Nahaufnahmen in Kubas Nahverkehr "Jedes Taxi klingt anders, riecht anders"

Kaum ein Kuba-Urlauber, der nicht mit einer Oldtimer-Aufnahme aus Havanna heimkehrt. Der Berliner Jo Fischer jedoch fotografierte Taxis aus einer ganz anderen Perspektive.

Jo Fischer

Ein Interview von


Zur Person
  • Jo Fischer
    Der Fotograf Jo Fischer lebt in Berlin. Der gelernte Zimmermann tourte früher als Rockmusiker, brachte sich selbst das Fotografieren bei. Der 47-Jährige arbeitete für den SPIEGEL, Audi und Leica Fotografie International.

SPIEGEL ONLINE: Oldtimer sind wohl Kubas beliebteste Fotomotive. Sie haben jedoch das Innere eines Taxis fotografiert und den Blick aus den Wagen hinaus. Wie entstand die Idee zu dieser Bilderserie?

Fischer: Eigentlich war ich für ein Fotoprojekt zu Transsexuellen in Havanna. Dann bin ich aber einmal vom Strand zurück zu meinem Zimmer mit dem Taxi gefahren. Das Auto hatte ein selbstgebautes Interieur aus Holz - das war so schräg, das musste ich fotografieren. Dann habe ich die Reihe aus Spaß fortgesetzt, um diese ganz eigene Welt zu dokumentieren.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt "ganz eigene Welt"?

Fischer: Jedes Taxi klingt anders, riecht anders - jedes dieser Autos ist in Kuba ein eigener Kosmos. Außen sind die Oldtimer aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren ja noch meist original. Im Inneren sind sie viel interessanter: Alles wird irgendwie repariert. Dass die überhaupt noch fahren! Teilweise sind Armaturenbretter oder Sitze aus anderen Modellen eingebaut, Automatikgetriebe auf Schaltung umgebaut, alle Flächen mit Aufklebern westlicher Marken wie Harley-Davidson oder der US-Flagge beklebt.

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SPIEGEL ONLINE: Wie werden die Taxis genutzt?

Fischer: Viele Taxis in Havanna funktionieren wie Busse: Sie fahren auf festen Routen und kosten nur ein paar Pesos, das ist auch für Kubaner sehr wenig. Zum Teil sitzen bis zu acht Leute in einem Taxi - samt Kindern, Einkaufstüten und diesen Rehpinscher-artigen Hunden. Die Musik ist laut, es wird viel geredet. Die Fahrer sind extrem freundlich und gut gelaunt. Wenn man die mit Berlin vergleicht, wo ich herkomme ... dazwischen liegen Welten!

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie fotografiert?

Fischer: Zum einen halte ich Fragmente manchmal für spannender als den ganzen Raum. Zum anderen habe ich alle Fotos bei Tageslicht geblitzt, damit sie extrem kontrastreich werden. Im Taxi ist es dunkler als außen, ich wollte alles aufhellen. Auch habe ich die Blende aufgezogen, so dass möglichst alle Ebenen scharf sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind zum ersten Mal nach Kuba gereist. Ging es denn immer so freundlich zu?

Fischer: Nein. Bei der Einreise wurde ich festgehalten, weil ich auf meinem Passbild noch einen Vollbart trug und schwer zu erkennen war. Ich wurde für einen US-Agenten gehalten und sollte ohne Pass sofort zurückfliegen. Nach einer halben Stunde hatte sich das aber aufgelöst, weil ich auf die Frage, ob ich Fußball mag, antwortete: "Na klar, Bayern München!" Auch hatte ich Autogrammheftchen von Fußballspielern dabei. Einem Kontrolleur habe ich ein Bild geschenkt - das war wohl meine Rettung.

SPIEGEL ONLINE: Kuba wandelt sich seit der vorsichtigen Öffnung. Was haben Sie beobachten?

Fischer: Die Jüngeren wollen den Wandel und Teil der Konsumwelt werden. Gleichzeitig möchten sie das Kuba-Feeling nicht verlieren und sind stolz darauf, Kubaner zu sein. Sie sind vernarrt in Marken wie Nike und Adidas und nehmen durchaus an der neuen Welt teil: Auf öffentlichen Plätzen gibt es WLAN, man braucht dafür Tickets, die man für drei Dollar kaufen kann. Zu bestimmten Zeiten sind diese Plätze wahnsinnig voll, 200 Leute surfen gleichzeitig im Internet, und das Netz ist überlastet.

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