La Graciosa Die Wüste lebt

Sandwüsten ohne Bäume, kein Autoverkehr und keine Fast-Food-Restaurants: La Graciosa, die kleinste bewohnte Insel der Kanaren, steht seit genau 20 Jahren unter Naturschutz. Hier scheint die Welt zu Ende. Doch die Einsamkeit lebt.

Von Andrea Lammert


Mit der Schubkarre steht Rosa am Hafenkai von La Graciosa. Sie wartet auf zwei neue Feriengäste. Da der Autoverkehr auf der kleinen Insel auf wenige Ausnahmen beschränkt ist, schiebt sie das Gepäck per Karre über die Sandpisten. Die Fähre aus Lanzarote legt an, eine Hand voll Touristen geht an Land. Rosa erkennt ihre neuen Gäste sofort: suchende Gesichter und mehrere Koffer. Sie schlendert auf sie zu, fragt nach den Namen, schüttelt Hände. Der Rest der Kommunikation läuft per Zeichensprache ab, denn Rosa spricht nur wenige Brocken Englisch.

Wüsteneiland: Auf La Graciosa bekommt Einsamkeit eine neue Qualität
Andrea Lammert

Wüsteneiland: Auf La Graciosa bekommt Einsamkeit eine neue Qualität

So wie das Pärchen aus Hamburg, buchen die meisten Besucher von La Graciosa nur eine Woche auf der Insel. "Ein längerer Aufenthalt wird für die meisten kritisch, da es kaum Unterhaltungsangebote auf La Graciosa gibt", berichtet Rolf Jonas, der selbst drei Monate auf der Insel verbracht hat und dort ein Ferienhaus besitzt. Fünf Restaurants, drei Hotels, eine Bäckerei, zwei Supermärkte, eine Bank und neuerdings sogar ein Internetcafé gibt es auf der Insel. Alles ist in der Hand von drei Familien. Der Besitzer der Fähre unterhält auch die Bank und das Hotel Girasol. Nicht nur, dass unter den 600 Bewohnern der Insel jeder jeden kennt. "Hier sind auch alle miteinander verwandt", sagt Jonas.

Verschlossen sind sie, die Menschen auf La Graciosa. Mit ihren Strohhüten, die aussehen wie umgedrehte Blumentöpfe, scheinen sie sich nicht nur gegen die kanarische Sonne abzuschirmen, sondern auch gegen alles Fremde. Selbst wer drei Tage hintereinander morgens zum Brötchenholen durch das Dorf schlendert, wird von den Einheimischen kaum eine Antwort auf sein "Hola" hören. So bleibt den Feriengästen das, was viele suchen: Sonne, Ruhe, Natur – und sehr viel Zeit. Die Uhr scheint hier langsamer zu gehen als im restlichen Europa.

Unbewohnte, aber sehr gepflegte Häuser

Trotz baumloser Sandwüste und fehlendem Animationsprogramm bietet La Graciosa einiges zum Entdecken. Ein Ausflug nach Pedro Barba lohnt sich. Außerhalb der spanischen Ferien gleicht das Dorf einer Geisterstadt. Ein Dutzend reiche Spanier haben sich hier ihre eigene Welt erschaffen: künstlich bewässerte Gärten ohne Zäune, strahlend weiße Häuser und eine verlassene Hafenmole. Zu sehen ist kein Supermarkt, kein Restaurant - kein anderer Mensch. Der Wind pfeift um unbewohnte, aber sehr gepflegte Häuser. Eine ganze Familie aus Caleta del Sebo ist damit beschäftigt, dieses Gesamtkunstwerk von Ortschaft instand zu halten, Gärtner, Putzfrau, Hausmeister und einen eigenen Bringdienst für Einkäufe leistet sich die "Upper Class" von Pedro Barba.

"In den Ferien ist es hier vorbei mit der Ruhe. Dann ankern im Hafen von Pedro Barba schicke Segelschiffe, das Dorf erwacht zum Leben", berichtet Rolf Jonas, der mit seiner Frau auf der Nachbarinsel Lanzarote wohnt. In dieser Zeit - so spotten die Einheimischen - erholen sich hier viele Bewohner der anderen Kanarischen Inseln von dem Leben in ihren hektischen Touristenhochburgen.

Die wenigen übrigen Gäste logieren in Caleta del Sebo und suchen die Einsamkeit der Insel: die verlassene Playa de las Conchas mit ihrem breiten gelben Zuckersandstrand und ihrem türkisblauen Wasser. Oder die Felsplateaus zum Schnorcheln. Oder den dorfnahen und dennoch menschenleeren Strand Playa Francesa. Hier gerät man ins Dösen und Denken, wenn man auf Lanzarotes Nordspitze blickt und beobachtet, wie sich die schweren Regenwolken stauen.

Fast an der eigenen Sprachlosigkeit erstickt

Fast klösterlich ist diese Einsamkeit auf dem Wüsteneiland. Das kann ein Segen sein für gestresste Familien - und ein Fluch. "Wer hierher kommt, muss mit sich selbst im Reinen sein", sagt Jonas. So wie ein Hamburger Pärchen, das zwei Wochen im August auf La Graciosa Urlaub machte. "Die Einsamkeit zwingt zur Ehrlichkeit", meint ein Urlauber. Er hatte sich mit seiner Frau auch nach zwei Wochen noch viel zu sagen. Doch Jonas kennt auch Geschichten von Paaren, "die an ihrer eigenen Sprachlosigkeit auf La Graciosa fast erstickt sind", weil sie sich auf sich selbst besinnen mussten.

Caleta del Sebo gleicht architektonisch einem nordafrikanischen Ort mit einstöckiger Quaderbauweise. Gleißendes Sonnenlicht strahlt auf die flachen weißen Häuser mit blauen oder grünen Türen und Fenstern. Intensives Licht und Farben, die bei jedem Gang durch das Dorf erneut faszinieren. Souvenirshops, Ablenkungen und Vergnügungen sucht man in Caleta del Sebo vergebens. An den besten Plätzen am Hafen stehen keine Tisch- und Stuhlkolonnen, sondern nur einige Bänke für die einheimischen Alten. Die Fischer scheinen hier den ganzen Tag auszuharren.

"Rausfahren müssen die Fischer von La Graciosa nicht mehr. Sie leben heute hauptsächlich von EU-Subventionen, da sie nicht mehr vor der afrikanischen Küste ihre Netze auswerfen dürfen", berichtet Jonas. Fischen gehen sie dennoch manchmal, mitunter auch heimlich vor Afrikas Stränden. So bleibt es ihre Hauptbeschäftigung, Tagestouristen zu beobachten, die von Lanzarote kommen, durch den Ort schwärmen, in dem kleinen Café an der Mole sitzen bleiben und die Ruhe dieser anmutigen Insel genießen.



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