Mikrobrauereien in der Karibik Kuba macht ein Fass auf

Lieber fünf Prozent statt 40: Bier gewinnt auf Kuba an Beliebtheit. Gasthausbrauereien sind der neue staatlich verordnete Trend, wo sonst Rum getrunken wird. In Havanna hat eine moderne Mikrobrauerei eröffnet - trotzdem geht das Bier aus.

Von Martin Cyris

Martin Cyris

Blond, braun oder schwarz. José Martinez hat die Wahl. Ohne zu zögern, greift er zum Glas mit dem schwarzen Inhalt. "Sonst bekomme ich Ärger mit meiner Frau", sagt er und grinst. Martinez' Frau stammt aus dem Oriente, dem Osten von Kuba, Hochburg der schwarzen afrokubanischen Kultur. Der Braumeister bleibt seiner Frau und seinem Lieblingsbier treu.

Ob blond, braun oder schwarz, auch auf Kuba ist Biertrinken eine Frage des Geschmacks. Und des Geldes. Denn anständiges kann sich nur kaufen, wer CUC, also den konvertiblen Peso, in der Tasche hat.

Etwa für frisches Bier im neuen Brauhaus von Havanna, der Cervecería Antiguo Almacén de la Madera y el Tabaco. Drei Jahre wurde das riesige, heruntergekommene Gebäude am Hafen restauriert und im Frühjahr als Cervecería eröffnet - als zweite Gasthausbrauerei in der kubanischen Hauptstadt.

Bier gilt bei Kubanern als schick

Drei CUC kostet ein kleines Glas Bier mit 0,3 Liter Inhalt, umgerechnet derzeit rund 2,25 Euro. Nicht wenig für den Durchschnittskubaner. Und doch sitzen in der neuen Cervecería am Hafen neben Touristen auch viele Einheimische, die sich das Nationalgetränk der Deutschen schmecken lassen. Viele verbinden einen Besuch der Kunstmarkthalle Almacenes San José von nebenan oder des prunkvollen Teatro Martí, das nach fast 30 Jahren Renovierung im Frühjahr wiedereröffnet hat, mit einem Abstecher in die Cervecería.

Entgegen gängiger Klischees bevorzugen bei weitem nicht alle Kubaner Rum. Er ist zwar das Nationalgetränk - aber Bier gilt als schick, als Zeichen eines gewissen Wohlstands. "Bier macht nicht so müde", erklärt ein Gast namens Luis, "und es ist an heißen Tagen viel erfrischender."

Der Renner im Brauhaus ist der sogenannte Turm, eine eisgekühlte Tischzapfanlage. Und ein Statussymbol für den kubanischen Biertrinker. Mit zwei Kumpels sitzt Luis um einen Drei-Liter-Kübel Export. Durstig kippen sie das braune Bier in der Mittagshitze hinunter. Deckenventilatoren sorgen für etwas Abkühlung. Vom Hafen weht unablässig die Meeresbrise durch die sperrangelweit offenen Lagerhallentore.

Die moderne Cervecería versprüht ein Flair zwischen Rockpalast und Kunstmuseum: Stahlträger, viel Glas, dunkel lackiertes Interieur. 400 Sitzplätze gibt es. Zwei offene Grillstationen machen auf Event-Gastro, Maiskolben und Hühnerkeulen brutzeln über der glühenden Holzkohle. Spezialität ist mit Bier mariniertes Schweinekotelett.

Man tut alles, um den Durst der Touristen zu stillen

Weitaus angenehmer sind die Temperaturen hinter der fast 40 Meter langen Theke, wo Kellner unablässig Bier zapfen. Dort, zwischen kühlen Stahltanks, steht José Martinez. Mit seinen Kollegen produziert der 56-jährige Braumeister bis zu 2000 Liter Bier pro Tag. Zuvor war Martinez Lebensmittelkontrolleur, spezialisiert auf Wasserqualität. Eine verwandte Branche: "90 Prozent des Biergeschmacks wird vom Wasser beeinflusst", sagt Martinez. Jetzt wird er in der Brauindustrie benötigt.

Das Tourismusministerium der sozialistischen Regierung spielte dabei eine entscheidende Rolle. Kubas Wirtschaft lebt vom Tourismus. Aus Kanada kommen die meisten Gäste, gefolgt von Deutschland und Großbritannien. Besucher aus diesen Ländern wollen gutes Bier, so die einfache Rechnung. Also tut man alles, um den Durst zu stillen. Kuba macht ein Fass auf.

In naher Zukunft sollen Brauhäuser in Varadero, Santiago de Cuba und Trinidad hinzukommen. In dieser Reihenfolge, so der Plan der Regierung. In Trinidad soll außerdem die Hotelkapazität stark erhöht werden. Die herrliche Altstadt mit ihren Prachtbauten aus der Kolonialzeit ist Unesco-Weltkulturerbe, steht aber im Schatten von Havanna. Immerhin hat Trinidad seit Neuestem ein Kuriosum: ein mit internationalen Marken bestücktes Bierhaus, die Casa de la Cerveza, untergebracht in einer Theaterruine.

Das Wasser der Insel muss sich in der Tat zum Bierbrauen eignen, denn kubanisches Bier gilt als durchaus passabel. Auch das in Flaschen und Dosen abgefüllte Bier der staatlichen Brauereien schmeckt den Touristen. Die Qualität dieser Kioskbiere hat einen Grund: Die größten Bierbrauanlagen wurden in den Achtzigerjahren mit Technik und Know-how aus der DDR installiert, dem ehemaligen sozialistischen Bruderstaat.

Krisenstimmung in Kuba

Allein die Brauerei Cervecería Bucanero produziert jährlich rund 1,5 Millionen Hektoliter Bier. Das ist mehr als 200-mal so viel, als jährlich auf dem Oktoberfest getrunken wird. Beachtlich für die Elf-Millionen-Einwohner-Insel. Wobei Touristen die Statistik sicherlich nach oben treiben, vor allem in den All-inclusive-Klubs von Varadero oder Cayo Coco.

"Kuba hat eine große Biertradition", sagt Rubén D. Maceo, "bei uns gibt es nicht nur Salsa, Zigarren und Rum." Maceo ist Braumeister in der allerersten Gasthausbrauerei Kubas, der Factoria Taberna de La Muralla, auch bekannt als Factoria Plaza Vieja. Weil sie am selbigen Platz liegt, einem der schönsten Orte in Havannas Altstadt. Dort wird schon seit 2003 Bier gebraut.

Derzeit herrscht auf Kuba aber Krisenstimmung. Weil in den vergangenen Monaten so viel Bier getrunken wurde, ist es jetzt Mangelware. Und das in einem der heißesten Sommer seit 1951. Kubanische Medien berichten, dass der Bierengpass auf verspätete Importe von Braugerste in den ersten Monaten des Jahres zurückzuführen ist. Die Brauereien können jetzt also weniger produzieren. Zusätzlich werden Hamsterkäufe von Bierliebhabern dafür verantwortlich gemacht.

Supermärkte, Tankstellen - kein Bier weit und breit! Stattdessen müssen Kubaner ihr Bier in kleinen Privatrestaurants kaufen. Doch hier zahlen sie 15 Prozent über dem Normalpreis. Nur die Rumproduzenten werden sich über den Bierengpass freuen. Denn Cuba Libre dürfte jetzt ein Revival erleben.

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insgesamt 11 Beiträge
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anderermeinung 20.08.2014
1. Hawaii
Weiß auch jemand, ob und wie inzwischen die Versorgung mit Bier auf Hawaii gewährleistet ist?
username987 20.08.2014
2.
diejenigen kubaner, die sich im real existierenden sozialismus unter palmen 0,3 l bier für 2,25 euro leisten können, sind garantiert keine durchschnittskubaner. dort am hafen tippe ich eher auf nutten, zuhälter, taschendiebe, touristen-schmarotzer etc. eine dose der durchaus geniessbaren devisenbiere cristal oder bucanero kostet übrigens fast überall 1 CUC, also 70 eurocent, egal ob hotelbar, supermarkt, tankstelle. falls es denn mal welches gibt.
rulamann 20.08.2014
3.
Scheint was Obergäriges zu sein, bei den Temperaturen wären die anderen Sorten eh zu viel Aufwand. Daß man sich nicht die Mühe macht zu filtrieren spricht für das Bier. Vom Faß würde ich dort aber nichts trinken.
Celegorm 20.08.2014
4.
Zitat von anderermeinungWeiß auch jemand, ob und wie inzwischen die Versorgung mit Bier auf Hawaii gewährleistet ist?
War das in der Neuzeit denn einmal nicht der Fall? Ansonsten: Natürlich, wie im Rest der USA ist die Bierkultur auch dort in einem Hoch mit etlichen lokalen Brauereien (und wohl auch genügend importiertem Bier). Zum Artikel: Wenn ein Braumeister ernsthaft denkt, 90% des Geschmacks eines Biers würde durch das Wasser definiert, würde mir das etwas sorgen machen hinsichtlich der servierten Qualität. Die Aussage könnte höchstens halbwegs zutreffen, wenn das Bier entweder furchtbar wässrig oder das üblicherweise benutzte Wasser von grauenhafter Qualität ist. Ansonsten sollte man dem guten "Braumeister" mal die Rolle von Hefe, Hopfen und Malz beim Brauen eines Biers erklären..
querollo 20.08.2014
5. Danke!
Zitat von anderermeinungWeiß auch jemand, ob und wie inzwischen die Versorgung mit Bier auf Hawaii gewährleistet ist?
Ganz herzlichen Dank für diesen Kommentar, der der Banalität dieses Artikels absolut angemessen ist. Dass es Kuba Bier produziert, ist weder neu noch eine Nachricht wert. http://de.wikipedia.org/wiki/Cervecería_Bucanero Und dass die Distribution einiger Waren immer mal wieder nicht so klasse funktioniert ebensowenig.
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