Last Exit Tat Kuang Si: Bärendienst im Busch

Aus Tat Kuang Si berichtet Thilo Thielke

Ein Engländer gibt seinen Job als Computerprogrammierer auf und zieht ins Hinterland von Laos. Er will seinem Leben einen Sinn geben - und das Leben von Kragenbären retten. Der Aussteiger hat Erfolg und verschafft zugleich einem Dörfchen eine ergiebige Einnahmequelle.

Bärenstation in Laos: Letzte Zuflucht
Fotos
Thilo Thielke

Das sind ganz schöne Kolosse, mit denen es Jude Osborne jetzt zu tun hat. 120 bis 190 Zentimeter groß, 150 Kilogramm schwer; ausgestattet mit gewaltigen Tatzen und einem Gebiss zum Fürchten. Die muskulösen Körper mit zottigem Pelz bedeckt. Und wehe, man reizt sie: Dann grunzen Osbornes Schutzbefohlene markerschütternd und wahrhaft furchterregend und fletschen die Zähne und zeigen die rasiermesserscharfen Krallen. Gut, dass sich zwischen Jude und seinen Schützlingen ein mehr als mannshoher Zaun befindet.

Denn ihm möchte man nicht schutzlos ausgeliefert sein: dem Ursus thibetanus, auch asiatischer Schwarzbär genannt oder Kragenbär - wegen der langen Haare im Halsbereich. Ein sowohl tag- als auch nachtaktiver Allesfresser aus der Ordnung Raubtier, der als natürlichen Feind - neben dem Menschen - allenfalls den Tiger gelten lässt.

Osborne, 40, findet die Tiere dennoch ganz possierlich. "Sind sie nicht süß?", will der Mann aus Hastings, Grafschaft East Sussex, wissen. Aber das ist natürlich bloß eine rhetorische Frage. Wenn er die Raubtiere nicht in sein Herz geschlossen hätte, hätte er wohl kaum seinen Job als Computerprogrammierer und Webdesigner hingeschmissen, seine sieben Sachen und seine Freundin Jane gepackt und wäre nicht in den laotischen Busch gezogen. Er hätte nicht sein vernieselregnetes Insulanerleben hinter sich gelassen und wäre nicht aus der virtuellen Welt getürmt.

Erst kamen die Bären, dann der Computer

Seit 2006 haust er jetzt schon hier in Tat Kuang Si, einem tropischen Flecken knapp 30 Kilometer südlich der alten laotischen Königsstadt Luang Prabang, die zum Weltkulturerbe gehört. Umgeben von 17 zähnefletschenden Raubtieren. In einem südostasiatischen Tropenstaat, in dem die Kommunisten herrschen. In einem der ärmsten Länder der Erde, in dem fast jeder dritte Erwachsene nicht lesen und schreiben kann und das Bruttoinlandsprodukt rund 3,6 Milliarden Euro beträgt - das der Hansestadt Hamburg ist fast 25-mal so hoch.

Er wollte eben mal was Sinnvolles tun, sagt Jude. Nicht immer bloß vor dem Monitor hängen, Geld verdienen, Geld verprassen, Zeit totschlagen. Und die Liebe zu den Tieren verfolge ihn ja schon länger. Bevor er ins Computergeschäft einstieg, hatte er das Verhalten der Tiere studiert. Schwerpunkt: Bären. Und Jude wusste, dass es den Vertretern der Gattung Ursidae nicht besonders gut geht. Am wenigsten in Südostasien.

"Sie werden als Haustiere an die Kette gelegt, in sogenannten Bärfarmen, wo ihre Gallenblase angezapft wird, in Miniaturkäfigen gehalten und in Restaurants zu Steaks verarbeitet", sagt Jude. "Die Tiere sind vom Aussterben bedroht, und wenn nicht bald etwas getan wird, ist es zu spät."

Jude wusste, das die Zeit rannte, dass die Weltnaturschutzunion "IUCN" den Kragenbären unter der Kategorie "gefährdet" führt, dass er im Washingtoner Artenschutzabkommen "Cites" im Anhang I gelistet und somit der internationale kommerzielle Handel mit ihm verboten ist. Aber er wusste auch, dass sich kaum jemand in Südostasien um diese Verbote schert und insbesondere Chinas Aufstieg zur Wirtschaftssupermacht den illegalen Tierhandel neu befeuert hat, dass ein vollständiges Tier 1000 Dollar und eine Gallenblase auf dem Tiermarkt rund 250 Dollar einbringen kann und dass das verdammt viel Geld ist in einem Land, in dem ein durchschnittliches Monatseinkommen vielleicht einhundert Dollar beträgt.

Schlachtung auf der Bärenfarm

Und wie das so ist in Hastings, London oder Manchester: Man redet und redet, und irgendwann stellt sich die Frage, wer eigentlich die Bären retten soll, wenn schon die studierten Bärenexperten nur noch vor dem Computer hocken und der realen Welt entfliehen.

Also zog Jude die Konsequenzen, nahm Kontakt zu der Tierschutzorganisation "Free the Bears" auf und bat um eine Aufgabe, die sein Leben verändern sollte. "Free the Bears" war 1995 von der Australierin Mary Hutton gegründet worden, nachdem diese die erschütternden Bilder aus einer sogenannten Bärenfarm gesehen hatte. Hier wurden Bären für den chinesischen Medizinmarkt förmlich ausgeschlachtet. Mary schwor zu helfen. Sie baute eine Bärenauffangstation in Kambodscha auf, später eine in Thailand, dann in Laos. Mittlerweile will "Free the Bears" 704 Tiere in sechs verschiedenen asiatischen Staaten gerettet haben.

Jude wurde zunächst dem Kambodschaprojekt zugewiesen. Kambodscha ist auch so ein Trümmerstaat, der sich nur mühsam von den Schrecken der kommunistischen Terrorherrschaft erholt. Ein halbes Jahr blieben er und seine Lebensgefährtin Jane Clegg hier und arbeiteten sich ein, dann schickte "Free the Bears" das Pärchen ins laotische Nachbarland, in dem bereits 2002 eine Bärenstation eingerichtet worden war.

18 Bären leben hier derzeit. 17 Kragenbären und ein kleiner Vetter, der Malaienbär. Sie haben es gut bei Jude und Jane: Bäume zum Klettern, einen kleinen Spielplatz, Schatten, viel Platz zum Herumtollen und genug Futter. Aber die Umstellung ist schwer. "Viele Tiere kommen völlig verängstigt bei uns an", sagt Jude, "nach den Jahren in klitzekleinen Käfigen fürchten sie die Freiheit, viele wagen nicht einmal, die Füße auf den Boden zu setzen." Nicht alle sind rehabilitierbar. Bären sind sensibel.

Bären bescheren Boom

Es ist eine mühsame Arbeit, die sich die beiden Briten im fernen Laos aufgehalst haben, aber sie gibt ihrem Leben einen Sinn und sie machen Fortschritte. Anfangs wurde das Projekt von den Einheimischen misstrauisch beäugt. Viele Jäger leben von dem, was die Natur dem Land geschenkt hat. Auf Robin Hoods, die ihren Wald schon im 19. Jahrhundert abgeholzt haben und sich nun einen neuen Forst suchen müssen, ist man in der Dritten Welt nicht gut zu sprechen. Aber bei Jude und Jane war das anders.

Die Bewohner von Tat Kuang Si haben gesehen, dass es sich durchaus lohnen kann, die Bären zu beschützen. Mehr als 200.000 Neugierige besuchen jedes Jahr die Station. Sie essen bei den Einheimischen und kaufen deren Souvenirs. Sie lassen viel mehr Geld in dem Dörfchen, als die 18 Bären von Jude und Jane eingebracht hätten, wenn man sie an Händler weiterverkauft hätte. Das ist ein kleiner Schritt, aber immerhin ein Anfang.

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  • Montag, 23.11.2009 – 06:17 Uhr
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Thilo Thielke

In die Südsee, Karibik oder an den Pazifik? Ans Kap der Guten Hoffnung oder nach Koh Lanta? In den Moloch von Bangkok oder Peking? Deutsche Auswanderer machen ihren Traum von einem neuen Leben wahr. Was treibt sie um? Was wollen sie in der Ferne? Fragen, denen SPIEGEL-Korrespondent Thilo Thielke in seiner Kolumne "Last Exit ... " nachgeht.







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