Von Thilo Thielke
Was waren das für wilde Zeiten, die achtziger Jahre, hier am Turkanasee. Kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man heute mit Wolfgang Deschler, 60, auf der Terrasse sitzt, vor sich ein eiskaltes "Tusker"-Bier, und den Blick in die endlose Weite schweifen lässt: über das Flirren des Sees, die Wüste, die leeren Sitze an der Bar.
Damals landeten Wasserflugzeuge hier oben im Nordwesten Kenias, nicht mehr weit von der äthiopischen Grenze entfernt. Sie kamen aus Ägypten, direkt vom Nil, und spuckten Partykundschaft aus. Und was für welche: Mick Jagger, David Bowie, das somalische Supermodel Iman, Thomas Gottschalk. Bei Wolfgang im "Oasis Club" wurde dann gefeiert. Nicht selten floss der Champagner in Strömen, und im Pool vergnügte sich der exzentrische amerikanische Starfotograf Peter Beard mit einem paar nackten Modellen, die er zuvor im Safarilook vor einer Schirmakazie abgelichtet hatte. Dann wurden die Zeiten schlechter.
"1991 wurde alles anders", sagt Deschler, "damals blies Präsident Bush Senior zum Sturm auf Saddam Hussein, und plötzlich bekamen es die amerikanischen Touristen mit der Angst zu tun. Keine Flüge mehr, keine Gäste, keine wilden Partys." Anfangs hoffte Deschler, die Geschichte mit dem Golfkrieg und den Bush-Kriegern würde sich bald wieder beruhigen, doch es wurde nicht besser, nachdem die Amerikaner Kuwait befreit hatten. Nach einer Weile stellte sogar die Fluggesellschaft Airkenya die Verbindung in den Norden, nach Loiyangalani, ein.
Zu Weihnachten an den Turkanasee
Mit dem Auto aber verirrt sich kaum einmal jemand in diese Einöde. Die Strecke von der Hauptstadt Nairobi dauert einige Tage, es ist eine staubige riskante Route durch das Stammesgebiet diverser untereinander verfeindeter Ethnien. Der Weg ist beschwerlich, voller Schlaglöcher und Banditen. Dort, wo Deschlers kleines Paradies liegt, bekriegen sich die Volksgruppen der Gabra, Turkana, Samburu und Pokot.

Mitte der siebziger Jahre hatte er dieses Kaff entdeckt. Damals lebte sein Bruder Hans-Peter in Kenia, arbeitete für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wolfgang kam zu Besuch. Die beiden flogen in den Norden und waren sofort begeistert, die Reise zum Turkanasee wurde schon bald zum weihnachtlichen Familienritual.
Die "Oasis Lodge" gab es damals schon. Es war ein Ort zum Träumen: auf einer leichten Anhöhe gelegen, mit einem phantastischen Blick über den legendären Turkanasee, der bis 1975 noch "Rudolfsee" hieß - sein ursprünglicher Entdecker, der ungarische Graf Sámuel Teleki von Szék, hatte ihn nach dem österreichischen Thronfolger benannt.
Immer wenn er wieder daheim in Friedrichshafen am Bodensee war, kam Wolfgang Deschler ins Grübeln. Er verdiente sein Geld als Produktionsleiter bei Bavaria Film. Das war nicht uninteressant. Doch seine Gedanken kreisten um die wilde Landschaft im Norden Kenias. Was wollte er noch in der Enge der süddeutschen Provinz? Ihn zog es jetzt hinaus in die Welt. Er wollte die Lebensgewohnheiten der El Molo erkunden, jenes kleinen Stammes, der am Turkanasee lebt und sich dort vom Fischfang ernährt.
Er hatte die Aufnahmen Peter Beards gesehen, der die Nilkrokodile des Sees spektakulär im Bild festgehalten hat. Er wusste, dass hier die Wiege der Menschheit vermutet wird. Im Nachbarland Äthiopien wurde 1974 das rund 3,2 Millionen Jahre alte Australopithecus-Skelett "Lucy" entdeckt, und ganz in der Nähe würde der kenianische Paläoanthropologe Richard Leakey 1984 auf den 1,6 Millionen Jahre alten "Turkana-Jungen" stoßen. Was gab es da lange zu überlegen?
"Afrika ist nichts für Weicheier"
Als der alte Besitzer die "Oasis Lodge" loswerden wollte, griffen die Deschler-Brüder zu. Einen schöneren Ort zum Leben konnten sie sich nicht denken. Und der Rest würde sich schon finden. Ein Jahr lebten sie wie im Paradies. Dann starb Hans-Peter Deschler bei einem Flugzeugabsturz. Wolfgang und seine Frau mussten nun den Laden ganz allein schmeißen. Doch es klappte ganz gut - bis die Angetraute nach ein paar Jahren zu sehr unter der Einsamkeit litt, ihre Koffer packte und sich auf den Weg zurück nach Deutschland machte. Doch Deschler fand sein neues Glück, eine Frau vom Volk der Samburu, und zeugte einen Sohn, Maximilian. Der Laden brummte bis zum Golfkrieg.
Seitdem kommen fast nur noch Einzelkämpfer, die sich hierher durchschlagen, oder solche, die es sich leisten können, eine Maschine aus der Hauptstadt zu chartern. "Neckermänner sind das nicht", sagt Deschler. Wie auch? Eine Nacht im "Oasis Club" ist exklusiv, aber kein billiges Vergnügen. 180 Dollar kostet ein Einzelzimmer pro Nacht, 240 das Doppelzimmer. Allzu viel Komfort darf man am Rande der Chalbi-Wüste dafür nicht erwarten. Aber wie sagte laut "Economist" noch einmal ein Geschäftsmann? "Africa is not really for sissies" - Afrika ist nichts für Weicheier.
Das meiste von dem, was bei Wolfgang Deschler verzehrt wird, muss schließlich von Flugzeugen in die Wildnis gebracht werden. Harro Trempenau ist so ein Kurier. Er hat auf dem Rollfeld von Loiyangalani immer ein paar Fässer Treibstoff auf Reserve stehen. Manchmal kommt der Deutsche mit seiner Cessna vorbei und bringt frischen Salat mit. Die beiden "weißen Massai" sitzen dann abends beim Bier zusammen und sinnieren über den Gang der Dinge. Trempenau ist auch so ein Original: Buschpilot, Architekt, nebenbei Ausbilder kenianischer Fallschirmspringer.
Ein Bierchen mit Mr. Cornwell
Statt Luxus locken am Turkanasee Touren in die Wüste, in den Sibiloi-Nationalpark, wo die Leakeys immer noch nach prähistorischen Knochen graben, Abstecher zu den El Molo, von denen es 1979 noch 538 Stammesangehörige gegeben hat; heute sind es noch weniger. Das Leben ist karg hier oben, und der über 6400 Quadratkilometer große See verdunstet und versalzt. Doch noch stemmen sich die El-Molo-Fischer hartnäckig ihrem Untergang entgegen.
Wolfgang Deschler ist mit seinem Dasein am Rande der Zivilisation zufrieden. Vor ein paar Jahren kam einmal ein anderer komischer Kauz vorbei. Er stellte sich als Mr. Cornwell vor, und er war so begeistert vom "Oasis Club" und dem See, dass er gleich ein paar Tage blieb und mit seinem neuen Freund Wolfgang einige Biere leerte.
Später schrieb er ein Buch, und darin kamen auch Deschler, der "Oasis Club" und die "ausgedörrte Mondlandschaft am Turkanasee" vor. Das Buch hieß "Der ewige Gärtner", und der Autor ist unter seinem Pseudonym John Le Carré besser bekannt. "Es kommen vielleicht nicht so viele Leute hier hoch", sagt Deschler, "aber es kommen interessante Leute."
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