Kunstinsel Naoshima Tauche ins Licht!

Farbenrausch im Betonbunker: Auf der japanischen Insel Naoshima hat ein Stararchitekt einzigartige Museen für avantgardistische Kunst errichtet. Selbst die Strände schmücken spektakuläre Skulpturen - und im Dorf gibt es die wohl kleinste James-Bond-Ausstellung der Welt.

Von Stephan Orth


Auf Socken schlurfen sechs Museumsbesucher die schwarze Treppe hinauf, auf das etwa fünf Meter breite neonblaue Rechteck zu. Erst oben erkennen sie, dass das Neonobjekt kein Wandbild, sondern ein begehbarer Raum ist. Zunächst traut sich keiner hinein, doch eine ganz in Weiß gekleidete Helferin bedeutet ihnen, weiterzugehen - und sie laufen auf das fluoreszierende Licht zu.

Die optische Verwirrung durch das eigenartige Blau ist so vollkommen, dass man sich kaum wundern würde, wenn als Nächstes singende Engel in Gothic-Lolita-Kostümen oder ein japanischer Petrus-Verschnitt mit Samuraikutte und Himmelsschlüsseln erscheinen würde. Stattdessen gibt es nach einigen Metern nur einen Warnhinweis auf dem Boden - bitte nicht weitergehen, Absturzgefahr. Zu sehen ist der Abgrund wegen des dunklen Bodens nicht, aber keiner wagt, es darauf ankommen zu lassen.

Moderne Kunst erlebbar und fühlbar zu machen - das ist eines der erklärten Ziele der japanischen Kunstinsel Naoshima südlich der Honshu-Region. Das Chichu-Museum mit der begehbaren Neon-Installation "Open Space" von James Turrell ist nur eine von zahlreichen Ausstellungsstätten. Selbst das Ufer ist hier gesäumt von Metallgitterskulpturen, mannshohen reflektierenden Stahlscheiben und schiffbugförmigen Gebilden, bei denen man von weitem vermuten könnte, es handle sich um echte Wracks.

So reich an Kunstobjekten ist die Insel, dass man während des Rundgangs schon in angeschwemmten Plastikflaschen und bunt bemalten Pollern Kunstobjekte zu erkennen glaubt. Und sind die über den Büschen am Straßenrand lauernden Riesenspinnen nicht viel zu bunt, um echt zu sein? An ihren metergroßen Netzen will man zwecks Echtheitsbeweises dann doch nicht rütteln.

Von Yves Klein bis Jasper Johns

Schon wenn am Hafen, wo nach 20 Minuten Fahrt die Fähre vom Festland eintrifft, ein begehbarer orangefarbener Riesenkürbis mit schwarzen Punkten die Besucher begrüßt, ist klar, dass Naoshima, die "sanfte Insel", anders ist als die benachbarten Industrie- und Fischereilande des Seto-Meeres.

Anfang der neunziger Jahre beschloss das Verlagshaus Benesse Corporation, aus Naoshima eine Insel der Kunst zu machen. Unter freiem Himmel entstanden zahlreiche Skulpturen und Installationen, dazu kamen die beiden Kunstmuseen Chichu und Benesse Art House. Letzteres verfügt über eine hochrangige Sammlung mit Werken von David Hockney, Jackson Pollock, Yves Klein und Jasper Johns.

"Ich wollte, dass die Besucher eine direkte Verbindung mit der Kunst eingehen, um sie individuell zu verstehen", sagte Soichiro Fukutake, einer der Gründer der Kunstmuseen, laut Webseite des Verlages. "Kunst sollte es erlauben, über die Bedeutung eines angenehmen, schönen Lebens nachzudenken."

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Höhepunkt der Inseltour ist das 2004 eröffnete Chichu-Museum, wo es tatsächlich gelingt, die Grenze zwischen Betrachter und Kunstwerk aufzuheben. Schon das größtenteils unterirdische Gebäude des Stararchitekten Tadao Ando ist mit seinen labyrinthartigen Gängen ein Stück begehbare Avantgardekunst, maßgeschneidert für die Licht-Installationen von James Turrell und Walter de Maria sowie ein paar Wasserlilien-Ölbilder von Claude Monet.

Mitarbeiterinnen im Krankenschwester-Look grüßen mit höflichen Verbeugungen und helfen den Gästen des Betontempels, die Exponate genau nach Vorschrift zu erleben: hier warten, dort Kaugummi raus, da Schuhe gegen Wollpuschen austauschen, keine Fotos, bitte in diesem Raum nicht sprechen, nichts berühren, bitte weitergehen, zur Cafeteria da lang. Dass trotzdem, umgeben vom allgegenwärtigen weißen Beton, keine Gefängnis- oder Laboratmosphäre aufkommt, dafür sorgen die atemberaubenden Ausstellungsstücke, denen hier viel Platz eingeräumt wird.

Wie die Kapelle für eine außerirdische Gottheit wirkt der Raum Time/Timeless/No Time von De Maria: Eine schwarz glänzende, 2,20 Meter hohe Steinkugel steht im Zentrum des Raums und reflektiert das Tageslicht, das durch eine Dachluke hereinfällt. Eckige vergoldete Säulen umgeben in insgesamt 27 Dreiergruppen die Kugel, je nach Tageszeit ändert sich das von oben eintretende Licht.

Hoffen auf den Bond-Film

Selbst wer eine tiefe Abneigung gegen moderne Kunst oder gar ein gepflegtes Banausentum sein Eigen nennt, kann sich der fast religiösen Stimmung der Räume nicht entziehen. Doch wenn es irgendwann trotzdem reicht mit der ganzen Hochkultur, gibt es noch einen skurrilen Nebenschauplatz der Kunstinsel in Form des vielleicht kleinsten James-Bond-Museums der Welt.

Dass der bislang nicht auf Deutsch erschienene Bond-Roman "The Man with the red Tattoo" von Raymond Benson teilweise auf Naoshima spielt, war Anlass genug, hier Japans offizielles 007-Museumchen mit eineinhalb Ausstellungsräumen zu eröffnen. Zu sehen sind ein paar japanische Fächer mit Bond-Motiv, einige Buch- und Comic-Cover sowie eine seltsame Riesenpflanze aus Pappmaché.

Das örtliche Tourismusamt schreibt seit Jahren fleißig Briefe an die Londoner Produktionsfirma, dass der nächste Bond-Film auf "The Man with the red Tattoo" basieren und teilweise auf Naoshima gedreht werden sollte. Zehntausende Unterschriften von Unterstützern sammelten die fleißigen Promoter bereits - bislang allerdings ohne Erfolg.

Pech für die Fleißigen, Glück für die Touristen - ein paar Jahre als charmanter Geheimtipp ohne Massenansturm dürfte die "sanfte Insel" Naoshima noch haben.



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