Leben in Südkorea "Selten so viel Drama erlebt"

Viel Alkohol, viel Traurigkeit und immer alles schnellschnell: Der Reporter Sören Kittel hat in Seoul gelebt und erzählt, wie er die Südkoreaner erlebt hat.

DPA

Ein Interview von


Zur Person
  • Jun Michael Park
    Sören Kittel, 39, geboren in Dresden, studierte Ethnologie und Südostasienwissenschaften und ist Journalist und Reporter in Berlin. 2014 bis 2016 lebte er in Seoul und fuhr im Oktober 2017 zuletzt nach Südkorea. Über seine Erlebnisse schrieb er das Buch "An guten Tagen siehst du in den Norden: Südkorea zwischen Geistern und Glasfassaden" (DuMont Reiseverlag).

SPIEGEL ONLINE: Was ist das größte Fettnäpfchen, in das man in Südkorea treten kann?

Kittel: Zu unterschätzen, wie wichtig das Alter ist, und keinen Respekt Älteren gegenüber zu zeigen. Bei der Begrüßung, beim Essen, im Restaurant - in jeder Situation ist es wichtig zu wissen, wer der Älteste im Raum ist. Alles in der Gesellschaft ist auf den Altersunterschied abgestimmt, es ist sehr hierarchisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eineinhalb Jahre in Seoul gewohnt - was hat Sie erstaunt?

Kittel: Ich habe nie vorher so viel Alkohol getrunken wie dort, weil es einfach dazugehört. Oft lädt sogar der Chef ein. "Ich habe gestern getrunken" ist eine akzeptierte Entschuldigung, wenn man zu spät zur Arbeit kommt - selbst beim Konzern Samsung. Soju, den Reisschnaps sollte man sich nie selber eingießen - das würde als Zeichen von Alkoholismus gelten. Man wartet, dass der andere das leere Glas sieht und eingießt - das Glas sollte sowieso nie leer sein.

SPIEGEL ONLINE: Ist Alkoholismus ein Problem?

Kittel: Offiziell natürlich nicht. Aber Koreaner trinken zum Beispiel pro Kopf mehr Alkohol als Deutsche. Die Regierung arbeitet aber daran, dass sich die Trinkkultur in Firmen ändert.

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Südkorea: "Wie ein Shrimp zwischen zwei Walen"

SPIEGEL ONLINE: Unangenehmes wird überhaupt lieber verschwiegen, schreiben Sie in Ihrem Buch. Gilt es als Fauxpas, die Teilung des Landes anzusprechen?

Kittel: Nein, das finden Koreaner eher gut, sowohl im Norden als auch im Süden. Gerade Deutsche sind sehr beliebt in Südkorea - man wird auf der Straße umarmt: "Ach, ihr versteht uns!", heißt es dann, "ihr kennt das mit dem geteilten Land." Nach 70 Jahren Leben unter dem Damoklesschwert spielt die Teilung aber eigentlich keine Rolle mehr. Der letzte Raketenangriff interessiert nur noch Nordkorea-Spezialisten, der Rest geht zur Arbeit und kümmert sich nicht darum.

SPIEGEL ONLINE: Spürt man die Teilung im Alltag?

Kittel: Ja, an einem meiner ersten Tage in Seoul hat mich eine Sirene überrascht. Für 15, 20 Minuten hielten die Autos an, und alle gingen in Luftschutzbunker, in die U-Bahn-Stationen. Alle paar Monate wird so ein Drill durchgeführt und die ganze Stadt dafür in einem Ausnahmezustand versetzt. Für die Koreaner ist das normal.

SPIEGEL ONLINE: Südkorea hat sich seit dem Koreakrieg zu einem hochtechnologisierten Land entwickelt. Ppalli-Ppalli - schnell, schnell - ist die Devise, wie haben Sie das erlebt?

Kittel: Alles muss schnell passieren, Warten wird nicht verziehen. Gebäude werden schnell hochgezogen - mit der Kehrseite, dass Sicherheitsbestimmungen manchmal nicht eingehalten werden. Der Internetanschluss kommt schon am selben Tag, Hausfrauen holen sich das vorher per Internet Bestellte an der Supermarkttür ab, bei Starbucks hält man beim Getränkeabholen nur das Handy hoch - alles ist schon vorher bezahlt. Am Seouler Bahnhof werden die Tickets am Schalter im Sekundentakt ausgeben: Trotz langer Warteschlange sitzt man innerhalb weniger Minuten im Hochgeschwindigkeitszug.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderer Begriff, der viel über Korea erklärt, ist Han - man könne daran sterben, heißt es. Was bedeutet Han?

Kittel: Han ist eine traurige Grundstimmung, übersetzbar vielleicht mit "Weltschmerz", fühlbar nur als Koreaner. Es wird auch beschrieben als eine Trauer, die sich nicht auflöst, eine Rache, die man niemals nehmen kann, oder wie ein Knoten im Herzen. Han-Filme zum Beispiel sind unglaublich trist, erfüllt von großer Traurigkeit.

    1905 - Das Kaiserreich Korea wurde nach dem Russisch-Japanischen Krieg ein Protektorat Japans.

    1910 - Korea wird offiziell Kolonie des Japanischen Kaiserreiches und als Provinz Chosen eingegliedert. Kultur und Sprache der Koreaner werden unterdrückt.

    1945 - Nach der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg wird Korea unabhängig, aber unter den Siegermächten entlang des 38. Breitengrades aufgeteilt: Die Sowjetunion übernimmt die Verwaltung des Nordens, die USA die des Südens.

    1948 - Südkorea wird als Republik Korea und Nordkorea als Demokratische Volksrepublik Korea gegründet.

    1950 bis 1953 - Im Koreakrieg versucht Nordkorea die Einigung des Landes militärisch zu erzwingen.

    Seit 1953 bleibt Teilung der Koreanischen Halbinsel bestehen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese Art Nationaltrauer?

Kittel: Das Volk der Koreaner musste viel erleiden: Zum Beispiel wurde Korea 900-mal von Nachbarländern überfallen, zur Kolonialzeit bis 1945 wollten die Japaner die koreanische Sprache abschaffen, der Antrag auf Selbstständigkeit wurde von der Friedenskonferenz 1905 in Den Haag abgelehnt - eine unglaubliche Demütigung. Auch die Trennung ist ja nicht selbstverschuldet, die wurde den Koreanern von den Westmächten und China aufgedrückt. Die Koreaner sagen immer noch: "Wir sind der Shrimp zwischen den Walen" - also zwischen Japan und China.

SPIEGEL ONLINE: Han und die hierarchisch geprägte Gesellschaft wirken ja sehr gegensätzlich zu den bonbonbunten K-Pop-Videos und Soaps, die Korea in die ganze Welt exportiert - wie kann das sein?

Kittel: Alles gibt es gleichzeitig. Unter der Diskrepanz zwischen Tradition und der modernen Welt leidet auch die junge Generation, die ja viel reist und viel sieht. Zuhause küssen die Koreaner die Hand des Großvaters, und in der Firma müssen sie sich jede Entscheidung von oben absegnen lassen. Das hemmt unglaublich.

SPIEGEL ONLINE: Noch mal zu den Soaps: Spielt das Drama denn nur auf dem TV-Schirm?

Kittel: Nein, ich habe selten so viel Drama wie dort erlebt, auch im Zwischenmenschlichen. Schon in meinem Freundeskreis: Schwule Koreaner, die mit ihrem Freund zusammenleben und ihn konsequent als "besten Freund" vorstellen, oder Frauen, die ihren Männern verschweigen, dass sie ein Kind aus früherer Ehe haben, und sich heimlich mit diesem Kind treffen. Ein Freund erlebte auch das, was Koreaner Ghosting nennen: Nach einem halben, Dreivierteljahr meldete sich die Freundin ohne Erklärung einfach nicht mehr - nimmt das Telefon nicht ab, lässt sich bei der Arbeit verleugnen. Nachdem es ihm zum dritten Mal passiert war, meinte der, naja, vielleicht ist es hier einfach so. Eine Koreanerin wiederum erzählte mir, dass sie nur in ihrer unglücklichen Ehe bleibt, weil die Gesellschaft das will. Man lügt sich in Partnerschaften viel in die Tasche.

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Sören Kittel:
An guten Tagen siehst du den Norden

Südkorea zwischen Geistern und Glasfassaden

Dumont Reiseverlag; 384 Seiten; 14,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben die Olympischen Spiele begonnen - was halten die Koreaner davon?

Kittel: Wie bei vielen Themen haben sie auch dazu ein ambivalentes Verhältnis. Zum einen sind sie stolz, dass die Welt auf ihr entwickeltes Korea blickt, weil es sonst nicht so häufig erwähnt wird. Zum anderen haben sie auch Selbstzweifel und denken: Jetzt sehen wieder alle, was für ein korruptes Land wir sind. Schon genug, dass 2016 die Präsidentin Park Geun Hye wegen eines Korruptionsskandals nach Millionenprotesten zurücktreten musste. Auch der Leiter des Olympischen Organisationskomitees musste seinen Job abgeben, und bei der Errichtung des Olympischen Dorfes lief vieles krumm - dadurch schon liegt über Olympia ein Schatten.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck haben Sie am Ende Ihres Aufenthalts aus Südkorea mitgenommen?

Kittel: In Seoul bin ich immer zur selben Trockenreinigung gegangen. Dort habe ich immer alles auf Koreanisch geregelt und meinen Namen auf Koreanisch aufgeschrieben. Am letzten Tag habe ich mal auf den Abholzettel an der Wäsche geschaut - da stand dann nur Oigukin, Ausländer. Man bleibt doch immer der Weiße, der Ausländer, egal, wie sehr man versucht, sich anzupassen.

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postmaterialist2011 12.02.2018
1. Da fehlt aber einiges !
Der Autor erzählt leider so gar nichts über den Druck "perfekt"auszusehen, sprich sich Augen , Nase, Kinn etc. "verschönern" zu lassen. 16-jährige die zum Geburtstag eine Augenkorrektur geschenkt bekommen mit einem Gutschein sich mit 18 die Brüste machen zu lassen. Ich war und bin sehr viel in Korea und von einem Hightechland habe ich selten was mitbekommen. Das schnelle Internet muss eine Fiktion sein, da ich weder in Firmen, geschweige denn in 5-Sterne Hotels je wirklich schnelles Internet erlebt habe. Er vergisst zu schreiben, dass oft auch in guten Restaurants beim Essen jemand in der Nähe des Ausländers stehen bleibt weil es einfach spannend ist ihm beim Essen zuzuschauen. Selbst in teuren Restaurants werden Fische und Fleischstücke ganz brutal und wenig grazil mit Küchenscheren in kleine Teile geschnitten. Er vergisst auch, dass aufgrund des hohen Kimtschigenusses eine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln so gar kein Genuss sind, weil es vor Knoblauchfürzen und -aufstossern schon am frühen Morgen nur so wimmelt. Ich wundere mich immer wie junge Mädchen hier aufgrund der aseptischen K-Pop SIng- und Tanzroboter alles Koreanische vergöttern, obwohl sie noch nie dort gewesen sind. Ich für meinen Teil fliege lieber nach Japan oder China als Korea, da Japan das viel bessere Essen hat und die Menschen in China sehr viel spontaner und witziger sind.
123Valentino 12.02.2018
2. Habe ...,,
gleiche Erfahrungen in Asien gemacht, es wird gelächelt aber ein Teil der Gesellschaft wird man nicht. Man wird mit Höflichkeit erschlagen, mag sein , dass das an der , vermutet, gefüllten Geldbörse liegt, ich glaube alles Fremde ist dort nicht wirklich gern gesehen. Man lebt die allgegenwärtige Korruption öffentlich aus, das geht dann soweit , der unterlegene der Gouverneurswahlen , fordert seine „gespendeten“ Gelder zurück, öffentlich. In meinem Gastland , war das Saufen dafür kein Problem.
caberle 12.02.2018
3. @2
Ich kenne das so: Man stellt oft fest, wie respektlos Europäer doch sind und ich durfte mir das auch oft anhören. Dabei geht es teilweise um Kleinigkeiten in der Kommunikation. Mir gehtg es oft so, dass ich gefragt werde, ob ich im diplomatischen Dienst tätig sei. Auch habe ich kaum das Problem, dass man versucht mich zu übervorteien (z.B.im Taxi), wie andere oft berichten. Natürlich ist es auch so, dass ich vorher an einem neuen Ort mir schon ein paar Locations herausgesucht habe und dann davon erzähle und wenn man mich fragt, war ich schon oft dort. Es gibt auch oft Einladungen und das ein oder andere Kartenspiel verbindet dann auch. In Deutschland bin ich nicht "mehr" Teil einer Gesellschaft. Was will man denn mehr noch? Als ich mal Hilfe brauchte, wurde mir auch finanziell geholfen. Dann hilft man auch wieder. Bei Geschäftstreffen hieß es "ach, in der Branche verhalten sich die Leute doch überall gleich"...da meinte ich dann "ja, ich fühle mich hier wie in München!".
kopfball123 12.02.2018
4. Asien ist gefangen zwischen Moderne und Mittelalter
Nur weil man hohe Wolkenkratzer bauen kann, in großen Städten lebt und alles mit dem Handy bezahlen kann heißt das nicht dass man ein wirklich modernes Land oder Kontinent ist. Es ist ja nicht nur in Korea so dass die Kultur sehr hemmend für die Menschen dort ist, die jungen Asiaten die ich getroffen habe (sowohl in Ostasien als auch Europa) empfinden es auch als sehr belastend dass alles von den Alten bestimmt wird und alles immer nur ums "Gesicht" geht und nicht daran was man wirklich macht oder wer man wirklich ist. Dagegen unternehmen tun aber die wenigsten was und lassen sich von ihren Eltern und den Älteren dominieren. Gleichzeitig wird gerade in Ostasien allerdings die Kultur als dem Westen weit überlegen angesehen, weswegen es sehr schwer ist etwas daran zu ändern, da man die Kultur um jeden Preis erhalten will. In China hat man die Kultur buchstäblich dem Erdboden gleich gemacht vor ein paar Jahrzehnten, aber auch dort besinnt man sich ja wieder mehr und mehr auf die alte asiatische Kultur anstatt den Blick nach vorne zu richten. Das Asiatische Jahrhundert wird keins werden wenn die asiatischen Länder nicht auch kulturell mal in der Moderne ankommen.
idris_yapca 12.02.2018
5. Gasrfreundlichkeit
in keinem anderen Land das ich bis heute besucht hatte, waren die Menschen in Korea mit Abstand am freundlichsten. So etwas habe ich bis heute kein zweites Mal erleben dürfen! Einfach nur schön. Man muss es gesehen und erlebt haben. Nachdem ich auch noch erzählt hatte, dass ich türkische Herkunft habe, wurde die Gastfreundlichkeit nochmals überboten. Vielen Dank Ihr lieben Koreaner. Meinen Urlaub bei euch werde ich nie vergessen!
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