Los-Angeles-Tagebuch Am Schabbat fährt Frau Rabbi zum Baseball

Eine bekennende Lesbe führt eine jüdische Gemeinde in West-Hollywood, schließt Ehen, predigt gegen den Krieg und sammelt Modelle von Raumschiffen.

Von Henryk M. Broder


Rabbinerin Denise Leese Eger: "Erste bekennende lesbische Rabbinerin der USA"
Henryk M.Broder

Rabbinerin Denise Leese Eger: "Erste bekennende lesbische Rabbinerin der USA"

West-Hollywood ist eine selbständige Gemeinde innerhalb von Los Angeles, mit eigener Verwaltung, eigenem Bürgermeister, eigenem Sheriff, eigenen Steuern und 60.000 Einwohnern auf knapp zwei Quadratmeilen. Auch die Zusammensetzung der Bevölkerung ist sehr eigen: Zu einem Drittel Senioren, zu einem Drittel Juden und zu einem Drittel Lesben und Schwule. Was etliche Kombinationen ergibt: alte Juden, schwule Juden, schwule Senioren, alte Heteros, junge Schwule, hetero Juden, hetero Senioren - und alles dazwischen.

"West-Hollywood ist eine Welt für sich", sagt Denise Leese Eger. Die kleine, kräftig gebaute Frau lebt seit fast 24 Jahren in Kalifornien. 1960 bei Pittsburg/Pennsylvania geboren und in Memphis/Tennessee aufgewachsen ("Nicht weit von Elvis!"), kam sie 1980 nach L.A., um an der University of Southern California "Jewish Studies" zu hören. Sie studierte ein Jahr am Hebrew Union College in Jerusalem, wurde 1988 in New York zur Rabbinerin ordiniert und ging nach L.A. zurück.

Gleich darauf übernahm sie ihre erste "Congregation", das "Beit Chaim Chadaschim" (Haus des Neuen Lebens), eine Synagoge für schwule und lesbische Juden, damals eine der Ersten dieser Art in den USA. Das "Haus des Neuen Lebens" wurde 1972 gegründet. Von zwölf Juden, die sich anfangs in einer Kirche trafen, dem Metropolitan Community Temple, "weil sie nicht wussten, wo sie sich sonst treffen sollten, es war mehr sozial als religiös". Denise Leese Eger wurde der erste "full time rabbi" der kleinen Gemeinde am Pico Boulevard. "Ich war damals 28 Jahre alt, die AIDS-Krise war auf dem Höhepunkt, und meine wichtigste Aufgabe bestand darin, Kranke zu besuchen und Begräbnisse zu organisieren. Es war ein Alptraum."

"Ich lebte in einem Schrank aus Plexiglas"

Sie selbst hatte während ihres Studiums nach der Parole gelebt "Don't ask, don't tell": "Meine Freunde wussten, dass ich lesbisch bin, alle anderen wollten es nicht wissen. Ich lebte in einem Schrank aus Plexiglas." 1992 spaltete sich die Gemeinde, "wegen persönlicher Differenzen", über die sie nicht sprechen mag. Etwa drei Dutzend Dissidenten gründeten eine eigene Synagoge und gaben ihr den Namen "Kol Ami", die "Stimme meines Volkes". - "Das klang irgendwie französisch und war auf Amerikanisch gut auszusprechen."

Congregation Kol Ami: "Bei einer Party können Männer mit Männern tanzen und Frauen mit Frauen"
Alex Gorski

Congregation Kol Ami: "Bei einer Party können Männer mit Männern tanzen und Frauen mit Frauen"

Fast zehn Jahre lang hatte die Gemeinde kein eigenes Haus, man kam in der "Presbyterian Church" von West-Hollywood zusammen, einer Kirche für schwule und lesbische Protestanten, die den jüdischen Brüdern und Schwestern ihre Hilfe anboten. Im Oktober 2002 wurde dann die Synagoge an der Ecke La Brea/Lexington eingeweiht, am Rande von West-Hollywood. Das Grundstück und der Bau hatten mehr als zwei Millionen Dollar gekostet, das Geld wurde von den Gemeindemitgliedern aufgebracht.

Heute gehören der "Congregation Kol Ami" über 300 "Haushalte" an - Denise Leese Egers vermeidet an dieser Stelle das Wort "Familien" - davon ist ein Drittel "straight", und deren Anteil wird immer größer. Warum wollen "normale" Juden einer schwulen Synagoge angehören? "Weil sie die progressive, liberale Atmosphäre schätzen." Wie zum Beispiel April und Steve, die bald heiraten und von Denise getraut werden wollen. Und warum brauchen schwule Juden ein eigenes Gotteshaus? "Weil wir uns hier nicht verstellen müssen. Bei einer Party können Männer mit Männern tanzen und Frauen mit Frauen, und wenn ein Partner stirbt, dann kann der andere das Totengebet für ihn sagen."

Außerdem hat eine schwule Synagoge eine andere "political agenda": "Wir kämpfen für die Homo-Ehe, das ist für uns das wichtigste Ziel." In Kalifornien wird ein entsprechendes Gesetz beraten, in Massachusetts trat es Mitte Mai in Kraft. "Bald wird es in ganz Amerika gelten, noch zu meinen Lebzeiten, ich will es erleben."

"Mother" und "Ima"

Für sich selbst hat die "erste bekennende lesbische Rabbinerin der USA" die Frage längst gelöst. Seit 15 Jahren lebt sie mit einer jüdischen Rechtsanwältin zusammen. "Wir haben auch einen Sohn." Und als könnte sie Gedanken lesen, setzt sie hinzu. "Es war artifizielle Insemination." Ihre Partnerin ist die biologische Mutter, Denise Leese hat das Kind nach der Geburt adoptiert, was nach kalifornischem Recht möglich ist. Jetzt ist der Junge zehn Jahre und wächst mit zwei Müttern auf. Die leibliche Mutter nennt er "Mother", zur Denise sagt er "Ima", das hebräische Wort für Mutter. Ob sich die Frauen einen Jungen gewünscht haben? "Wir waren dankbar für das, was der Herr uns gegeben hat."

"Enterprise"-Modell: Die Rabbinerin liebt Science Fiction
Henryk M.Broder

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Ihre Eltern, einfache Leute, sind stolz auf die Tochter, die es weit gebracht hat. Der Vater hat in Memphis mit Schmuck gehandelt, die Mutter als Buchhalterin gearbeitet. Eine Rabbinerin in der Familie zu haben, ist mehr, als sie je gehofft haben. Dazu eine, die zur Vizepräsidentin des "Board of Rabbis of Southern California" gewählt wurde und die nun mit liberalen, konservativen und orthodoxen Rabbinern an einem Tisch sitzt.

"In dieser Beziehung ist Kalifornien einzigartig", sagt Denise, "woanders wäre das kaum möglich - noch nicht." Als Rabbinerin macht Denise Leese Egers all das, was Rabbiner und Priester überall in der Welt machen: Sie hält die Gemeinde zusammen, besucht die Kranken, bereitet Kinder auf die Konfirmation vor, gibt Ehen zwischen Männern und Frauen, Frauen und Frauen und Männern und Männern ihren Segen und stellt "documents of separation" aus, wenn die Verbindung auseinander geht.

Sie berät Menschen, die zum Judentum konvertieren wollen oder rät ihnen vom Übertritt ab. Und jeden Freitagabend leitet sie den Gottesdienst zum Beginn des Schabbat. Gebetet wird nach einem Gebetbuch ("Gates of Prayer"), das 1994 erschienen und "gender sensitive" ist. Man benutzt "gender neutral terms". Statt "mankind" heißt es "humankind" und wo früher von "fathers" die Rede war, heißt es nun: "ancestors" oder "fathers and mothers".

Sie liebt Baseball

In ihrer Predigt greift Rabbi Denise immer ein aktuelles Thema auf. Letzten Freitagabend war es der Krieg im Irak und die Folter irakischer Gefangener durch US-Soldaten. "Wir führen einen Krieg, der nicht aufhört und den wir nicht gewinnen können. Das Verhalten unserer Soldaten ist eine Schande für uns alle." Man habe Muslime gezwungen, Schweinefleisch zu essen und ihre Religion zu verleugnen. "Dasselbe hat man auch mit Juden im Zweiten Weltkrieg gemacht."

In ihrem Büro hängen an der Wand Anerkennungsschreiben der Bürgermeister von West Hollywood und von Los Angeles neben signierten Bildern von George Takei und Michael Dorn, zwei Piloten des Raumschiffs Enterprise aus den Star-Trek-Serien. Denn Denise Leese Eger ist ein großer Science-Fiction-Fan, sie sammelt Modelle von Raumschiffen. Und sie liebt Baseball. Jeden Samstag begleitet sie ihren Sohn zum Sportplatz. Das muss sein, auch wenn ein gläubiger Jude am Schabbat weder arbeiten noch Sport treiben darf. Und schon gar nicht Autofahren, denn auch das gilt als Arbeit.

Gefragt, wie sie zum Sportplatz kommt, sagt Denise: "Mit dem Auto natürlich, wie denn sonst?"

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