Öffnung in Kuba Touristen mit Torschlusspanik

Schnell hin, bevor die Amis kommen: Manche Urlauber aus Europa haben es derzeit sehr eilig, nach Kuba zu reisen, weil sie baldige Veränderungen befürchten. Viele Kubaner dagegen fiebern dem Wandel entgegen.

Von Martin Cyris

REUTERS

"Was für ein Schmelztiegel, diese Lichter beflügeln dich, kein Platz auf dieser Welt, den man mit diesem vergleichen kann…" Havanna scheint einen neuen Hit zu haben. Wer sich derzeit durch die Altstadtgassen von Kubas Hauptstadt treiben lässt, hört immer wieder diesen einen Song. Er dringt aus Restaurants und Bars, wo es sich Touristen gut gehen lassen, vornehmlich aus Kanada und Europa. Bei ihnen boomt der kubanische Dreiklang aus Salsa, Cohiba und Mojito wie nie zuvor.

Nicht erst seit dem Handschlag zwischen US-Präsident Barack Obama und Kubas Staatschef Raúl Castro im April 2015 befindet sich der Tourismussektor in Kuba in Aufbruchsstimmung. Die Einreiseerleichterung für US-Bürger sorgte im ersten Quartal nicht nur für einen behutsamen Anstieg von Touristen aus den Vereinigten Staaten, sondern vor allem aus Europa. Aus Deutschland reisten 23,3 Prozent mehr Gäste an, aus England sogar über 30 Prozent.

Der Karibikstaat knackte schon im März die Eine-Million-Marke an ausländischen Besuchern. In den vergangenen Jahren wurde diese Zahl jeweils erst im Mai erreicht. Eine erstaunliche Entwicklung. Stolz verkündete Manuel Marrero Cruz, der Tourismusminister von Kuba, Anfang Mai auf der Tourismusmesse "FitCuba" die Erfolgszahlen - und stellte eine Reihe von neuen Projekten vor: Hotels der gehobenen Kategorie, Golfplätze, Jachthäfen. Zudem sollen die Terminals der internationalen Flughäfen Kubas in den kommenden Jahren modernisiert werden. Das Land rüstet sich für einen weiteren Ansturm. "Sicherheit und Gastfreundschaft sind unsere Stärken", betonte Cruz. Was freilich nur die halbe Wahrheit für den Boom ist.

Erstmals US-Veranstalter auf der Reisemesse

Seit zwischen Kuba und den USA politisches Tauwetter herrscht, schielen Kubas Touristiker auf den US-Markt. "Wir wünschen uns mehr Gäste aus den Vereinigten Staaten", sagte Cruz. Zum allerersten Mal in der Geschichte waren auf der "FitCuba" auch Reiseveranstalter aus dem einstmals verfeindeten Land vertreten.

Kubas Wirtschaft hat Devisen bitter nötig. "Ein besseres Verhältnis zu den USA wäre die Lösung all unserer Probleme", ist Raúl überzeugt, ein Taxifahrer in Havanna. Mit seinem auf Hochglanz polierten Oldtimer amerikanischer Bauart bietet er Altstadtrundfahrten an. Für 30 CUC die Stunde, derzeit fast 30 Euro. "Ich hoffe auf mehr amerikanische Touristen", sagt Raúl. Trotz erleichterter Einreisebedingungen sind US-Bürgern Reisen nach Kuba zum puren Vergnügen offiziell noch immer nicht möglich.

Manche finden dennoch ein Schlupfloch. Etwa Sheryl und Kim (Namen geändert). Die beiden Touristinnen von der US-Westküste flanieren durch die Calle Obispo, sie wollen ins Floridita. Die Bar kennt fast jeder US-Tourist. Weil Ernest Hemingway dort jahrelang seinen Daiquiri zu trinken pflegte und die Bar in einem Zitat verewigte. Der Schriftsteller lebte lange auf Kuba.

Wie sie auf die Karibikinsel gelangten, verraten Sheryl und Kim nicht. Auch wollen sie sich nur von hinten fotografieren lassen. "Es wäre schön, wenn wir dieses Versteckspiel in Zukunft nicht mehr nötig hätten", sagt Sheryl. "Wir lieben Kuba, es ist so aufregend."

Die Hemingway-Bar ist ein Muss

Die besten Chancen, in Havanna auf US-Touristen zu stoßen, bestehen im Floridita. "Ein Besuch bei uns ist für Amerikaner ein Muss", sagt einer der Bartender. Er füllt im Akkord eiskalte Drinks in Gläser, vor allem Daiquiri. Die Bar ist schon jetzt zu jeder Tages- und Nachtzeit gut gefüllt. Trotzdem fiebert er vermehrtem Andrang aus den USA entgegen: "Weil Amerikaner gutes Trinkgeld geben."

Weniger berühmte Bars und Restaurants müssen um die Gunst der Gäste kämpfen. Seit die sozialistische Regierung Kubas vor wenigen Jahren das Betreiben von privat geführten Restaurants, den paladares, erleichtert hat, schossen Gastronomiebetriebe geradezu aus dem Boden. "Bei uns ist jeder willkommen, egal ob Amerikaner, Deutscher oder Chinese", sagt Luis Alberto Gamez vom Paladar Los Mercaderes, untergebracht in einem stolzen Gebäude aus Kolonialzeiten.

Vor zwei Jahren hat Gamez mit seinem Cousin und dessen Frau den Betrieb eröffnet. Man fühlt sich in eine edle spanische Bodega versetzt. Die Renovierung der einstmals maroden Gemäuer hat drei Jahre gedauert - und viel Geld verschlungen. Höherer Umsatz mithilfe von US-Gästen käme den Betreibern deshalb gerade recht.

Angst um das "alte" Kuba

In der Nachbarschaft des Paladars hingegen sind noch immer viele Gebäude dem Verfall preisgegeben. Der morbide Charme Havannas ist legendär und für viele Touristen ein Hauptgrund für eine Kubareise. Böse Zungen behaupten: jetzt erst recht - bevor die Amerikaner in Scharen einfallen. Wer sich unter europäischen Touristen umhört, vernimmt eine allgegenwärtige Angst vor einem amerikanischen Kulturimperialismus in Kuba. Motto: das "alte" Kuba sehen, bevor die Amerikaner wieder Einzug halten. Oder: Erbarmen, zu spät, die Amis kommen.

Diese Bedenken sind einer der Gründe, warum die Zahl der Ankünfte aus Europa derzeit sprunghaft anwächst. Deutsche Fluggesellschaften beackern nun verstärkt den kubanischen Markt. Condor etwa stockt die Flugverbindungen von Deutschland nach Kuba ab November von derzeit 12 Flügen pro Woche auf 14 auf. "Kuba steht momentan stark im Fokus unserer Kunden", sagt Carsten Sasse, Verkaufsleiter bei Condor, "unsere Maschinen sind voll." Hauptgrund seien offenbar die jüngsten Nachrichten über die Annäherung von Kuba mit den USA.

"Unter Europäern herrscht momentan fast so etwas wie Torschlusspanik", sagt Matthias Apel, der auf Kuba deutsche Firmen vertritt, unter anderem im Tourismussektor. Es herrsche das Gefühl: "schnell noch hin, bevor die Amis kommen". In Havanna sei es momentan schwer, an ein vernünftiges Hotelzimmer zu kommen.

In einer Rumbar in der Calle Obispo läuft wieder einmal der bekannte Song: "Was für ein Schmelztiegel, diese Lichter beflügeln dich, kein Platz auf dieser Welt, den man mit diesem vergleichen kann…" Es handelt sich um "New York" von US-Soulqueen Alicia Keys. Nach ein paar Takten dreht ihn der Barmann ab. Weil sich eine Salsaband in Stellung gebracht hat. Ein Musiker sitzt im Deutschlandtrikot vor den Bongos. Kuba-Salsa statt US-Soul, Deutschlandtrikot statt Stars and Stripes. Zumindest in diesem Moment haben die USA das Nachsehen.

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Kuba: Adiós Che, hello USA

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insgesamt 59 Beiträge
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hcl_08 21.05.2015
1. Man muss nur in die Nachbarschaft schauen
Dom Rep etc - die Segnungen des US Raubtierkapitalismus werden Kuba in eins dieser "Paradiese" verwandeln, in denen man die hoch umzäunte Hotelanlage nicht verlassen kann, ohne ausgeraubt zu werden.
Shantam 21.05.2015
2. Die Armen Wissen leider nicht
das ihnen Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsmüll droht. Plastikmüll und westliche groß Konzerne, die dieses noch schöne Land, verwüssten werden. Ganz nach Westlichem Standards. Diese Unschuldigen Menschen haben noch keine Ahnung wie skrupellos sie Ausgeplündert werden.
klirrtext 21.05.2015
3. lecker Burger in Havana
leider bin ich jung und brauche das Geld ;-) bis ich davon genug angesammelt, habe um meine Traumziele Kuba und Iran anzusteuern, werden diese wohl vollständig verramscht worden sein. Ein Hoch auf die Monokultur
pfzt 21.05.2015
4.
Die Amerikaner bringen halt Starbucks und McDonalds, die weltweite Mittelschichts-Touristenmeute wird es freuen. Gott bewahre man müsse ins Cafe um die Ecke oder gar etwas vom Straßenstand essen. Wobei letzteres in großen Teilen Südamerikas wirklich eine schlechte Idee ist aber wenigstens wird man in Kuba medizinisch gut versorgt ;)
jamesbrand 21.05.2015
5. als
erstes wird wohl das vorbildliche Gesundheitssystem zusammenbrechen wenn Cube wieder den Amis gehört.
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