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Last Exit Jakarta: Letzte Zuflucht der Waldmenschen

Von Thilo Thielke

Sie kämpft einen fast aussichtslosen Kampf: Ulrike Freifrau von Mengden rettet seit mehr als 50 Jahren in Indonesien Orang-Utans. Trotz des leidenschaftlichen Einsatzes der Preußin ist das Überleben der Menschenaffen bedroht - "es ist eine Schande".

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Eigentlich dürfte man die alte Dame gar nicht verstehen - bei dem Lärm. Der Monsunregen prasselt wie ein Trommelfeuer aufs Dach, die Affen schreien wie am Spieß, und auch der nahezu federlose Kakadu zetert wieder einmal lautstark herum. Dass sich Ulrike Freifrau von Mengden dennoch gegen die lärmende Konkurrenz, zu denen sich neben 19 herumtobenden Orang-Utans auch noch mindestens drei Hunde und acht Katzen gesellen, durchsetzen kann, liegt am preußischen Casino- und Kommandoton und ihrem heiligen Zorn.

Denn wieder einmal kann sie sich so richtig aufregen über die "janze korrupte Bagasche", die Tierhasser, die Bürokraten, Politiker, skrupellose Bonzen. Es geht um Orang-Utans, die dringend ausgewildert werden müssten, für die sich aber wieder einmal niemand interessiert; um die Verwahrlosung des Zoos; um die Vernichtung des indonesischen Regenwalds. "Dieses Land kennt keine Tierliebe", schimpft die zierliche Dame, "es ist eine Schande."

Ulrike von Mengden, Ibu Ulla genannt, lebt in einem kleinen Bungalow mitten im "Ragunan Zoo" von Jakarta, ihrem Refugium. Sie sitzt auf der überdachten Terrasse und lässt Fruchtsaft servieren. Hinter ihr klebt ein Poster, das einen Orang-Utan zeigt, neben der Ermahnung: "Ich bin kein Affe, ich bin dein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater." Die schreienden Affen beruhigen sich langsam wieder. Ulla nicht. Sie ist eine Kämpferin. Sie ist eine Offizierstochter aus Labiau. Die kapituliert nicht so schnell. "Je moralisch schwächer sich der Verteidiger zeigt, um so dreister muss der Angreifende werden." Hat Clausewitz gesagt. Ulla, Preußin, Protestantin, hält sich dran. "Ich kenne kein Pardon."

Größter Regenwaldvernichter der Welt

Ihr Einsatz gilt der einzigartigen Tierwelt Indonesiens, die derzeit schnell wie fast nirgendwo sonst dezimiert wird. Besonders seit Europa Anflüge von Ökowahn zeigt, geht es mit den Orang-Utans, den "Waldmenschen", rapide bergab. Weil die Europäische Union als Ziel ausgegeben hat, bald zehn Prozent ihres Treibstoffbedarfs auch durch Biosprit decken zu wollen, schießen auf Borneo Palmölplantagen aus dem Boden. Stündlich wird in Indonesien Regenwald auf einer Fläche, die 300 Fußballfeldern entspricht, gerodet.

In die Südsee, Karibik oder an den Pazifik? Ans Kap der Guten Hoffnung oder nach Koh Lanta? In den Moloch von Bangkok oder Peking? Deutsche Auswanderer machen ihren Traum von einem neuen Leben wahr.

Was treibt sie um? Was wollen sie in der Ferne? Fragen, denen SPIEGEL-Korrespondent Thilo Thielke in seiner Kolumne "Last Exit ... " nachgeht.
Als größter Regenwaldvernichter der Erde brachte es die Regierung in Jakarta sogar ins "Guinness-Buch der Rekorde". Indonesien, ein aus mehr als 17.000 Inseln bestehendes Paradies, wird systematisch geplündert. "Diese Halunken", schimpft die Freifrau, "darunter leiden besonders die Menschenaffen: Noch sollen auf Borneo rund 50.000 Orang-Utans leben, aber wenn das Waldsterben nicht gebremst wird, wird diese Art bald nur noch in Zoos überleben können."

Im Zoo von Jakarta lebt Ulla von Mengden nun schon seit 1968. Damals zog der Zoo aus der Innenstadt in den Süden um. Sie hat hier Wohnrecht auf Lebenszeit und hat eine Station aufgebaut, die Orang-Utan-Waisen aufnimmt, aufpäppelt und nachher hilft, sie wieder auszuwildern. Diese Arbeit ist ihr Lebenswerk. Ulrike Freifrau von Mengden wurde erste Kuratorin des Tierparks. Sie will hier bleiben. Trotz all der Probleme mit ignoranten Zoodirektoren, korrupten Bürokraten und raffgierigen Regenwaldkillern. Mittlerweile sei Indonesien ihr Mutterland, während Deutschland immer ihr Vaterland bleibe, sagt sie. Richtig verwunderlich ist das kaum. Schließlich lebt sie hier ja schon seit 57 Jahren.

"Ein Paradies auf Erden"

Damals, Anfang der fünfziger Jahre, kam sie mit ihrem Mann, Hans Chlodwig Maria von Mengden, nach Indonesien. Auf Java besaß die Familie eine Rinderfarm. Die beiden waren jung, sie hatten nichts zu verlieren, Europa lag in Trümmern. Noch frisch waren die Erinnerungen an den großen Krieg. Ulla war als Krankenschwester immer kurz hinter der Front gewesen, in Dünkirchen, in Norwegen im U-Boot-Lazarett, wo sie Scharlach bekam, weshalb sie bis heute schlecht hört. Danach in Russland an der Ostfront. Nahe der rumänischen Grenze war sie mit abrückenden Truppen von der Roten Armee eingekesselt worden, Ungarn hatten sie gerettet. "Halbverhungert war ich schließlich in Deutschland angekommen."

Den Zukünftigen, der einen Teil der Kriegsjahre in Gefangenschaft im Himalaja verbracht hatte, hatte sie dann beim Studium in Bonn kennengelernt. Er war mehr in Indonesien als in Deutschland aufgewachsen. Die Familienfarm bestand bereits seit 1896, als Indonesien noch holländische Kolonie war. Lang zögerten beide nicht, als sie der Ruf der Wildnis ereilte. Und Ulla verliebte sich sofort in das exotische Land. "Es war ein Paradies und dieser Zoo hier der größte und schönste auf der ganzen Erde", schwärmt die Affenmutter.

Doch dann ging es langsam bergab. Insbesondere unter dem Diktator Suharto, der Indonesien von 1966 bis 1998 regierte, fiel das Land unter die Räuber. "Wer ehrlich ist, ist selber schuld, und wer nicht korrupt ist, ist erledigt - das ist seitdem die Devise", sagt Freifrau von Mengden.

Weg will sie dennoch nicht. Wohin auch? Ihr Mann starb vor langer Zeit, nun sei sie eine "alte Witwe", sagt sie. Und die Tiere brauchen sie natürlich auch, mehr denn je. 300 bis 500 Orang-Utans sind mittlerweile durch ihre Station gegangen. Und es wird immer schwerer, für Neuankömmlinge noch Plätze zu finden. Fast unmöglich ist es, noch welche auszuwildern. Die Regenwaldgebiete, die die rothaarigen Menschenaffen zum Überleben in freier Wildbahn benötigen, schrumpfen immer schneller.

"Richtig rabiat" könne sie werden, wenn sie so etwas hört, schimpft Ulrike Freifrau von Mengden. Und um ihre Worte zu unterstreichen schlägt sie mit der knöchernen Faust kräftig auf den Tisch. Aber dann sagt sie doch noch etwas Versöhnliches. Dass sie dieses Land unendlich liebe, weil es so reich, so kompliziert und so fremd sei: "ein richtiges Wunderland".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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1. Menschenrechte - Planet der Affen II
dasky 28.05.2009
Aber es werden doch schon Menschenrechte (http://www.youtube.com/watch?v=iUfs5E7IjvE) für Menschenaffen (http://www.youtube.com/watch?v=tndslHwssvo) und Waldmenschen (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=3787193#postcount=387) gefordert.... (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=3790647&postcount=477)
2. *
praise 28.05.2009
Zitat von sysopSie kämpft einen fast aussichtslosen Kampf: Ulrike Freifrau von Mengden rettet seit mehr als 50 Jahren in Indonesien Orang-Utans. Trotz des leidenschaftlichen Einsatzes der Preußin ist das Überleben der Menschenaffen bedroht - "es ist eine Schande". http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,624289,00.html
Nun, nachdem die Freifrau meint, Sie sei Enkelein von Orang Utans, verwudnert das Engagement nicht ... :-) Im Ernst: Es geht um viel mehr als um die Erhaltung dieser Tierart.
3. Dank für den Artikel
Celestine, 28.05.2009
Zitat von sysopSie kämpft einen fast aussichtslosen Kampf: Ulrike Freifrau von Mengden rettet seit mehr als 50 Jahren in Indonesien Orang-Utans. Trotz des leidenschaftlichen Einsatzes der Preußin ist das Überleben der Menschenaffen bedroht - "es ist eine Schande". http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,624289,00.html
Schön, dass Der Spiegel über diese außergewöhnliche Frau berichtet. In Jakarta ist Frau von Mengden eine Institution, und jeder kennt sie. In diesem Zusammenhang hätte ich mir noch einen größeren Bericht gewünscht, z.B. über die mühseligen Versuche, die Orang-Utans auf Sumatra zu schützen. btw: Nicht nur Indonesier haben oft kein Mitgefühl für Tiere, sondern dies ist eigentlich überall in Asien, besonders auch in China der Fall.
4. Neue Lebensraeume
sir.viver 28.05.2009
Man koennte ja den freigewordenen Lebenraum mit Auswanderern aus den neuen Bundeslaendern auffuellen. Die koennten dann ihre Erfahrungen aus den LPGs in den neu anzulegenden Plantagen anwenden. Es gibt doch genug Traktoristen und Melker, die eine neue Aufgabe suchen.
5. Gier nach Geld vernichtet die Welt
Schwede2 29.05.2009
Zitat von sysopSie kämpft einen fast aussichtslosen Kampf: Ulrike Freifrau von Mengden rettet seit mehr als 50 Jahren in Indonesien Orang-Utans. Trotz des leidenschaftlichen Einsatzes der Preußin ist das Überleben der Menschenaffen bedroht - "es ist eine Schande". http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,624289,00.html
Alle werden sie scheitern. Die vernichtende Gier nach Geld, der Raubbau an unserer Schöpfung, die Maßlosigkeit und Ignoranz der Menschen werden unseren Lebensraum zerstören. Da werden keine Gipfelgespräche auch nur einen Jota daran ändern. Nicht in Rio und auch nicht in Kopenhagen. Dann amüsieren wir uns halt nochmal ordentlich. Den Kater danach blenden Säufer grundsätzlich aus.
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Indonesien: Refugium für Orang-Utans