Luxuszug in Thailand Goldene Scheinwelt

Orient Express / Ian Lloyd

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok

2. Teil: Ein Widerspruch, der in Asien zum Alltag gehört


Thanasin hat inzwischen die Betten hergerichtet. Eine Blumenkette, thailändisches Zeichen der Gastfreundschaft, liegt auf jedem Kopfkissen. In der ersten Nacht rüttelt und rappelt der Express, schüttelt und schaukelt, doch irgendwann wiegt das Rattern in den Schlaf. Als der Morgen graut, gehören die bedrückenden Bilder Bangkoks schon der Vergangenheit an. Vor den Fenstern zieht eine friedliche Landschaft vorbei: Reisfelder, Zuckerrohr- und Bananenplantagen, Palmwälder, Papaya-Bäumchen, kleine Dörfchen, hin und wieder ein Tempel.

Dann die spektakuläre Brücke am Kwai, die ein Film berühmt gemacht hat. Ohne dieses noch immer unvergessene Heldenepos aus den fünfziger Jahren und die Filmmusik würden sich heute wohl eher selten Touristen in diese Ecke an der thailändisch-birmanischen Grenze verirren. Ein riesiges Gräberfeld und ein bedrückendes Museum erinnern an die Leiden der zu Zehntausenden gestorbenen Kriegsgefangenen, die einst die berühmte Brücke bauen mussten. Die Inschriften auf den Grabsteinen machen nachdenklich: Die meisten Toten waren nicht einmal 25 Jahre alt geworden.

Es ist nur ein kurzes Innehalten. Der Zug wartet schon: Lunch, Siesta. Gemächlich streckt sich der Tag dahin. Tempel und Menschen, Tiere und Landschaft, flüchtige Eindrücke im Vorübergleiten. Im offenen Aussichtswagen am Ende des Zugs spürt man die seidig weiche Luft, riecht man den Duft der üppigen Landschaft Asiens. Die Muße des Reisens erreicht nun auch die Seele.

Am nächsten Morgen ist Hatjai erreicht, die letzte Station in Thailand. Am Bahndamm stehen sie wieder, die armseligen Hütten und die abgerissenen Kinder, die zu jeder größeren Stadt in Südost-Asien gehören, das Leben auf dem Müll. Es ist erneut einer der zwiespältigen Eindrücke dieser Reise: Thanasin hat gerade das Frühstück serviert. Es ist alles da, frische Croissants, Brötchen, Butter, Joghurt, Obst, Saft, Kaffee. Tee. Im Anblick der bitteren Armut vor dem doppelt verglasten Fenster könnte einem der Bissen im Halse steckenbleiben - für den, der in Asien lebt, ist es ein Widerspruch, der zum Lebensalltag gehört und nie gelöst wird.

Nostalgische Scheinwelt

Der Express rollt über die Grenze nach Malaysia, und schon ist der letzte Abend an Bord angebrochen. Im Bar-Waggon schwankt die Stimmung zwischen ausgelassen und wehmütig. Peter, der Mann am Klavier, läuft zu großer Form auf: Jede Nation wird mit einem besonderen Gruß bedacht. Kaiserwalzer für das österreichische Paar, "La Vie en Rose" für die Franzosen, eine Elvis-Version von "Muss I denn.." für die Deutschen. Die ratternden Räder sind in dieser Nacht schon längst Gewohnheit. Kuala Lumpur wird verschlafen.

Dann ist die Endstation dieser Reise erreicht, Singapur, der strenge Stadtstaat, der nicht nur die Einfuhr von Alkohol, sondern auch von Kaugummi verbietet. Schnüffelhunde und martialische Polizisten durchsuchen den Zug. Die Keppel Railway Station ist sauber und unspektakulär, und der Abschied muss schnell gehen. Auf dem Flughafen wird geschubst und gedrängelt - statt Gast, dem alles abgenommen wird, ist man hier eine Art menschliches Frachtgut. Größer könnte der Kontrast nicht sein.

Der Alltag ist zurück, aber die Erinnerung an eine Zeitreise wird bleiben - an eine nostalgische Scheinwelt aus dem goldenen Zeitalter der Eisenbahn.



insgesamt 29 Beiträge
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panipetro 05.04.2011
1. Die Sehnsucht nach der Langsamkeit
in einer immer schneller werdenden Welt wird durch solche Luxuszüge befriedigt. Leider können nur die Reichen und Schönen sich einen Platz sichern, denn wie im ausgehenden 19.Jahrhundert sorgen "dienstbare Geister" für deren Wohlergehen und werden dafür sicher mit Hungerlöhnen abgespeist. Wie pittoresk mag ihnen da die Armut am Rande der Gleise vorkommen, von denen sie ja gottlob durch wohlgeputzte Scheiben getrennt sind. Aber eigentlich sorgen sie durch ihre Devisen indirekt für ein paar Arbeitsplätze mehr und das mag sie dann in ihren mahagonivertäfelten Abteilen wohl ruhen lassen.
merapi22 05.04.2011
2. Wegen Überschwemmumg kein Zugverkehr!
Zitat von sysopDigestif im Barwaggon, Pianomusik zum Smalltalk - der Eastern&Oriental-Express ist einer der letzten Luxuszüge der Welt. Die Fahrt von Bangkok nach Singapur*gleicht einer Reise im goldenen Zeitalter der Eisenbahn. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,753555,00.html
Wir hatten hier 8 Tage Dauerregen und alles ist überschwemmt, besonders Suratani ist Land unter, kein Zug seit 4 Tagen, es kann etwa eine Woche dauern bis das Wasser zurückgegangen ist und die Brücken soweit befestigt sind, dass die wieder für die Bahn belastbar sind! Man muss nicht den Touristenzug benutzen, wie fahren mit der normalen Bahn, für 25 Euro von BKK bis Butterwort Liegeagen 2. Klasse, absolut super, fährt normalerweise täglich. Wenn die Bahn endlich wieder fährt! Hier ist von Jan. bis April Trockenzeit, so viel Regen hatt es nicht mal in der Regenzeit - Klimaerwährmung!
blob123y 05.04.2011
3. Was mich da wundert ist
warum die mit dem Zug nicht auch nach Ayutthaya fahren das ist nur eine Zugstunde nach norden, dort sieht man noch das wirklich alte Siam, in der Konzentration sonst nirgendwo mehr sichbar. Wenn die schon den Umweg nach Kanchanaburi machen um sich die Bruecke am Kwai anzuschauen, das ist weit weg von der Bahnstrecke in den Sueden, waere Ayutthaya geradezu ein muss, obendrein ist der Bahnhof direkt an der Altstadt. Uebrigens, Hat Yai ist nicht der letzte Ort an der Linie in Thailand, das ist Padang Besar suedoestlich von Hat Yai, denn die Bahnlinie folgt nicht der Strasse. Man kann das Ganze auch mit dem Bus machen, von Bangkok nach Hat Yai, umsteigen nach Kuala Lumpur, umsteigen nach Singapore alles zusammen fuer unter Euro 100,-. Mehr zum Thema mit jeder Menge Fotos und Videos zu den genannten Orten hier: http://thailandmagic.com/
Peter Sonntag 05.04.2011
4. Sofort stilllegen !
Diese Zugstrecke muss sofort stillgelegt werden ! Im Falle eines starken Erdbebens könnten Züge abstürzen !
README.TXT 05.04.2011
5. Pech
Zitat von merapi22Wir hatten hier 8 Tage Dauerregen und alles ist überschwemmt, besonders Suratani ist Land unter, kein Zug seit 4 Tagen, es kann etwa eine Woche dauern bis das Wasser zurückgegangen ist und die Brücken soweit befestigt sind, dass die wieder für die Bahn belastbar sind! Man muss nicht den Touristenzug benutzen, wie fahren mit der normalen Bahn, für 25 Euro von BKK bis Butterwort Liegeagen 2. Klasse, absolut super, fährt normalerweise täglich. Wenn die Bahn endlich wieder fährt! Hier ist von Jan. bis April Trockenzeit, so viel Regen hatt es nicht mal in der Regenzeit - Klimaerwährmung!
Im bayrischen Wald wäre ihnen das nicht passiert.
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