Künstliches Korallenriff in Bali Gartenbau mit Taucherbrille

Ein kleines Bollwerk gegen das Korallensterben: Vor Bali wächst und gedeiht eines der größten künstlichen Riffe der Welt - inzwischen eine beliebte Unterwasserattraktion. Nur wenige Meter vom Strand entfernt steigen Taucher hinab in die Welt der Barrakudas, Feuerkorallen und Fledermausfische.

Von Linus Geschke

Wolfgang Pölzer

Morgens um sieben machen sich die Gärtner auf den Weg zur Arbeit. Statt eines Kittels tragen sie Neopren, statt Gummistiefel haben sie Flossen an den Füßen. Ihr Arbeitsplatz liegt nicht in einem satten, oberirdischen Grün, sondern an Metallgestellen, die fünf bis elf Meter tief unter der Wasseroberfläche liegen. Sie sind keine gewöhnlichen Gärtner; sie sind die "Reef Gardeners of Pemuteran" und hegen ein künstliches Riff.

Vom Ufer aus blickt ihnen der 38-jährige Ketut Mangku Giri hinterher. Ketut, der in dem kleinen nordbalinesischen Ort Pemuteran für eine Tauchschule arbeitet, weiß alles über das Riff, das der deutsche Architekt Wolf Hilbertz zusammen mit dem amerikanischen Meeresbiologen Thomas Goreau und seiner Global Coral Reef Alliance im Jahr 2000 initiiert hat - als künstlichen Wellenbrecher und als winzigen Gegenpol zum weltweit immer stärker werdenden Korallensterben. Das Geheimnis des zwei Hektar großen künstlichen Riffs, so sagt Ketut, liege im Strom begründet: Ohne den gebe es keinen Garten Eden, ohne Strom wäre es nur Metallschrott auf dem Meeresgrund.

Oft ist die Kombination aus Wasser und Strom etwas Tödliches, beispielsweise dann, wenn ein eingeschalteter Fön in eine volle Badewanne fällt. Hier jedoch erschafft sie Leben - eben Korallenleben an Stellen, wo normalerweise keine Korallen wachsen oder nur deutlich langsamer. "Durch die Metallgestelle wird schwacher Gleichstrom geleitet, der das Korallenwachstum fördert", erklärt Ketut. "Manche Experten sagen, dass sie durch den Stromzufluss bis zu fünfmal schneller wachsen. Andere reden nur von einer Verdoppelung der Geschwindigkeit." Sicher ist, dass es schneller geht als unter normalen Umständen. Ähnliche Projekte gibt es zwar weltweit, aber keines ist größer als dieses, bei dem die sogenannte Biorock-Technologie eingesetzt wird.

Recycling abgebrochener Riffstücke

Die Tisch-, Feuer- und Geweihkorallen gelangen nicht von allein an die künstlichen Konstruktionen, zumindest nicht alle. Die einheimischen Tauch-Gärtner sammeln abgebrochene Fragmente an natürlichen Riffen ein und befestigen diese dann an den unter Spannung stehenden Gebilden. Wie war das noch mit Wasser und Strom? "Keine Bange", sagt der Balinese lachend, "das sind nur rund zwölf Volt und maximal fünf Ampere: Für den Menschen ist das vollkommen ungefährlich."

Um sich den bekanntesten Tauchplatz vor Pemuteran anzuschauen, muss man von der Basis aus nur wenige Meter an der Wasseroberfläche bis zu einer Markierungsboje zurücklegen. Zischend entweicht die Luft aus dem Tarierjacket, es geht langsam abwärts. Die Sicht ist mittelprächtig, der Sandboden sorgt für eine leichte Eintrübung. Dafür sind die Wassertemperaturen tropisch hoch, 28 Grad zeigt der Tauchcomputer an, hierfür genügt gegen Frostbeulen auch ein dünner Neoprenanzug.

Am Grund wartet der sogenannte Stollen. Er sieht aus wie eine halbierte Röhre, gebogen aus Metallgittern, die sich problemlos durchtauchen lassen. Wimpelfische stehen wie Wächter vor dem Eingang und geben nur träge den Weg ins Innere frei. Der Blick nach oben fällt auf Hartkorallen in den unterschiedlichsten Größen und Formen, die mit einem einfachen Draht an dem Metallgestell befestigt sind. Manche Arten wachsen nur zehn Millimeter pro Jahr - bis sie ein komplettes Riff gebildet haben, das von einem natürlichen nicht mehr zu unterscheiden ist, werden Jahrhunderte vergehen.

Nur ein kleines Stück vom Stollen entfernt stehen die beiden beeindruckendsten Bauwerke der künstlichen Unterwasserlandschaft: die Pyramide und ein Konstrukt, welches auf den ersten Blick wie ein überdimensionaler Fußball aussieht. An ihnen wuselt bereits das Meeresgetier, da wird gelebt, gefressen und gezeugt. Unter all den kleinen Anemonenfischen, den Riffbarschen, Nacktschnecken und Fledermausfischen ist ein fast anderthalb Meter langer Barrakuda der Chef im Ring. Grimmiger Gesichtsausdruck, imposante Beißwerkzeuge, der Körper wie ein einziger stromlinienförmiger Muskel geformt: Die Riffgärtner lieben ihn, für sie ist der Raubfisch wie ein Freund. Einer, der die Natur schützt, indem er sie im Gleichgewicht hält.

Hoffnung nach der Bombe

Die Unterwasser-Gärtner haben allerdings selten Zeit, ihn ausgiebig zu beobachten. Arbeit gibt es mehr als genug. Ständig haben sie etwas zu bauen oder zu vermessen, zu kontrollieren oder zu reparieren: zumeist Schäden, die zuvor von unvorsichtigen Tauchern mit ihren Flossen angerichtet wurden. Ein künstliches Riff bleibt immer noch ein fragiler Lebensraum - das scheinen viele zu vergessen, die hier ihrem Hobby nachgehen. Bereits ein unvorsichtiger Flossenschlag kann zerstören, was in Jahren gewachsen ist.

Auch für den am Ufer wartenden Ketut ist das Riff mehr als eine bloße Ansammlung von Metall und Korallen. Der Balinese, der seit seiner Geburt in Pemuteran lebt, kennt die Bedeutung des Projektes für das gesamte Dorfleben. Durch die Korallen siedeln sich Fische an, die wiederum Taucher anlocken, die durch ihr Geld Arbeitsplätze schaffen. Arbeitsplätze, die gerade im ärmlichen Pemuteran dringend gebraucht werden.

Früher, da war Pemuteran mal ein blühendes Handwerkerdorf. Früher, das war vor der Bali-Bombe, die 2002 im Süden der Insel explodierte, über 200 Menschen tötete und einen Großteil des Tourismus zum Erliegen brachte. Auch Ketut hat damals seinen Job am Flughafen verloren. Der Familienvater sagt, dass er ohne die Taucher nicht wüsste, wie seine Zukunft aussehen solle. Und ob er überhaupt noch eine Zukunft hätte. Heute wird sein Lebensunterhalt durch das Riff und die Taucher gesichert, die aus aller Welt kommen, um dort die Korallen blühen zu sehen.

Ketut kennt alle Geschichten, die es über das Riff und seine Bewohner gibt. Mit eigenen Augen gesehen hat er es jedoch nicht - der gläubige Hindu hat keinen Tauchschein. Was auch mit seiner Angst vor den heimischen Göttern zu tun hat: Auf Bali weiß man, dass die meisten der bösen Götter tief im Meer leben - und sich wahrscheinlich auch von Korallen und Strom nicht vertreiben lassen.



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