La Réunion Ein Stück Europa im Indischen Ozean

Auf La Réunion treffen Weltkulturen aufeinander: Mitten im Indischen Ozean ist man stolz auf den Mix von Ethnien und Herkunft. Ein Tauchlehrer, eine Köchin und ein Geranienbauer erzählen von ihrer Heimat.

TMN

Von Thomas Heinloth


Wer mit Dimitri Stortz nach unten sinkt, ins seidenweiche Wasser, staunt über den Faltenwurf am Meeresgrund, über die Canyons und Gräben, die so scharfkantig und zerklüftet sind wie die steilen Hänge über dem Strand. Seine Ausbildung zum Tauchlehrer machte er im kalten Süßwasser bei Colmar in Frankreich, "zusammen mit den Hechten", sagt er. Jetzt begleiten ihn die Haie auf La Réunion. "So kraftvoll und so elegant", schwärmt der Tauchlehrer.

Neuzugang auf der Insel: Dimitri Stortz aus dem Elsass arbeitet als Tauchlehrer
Bettina Hensel

Neuzugang auf der Insel: Dimitri Stortz aus dem Elsass arbeitet als Tauchlehrer

Auf La Réunion, heißt es, verschwimmen Weltkulturen und formen sich gemeinsam neu, eine Insel, schillernd wie die Papageienfische im dunkelblauen Meer, das jetzt Dimitris Zuhause ist. "Für einen Taucher ist es fast unmöglich, hier wieder wegzugehen", sagt Dimitri.

Im Elsass, seiner alten Heimat, hat er vor Jahren festgestellt, dass seine Welt eher unter dem Wasserspiegel liegt als drüber. Doch nicht nur die Unterwasserwelt fasziniert ihn. "Der Ort hier ist einfach magisch", sagt Dimitri, "was für ein wunderbares Durcheinander." Dieses wunderbaren Durcheinanders wegen ist er hierher gekommen.

Nichts hier ist homogen, auch die Landschaft über Wasser nicht. La Réunion ändert alle paar Straßenkurven ihr Gesicht. Ein Vulkan hat die Insel einst geboren, und noch immer spuckt der Piton de la Fournaise Asche und glühendes Gestein, das letzte Mal vor sieben Jahren. Flechtenüberkrustete Steinwüste und verbrannte Erde säumen seine Hänge, doch am Fuß des Berges reihen sich sattgrüne Bananenstauden, Litschis und Papayas aneinander.

Auf Tropenobst-Plantagen folgt immergrüner Nebelwald, in dem Heidekraut und Moose unter meterhohen Baumfarnen gedeihen, ein Stückchen weiter Japan-Fichten, dann ein Hain knorriger Tamarinden. Und auf dem Plateau vor dem Vulkan steht zwischen Ginster und Agaven schwarzbuntes Fleckvieh auf der Weide - Almwiesen wie im Allgäu.

In der besenrein gefegten Hauptstadt Saint-Denis sehen die Straßenschilder aus wie in Toulouse, die Croissants sind perfekt wie in Paris, und die Fahrradampeln an den Straßen sind fast 10.000 Kilometer weg von Brüssel und doch EU-genormt.

Und auf jedem Euro-Schein ist La Réunion ein Punkt: links unten, gleich neben den Kanaren. "Ja", sagt Dimitri, "Europäer sind wir auch." Kreole, Franzose, Europäer - das ist die Reihenfolge, die aber sortiert nur die Größe der Familie. "La Métropole", wie das französische Mutterland hier heißt, ist weit weg und doch vertraut, wie auch der Kontinent dazu.

Köchin Nathy d'Eurveilher: "Fast wie im Elsass"

Vielleicht ist es ja Zufall, vielleicht aber auch nicht, dass viele aus dem Elsass kamen, dem gefühlten Mittelpunkt Europas. Auch Nathy d'Eurveilhers Familie stammt aus der Gegend links des Rheins. "Arme Bauern auf der Suche nach dem Glück", sagt sie. Die Spur ins Elsass hat sich längst verloren, seit Nathys Vorfahren vor rund 250 Jahren in Saint-Gilles anlandeten, das Bauerngen aber ist irgendwie geblieben.

Nathy d'Eurveilhers beim Kochkurs: Ihre Großmutter kam einst aus China
Thomas Heinloth

Nathy d'Eurveilhers beim Kochkurs: Ihre Großmutter kam einst aus China

27 Hektar Land umfasst Nathys kleines Reich, Felder, Beete, Obstplantagen auf einem immergrünen Hügel, ein Paradiesgarten voll Bohnen und Bananenstauden, Mango-, Jackfruit-, Litschibäumen, Porzellanrosen und Teufelsananas. Das meiste landet zuerst in Nathys eigener Küche, dann in den Warmhalteboxen ihres kleinen Catering-Betriebes. Und manchmal, wenn Nathy einen Kochkurs hält, kann man ihr am Herd über die schmale Schulter sehen. "In der Küche", sagt sie, "ist man eben nicht so gern allein."

Heute steht ein Gratin von grünen Papayas auf der Karte, vor allem aber: Carri, das Nationalgericht. "Carri" kommt von "carré", klein geschnitten also, und Nathy schneidet am liebsten Bananenblüten klein. Mit einer Blume haben die "Baba Figues" kaum etwas zu tun, unter Nathys Messer kommt ein schwerer, Kindskopf großer, dunkelvioletter Blütenstand, der fein gewiegt rasch ins Essigwasser muss, bevor er oxidiert, und dann fast eine Stunde kocht, mit Knoblauch, Chili, Zwiebel und Kurkuma.

Mit im Topf ist ein Gebirge Räucherwurst, und zwar die fetteste, die Nathy finden kann. "Fast wie im Elsass", sagt sie, "Sauerkraut und Würstchen." Dabei erinnert das bittere Bananenkraut mehr an Grünkohl, den man in Norddeutschland zu Pinkel isst.

Die Ururenkelin Europas sieht man Nathy noch an, doch in ihren Zügen findet sich auch ihre Großmutter, die einst aus China kam und der indische Vertragsarbeiter, der vor vielen Jahren die Familienlinie kreuzte. Französische Beamte, Sklaven aus Westafrika, arabische Geschäftleute, Zuwanderer aus Madagaskar, Glücksritter und Piraten: Schon seit dem 18. Jahrhundert geht es wild durcheinander auf dieser Insel, die beinahe jede Farbe kennt - nur keine für die Haut.

Auf La Réunion, der Insel, die die Vereinigung im Namen trägt, ist man stolz auf die "métissage", die Verschmelzung von Haut- und Haarfarben, von Ethnien, Kultur und Herkunft und sogar Religion über die Jahrhunderte. Kreole ist, wer auf der Insel geboren wird, egal ob weiß, ob schwarz oder irgendwas dazwischen.

Bauer Jean-Yves Begues: "Selten sauber und niemals reich"

So wie Jean-Yves Begues, der hier geboren ist, genauso wie auch sein Großvater und Vater, und der in La Petit-France zu Hause ist. Das "kleine Frankreich": eine Handvoll schlichter Häuser, entlang der Serpentinen ausgestreut, die sich hinauf zum Kessel von Mafate winden.

Das kühle Höhenklima erinnert an das ferne Mutterland, daher der Name. Für Kaffee und Zuckerrohr ist es hier zu kalt, doch für Geranien "ist es der perfekte Platz", sagt Jean-Yves. Schon sein Vater war Geranienbauer so wie er, ein kleiner weißer Bauer und ein Parfümeur, denn nicht wegen ihrer Blüten baut man hier Geranien an, sondern wegen des Öls.

Kreole mit Inselvorfahren: Jean-Yves Begues ist Geranienbauer
Thomas Heinloth

Kreole mit Inselvorfahren: Jean-Yves Begues ist Geranienbauer


Den halben Tag steht Jean-Yves auf seinen Feldern hinterm Haus, den anderen halben Tag vorm Kessel. Vor einem bis zur Unkenntlichkeit verrußten Kupferzylinder, unter dem die Fichtenscheite lodern. Daneben befindet sich ein zweiter und ein gewundenes Rohr, aus dem das Destillat gelblich trüb in eine ölverklebte Flasche rinnt.

"Als Geranienbauer", sagt er, wischt sich Schweiß aus dem ergrauten Dreitagebart und den grünen Augen, "wird man selten sauber und vor allem niemals reich." Aus einer Tonne Grünzeug kann er eineinhalb Liter Flüssigkeit brennen, Grundstoff für Duftöl und Parfüms. "Eine neutrale Basis", sagt Jean-Yves, "ein unbeschriebenes Blatt."

Pur bleibt es nichtssagend, doch ein winziger Hauch eines weiteren Aromas erweckt das Öl zum Leben: ein Krümel Zimt, ein Hauch von Nelke - und bei Jean-Yves duftet es wie in einem orientalischen Basar, nach Marrakesch und Casablanca. Ein Stück getrocknete Zitronenzeste - und Italien liegt auf einmal in der Luft. Ein Halm Lavendel - die Provence gleich nebenan.

Die ganze Welt, so scheint es, kann Jean-Yves aus lauwarmem Geraniensud zusammenrühren - und hat doch kein Geheimrezept. "Das ist La Réunion", sagt er, "man muss nur eins zum anderen tun."

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
answercancer 04.12.2014
1. Reunion
Links neben den Kanaren sagt er ,das ist aber der Atlantik,und eugenlich wollte er seine Insel im indischen Ozean besser orten können ,wie ist er da hingekommen?
Andreas58 04.12.2014
2. Mumpitz
La Reunion ist natürlich NICHT der südlichste Punkt Europas sondern zählt geographisch zu Afrika !
denislangedoc 04.12.2014
3. Links auf dem Euro-Schein
@answercancer Es steht im Artikel: Links neben den Kanaren auf jedem Euro-Schein...
saxae 04.12.2014
4. Trauminsel
Südsee vereint mit französischer Küche, einfach traumhaft!!!
querulant_99 04.12.2014
5. Südsee?
Zitat von saxaeSüdsee vereint mit französischer Küche, einfach traumhaft!!!
Ich dachte immer, die Südsee sei Teil des Pazifiks.
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