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Luxushotel in Ramallah: Haus der Hoffnung

Von Christian Salewski

Das Westjordanland leidet unter der israelischen Besetzung - Ramallah boomt trotzdem. Nun hat in der palästinensischen Stadt das erste Fünf-Sterne-Hotel eröffnet. Es verstärkt die Hoffnung auf Frieden und Wohlstand. Doch mit dem Luxus kann es schnell vorbei sein.

Mövenpick-Hotel in Ramallah: Luxus-Lounge an der Mauer Fotos
Milos Djuric

Ramallah - Etwas mitgenommen sehen sie aus, als sie sich in die Lounge-Sessel auf der weitläufigen Terrasse fallen lassen. Gerade haben sie sich noch eine Etage tiefer in dem riesigen "Yabus Ballroom" ohrenbetäubender arabischer Musik ausgesetzt, zusammen mit Hunderten ihrer Kollegen. Jetzt brauchen die fünf Angestellten der Arab Bank eine Pause. Kaum dass sie sitzen, kommt die Bedienung und serviert Bier und Cocktails. Einer der Banker schwingt seine Füße auf den flachen Tisch, die Sonne strahlt ihm ins Gesicht. Im Hintergrund plätschert leise der Swimmingpool unter Palmen.

Die Betriebsfeier einer Bank ist eine exklusive Veranstaltung. Das ist bei der palästinensischen Tochter der Arab Bank nicht anders als im Rest der Welt. Doch lange Zeit gab es am Stammsitz in Ramallah keinen Veranstaltungsort, der einem Geldinstitut von internationalem Rang würdig gewesen wäre. Diese Zeiten sind vorbei. Anfang November eröffnete in Ramallah ein Mövenpick-Hotel, inklusive all des Luxus, den der Name verspricht.

Ein Fünf-Sterne-Haus - und das in einer Stadt, die vor wenigen Jahren als uneinnehmbare Terrorhochburg galt. Oder als Hort des legitimen Widerstands gegen die israelische Besatzung. Je nach Weltsicht. Das Mövenpick in Ramallah ist nicht bloß ein weiterer Stein in der Krone der Schweizer Hoteliers. Das erste wirkliche Luxushotel in Ramallah ist vielmehr ein Symbol für die rasante Entwicklung, von der die inoffizielle Hauptstadt Palästinas erfasst wurde.

Kleines Jobwunder

171 Zimmer bietet das Hotel seinen Gästen, vom King Room bis zur Presidential Suite. Zwei Restaurants, darunter das erste im Westjordanland unter einem italienischen Chefkoch, einen beheizten Pool inklusive Bar und die erste Zigarren-Lounge - es sind viele Premieren, die Mövenpick nach Ramallah bringt. Für das Standardzimmer fallen je nach Saison 160 bis 200 Dollar an - unerschwinglich für palästinensische Durchschnittsverdiener, aber die Zielgruppe ist ohnehin eine andere: Das Hotel, das mitten im wirtschaftlichen und diplomatischen Stadtteil Masjun liegt, setzt auf Geschäftsreisende, auf Diplomaten und auf Vertreter der zahlreichen Nichtregierungsorganisationen.

"Wir haben schon jetzt, wenige Wochen nach der Eröffnung, eine große Nachfrage", sagt Katreena Khalil, die für die Außendarstellung des Hotels verantwortlich ist. Beim Rundgang durch das pompöse Haus lässt sie kein Detail aus. Der Stein an den Außenwänden? "Jerusalem-Stil." Die Einrichtung im Allegro Italian Restaurant? "Von internationalen Spitzendesignern ausgewählt." Die dunkle Holzvertäfelung in den Fluren? "Ein palästinensisches Produkt, darauf legen wir Wert." Es ist ein beeindruckendes Interieur, doch vielen Gästen läuft man nicht über den Weg.

260 Mitarbeiter hat Mövenpick vor Ort rekrutiert, aus Tausenden Bewerbern. Bei der hohen Arbeitslosigkeit unter den Palästinensern kommt das einem kleinen Jobwunder gleich. Wer zu den Auserwählten gehörte, durchlief eine intensive sechsmonatige Ausbildung, um auf den internationalen Servicestandard vorbereitet zu werden. Der Drill hat gewirkt. Nur manchmal grinsen die jungen Pagen noch ein wenig zu engagiert zurück, wenn sie ihr "Welcome, Sir" flüstern.

Luxuskarossen im Schaufenster

Die Schweizer Hoteliers sind im Nahen Osten traditionell gut aufgestellt. Allein in Ägypten gibt es zwölf Mövenpick-Häuser, in Jordanien fünf und im Libanon eines. Der Markt gilt als nicht ganz einfach, aber lukrativ. "Wir haben genau analysiert und gesehen, dass es in der Westbank und Ramallah ein großes Potential gibt", erklärt Nicole Weber, Marketingchefin der Mövenpick-Gruppe, die Entscheidung, einen Management-Vertrag für das Hotel einzugehen. Das Gebäude haben nicht die Schweizer hochgezogen, sondern die Arab Hotel Company, die rund 42 Millionen Dollar investiert hat.

Geplant war eine Spitzenadresse in Ramallah schon lange. Doch bis Palästinenserpräsident Mahmud Abbas höchstpersönlich das Hotel eröffnen konnte, gingen über zehn Jahre ins Land. Als das Hotel geplant wurde, war Jassir Arafat noch in Amt und Würden. Kurz darauf machte die zweite Intifada den Geldgebern einen Strich durch die Rechnung. Aus Ramallah wurde eine Stadt im Belagerungszustand, der politische Konflikt machte Investitionen unmöglich.

Inzwischen entwickelt sich die Stadt trotz der festgefahrenen Verhandlungen um einen eigenen Staat zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum des modernen Palästina. Laut Weltbank ist die Wirtschaft im Westjordanland in der ersten Jahreshälfte um neun Prozent gewachsen.

Zwar bemängeln Kritiker, das Wachstum basiere vor allem auf den enormen Hilfsgeldern aus dem Ausland und die palästinensische Wirtschaft sei noch weit davon entfernt, sich nachhaltig zu entwickeln. Doch den Boom in Ramallah sieht man an jeder Ecke. Schicke Cafés eröffnen gleich reihenweise, gläserne Geschäftstürme wachsen in den Himmel, Autohäuser stellen Luxuskarossen ins Schaufenster. Und dass die Haupteinkaufsstraße einer Buckelpiste aus Staub gleicht, liegt nur daran, dass sie gerade eine nagelneue Asphaltdecke bekommt.

Arafat-Porträts in der Lobby

Doch es bleibt ein Aufbruch unter Vorbehalt. "Das wirtschaftliche Risiko ist hier aufgrund der politischen Instabilität einfach größer als anderswo", sagt Samir Hazboun, Ökonom und Vorsitzender der Handelskammer in Betlehem. "Das Hauptproblem ist der freie Waren- und Personenverkehr, der durch israelische Checkpoints eingeschränkt wird." Zudem wisse keiner, was passiert, wenn die Friedensverhandlungen einmal mehr scheitern und die Palästinenser, wie angekündigt, Ende 2011 ihren eigenen Staat ausrufen. Um diese ungewisse Zukunft weiß man auch bei Mövenpick. "Wir sehen ein großes Potential im Westjordanland", sagt Marketing-Chefin Weber. Und beeilt sich hinterherzuschieben: "Wenn es ruhig bleibt."

Im Luxushotel in Ramallah gibt man sich dann auch alle Mühe, sich bloß nicht in den verworrenen Konflikt hineinziehen zu lassen. "Uns geht es hier ums Geschäft, wir vertreten keine politische Linie", sagt Hotelsprecherin Khalil. Dass in der Lobby große Porträts von Jassir Arafat und Mahmud Abbas hängen, reflektiere lediglich "unseren Respekt vor den lokalen Gepflogenheiten", heißt es aus der Schweizer Zentrale. Doch so unpolitisch man sich bei Mövenpick auch gibt: Die lokale Politik nutzt das Hotel bereits als Aushängeschild. Noch bevor das Hotel eröffnet wurde, lud der palästinensische Premier Salam Fajad hier zu einem Empfang.

Auch Tony Blair, Sondergesandter des Nahost-Quartetts, war schon da und durfte den weiten Blick aus der Executive Club Lounge über die beigen Hügel im Umland genießen. Ihm habe die Aussicht sehr gefallen, erzählt Khalil. Tatsächlich ist der Blick aus der Luxus-Lounge beeindruckend - fast könnte man vergessen, dass man in einem politischen Krisengebiet ist. Aber nur fast.

Hinten am Horizont schlängelt sich die Mauer entlang, die Israel um halb Ramallah gezogen hat, und auf einem Nachbarhügel prangt eine jüdische Siedlung.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Mehr davon bitte
Dave87 16.12.2010
schön dass ein Artikel in dem es ums Westjordanland geht so positiv sein kann :) Hoffentlich gibts davon bald mehr!
2. Träume in die Luft jagen
ernstjüngerfan 16.12.2010
Zitat von sysopDas Westjordanland leidet unter der israelischen Besetzung - Ramallah boomt trotzdem. Nun hat in der palästinensischen Stadt das erste Fünf-Sterne-Hotel eröffnet. Es verstärkt die Hoffnung auf Frieden und Wohlstand. Doch mit dem Luxus kann es schnell vorbei sein. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,734783,00.html
Wer kommt denn in erster Linie in Frage, der dafür sorgen könnte,daß dieser hoffnungsvolle Ansatz "schnell vorbei sein" könnte"?
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