Leben am Amazonas "Einige haben noch nie einen Europäer gesehen"

Er berauschte sich an Froschgift, trat an zum Ringkampf gegen den Huka-Huka-Champion. Der Fotograf York Hovest hat akut bedrohte Urvölker am Amazonas besucht.

York Hovest/ National Geographic

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"Das Gift des Frosches schien wie ein Aufputschmittel zu wirken und im Wald waren alle Sinne extrem geschärft. Immer, wenn ich heute die drei Narben auf meinem Oberarm betrachte, erinnere ich mich an diese furchtlose Nacht."

York Hovest, 38, Fotograf aus München, war mit den Männern des indigenen Matsé-Volkes im Dschungel von Peru auf Jagd gegangen. Zuvor hatten sie sich mit glühenden Ästen Wunden zugefügt und ein Toxin in die Blutbahn gebracht, das zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit führt, einem Rausch, der sich auf alle Sinne auswirkt. "Man kann auf einmal viel besser riechen, sehen und hören und bewegt sich dadurch wie ein Tier", sagt Hovest. Für sein Buch "100 Tage Amazonien" hat er die indigenen Völker an einem der längsten Flüsse der Welt besucht.

Berauscht durch das Gift des Großen Baumfrosches war es viel leichter, sich an Tapire, Affen und Gürteltiere heranzuschleichen und die Stille der Nacht zu ertragen. Es war nur eine von unzähligen Erfahrungen, die für Hovest unvergesslich sind - und seine Faszination für die Ureinwohner Südamerikas erklären.

Von ihnen handelt sein nun erschienener Bildband (National Geographics), der dokumentiert, wie die letzten verbliebenen indigenen Völker heute unter dem dichten Blätterdach des Regenwaldes leben. Und der zeigt, wie stark bedroht dieses Leben ist. Durch Abholzung, den Klimawandel und den massiven Einsatz von Düngemittel auf den Palmölplantagen, für die die Industrie Platz geschaffen hat.

Monatelang ist Hovest durch Peru, Brasilien, Venezuela und Ecuador gereist und hat die Völker am Ufer des Amazonas bei ihren Ritualen und im Alltag beobachtet. "Einige der Jüngeren hatten vor meinem Besuch noch nie einen Europäer gesehen oder berührt", schreibt Hovest. Ihre Stämme hätten sich längst tief in den Regenwald an die verzweigten kleineren Flussläufe des großen Stroms zurückgezogen.

Ringkampf mit dem Huka-Huka-Champion

Die Anreise dorthin war entsprechend kompliziert. Mit kleinen Militärflugzeugen steuerte der Fotograf Landeplätze im Nirgendwo an - und von dort aus schlug er sich zusammen mit einheimischen Guides durch die Wildnis. "Oft ging es tagelang nur mit dem Einbaum-Kanu voran - und mit ganz viel Sprit an Bord."

Leben am Fluss: Ein Regenbogen erhebt sich über diesem Uferdorf
York Hovest/ National Geographic

Leben am Fluss: Ein Regenbogen erhebt sich über diesem Uferdorf

Doch das wahre Abenteuer begann erst, wenn Hovest auf die Ureinwohner traf. Der erste Kontakt entstand oft über die Kinder, die neugierig seine Kameraausrüstung betrachteten. Mit viel Gespür und Geduld lernte er dann ganze Dorfgemeinschaften kennen, aß mit ihnen, nahm an Ritualen teil und ging mit den Männern jagen.

In Venezuela ließ er sich zeigen, wie man die Spitze eines Speers mit dem Toxin des nur fingernagelgroßen Pfeilgiftfrosches benetzt, um damit Vögel, Wasserschweine, Großwild und kleinere Nager zu erbeuten. Und in einem Dorf in Brasilien focht er mit dem Huka-Huka-Champion Dida einen kleinen Trainingsringkampf aus.

"Ich hab eine Intuition entwickelt und kann mich mit Menschen auf der ganzen Welt unterhalten", sagt Hovest. Der Trick dabei? "Man muss einfach nur mal runterkommen, total im Off leben und sich auf andere einlassen." Dann bedürfe es keiner Worte mehr, dann würden Gesten, Mimik und manchmal auch ein Lachen ausreichen.

So gelang es dem Fotografen, ganz nah an die Menschen heranzukommen. Mit seinen Bildern liefert er ein intimes Porträt: Er zeigt, wie ein Ye'kuana-Mädchen das Gesicht seines Bruders mit einem klebrigen Harz schminkt. Wie ein paar Shuar-Jäger stolz ihre Waffen zeigen. Und den verträumten Blick einer Achuar-Mutter, die sich mit Federohrringen schmückt.

Leben am Rande der Palmölplantage

"Die Reise durch Amazonien war ein einziges Abenteuer", sagt Hovest. Doch um den eigenen Spaß ging es ihm nicht. "Ich wollte zeigen, welche Ausmaße die Zerstörung des Regenwaldes bereits hat - und was es dort zu erhalten gilt: eine Kultur, die mit der Natur eins ist."

Tragisch - und nur wenig tröstlich: "Die Menschen hier wissen gar nicht, dass sie bedroht sind", sagt Hovest. "Sie leben in Gebieten, die von Palmölplantagen und gigantischen Sojafeldern umgeben sind." Einige der bewohnten Dschungelabschnitte stünden kurz vor der Rodung - die bereits abgeholzten Flächen seien manchmal nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt gewesen. "Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich Mensch und Maschine dort gegenüber stehen."

Was dann kommt, so Hovest, ist das Ende für die, die hier leben. "Wenn Ölarbeiter und Missionare erst mit den Ureinwohnern in Kontakt kommen, dann übertragen sich Krankheiten - und dann ist ein Volk schnell ausgerottet." Ein Phänomen, das bereits vielfach in Südamerika vorgekommen ist. "Es ist niemand da, um der steten Abholzung Einhalt zu gebieten", schreibt Hovest, der sich mit seinem Buch für den Umweltschutz und für die Menschen im Regenwald einsetzen wollte. Die meisten Bauern hätten bereits dem Besitzer der Plantage ihr Land für geringfügige Summen verkauft.

Wie lange die Menschen auf seinen Bildern noch eine Heimat haben werden, ist ungewiss. Forscher rechnen damit, dass bestimmte Völker in Peru, von denen es nur noch einige Hundert Angehörige gibt, keine zehn Jahre mehr existieren. Und die Stämme, die den Schritt in die Zivilisation versuchen, verwahrlosen meist, weil ihre Fähigkeiten dort nichts wert sind.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
arikimau 15.10.2016
1. Solche Bilder sind immer schön, aber Moralisch fragwürdig
Man versucht diese Urvölker vor dem Einfluss der zivilisation schützen, damit sie ihren ursprünglichen Lebensstil beibehalten. Auch wenn ein Fotograf nur die besten absichten hat während er diese Fotos schiesst, wird er die Ureinwohner Neugierig machen. Jeder Kontakt ist schlecht... Gibt inzwischen zu viele Fotografen, die bei den letzten Urvölkern lebe wollen.
Ossifriese 15.10.2016
2. Seitenwahl
Zitat von arikimauMan versucht diese Urvölker vor dem Einfluss der zivilisation schützen, damit sie ihren ursprünglichen Lebensstil beibehalten. Auch wenn ein Fotograf nur die besten absichten hat während er diese Fotos schiesst, wird er die Ureinwohner Neugierig machen. Jeder Kontakt ist schlecht... Gibt inzwischen zu viele Fotografen, die bei den letzten Urvölkern lebe wollen.
Es könnte ähnlich kommen, wie mit dem Dodo. Als bekannt wurde, dass es nur noch wenige Exemplare dieses Vogels gab, begann ein Wettrennen der Museen, die unbedingt auch noch ein ausgestopftes Tier haben wollten. Mit dem Ergebnis - so wird es berichtet - dass auch die letzten dieser Art sehr schnell verschwanden. Man könnte denken, je weniger Naturvölker es auf der Welt gibt, um so begehrter sind sie als Untersuchungs- und Fotografierobjekte. Und um so "zivilisierter" werden diese Menschen. Bis sie ihr altes Leben ganz aufgeben. Aber wahrscheinlich ist dies der einzige Weg, der bleibt. Soll man sie mit Gewalt abschotten? Von beiden Seiten aus?
BettyB. 15.10.2016
3. Waaahnsinn
Die haben noch keinen "Europäer" gesehen? Ein Ding. Aber wohl selbstverständlich Afrikaner, Australier und Asiaten. Wer aber macht bei SPON die Überschriften?
hansa54 15.10.2016
4. Ich kenne viele,
die haben noch nie einen Schotten, einen Isländer, einen Letten, einen ... u.s.w. gesehen!
juyagar2012 15.10.2016
5. Dann haben sie
eventuell einen Amerikaner gesehen oder? Woher weiss der Autor, dass dieses menschen noch keinen Europäer gesehen?
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