Gratis-Musikschule in Laos Ein Ohrwurm als Souvenir

Laos zählt zu den ärmsten Ländern der Erde. Für viele Familien ist es utopisch, ihre Kinder ein Instrument lernen zu lassen. Das ändert sich dank einer kostenlosen Musikschule in Luang Prabang: Die Lehrer sind Touristen auf der Durchreise.

Von Stephan Orth

Stephan Orth

Das Vorstellungsgespräch dauert keine zehn Minuten, dann habe ich den Job. Schulleiter Max führt mich in Unterrichtsraum R4 und platziert mich auf einem roten Plastikhocker vor sieben erwartungsvoll dreinblickenden Schülern. Umständlich stöpselt er sein Nokia-Handy an den Mini-Verstärker. "Zombie" von den Cranberries plärrt aus der 15-Watt-Box, fürchterlich übersteuert. E-Moll, C, G, D, immer wieder, vier Akkorde in Endlosschleife.

Von der Vakanz habe ich am schwarzen Brett der "Utopia"-Bar in Luang Prabang in Laos erfahren. "Du spielst Gitarre oder Ukulele? Dann bist du eingeladen als Freiwilliger an der Music for Everyone School!", stand auf dem Flyer. Am nächsten Morgen folgte ich der Wegbeschreibung auf der Rückseite. Über die losen Planken der Alten Mekong-Brücke, vorbei an Obstständen, einem Korbmacher und einer Suppenküche.

Ein handgemaltes Holzschild weist in eine Seitengasse, niemand würde zufällig hierher finden. Neben dem Schulhäuschen mit rosa Wänden und drei Giebeln befindet sich ein buddhistischer Tempel. Was auch sonst, in der Altstadt von Luang Prabang ist gefühlt jedes fünfte Gebäude ein Tempel.

Beatles und Cranberries

Die Stadt ist berühmt für ihre Mönchprozessionen, ihre Spitzenlage in einer Flusskehre und ihren Nachtmarkt. Doch wer als Tourist nicht nur gucken und konsumieren will, kann auch etwas für die Einheimischen tun. Täglich organisiert "Big Brother Mouse" zwanglose Englisch-Tandems; Besucher können Kinderbücher kaufen, um sie in Dörfern zu verteilen, oder in einer Bibliothek mitarbeiten. Und seit ein paar Monaten sind sie auch als ehrenamtliche Musiklehrer gefragt.

"Welche Songs kannst du den Schülern beibringen?", fragt Schulleiter Max. Der Laote ist 25, hat ein rundes Gesicht und trägt ein schwarzes Jackett über dem T-Shirt. "Songs mit einfachen Akkorden?", frage ich. "Ja, nicht zu kompliziert." "'Let it be' und 'Zombie' vielleicht?" Er lächelt zufrieden. "Wie lange spielst du schon?" "20 Jahre." "Wow." Max googelt Texte und Akkorde an seinem altmodischen Laptop, druckt sie aus und drückt mir eine koreanische "Dame"-Leihgitarre in die Hand.

Ein paar Minuten später bin ich also Gastdozent. "Good morning, I'm Stephan from Germany." Nur einer der Schüler spricht Englisch, der 37-jährige Moua, der in einem Hotel arbeitet. Er übersetzt, wenn ich Dinge sage wie "Jeden Akkord achtmal anschlagen" oder: "Den Refrain lauter, die Strophe leiser". Dann hauen alle zum MP3-File des Handys in die Saiten.

With their tanks and their bombs
And their bombs and their guns
In your head, in your head, they are dying

Der Songtext von "Zombie" ist brutal, alptraumhaft, er handelt vom irischen Bürgerkrieg. Mit Bomben kennen sich auch Laoten aus: Nicht weit von Luang Prabang, in der Ebene der Tonkrüge, liegen noch Zehntausende Blindgänger aus dem Vietnamkrieg. Der Ho-Chi-Minh-Pfad verlief in großen Teilen durch Laos, damals warfen B-52-Bomber unzählige Sprengsätze ab, pro Einwohner 2,5 Tonnen.

Man findet im Ort schon mal einen Aschenbecher am Straßenrand, der aus einer aufgeschnittenen Fliegerbombe besteht. Souvenirhändler verkaufen Flaschenöffner, Löffel und Schlüsselanhänger in Gitarrenform, die aus dem eingeschmolzenen Waffenschrott bestehen. In Laos sterben bis heute jeden Monat Menschen durch jahrzehntealte Landminen. "'Zombie' ist hier sehr populär", sagt Moua.

Längerer Aufenthalt nicht ausgeschlossen

Das kann nach Ende der Unterrichtsstunde auch Schlagzeuglehrer Paul bestätigen. "Du hast echt 'Zombie' vorgeschlagen? Dann gehörst du hierher", sagt der Amerikaner mit Bandana und Muschelkette und grinst in seinen Fünftagebart. Der Song sei so etwas wie die Hymne der Musikschule, jeder lernt den.

Paul wollte eigentlich nur drei Tage in Luang Prabang bleiben, dann wurden sechs Wochen daraus. "Ich will nicht weg, die Schule bedeutet mir so viel", sagt er. Bevor er kam, gab es keinen Schlagzeugunterricht, nun ist die Wandtafel im Bandraum mit Patterns und Taktangaben vollgekritzelt. Ein Teenager im Basketball-Trikot hämmert virtuos auf das elektrische Drumset ein.

Wer unter 25 ist, muss nichts für den Unterricht bezahlen. Das Durchschnittseinkommen in Laos liegt bei weniger als 100 Dollar pro Monat und Einwohner, das südostasiatische Land zählt zu den ärmsten der Erde. Seit dem Start der Musikschule im Juli 2013 haben sich 106 Schüler angemeldet, ihre Fotos hängen an einer Pinnwand im Eingangsbereich.

"Es gibt bisher kein Gitarrenbuch auf Laotisch", sagt Max. Er ist dabei, das erste zu schreiben, bislang besteht es aus einem guten Dutzend loser Din-A4-Seiten. Gitarre und Ukulele hat er sich selbst beigebracht, "mit ein paar Büchern und YouTube-Videos".

Funkle, funkle, kleiner Stern

Eine koreanische Non-Profit-Organisation steht hinter dem Projekt, ein Jahr zuvor hat sie schon eine Musikschule in Siem Reap in Kambodscha eröffnet. Sie stellt Gitarren, Notenständer und Stimmgeräte zur Verfügung, zahlt die Miete und ein kleines Gehalt an den Schulleiter. Ansonsten ist man auf Spenden und Freiwillige angewiesen.

"Wir helfen jungen Leuten, mehr Spaß in ihrer Freizeit zu haben", sagt Max. "Mit Musik kann man Emotionen ausdrücken und Freunde gewinnen. Man kann singen, wenn man glücklich ist, aber auch, wenn man traurig ist." Zur Untermalung seiner Worte dröhnt aus Raum R2 schon wieder "Zombie", diesmal mit E-Gitarre, Schlagzeug und einer Sängerin. Sicher kein fröhliches Lied. Ganz anders klingen die fünf Grundschülerinnen mit Ukulelen in R4. Sie üben "Twinkle Twinkle Little Star", ein heiteres Kinderlied zur Melodie von "Morgen kommt der Weihnachtsmann".

Twinkle, twinkle, little star
How I wonder what you are.

Sie schreien mehr, als sie singen, manche der englischen Wörter machen Probleme. Doch ihre Augen leuchten wie der Stern aus der Liedzeile, so viel Freude macht das gemeinsame Musizieren.

Am Nachmittag gebe ich noch ein paar Einzelstunden, helfe bei "Better Man" von Robbie Williams, "More than Words" von Extreme und "Somebody's me" von Enrique Iglesias. Meine Schüler heißen Tongsavat, Nong und Sompone, sie bedanken sich artig für jede kleine Korrektur.

Eigentlich wollte ich am nächsten Morgen weiter, noch ein paar Tempel sehen, eine Bootsreise auf dem Nam-Ou-Fluss machen und durch den Dschungel wandern. Stattdessen bleibe ich genau wie Schlagzeuger Paul länger als geplant. Mein bestes Laos-Souvenir habe ich seitdem ständig dabei: den Ohrwurm von einem Kinderlied.

Then the traveler in the dark
Thanks you for your tiny spark
He could not see which way to go
If you did not twinkle so.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
demokrat_de 03.02.2014
1. echt schön und wertvoll...
Danke für diesen Beitrag!
butzibart13 03.02.2014
2. vergessenes Land
Ein netter Beitrag über ein vergessenes Land. Außer dem Einheitsparteiensystem, der erwähnten Ebene der Tonkrüge, dem Prinzen Souvanna Phouma und den inzwischen verbotenen wilden Vang Vieng Partys weiß man ja nicht wirklich viel über diese Region.
slardi 03.02.2014
3. Toll..
..ist es so etwas zu lesen und ich bewundere die Menschen die die so etwas in's Leben rufen. Dass man in der Stadt "hängen" bleiben kann, kann ich wirklich nachvollziehen. Es ist ein wunderbarer Ort.
fd53 03.02.2014
4. weil man nichts wissen will?
Zitat von butzibart13Ein netter Beitrag über ein vergessenes Land. Außer dem Einheitsparteiensystem, der erwähnten Ebene der Tonkrüge, dem Prinzen Souvanna Phouma und den inzwischen verbotenen wilden Vang Vieng Partys weiß man ja nicht wirklich viel über diese Region.
In diesem Land waren bereits vor 30 Jahren zahlreiche "Deutsche" als Ausbilder tätig. Allerdings ging es damals vor allem um den Aufbau von Klein-, Kleinst- und Handwerksbetrieben, um Lehrlingsausbildung, um den Aufbau eines Bildungssystem überhaupt - und im Rahmen dessen auch ein bisschen um Musikschulen. Deren Aufgabe war aber mehr der Erhalt der kulturellen Traditionen und kaum die Ausbildung für westliche Unterhaltungsmusik. Diese "Deutschen" kamen damals aus der DDR. Und noch heute treffen sich einige von diesen Deutschen in internet-Foren und unterhalten sich über alte Zeilen in Laos. Nachdem von westlichen Geheimdiensten und von Thailand unterstützte bewaffnete Banden die Sicherheitslage im Land rapide verschlechterten, wurde diese Unterstützung damals weitgehend eingestellt. Übrigens: ich selbst war auch schon in Laos und kenne aus sehr privaten Gründen auch etwas das Länderdreieck Kambodscha/Laos/Vietnam. Da gibt es heute noch viele tödliche Minen.
felixbonobo 03.02.2014
5. will auch
Eine klasse idee ! Für mich vor allem eine anregung ähnliches in myamar anzubieten.
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