Wodarg.

Die ersten Gäste sind schon am Eindämmern in den einfachen Kajüten mit Einzelbett und Schlafcouch, als die Stimme von Expeditionsleiter Jan Bryde durch die Lautsprecher dringt. "Ein Walross auf einer Scholle. Ein Walross", ruft er leise. Wenig später sind Australier, Malaysier, US-Amerikaner, Deutsche, Franzosen und Russen an Deck. Als ob es posieren will für die Kameras, räkelt sich das Tier auf einer treibenden Scholle.

In den Sommermonaten geht die Sonne in der Polarregion nicht unter. Bryde meldet wenig später ganze Gruppen schwimmender und auf dem Eis lungernder Tiere. Und dann: "Ein Eisbär auf einem Eisberg, meine Damen und Herren! Eisberg mit Eisbär. Eisbääärg", tönt Brydes Stimme über die Sprechanlage. Die Gäste zücken riesige Teleobjektive, die Russen ihre Satellitentelefone, sie geben den Sichtungserfolg an Freunde im fernen Moskau durch.

Neugierige Eisbärin: Das Tier nähert sich dem Eisbrecher
TMN/Ulf Mauder

Neugierige Eisbärin: Das Tier nähert sich dem Eisbrecher

Ganz nah kommen sich Schiff und Bär diesmal. Kaum spürbar nähert sich der schwimmende Koloss dem viel kleineren Eisberg. "Ein Weibchen, etwa vier Jahr alt", sagt die Meeresbiologin Annette Bombosch vom Expeditionsteam. Das gut zwei Meter große Tier hat die Ruhe weg, wandert den Berg hinab, legt sich hin, gähnt, rappelt sich wieder auf und steigt dann die steile Wand hinab ans Wasser.

Mit einem Sprung auf eine Scholle nimmt die Eisbärin nun selbst Kurs auf das Schiff, inspiziert es und kehrt dann wieder ab. "Ein wirklich besonderer Moment", sagt Bombosch, die viele Monate im Jahr ihr Zuhause in Waldsassen in der Oberpfalz gegen das Leben in Polarregionen eintauscht.

Richtung Nordpol wird die Eisfläche immer dichter. Mit durchschnittlich 11,5 Knoten - rund 21 km/h - bahnt sich die "Pobedy" in Fahrradgeschwindigkeit ihren Weg zum Ziel. Im Schiffssalon und in der Bibliothek vertreiben sich die Gäste die Stunden und Tage bei Vorträgen von Forschern und Naturschützern, die über die arktische Vogelwelt, den Klimawandel und die Eisschmelze reden.

"Wir sind auf der Suche nach Orten mit einer besonderen Atmosphäre", sagt der tschechische Unternehmer Frantisek Patera, der mit seinem achtjährigen Sohn Tomas und seiner Frau Irena hier ist. Unter den überwiegend jungen russischen Gästen sind Sänger, Comedy-Stars und Schauspieler sowie der frühere Judo-Olympiasportler Dmitrij Nossov. Selbstbewusst greift er an einem Abend zum Mikrofon, um Russlands Größe und Schönheit zu preisen. Nationalstolz hat hier Konjunktur.

Eigentlich sollte dies die letzte Reise der "Pobedy" mit Touristen sein, weil die Regierung andere Pläne mit dem Eisbrecher hatte. Russland will in der Arktis in Zukunft Öl und Gas fördern und den Containerverkehr über die Nordostpassage verstärken. Dabei setzt das Land vor allem auf seine weltweit einmalige Eisbrecherflotte. Doch wegen der schweren Wirtschaftskrise liegen die Pläne auf Eis, die Reisen für Touristen gehen weiter.

Das Ziel ist erreicht: "90°N"

Fünf Tage nach dem Start in Murmansk kündigt Expeditionschef Bryde für den nächsten Morgen die Ankunft am Nordpol an. Es ist ein Sonntag. Als die "Pobedy" ihren Anker herunterlässt, scheint die Sonne: "Miami-Beach! Sonne. Windstill. Ein Traum", sagt Kapitän Lobusow.

Jan Bryde weckt die Gäste mit Opernmusik, diesmal mit der Arie Nessun Dorma aus "Turandot". Sein Team schenkt wenig später Sekt an Deck ein - eine Stimmung wie Silvester, nur ohne Feuerwerk. Musik verstärkt die Gefühle. "We Are the Champions" erklingt. Der magische Punkt, die nördliche Spitze der Rotationsachse der Erde, ist erreicht.

Die Gäste erleben eine sorgfältig inszenierte Abfolge von Ritualen. Die Crew lässt die Schiffstreppe auf das Eis, die Passagiere bilden einen Kreis um das eigens aufgestellte rote Nordpolschild mit der Aufschrift "90°N". Es gibt eine Schweigeminute für den Frieden auf dem Planeten, eine Rede vom Kapitän - und dann das größte Abenteuer des Tages: den Sprung in den eisigen arktischen Ozean bei minus 0,6 Grad an der Luft. Etwa 40 Passagiere trauen sich das. Weniger als die Hälfte.

1260 Seemeilen oder 2333 Kilometer hat der Eisbrecher von Murmansk zurückgelegt. Einige weinen vor Glück. Es gibt Wodka, Punsch, ein Grillfest am Schiffsrumpf - und etwas Zeit zum Laufen auf dem Eis mit seinen blau schimmernden Schmelztümpeln an der Oberfläche. Manche füllen sich das trinkbare Wasser in Flaschen ab - als Mitbringsel. Unter dem Eis ist der Ozean 4255 Meter tief und salzig.

Ulf Mauder/dpa/abl

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