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Libysche Wüste: Meer ohne Wasser

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Der Süden Libyens zählt zu den trockensten Regionen der Erde. Sanft geschwungene Dünen, endlose Kiesebenen und geheimnisvolle Seen prägen das Gesicht der Sahara. Doch ein gigantisches Entwicklungsprojekt von Staatschef Gaddafi bedroht die Naturwunder.

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Die "Mutter allen Wassers" liegt inmitten grenzenloser Ödnis. Goldenes Abendlicht taucht den dunkelblauen Umm al-Maa' in surrealen Zauber, ein leiser Wind spielt im tiefgrünen Schilfgras am Ufer. An den Palmen funkeln rotbraune Datteln, rund um die langgezogene Verheißung der Fruchtbarkeit aber lagern die trügerisch sanften, lebensfeindlichen Dünen. Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann dieses Wunder nicht begreifen, heißt es.

Wie könnte man auch?

Das muss man selbst erlebt haben: Stundenlang in einem Geländewagen über das Sandmeer kurven, hoch die Düne, runter die Düne, das Auto bei über 40 Grad Hitze anschieben, wenn es im mehlfeinen Mergelsand stecken bleibt, erleichtert aufatmen, wenn die Sonne sinkt und der Sand sich mit der Kühle des Abends wieder "schließt", wie es die Tuareg nennen. Schließlich mit Schwung auf eine besonders hohe Düne hinaufpreschen – und dann glänzt er dort wie ein Spiegelbild des Gartens Eden: ein palmengesäumter See. Ein Bad im Meer könnte nicht erfrischender sein als ein Sprung in dieses Wüstenwasser.

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SPIEGEL ONLINE
Wüstenpanorama: Streifzug durch die Dünen Libyens
Die Mandara-Seen im Sandmeer Idhaan Ubaari zählen zu den schönsten Naturschätzen Libyens. Wie viele es sind, ob 10 oder 15, ist bis heute ungewiss, einige der kleineren Gewässer trocknen zeitweise aus, füllen sich dann aber wieder wie von Geisterhand getränkt. Vermutlich spielt das Schwanken des Grundwasserpegels eine Rolle, doch vollständig erklärbar ist das Wunder ebenso wenig wie die Frage, warum die Seen nicht versanden.

Sie sind vermutlich Überreste jenes riesigen Gewässers, das vor rund 400.000 und noch einmal vor 200.000 Jahren das heutige Saharabecken füllte. Eine Theorie besagt, dass zwar stetig Sand in die Seen rieselt, dass an deren Grund aber regelmäßig Hohlräume einbrechen und die Gewässer wieder vertiefen.

Abdul Ibrahim hat eine andere Erklärung. "Der Sand respektiert das Grab von 'Uun", sagt der Silberhändler, der am Rande des Qabruun-Sees mutterseelenallein in einer Hütte lebt und Schmuck an Reisende und libysche Jugendliche verkauft, die gelegentlich auf Pick-ups hierher kommen, um eine Nacht unter Sternen zu verbringen. Dieser größte der Seen soll einst von dem Lokalheiligen 'Uun entdeckt worden sein, dessen Grab am Rande einer 80 Meter hohen Düne direkt am Ufer verehrt wird.

Jeder Arztbesuch ist eine Weltreise

Schnitt: Zwei Tagesreisen und rund 400 Kilometer südwestlich tritt der Muezzin Abdarrahman Babar pünktlich zum Nachmittagsgebet aus seinem Haus neben der Hauptmoschee in der Oasenstadt Ghat. Die Familie des 43-Jährigen stellt seit 600 Jahren den Gebetsrufer, Abdarrahman hat das Ehrenamt vor 15 Jahren von seinem Großvater übernommen. Zwar besitzt er noch ein Heim im Neubauquartier, doch kommt er jeden Tag in die Altstadt, um seines Amtes zu walten. Gern erinnert er sich an früher: "Direkt vor der Moschee war der Gerichtsplatz. Dort saßen die Alten und hielten Rat."

Buchtipp
Florian Harms, Lutz Jäkel:
"Libyen"

Land zwischen Wasser und Wüste.
Christian Brandstätter Verlag; 216 Seiten, 69 Euro.

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Heute sitzen die Menschen einige hundert Meter weiter in modernen Häusern mit fließendem Wasser und Satellitenfernsehen. Das traditionelle Altstadtleben ist verschwunden. "Wir haben in Ghat heute gute Lebensbedingungen, aber die Wege in größere Städte sind zu weit", sagt Abdarrahman. "Wenn jemand einen Facharzt braucht, muss er eine halbe Weltreise unternehmen."

Seine sechs Söhne und drei Töchter haben ihrer Heimatstadt längst den Rücken gekehrt. Doch Abdarrahman kann nicht gehen, schließlich ist seine Familie für die Moschee verantwortlich. Und irgendwann wird einer seiner Söhne oder Enkel das Amt von ihm übernehmen müssen.

Die Erde als spiegelglatte Scheibe

Drei weitere Tage später, 600 Kilometer östlich von Ghat, gibt es keine Farben außer einer: Dunkelgelb. Links, rechts, vorne, hinten - die Erde ist eine spiegelglatte, gelbe Fläche aus staubfeinem Sand. Zumindest scheint es so. Weil hier jegliche Konturen von Pflanzen oder Steinen fehlen, verliert das menschliche Auge im gleißenden Sonnenlicht seine Orientierung. Ein unheimliches Gefühl. Als Autofahrer erkennt man nicht mehr, ob man bergauf, bergab oder geradewegs auf eine Bodenschwelle zu rast. Manche Reisende sollen so in den Tod gefahren sein.

Abends wirft die Sonne dagegen 30 Meter lange Schatten auf den orangefarben schimmernden Sand. Der Wind verstummt, und die Stille legt sich wie eine Glocke über die Dünen. Während am Firmament das Feuerwerk der Sternschnuppen beginnt, hört man nur noch ein einziges Geräusch: das Rauschen des eigenen Blutes in den Ohren.

Das ist die Wüste.

Sie kann die unterschiedlichsten Gestalten annehmen, und einige ihrer schönsten Formen offenbart sie in der Sahara, der mit neun Millionen Quadratkilometer Fläche größten Wüste des Erdballs. Seit sie sich vor etwa 5500 Jahren mehr oder weniger zu einer Vollwüste wandelte, bedeckt sie den größten Teil Nordafrikas: 6000 Kilometer vom Atlantik bis zum Roten Meer, 2000 Kilometer vom Mittelmeer bis zur Sahelzone. Ihre trockensten Abschnitte heißen Libysche Wüste.

Tagelang fahren, ohne einer Menschenseele zu begegnen

Reisen in Libyen
Beste Reisezeit ist Oktober bis Mai. Touristen brauchen ein Visum des libyschen Generalkonsulats in Bonn (Tel. 0228-820090). Im Pass dürfen keine israelischen Stempel sein. Am günstigsten reist, wer auf die tunesische Insel Djerba fliegt und sich von einer libyschen Reiseagentur abholen lässt. Libyens Wüstengebiete dürfen nur mit Führer bereist werden.

Drei der besten Agenturen:
Safari Tours: www.safari-tourism-services.com
United Tours: www.unitedtours-libya.com
Rose de Sable: www.roselibya.com
In diesem Gebiet, das auch den Westen Ägyptens und den Nordwesten des Sudan einschließt, fände ganz Westeuropa Platz, die Region zählt zu den niederschlagärmsten der Erde. Jahrzehntelang fällt kein Regen, die Luftfeuchtigkeit liegt im einstelligen Bereich. Im Sommer herrschen tagsüber bis zu 55 Grad, nachts kühlt es stark ab, da es über der Sahara keine Wolkendecke gibt, die die Wärme am Boden hält. So kommt es zu Temperaturschwankungen von bis zu 50 Grad, wodurch das Gestein zerbirst. Durch Verwitterung entsteht schließlich der Sand, der vom Wind fortgetragen wird und sich an Erhebungen sammelt: die Geburtsstunde der Sanddünen.

Doch Dünen - die Libyer nennen sie "Idhaan" oder "Bahr bilaa Maa'", "Meer ohne Wasser", – bedecken nur 20 Prozent der Sahara-Fläche. Häufiger sind Hochplateaus aus Fels und Schotter sowie Basalt- oder Lavawüsten. Stundenlang hoppelt man in einem Geländewagen über schwarze Steinbrocken und legt doch nur wenige Kilometer zurück.

Am Abend kennt man jeden einzelnen seiner Knochen. Die größten Flächen der Sahara nehmen aber Feinkies-Tiefebenen ein, in denen man tagelang geradeaus fährt, ohne auch nur einem einzigen Menschen zu begegnen.

Wo heute Ödnis herrscht, war nicht immer Trockenheit. Aufgrund von Klimawechseln war das Gebiet der Sahara im Verlauf der Erdgeschichte mehrmals mit Wasser bedeckt. Noch heute liegen im Sand versteinerte Muscheln – und das Wasser ist nicht vollständig gewichen. Bei ihren Bohrungen fanden Erdölunternehmen gigantische Vorkommen fossilen Wassers aus unterirdischen Seen, die sich nach der jüngsten Eiszeit vor 20.000 bis 30.000 Jahren bildeten.

Dieser Schatz ist vielleicht Libyens wichtigstes Kapital, noch vor Öl und Gas. Denn im trockensten Staat des Maghreb sind nur vier Prozent der Landesfläche landwirtschaftlich nutzbar. Jedes Jahr müssen Tonnen von Getreide, Gemüse und Obst für die rasch wachsende Bevölkerung importiert werden.

Im Kampf gegen die Wasserknappheit initiierte Staatschef Gaddafi den "Großen Künstlichen Fluss": Das Wüstenwasser soll abgepumpt und durch gewaltige Rohrleitungen an die Küste geleitet werden, wo 90 Prozent der Einwohner leben. Das erste Teilstück des 25 Milliarden Dollar teuren Projekts ist trotz zahlloser Rückschläge bereits in Betrieb. Doch wie lange das Wasser reichen wird, ist umstritten. Zudem befürchten Geologen, dass Naturwunder wie die Mandara-Seen darunter leiden könnten, weil der Grundwasserpegel sinkt.

Es würde das Gesicht der Sahara für immer verändern.

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