Gibara auf Kuba Touristen, bitte kommen! Oder lieber nicht?

Lange war Gibara ein Geheimtipp: Nun will die kubanische Regierung die Kleinstadt zum Touristenmagnet machen. Die Bewohner blicken dem zu erwartenden Geldsegen mit gemischten Gefühlen entgegen.

Martin Cyris

Von Martin Cyris


"Hallo, willkommen!", ruft eine ältere Frau einer Kolonne von Fremden entgegen und klatscht freudig in die Hände. Die Neuankömmlinge, Touristen aus Amerika und Europa, sind gerade an der kleinen Hafenmole von Gibara einem Katamaran entstiegen. Einige tragen noch Badekleidung und halten sich an ihren Drinks fest, die sie mit von Bord genommen haben. In dieser Montur schlendern sie an frisch gestrichenen Häuserwänden und den Bewohnern von Gibara vorbei, einer Kleinstadt im Osten von Kuba.

Die beklatschte Besuchertruppe ist ein Vorgeschmack auf das, was die Menschen in Gibara in den kommenden Jahren erwartet: mehr Touristen und damit wohl auch mehr Einkünfte. Gibara soll Kubas neues Touristenziel werden.

So jedenfalls lautet der Plan der sozialistischen Regierung in Havanna, die viel dafür getan hat, dass die "weiße Stadt" mit ihren 3000 Einwohnern künftig als Fleck auf den Touristenlandkarten und in den Katalogen der Reiseveranstalter auftaucht: Hotels wurden renoviert, Häuserzeilen gestrichen, neue Lizenzen für Unterkünfte und Restaurants erteilt. Die Bewohner jedoch blicken dem von oben verordneten Einnahmeglück mit gemischten Gefühlen entgegen.

Die Bewohner stecken innerlich in der Klemme

"Touristen sind unsere Zukunft!", freut sich die alte Kubanerin von der Hafenmole."Wir werden unsere Stadt an die Touristen verlieren", klagt hingegen Yudeisy Rodriguez, eine Mittdreißigerin, die ihren echten Namen lieber nicht preisgeben möchte. Rodriguez sieht die Sache so: Zuerst kämen die Touristen, dann höhere Preise. Sie, als Kubanerin, müsse sich dann hinten anstellen, denn ausländische Besucher hätten Priorität.

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Kubas Osten: Gibara hübscht auf

Rodriguez steckt in einem Zwiespalt: Einerseits fürchtet sie den Verlust liebgewonnener gesellschaftlicher und kultureller Strukturen, andererseits will sie vom Tourismus profitieren. Sie hat eine Lizenz zum Vermieten einer Privatunterkunft, einer casa particular, beantragt. Am Strand von Guardalavacha, einer Touristenhochburg im Osten Kubas, besitzt sie einen Stand für selbst gefertigten Modeschmuck. Sie hat fleißig Englisch gepaukt und will als nächstes Deutsch lernen. "Wenn ich nicht mitmache, werde ich von der Entwicklung überrollt", sagt Rodriguez.

Vor allem in der Hochsaison laufen ihre Geschäfte gut, was Rodriguez konvertible Pesos (CUC) einbringt. Jene Zweitwährung, die den Zugang zu besseren Konsumgütern und Dienstleistungen wie etwa Internet ermöglicht - und hauptsächlich im Geschäft mit ausländischen Besuchern erwirtschaftet wird.

Mein Dorf, meine Leute

In der neu eröffneten Bar Suizo in der Calle Independencia, der Hauptstraße von Gibara, wird dagegen mit dem schwächeren peso nacional bezahlt. Das dünne Bier kommt aus dem Zapfhahn, es gibt labbrige Käsesandwiches. Als Tourist unter lauter Einheimischen fällt man auf. "Hier, für dich", sagt Alejandro und schiebt ein Bier herüber.

Ungefragt erzählt er seine Geschichte, wie er Anfang der Nullerjahre, zu Zeiten der schwersten Wirtschaftskrise Kubas, in einem kleinen Boot in die USA geflüchtet war, dort Geld verdiente und vor Kurzem wieder zurück nach Gibara ging. "Ich kenne beides, den Kapitalismus und den Sozialismus, und ich weiß wirklich nicht, welches System das bessere ist."

Seine größte Sorge im Hinblick auf die touristische Entwicklung seiner Heimatstadt: dass eine Zweiklassengesellschaft entsteht. "Die Menschen werden sich verändern", sagt er. Die Solidarität untereinander werde schwinden, sobald das Geschäft mit den Touristen anlaufe, Neid und Gier würden entstehen. Bislang sei Gibara eine freundliche Gemeinde mit warmherzigen Menschen. Er sagt lautmalerisch "mi pueblo", womit im Spanischen sowohl "mein Dorf" als auch "mein Volk, meine Leute" gemeint ist.

Dass ausgerechnet Gibara zum neuen Hotspot promotet werden soll, passt zum erklärten Ziel der kubanischen Regierung. Vor allem im Osten der Insel will sie den Tourismus ankurbeln. Dort liegen sehenswerte Städte wie Bayamo, Santiago de Cuba, die Kolumbus-Stadt Baracoa, Holguín - und eben auch Gibara. Das einiges von dem hat, was Touristen sehenswert finden: ein charmantes Stadtbild, ein gutes Dutzend schöner Kolonialgebäude, ein internationales Filmfestival und eine Zigarrenfabrik. Zwar ist der nächstgelegene Sandstrand nur per Fähre zu erreichen, dennoch: Für einen kleinen Abstecher, etwa per Boot aus Guardalavacha, bietet Gibara genug.

"Das freundliche pueblo hat es verdient", bekräftigte Tourismusminister Manuel Marrero Cruz die Entscheidung, hier zu investieren. Seit zwei Jahren boomt der Tourismus auf Kuba. Und mancherorts ist die Insel mit der großen Nachfrage überfordert. Das Tourismusministerium will die Massen nun besser verteilen - etwa nach Gibara.

Vorrevolutionärer Reichtum

Hier, in der Nähe des aufgemöbelten Hafens, befindet sich das örtliche Krankenhaus. Es liegt unweit der Kaimauer. Unter ihr liegen Betontrümmer im Meer - die noch immer sichtbaren Spuren der schweren Hurrikansaison von 2008. Hurrikan "Irma" im vergangenen Oktober war in Gibara dagegen weniger verheerend. Zwar lief das Erdgeschoss des Krankenhauses mit Wasser voll, inzwischen können dort aber wieder Patienten untergebracht werden.

Schlimmer als Stürme empfinden Ärzte und Krankenschwestern die mangelhafte Ausstattung. "Wir haben manchmal kein Papier mehr, um unsere Berichte zu schreiben", moniert eine Krankenschwester - und bittet im selben Atemzug um einen Kugelschreiber.

An Basics mangelt es im vornehmen Hotel Ordoño hingegen nicht. Das prächtige Kolonialgebäude gehörte einst einem reichen Geschäftsmann. Es diente als Lager für Holz, Obst und Gemüse, nach der Revolution als Tischlerei und Sporthalle. Im ersten Stock befanden sich die Privatgemächer des einstigen Besitzers. Sie werden jetzt an Touristen vermietet, ab 120 CUC - umgerechnet 100 Euro - das Doppelzimmer und unter der Flagge einer renommierten Hotelkette.

Stolz erhebt sich der Rezeptionist von seinem Stuhl, als man ihn um eine kleine Führung bittet. José Hernández Silva öffnet die unbewohnten Zimmer, die einen Eindruck vom vorrevolutionären Reichtum auf Kuba geben.

Was er über die Tourismusindustrie denkt und das ewige Spiel von Bewahren und Verändern, Chance und Risiko? "Ich sehe den Tourismus hier positiv", sagt Silva in fast akzentfreiem Deutsch. Er hat seine Chance ergriffen. Seine Deutschstunden dürften sich bezahlt machen - in Form von Trinkgeldern in CUC.

Martin Cyris ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise wurde unterstützt vom Kubanischen Fremdenverkehrsamt.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
keiler70 24.11.2017
1. zum Touristenmagnet machen?
Hab ich bei der Rechtschreibreform schon wieder was nicht mitbekommen? Oder heißt es hoffentlich immer noch "zum Magneten machen"? In einem anderen Artikel auf SPON zeigt einer "auf den Elefant"..Leute, das ist Euer Handwerkszeug!!!!
Lagrange 24.11.2017
2.
Also ich kan Kuba als Reiseöand nur sehr bedingt empfehlen - man fühlt sich schon krass ausgenommen von der Regierung (Auzo, Benzin, Unterkunft, ...) und wir haben in dem Land häufig auch nicht Wilkommen gefühlt - echt schade!
muellerthomas 24.11.2017
3.
Zitat von LagrangeAlso ich kan Kuba als Reiseöand nur sehr bedingt empfehlen - man fühlt sich schon krass ausgenommen von der Regierung (Auzo, Benzin, Unterkunft, ...) und wir haben in dem Land häufig auch nicht Wilkommen gefühlt - echt schade!
Das kann ich so nicht bestätigen. Die Menschen fanden wir ausgesprochen freundlich und die Unterkünfte (Casa particulares) auch nicht teuer. Es ist eher die Frage, für welche Urlauber Kuba gut geeignet ist. Wer Strandurlaub sucht und die die Karibik will, ist vermutlich in der Dom Rep besser aufgehoben. Wer spektakuläre Sehenswürdigkeiten in Mittelamerika sucht, ist besser in Mexiko aufgehoben. Wer aber morbiden Charme mag und an den Komfort nicht die höchsten Ansprüche stellt, soltle Kuba noch erleben, bevor es so ist, wie die anderen Karibikinseln.
breizh44 24.11.2017
4. So ist es
Zitat von muellerthomasDas kann ich so nicht bestätigen. Die Menschen fanden wir ausgesprochen freundlich und die Unterkünfte (Casa particulares) auch nicht teuer. Es ist eher die Frage, für welche Urlauber Kuba gut geeignet ist. Wer Strandurlaub sucht und die die Karibik will, ist vermutlich in der Dom Rep besser aufgehoben. Wer spektakuläre Sehenswürdigkeiten in Mittelamerika sucht, ist besser in Mexiko aufgehoben. Wer aber morbiden Charme mag und an den Komfort nicht die höchsten Ansprüche stellt, soltle Kuba noch erleben, bevor es so ist, wie die anderen Karibikinseln.
Ich komme gerade aus Kuba zurück und ich werde sicher nicht das letzte Mal dort gewesen sein. Wir sind im Leihwagen quer durchs Land gefahren, von Vignales bis Baracoa, und haben ausschließlich bei Privatleuten gewohnt, was mit Airbnb sehr gut funktioniert. Wir haben uns immer willkommen gefühlt und viele warmherzige Menschen kennengelernt. Das liegt aber vielleicht auch daran, daß wir uns bemüht haben, mit unseren rudimentären Spanischkenntnissen auf die Menschen zuzugehen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Kuba ist trotz zunehmendem Tourismus immer noch recht ursprünglich geblieben, vor Allem außerhalb der größeren Städte.
pom_muc 24.11.2017
5.
Zitat von muellerthomasDas kann ich so nicht bestätigen. Die Menschen fanden wir ausgesprochen freundlich und die Unterkünfte (Casa particulares) auch nicht teuer. Es ist eher die Frage, für welche Urlauber Kuba gut geeignet ist. Wer Strandurlaub sucht und die die Karibik will, ist vermutlich in der Dom Rep besser aufgehoben. Wer spektakuläre Sehenswürdigkeiten in Mittelamerika sucht, ist besser in Mexiko aufgehoben. Wer aber morbiden Charme mag und an den Komfort nicht die höchsten Ansprüche stellt, soltle Kuba noch erleben, bevor es so ist, wie die anderen Karibikinseln.
Tatsächlich lohnt es sich auf Kuba zu sehen wohin staatliche Planwirtschaft führt und was es mit den Menschen macht. Zum Beispiel der beschriebene Zusammenhalt der typisch ist für Menschen die mit permanenter Mangelversorgung konfrontiert sind in der man nur über gut ausgebaute Netzwerke an die begehrten Güter kommt. Man sieht auf Kuba auch noch Servive-Personal wie früher die berüchtigten DDR-Cafe-Bedienungen. Leute die nicht verstanden haben dass ihre Verhalten in Form von Trinkgeld belohnt wird. Besonders krass fällt das auf wenn man auf frisch eingestelltes Personal trifft das den Kunden z.B. an der Pool-Bar nicht bedient weil man ein Flirt-Schwätzchen mit der Touristin für wichtiger erachtet. Oder die Getränke-Bestände nicht auffüllt weil der Kunde mit dem zufrieden sein soll was noch da ist. Typisch sozialistische Einstellung. Das erfahrene Personal hat dann schon Freundlichkeit und Aufmerksamkeit als Bestandteil der Dienstleistung verinnerlicht und verstanden dass westliche Touristen nicht ein über den Tag immer weiter reduziertes Angebot akzeptieren nur weil ein Angestellter zu faul ist ein paar Kisten aus dem Keller zu holen und den Bestand zeitnah aufzufüllen.
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