Last Exit Nanyuki: Bilder einer sterbenden Welt

Von Thilo Thielke

Die Kamera ist seine Waffe gegen Wilderer: Der Schweizer Naturfotograf Karl Ammann dokumentiert mit seinen Aufnahmen die gnadenlose Jagd auf aussterbende Tierarten. Er führt einen fast aussichtslosen Kampf - auch weil Verlage lieber heile Welt als drastische Bilder zeigen.

Nanyuki: Artenschutz als Lebensaufgabe Fotos
Thilo Thielke

Der Mann ist ständig auf Achse. Steht unter Strom. Gerade kommt er aus Laos zurück, wo er das finstere Treiben chinesischer Glücksritter dokumentiert hat. Jetzt sitzt er in Bangkok, spricht mit einem Kontaktmann, der den illegalen Handel mit Elefanten untersucht. Morgen wird er in Singapur sein, danach auf den Seychellen, drei Tage darauf endlich zu Hause in Kenia. In drei Wochen dann aber schon wieder: Zürich, Hamburg, London.

Der Schweizer Karl Ammann, 61 Jahre alt, ist Naturfotograf. Er hat wunderbare Bildbände veröffentlicht: über Geparden zum Beispiel, über Gorillas und Orang-Utans. Bilder aus der Massai Mara oder Borneo. Doch schöne Fotos sind längst nicht mehr das, was Karl Ammann an- und umtreibt. Amman will nicht mehr länger nur abbilden. Er will gestalten. Will retten, was noch zu retten ist.

"Die Tiere sterben", sagt er, "und wir schauen teilnahmslos zu." Die Welt sehe düster aus, wenn sich nicht bald etwas ändere. All die Tiere, denen er einen Großteil seiner Lebens- und Arbeitszeit gewidmet hat, gebe es dann nur noch ausgestopft oder bestenfalls als domestizierte Zoo- und Zirkustiere zu sehen: die Löwen und Tiger, die Schimpansen und die Bonobos, die Waldelefanten und die Okapis.

Waldrodung in Rekordzeit

"Es geht so rasant schnell", sagt Ammann. Kürzlich war er auf Borneo. Was er da sah, hat ihm den Atem verschlagen. "In Weltrekordzeit wird dort der Regenwald gerodet und in Palmölplantagen umgewandelt." Ohne Wald aber sterben die Orang-Utans - zu Tausenden werden sie zudem massakriert. Wie viel Zeit bleibt ihnen noch? Zehn Jahre? 20? Ammann: "Schon jetzt gibt es durch das Gemetzel im Wald so viele Orang-Utan-Waisen, dass die Tierschutzorganisationen in Indonesien sich weigern, sie aufzunehmen, und Tierschützer von der Uno empfehlen, sie einzuschläfern - das sei ein würdigerer Tod als von Macheten zerhackt zu werden."

Karl Ammann stammt aus dem beschaulichen St. Gallen. Es kann dort ganz schön eng werden: zwischen Rosenberg und Freudenberg, dem Flüsschen Steinach und der Sitterschlucht. Ammann zieht es schon früh hinaus in die Ferne. Er studiert Hotelfach an der berühmten Cornell University in Ithaca, New York. Dort lernt er Katherine kennen, eine Amerikanerin aus Connecticut.

Die beiden ziehen um die Welt. Karl arbeitet im Hotel Intercontinental in Nairobi, hilft wenig später in Kinshasa, den "Rumble in the Jungle" zwischen Muhammad Ali und George Foreman zu organisieren. 1978 folgt als nächste Station Kairo. Karl und Katherine heiraten 1980. Und dann wagen sie das richtig große Abenteuer. Statt in die Flitterwochen zu fahren, wollen sie in den Busch nach Afrika gehen. Eintauchen in eine andere Welt, mitten in die Wildnis.

Was sie dort erwarten? Was die meisten mit Afrika verbinden: "grenzenlose Weite, unberührte Natur, eine Vielfalt an menschlichen Kulturen und eine grundlegende, überall spürbare Mystik". In der kenianischen Massai Mara schlagen sie ihr Zelt auf - und werden nicht enttäuscht, sie bleiben zwei Jahre. Es ist eine aufregende Zeit. Damals wimmelt es hier noch von Löwen und Elefanten, einmal jährlich kommen die gigantischen Gnuherden aus der Serengeti hier herüber. Ammann liegt auf der Lauer, immer mit seiner Kamera. Ihm gelingen phantastische Aufnahmen: von Wildhunden auf der Jagd, Löwenmüttern mit ihren Jungen, kämpfenden Impalahirschen.

Wilderei wird zur Seuche

Als erstes erscheint Ammanns Bildband "Geparden", wenig später "Jäger und Gejagte", danach das Buch "Gorillas". Längst haben ihn und Katherine das Afrika- und das Fotofieber erfasst. Sie bauen eine Lodge in der Massai Mara auf, wenig später ein Gorillacamp in Ruanda.

Aber die achtziger Jahre sind auch die Zeit der gnadenlosen Wilderei in Ostafrika. Gerade auf Elefanten wird Jagd gemacht. In dieser Zeit, schreibt der kenianische Elefantenretter und Paläoanthropologe Richard Leakey, sei die "Elefantenwilderei fast zu einer Seuche des gesamten Kontinents geworden". Gab es allein in Kenia in den sechziger Jahren noch rund 170.000 Elefanten, existierten 1989 nur noch rund 19.000 in dem ostafrikanischen Land. Ammann wird Zeuge ihres Sterbens.

Er sieht aber auch, dass man dem Untergang der Tierwelt nicht tatenlos zusehen muss. Gerade Kenia ist dafür ein Beispiel. Als Leakey Ende der achtziger Jahre den "Kenya Wildlife Service" übernimmt und die Korruption radikal bekämpft, erholt sich plötzlich wieder die Elefantenpopulation. In dieser Zeit will auch Ammann nicht mehr nur Chronist sein, sondern handeln. Etwas tun. Er sieht, wie die Gorillas von Bürgerkriegsmarodeuren grausam gejagt werden. Er sieht, wie die Wildelefanten zu Buschfleisch zerlegt werden. Er sieht, wie die Löwen einen qualvollen Gifttod sterben, weil die Massai um ihre Herden fürchten und Köder auslegen.

Kadaver am Ufer

Er fährt jetzt immer häufiger in den Kongo. Als er auf dem legendären Kongofluss unterwegs ist, werden ihm zum ersten Mal die Dimensionen des Handels mit bushmeat bewusst. Auf dieser Flussfahrt allein zählt er etwa 2000 geräucherte und rund tausend frische Primatenkadaver.

Später macht er eine Reportage über das Aussterben der Schimpansen und rettet selbst ein Schimpansenbaby, das ihm windige Händler auf dem Kongo in die Hand drücken. "Die Mutter war massakriert worden", sagt Ammann, "das Baby wäre elendig krepiert. Wir nahmen es mit nach Hause und zogen es dort auf. Was sollten wir anderes tun?"

Katherine und Karl leben mittlerweile in Nanyuki, direkt im Schatten des Mount Kenya, des heiligen Bergs der Kikuyu. Es ist wunderschön hier, und sie haben Platz. Mzee, der Alte, wie sie den Schimpansen nennen, bekommt ein geräumiges Gehege. Er erholt sich, wächst heran, bekommt später noch Gesellschaft von der Schimpansendame Bili.

Aber reicht das? Ammann fährt jetzt immer häufiger nach Asien, auch nach Südamerika. Er stellt fest, dass nicht nur Afrikas Tierwelt dem Untergang geweiht scheint. Die Tiger in Asien sterben, und es stirbt der brasilianische Regenwald. Ammanns Bücher werden anklagender, die Bilder sind schockierend. Es wird immer schwerer, Verleger zu finden, und fast unmöglich, Sendeplätze für seine Fernsehdokumentationen zu bekommen. "Besonders im Dokumentarfilmbereich soll doch nur die heile Welt gezeigt werden", sagt Ammann, "aber die Welt ist nicht heil."

Drastische Fotos, viele Preise

Ammann zeigt Bilder von abgeschlagenen Gorillaköpfen in zentralafrikanischen Dörfern. Er zeigt Tigerpenisse auf südostasiatischen Märkten. Er macht Aufnahmen von Elefantenkadavern, die hauptsächlich wegen ihres Fleisches massakriert werden. Das Buch "Eating Apes" erscheint, eine leidenschaftliche Anklage gegen den Handel mit Buschfleisch, wenig später der Foto-Essay "Consuming Nature". 2007 wird er vom "Time Magazine" dafür zum "Hero of the Environment" ausgezeichnet, 2009 erhält er zum zweiten Mal den anerkannten "Genesis Award".

Aber er hat sich eine Sisyphusarbeit aufgehalst. Während im Westen etwa die Nachfrage nach Elfenbein drastisch gesunken ist, steigt Chinas Hunger nach seltenen Tieren. "Die Chinesen essen fast alles", sagt Ammann, "je seltener, desto besser, und was sie nicht essen, verarbeiten sie zu Medizin oder Nippes". Ammann war deswegen neulich beim Cites-Treffen in Genf. Cites ist die "Convention on International Trade" in "Endangered Species of Wild Fauna and Flora".

Cites will den illegalen Handel mit bedrohten Spezies überwachen und unterbinden. 175 Mitgliedstaaten haben das Abkommen ratifiziert. Auch China ist darunter. Ammann wollte des Cites-Vertretern, die einen hohen Anspruch an ihre Tätigkeit und eine große Aufgabe haben, seine Recherchen vorlegen. Sie haben ihm die Tür vor der Nase zugeknallt.

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Thilo Thielke

In die Südsee, Karibik oder an den Pazifik? Ans Kap der Guten Hoffnung oder nach Koh Lanta? In den Moloch von Bangkok oder Peking? Deutsche Auswanderer machen ihren Traum von einem neuen Leben wahr. Was treibt sie um? Was wollen sie in der Ferne? Fragen, denen SPIEGEL-Korrespondent Thilo Thielke in seiner Kolumne "Last Exit ... " nachgeht.