Kuba im Wandel "Wer einfach nur Strandurlaub machen möchte, könnte enttäuscht werden"

Auf seiner ersten Kubareise wurde der Fotograf Bruno Maul bestohlen. Das war das Beste, was ihm passieren konnte, sagt er heute. Seither kehrt er immer wieder auf die Insel zurück - und dokumentiert ihre Verwandlung.

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Als Bruno Maul vor rund 15 Jahren zum ersten Mal in Havanna aus dem Flugzeug stieg, schlug ihm stickige, heiße Luft ins Gesicht: Nicht etwa das tropische Klima der Karibikinsel, sondern die heruntergekommene Klimaanlage des Flughafens sorgte für die Hitzewallung. "Kuba sah genau so aus, wie man es sich vorstellt: ein Haufen alter Amischlitten, Palmen bis zum Horizont", sagt der Fotograf. Und heute? Ein ähnliches Bild - doch eines habe sich verändert: die Menschen.

2002 reiste Maul zum ersten Mal nach Kuba. Seither kehrt er immer wieder zurück und dokumentiert mit seinen Fotos den Wandel der Insel - vom sozialistischen Staat hin zum Einzug des Kapitalismus.

Seine erste Reise war ein Zufall: Maul und seine Frau Manuela hätten sich damals während ihrer Südamerikareise spontan entschlossen, mit ihrem Tandem einen Abstecher nach Kuba zu machen. "Wir kamen am Abend in Havanna an und sind dann vom Flughafen aus einfach losgeradelt", erzählt der 42-Jährige. "Rein ins Land. Schauen, was passiert."

Was passierte, war zuerst Pech, dann beinahe schon eine glückliche Fügung: Das Paar wurde bestohlen. "Meine gesamte Ausrüstung, die Spiegelreflexkamera, meine Klamotten, Reisepass, alles weg", sagt Maul. "Plötzlich stand ich ohne alles da." Neue Papiere beantragen oder einfach neue Klamotten kaufen sei auf der sozialistischen Insel eine echte Herausforderung gewesen.

"Wenn man der Beraubte ist, steht man nicht mehr als der reiche Tourist da"

"Wir waren total auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen", sagt Maul. Es sei Glück im Unglück gewesen, ein Türöffner quasi. Denn so hätten sie die Kubaner von Anfang als solidarisch, hilfsbereit, herzlich und intim kennen gelernt - "ihnen war das alles furchtbar peinlich, sie wollten nicht, dass wir ein schlechtes Bild von ihrem Land bekommen." Sie nahmen das Paar bei sich auf, wuschen ihre Kleidung, verpflegten sie.

"Wenn man der Beraubte ist, steht man nicht mehr als der reiche Tourist da", sagt Maul. Und das sei ein Vorteil, denn seit Einzug des Tourismus und damit auch des Kapitalismus habe sich viel verändert in dem sozialistischen Staat. "Touristen leben auf Kuba in einer Art Parallelwelt", sagt er. "Alles wird für sie bereitgestellt, das Geld wird ihnen teilweise aus der Tasche gezogen."

Ein Blick hinter die Kulissen sei nur möglich, wenn man ein wenig über seinen Schatten springe und versuche, die Kubaner zu verstehen. Das Spannende an Kuba seien nicht die Landschaft oder die schönen Strände - sondern die Menschen. "Wer sich auf sie einlässt, der wird unglaublich bereichert", sagt er. "Wer einfach nur Strandurlaub machen möchte, könnte enttäuscht werden."

Die Öffnung des Landes hat sich auch auf die Gesellschaft ausgewirkt. "In den vergangenen Jahren haben die Menschlichkeit und der Zusammenhalt gelitten", sagt Maul. "Früher war es zum Beispiel nicht nötig, sein Haus abzusperren. Heute ist das anders." Es gebe Neider. Kubaner besitzen nun Materielles, das geschützt werden muss, wie etwa Flachbildfernseher oder Laptops. Diebstähle unter Kubanern häuften sich, sagt er.

"Das Phänomen des Burn-outs ist noch weitgehend unbekannt", sagt Maul. "Doch jetzt arbeiten private Geschäfte zunehmend gewinnorientiert. Stress kommt rein, eine Leistungsgesellschaft bahnt sich an." Mit der Ruhe und Gemütlichkeit, die seit jeher den kubanischen Lebensstil ausgemacht hätten, sei es wohl bald vorbei.

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Kubanischer Lifestyle: Die Musik im Fokus

Viele Kubaner versuchen, einen Mittelweg zu finden - "sie wollen nicht missen, dass es jetzt mehr Waren gibt, aber trotzdem wollen sie die positiven Errungenschaften des Sozialismus aufrechterhalten", sagt Maul.

In 15 Jahren lernte Maul verschiedenste Facetten der kubanischen Gesellschaft kennen. Eine davon steht auf seinen Bildern immer wieder Fokus: Die kubanische Musik, die nicht nur Jugendkultur, sondern teilweise auch politischen Protest darstellt. "Wenn man auf Kuba durch die nicht touristischen Straßen läuft, erwartet man ja eigentlich diese typischen Rhythmen á la 'Buena Vista Social Club'", sagt Maul. "Doch eigentlich wird dort auch ganz andere Musik gespielt." Hip-Hop, Reggaeton, Punk oder Metal - "die Musikszene unterscheidet sich gar nicht so sehr von unserer", sagt Maul.

Allerdings hätten lokale Künstler immer wieder mit staatlicher Zensur zu kämpfen. "Die Bands müssen vorsichtig sein, Kritik am System ist streng verboten", sagt Maul. Viele Musiker säßen bereits unter einem Vorwand im Gefängnis.

Mit Musik auf Kuba Geld zu verdienen, sei laut Maul nach wie vor schwer. "Kubaner kaufen keine CDs", sagt er. Einige Bands könnten vom Tourismus leben. Seine Lieblingsband Guacachason etwa spiele in Restaurants oder auf Veranstaltungen. Maul will den fünf Musikern nun eine Tournee durch Europa ermöglichen. Mit eigenen Konzerten - damit ihre Musik nicht allein Unterhaltung für Touristen bleibt.

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Bruno Maul:
Cuba

Insel im Aufbruch

Knesebeck-Verlag; erhältlich ab 12. Oktober 2017; 224 Seiten; 34,95 Euro

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
raoul2 09.10.2017
1. Kuba befindet sich
in einem derartig rasanten Wandel, daß es dumm wäre, sich die Chance entgehen zu lassen, live fabei zu sein. Auf nach Kuba. Wir sind ALLE reif für die Insel.
napoleonwilson 09.10.2017
2. Cuba
Ich war im Jahr 2000 das erste mal auf Cuba. In Guardalavaca. Melia Rio de Oro. ( jetzt Paradisus). Definitiv einer der schönsten Strände der Welt. Die Anlage ein Traum. Nur Gäste mit Niveau. Jeep Safari , Dolphin Swimming, Doppeldecker Flug. Top
StefanXX 09.10.2017
3. Wer nichts hat kann nichts verlieren
Ich war auch in Kuba und eines vorweg: Es war mein bester Urlaub den ich ja hatte. Die Strände sind sagenhaft, die Landschaft sehenswert und die Bevölkerung liebenswert. Dem Artikel kann ich allerdings überhaupt nicht zustimmen. Es soll also besser sein in bitterer Armut zu leben (was viele Kubaner tun), als etwas zu haben, selbst wenn man es dann schützen muss? Sorry, auch wenn die Autorin vielleicht öfter in Kuba war als ich, aber so kann nur jemand reden der ab und zu mal dahinfliegt und ansonsten seinen Wohlstand im reichen Deutschland genießt.
touri 09.10.2017
4.
Zitat von StefanXXIch war auch in Kuba und eines vorweg: Es war mein bester Urlaub den ich ja hatte. Die Strände sind sagenhaft, die Landschaft sehenswert und die Bevölkerung liebenswert. Dem Artikel kann ich allerdings überhaupt nicht zustimmen. Es soll also besser sein in bitterer Armut zu leben (was viele Kubaner tun), als etwas zu haben, selbst wenn man es dann schützen muss? Sorry, auch wenn die Autorin vielleicht öfter in Kuba war als ich, aber so kann nur jemand reden der ab und zu mal dahinfliegt und ansonsten seinen Wohlstand im reichen Deutschland genießt.
Ich sehe nicht, dass der Autor eine Wertung vorgenommen hätte. Er hat lediglich beide Seiten der Medaille "Kapitalismus" aufgezeigt. Davon abgesehen hat Armut/Reichtum nicht unbedingt etwas mit Zufriedenheit zu tun, solange die Grundbedürfnisse (Essen, Dach über den Kopf) gedeckt sind. Z.B. Denken Sie jemand in leitender Funktion in einem Großkonzern, der sehr gut verdient aber min. 10 Stunden am Tag arbeitet, 6 Tage die Woche ist glücklicher als der durchschnittliche Kubaner?
StefanXX 09.10.2017
5.
Zitat von touriIch sehe nicht, dass der Autor eine Wertung vorgenommen hätte. Er hat lediglich beide Seiten der Medaille "Kapitalismus" aufgezeigt. Davon abgesehen hat Armut/Reichtum nicht unbedingt etwas mit Zufriedenheit zu tun, solange die Grundbedürfnisse (Essen, Dach über den Kopf) gedeckt sind. Z.B. Denken Sie jemand in leitender Funktion in einem Großkonzern, der sehr gut verdient aber min. 10 Stunden am Tag arbeitet, 6 Tage die Woche ist glücklicher als der durchschnittliche Kubaner?
Ja das denke ich schon. Ich weiß ja nicht ob Sie schon mal durch Havanna gegangen sind und die bitterarmen Kinder in Ihren zerfetzen Klamotten gesehen haben, die gezwungen sind/werden jeden Touristen anzubetteln. Das hat nicht so ausgesehen als hätten Sie Spaß dabei und eine erfüllte Kindheit.
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