Likörherstellung auf Curaçao Bitter macht blau

Den originalen Blue Curaçao gibt es nur in der Karibik: Nach einem 115 Jahre alten Rezept entsteht das hochprozentige Gebräu in einem einzigen uralten Kupferkessel. Die Nachfrage auf der Herkunftsinsel ist enorm - auch weil die wichtigste Zutat nur hier wächst.

Von Nina Mareen Spranz

Likeurfabriek Chobolobo

Kurz bevor Senior den berühmtesten Likör der Karibik erfand, saß er auf der Terrasse seiner Plantage und starrte missmutig auf die frisch geernteten Früchte in seiner Hand. Seine Bäume sollten große, saftige Valencia-Orangen hervorbringen. Stattdessen gab es golfballgroße Schrumpelpomeranzen, die bitter schmeckten.

"Und das war ein Glück für Curaçao - und für uns", sagt John Bradshaw, Produktionsleiter bei Senior & Co. "Wären seine Orangen nach Plan gewachsen, hätte Senior niemals unseren weltbekannten Likör erfunden." Senior, so will es die Legende weiter, griff nach dem deprimierenden Ernteerlebnis nach ein paar getrockneten Schalen der Frucht. Braun und hart lagen sie in seiner Hand, völlig geruchlos. Wütend zerbrach er eine davon - sofort lag ein intensiver bittersüßer Geruch in der Luft.

Senior soll daraufhin begonnen haben, mit der Gewinnung von Alkohol aus den Schalen zu experimentieren. Denn für Limonade oder Saft war die Frucht, die in der lokalen Kreolsprache Laraha heißt, viel zu bitter. Nicht einmal die wilden Ziegen zeigten Interesse.

Das war vor 115 Jahren. Die Not wurde zur Tugend, zum Markenzeichen. Der Likör ist ein echtes Yiu di Kòrsou, ein Kind Curaçaos. Denn Larahas wachsen nur auf den Islas Inutiles, den nutzlosen Inseln, wie einst die eroberungswütigen Spanier Curaçao und das benachbarte Aruba getauft hatten. Mangelnder Regen, viel Sonne und der harte, für Landwirtschaft kaum geeignete Boden hatten sie zu diesem Namen inspiriert.

Likörrezept von 1896

"Damals versuchte man, Alkohol aus allem Möglichen herzustellen", erzählt John, fein geschwungener grauschwarzer Schnurrbart, hellblaues Polohemd. "Senior fing an, die getrocknete Pelle der Orangen zu kochen und kam nach einer Weile auf ein sehr leckeres Rezept", sagt John.

Ein Rezept, das heute noch verwendet wird: "Die Art, wie wir unseren Likör im Jahr 2011 herstellen, ist exakt die gleiche wie 1896." Auf winzigen zehn Quadratmetern produziert das Unternehmen Senior & Co jährlich zwischen 40.000 und 60.000 Liter Curaçao-Likör. Die Hilfsmittel: ein 115 Jahre alter Kupferkessel, ein blaues Fass, ein silberner Tank und eine Abfüllanlage.

Gearbeitet wird hier nur von Montag bis Freitag. No stress. Zu Beginn einer jeden Produktion werden elf überdimensionale Teebeutel aus Jute geschnürt, die an Turnbeutel von Grundschulkindern erinnern. Darin: reichlich getrocknete Schalen der schrumpeligen Laraha. Dazu kommen vier überaus geheime, importierte Gewürze und Kräuter.

Dann wandern die elf Beutel in den greisenhaften Kupferkessel, der mit 96-prozentigem Alkohol aufgefüllt wird. "Die Idee ist, dass wir eine Art Tee herstellen. Die Aromen der Larahas und der Gewürze sollen in den Alkohol übergehen", sagt John. Drei Tage lang kocht der Bitterorangentee, danach zieht er einen weiteren Tag ohne Hitze gut durch. Die "Teebeutel" werden entfernt, der Tank mit Wasser aufgefüllt und dem Gebräu erneut ordentlich eingeheizt.

Ein tödliches Gemisch

Wenn der aromatische Alkohol verdampft, fängt er sich an kühlen Rohren. Das so gewonnene Destillat tropft drei Tage lang in besagtes blaues Fass, bis exakt 208 Liter zusammengekommen sind. "Wer davon kostet, stirbt wie eine Kakerlake - der Alkohol ist viel zu konzentriert." John hält einen Fingerhut der klaren Flüssigkeit vor sich. Es duftet stark nach Bitterorange und Alkoholdampf.

Jetzt kommt der Silbertank ins Spiel: Das Destillat wird mit 400 Kilogramm Zucker gemischt und dann mit Wasser und einem neuerlichen Schuss Alkohol auf 1800 Liter aufgefüllt. "Wenn du Diabetiker bist wie ich, lass bloß die Finger vom Blue Curaçao", warnt John. Nun noch drei Tage filtern, ein Tag Abfüllung, dann kann der Prozess von neuem beginnen.

Eine Steigerung der Produktion scheitert an der Größe der Manufaktur: Vier Angestellte und nur ein Kupferkessel. "Ich habe versucht, einen zweiten zu bekommen. Auf der ganzen Welt habe ich gesucht, aber nichts Vergleichbares gefunden", sagt John. Man mag sich nicht vorstellen, was wohl aus dem Blue Curaçao werden soll, wenn der Kessel eines Tages seinen Geist aufgibt.

Blaue Farbe war Zufall

Der Mär zufolge kam das Gesöff zwar bei Seniors erstem Destillat blau aus dem Kessel - eine chemische Reaktion zwischen dem Kupfer und dem Alkohol wird vermutet. Danach jedoch entstand immer nur ein klarer Brand. Lebensmittelfarbe sorgt seitdem für die durchdringende Färbung, die es heute nicht nur in Blau, sondern auch in Grün, Rot, Gelb und Orange zu bestaunen gibt. "Es stört den Geschmack nicht, darauf kommt es an. Und die Idee, es Blue zu nennen, war gut. Mit dem Namen Curaçao haben sie aber einen schweren, einen sehr schweren Fehler gemacht", sagt John.

Denn Orte und Landschaften sind als Markennamen nicht patentierbar. Als dem Wettbewerb klar wurde, dass sich mit dem Likör Geld verdienen lässt, wurde imitiert, was die Destillen hergaben. "Du kannst in deinem Hinterhof irgendeinen Alkohol zusammenrühren und ihn Curaçao nennen, wir können nichts dagegen tun", erklärt der Produktionsleiter.

Das wohl bekannteste Imitat ist das Produkt aus dem niederländischen Hause Bols. Auch ein lokaler Konkurrent, die Firma Leáñez, produziert einen blauen Alkohol mit Bitterorangengeschmack. "Aber wir sind die Einzigen, die sich als 'Genuine Curaçao of Curaçao Liqueur' bezeichnen dürfen."

Was andere Produzenten von Markenartikeln in den Wahnsinn treiben würde, sorgt in der Chefetage des Hauses Senior für keinen Ärger. Im Gegenteil: "Die anderen Hersteller machen gute Marketingarbeit für uns: Sie steigern die Bekanntheit von Blue Curaçao. Früher oder später wollen alle das Original haben - und kommen zu uns." John steht nun in der Mitte der kleinen Empfangshalle und zeigt auf einen gerade angekommenen Bus, aus dem Touristen an die Probiertische stürmen. "Jedes Jahr kommen Zehntausende her. Der Likör hat die Insel berühmt gemacht. Ohne ihn, da bin ich mir sicher, hätten wir längst nicht so viel Tourismus. Und alle kaufen eine Flasche des echten Curaçao."

In Europa nirgends zu kaufen

Außerhalb der Karibikinsel ist es kaum möglich, eine Flasche authentisches Gebräu zu bekommen. Ein klitzekleiner Teil der Produktion nur wird über einen Distributor in die USA exportiert. Der Rest? "Jeder einzelne Tourist ist unser Distributor. In Europa gibt es keinen Laden, in dem du eine Flasche von uns kaufen kannst."

Mit ihrem einsamen alten Kupferkessel kann die Firma sowieso nicht genug produzieren, um ihr Produkt weltweit anzubieten. Auch die Zahl der Laraha-Bitterorangen ist begrenzt: Ein einziger Mensch namens Costa betreibt heute eine Plantage auf Curaçao. Seine 42 Bäume lassen sich zweimal pro Jahr ernten und liefern 900 Kilogramm getrocknete Orangenschale. Der Farmer ernte die Früchte, trocknet und schneidet die Schale mit einem Holzmesser in vier gleiche Teile. "Ein Metallmesser würde den Geschmack ruinieren", erklärt John.

Dann liefert Costa die Schalen für 25 Florin, umgerechnet etwa 10 Euro, bei der Chobolobo-Fabrik ab. Wohl kaum etwas, wovon man leben kann. Es ist ein Hobby, denn eigentlich sorgt Mister Costa auf Curaçao als Polizist für Recht und Ordnung. Er ist dennoch der einzige semiprofessionelle Lieferant, und das macht es auch für Wettbewerber schwierig, die Originalzutat für eine eigene Produktion zu bekommen. "Außerdem kaufen wir auch jedem, der uns seine getrockneten Laraha-Schalen bringt, die Ernte ab."

Nur wenige Insulaner pflanzen allerdings den Baum im heimischen Garten. Viele Einheimische bevorzugen sowieso Rum oder Whiskey. Zum Glück für die Zehn-Quadratmeter-Destillerie: "Sonst bliebe vielleicht nichts für unsere Besucher von Alaska bis Australien übrig - und wir könnten uns nicht mehr Botschafter Curaçaos nennen", sagt John.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
SNA 17.08.2011
1. Hmmm
Zitat von sysopDen originalen Blue Curaçao gibt es nur in der Karibik: Nach einem 115 Jahre alten Rezept entsteht das hochprozentige Gebräu in einem einzigen uralten Kupferkessel. Die Nachfrage auf der Herkunftsinsel ist enorm - auch weil die wichtigste Zutat nur hier wächst. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,778384,00.html
wie eine zehnsekündige Internetrecherche ergab, gibt es das Konkurrenzprodukt von Bols nicht erst seit 2006, wie in dem Artikel behauptet....
gsa 17.08.2011
2. Bols Curacao seit 2006?
In meiner Miniaturensammlung habe ich ein Fläschchen Bols Curacao aus den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts. Irgendwas stimmt bei der Recherche des Artikels nicht.
ohne_sorge 17.08.2011
3. Kein Titel
Zitat aus dem Artikel: "Das wohl bekannteste Imitat ist das Produkt aus dem niederländischen Hause Bols, seit 2006 auf dem Markt". Sorry SPON, aber meine Eltern hatten schon in den 80ern Blue Curacao von Bols und ich selbst hatte schon Mitte der 90er eine Flasche gekauft. Wahrscheinlich ist Blue Curacao von Bols aber deutlich älter. Siehe Wikipedia (en): "Lucas Bols was born in 1652. His era corresponded with the Dutch golden age, when the Netherlands were a colonial power, and led the world in international commerce. The Dutch East India Company, of which Lucas was a major shareholder, brought exotic herbs, spices and fruits back to Amsterdam, and these were used to create new liqueurs and genevers. Many of the recipes from that period, such as Blue Curaçao and Crème de cacao, remain popular to this day." Also gibt es den Blue Curacao seit dem 17. Jahrhundert!!!
chrboel22 17.08.2011
4. Product-Placement bei Spiegel-Online?
Nanu, irgendwie kann ich mich der Frage nicht entziehen, ob Product-Placement jetzt auch bei Spiegel-Online Einzug erhalten hat ?
Jonny_C 17.08.2011
5. Interessanter Artikel !
Danke SpOn, sowas lese ich immer gern. Gute Rezepte !!! Allerdings ein ganz kleiner Hinweis, den nachgemachten "Blue Curacao" von der Firma Bols gibt es schon wesentlich länger als die von Euch angegebe Jahreszahl 2006. Auch im original Cocktail "Swimming Pool" ist Blue Curacao, meinen ersten davon habe ich schon in den 80igern getrunken....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.