Magdalenen-Inseln Vom Winde umweht

An der Schwelle zum Nordatlantik, dort, wo man raues Inselleben erwartet, liegt in den Sommermonaten ein freundliches, sattgrünes Paradies: die kanadischen Magdalenen-Inseln.

Mathieu Dupuis

Von Ole Helmhausen


Die rote Leine ist das Gas, die gelbe die Bremse. Und gesteuert wird der Kite mit Leineziehen und -nachlassen. Aus dem Handgelenk. So weit die erste Lektion zum Thema Kitesteuerung. "Alles klar?" Steve Mantha malt mit dem Zeigefinger ein stehendes Rechteck in den Himmel. "Hoch über euch ist weniger Wind, weiter unten immer mehr. Passt also gut auf. Unten kann der Kite einen von den Beinen reißen."

Mantha, Anfang 40, aber zehn Jahre jünger aussehend, ist einer dieser Menschen, deren Leben einen sofort neidisch macht: Im Sommer arbeitet er als Kitesurflehrer. Im Winter zieht er mit Frau und Kind durch die Welt, immer dem besten Wind nach. Und zählt dabei, erzählt er grinsend, doch immer die Tage, bis er endlich wieder zurück auf die "Maggies", die Îles de la Madeleine, kann.

"Willkommen im besten Kitesurfer-Revier der Welt", ruft Mantha. Auch Windguru, die Wettervorhersage für Wind- und Kitesurfer in aller Welt, zählt die Magdalenen-Inseln an der Schwelle zum Nordatlantik zu den Orten mit den weltweit besten Windverhältnissen.

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Kanada: Besuch auf den lieben Sieben

Mehr als 40 Kitesurfing-Spots gibt es in den flachen Lagunen des Archipels im Sankt-Lorenz-Golf zwischen den ostkanadischen Provinzen Québec und Nova Scotia. Rund 300 Sandstrandkilometer säumen die "Maggies" - die sieben sattgrünen, bewohnten Hauptinseln Île-d'Entrée, Havre-Aubert, Cap-aux-Meules, Havre-aux-Maisons, die Île-aux-Loups, Grosse-Île und die Île-de-la-Grande-Entrée. Dazu kommt die unbewohnte Île-Brion.

Obwohl die "Maggies" Nova Scotia am nächsten liegen, gehören sie zu Québec. Rund 12.000 Menschen leben hier. Die meisten sind französischsprachige Nachkommen der im 18. Jahrhundert aus New Brunswick und Nova Scotia vertriebenen Akadier. Einige Hundert sind englischsprachige Nachfahren von Schiffbrüchigen und Walrossjägern.

Immer und überall: das Meer

Doch von wegen Isolation! Allein auf Havre-aux-Maisons ließe sich eine ganztägige Food-Tour durch die spannende kulinarische Szene der Insel unternehmen. Höhepunkte sind die Käserei Fromagerie Pied-de-Vent und die traditionellen Heringsräucherei Fumoir D'Antan, wo Makrele, Hering und Jakobsmuschel am Spieß gereicht werden.

Und immer wieder diese Ausblicke! So gut wie jeder, der hier in den knallrot, gelb oder grün gestrichenen Holzhäusern wohnt, hat freie Sicht auf Sonnenauf- und -untergänge und aufs Wasser sowieso. Das Meer ist immer und überall zu sehen: von der Geldbank im Hauptort aus ebenso wie von der Herrentoilette im Nobelrestaurant Table des Roy.

Auch wenn die Bevölkerung im Sommer auf das Doppelte anschwillt, bleiben die "Maggies" auch während der trubeligeren Monate sie selbst. Verliert ein Besucher sein Handy, startet der lokale Radiosender einen Suchaufruf. Überhaupt kommt man mit den Madelinots, den Einheimischen, leicht ins Gespräch.

"Sand, Wasser, Wind", antwortet der Maler Mario Beaudoin auf die Frage, was das Leben auf den Inseln präge. Der Mittfünfziger stammt ursprünglich aus Québec City und malt die Inseln seit Jahrzehnten. "Ich habe in Island, Irland, überall in Kanada und zuletzt in Tunesien gemalt, doch das Licht auf den Maggies, die Brandung, die bunten kleinen Häuschen - es ist eine echte Sucht", sagt er.

Es liegt etwas in der Luft

Auch Gilles Lapierre liebt die Inseln und findet hier Inspiration. Er steht am Strand von Fatima auf Cap-aux-Meules und läßt den Blick über rote, grasbedeckte Felsen und das tiefblaue Meer schweifen. Der Theatermann und Musiker ist viel unterwegs in Québec und Atlantik-Kanada, kennt die schönsten Orte im Osten des Landes. Doch sein Herz gehört den "Maggies". "Da ist etwas in der Luft und in diesem Wind, das mich die Hektik auf dem Festland immer ganz schnell vergessen lässt", sagt er.

Apropos Wind. An der Plage de la Martinique überreicht Steve Mantha nun die beiden Griffe des Lenkdrachens. Der Wind ist heute eher eine leichte Brise, doch kaum steigt der Kite senkrecht nach oben, zerrt er den Novizen mit einem heftigen Ruck aus dem Gleichgewicht.

Anfangs crasht der Kite ein paarmal auf dem Strand. Doch dann lernt man die Sache mit der Höhe, den Windgeschwindigkeiten und den Handgelenken. Spürt die ungezähmte Power des Windes im ganzen Körper, während man den Kite im Sturzflug dem Sand entgegenrasen lässt, nur um ihn im allerletzten Moment abzufangen und zurück in den blauen Himmel zu schicken. Was für ein Glücksgefühl!

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tinolino 23.08.2018
1. Sprachpanschen
Schöner Bericht. Danke dafür. Aber was ist denn der Unterschied zwischen einem Drachen und einem Kite ?
omegaalpha 23.08.2018
2. Der entscheidende Unterschied
"Drachen" ist deutsch, und "Kite" ist englisch, also sagt man auf Spiegel Denglisch "Kite".
zila 23.08.2018
3. Drachen vs Kite
Es geht um Kitesurfing, und da ist mir kein deutsches Wort bekannt. Der Drachen im Deutschen ist ja eher die kleine Ausfuehrung mit Staeben und lediglich einer Leine (sonst waere es ein Lenkdrachen) -- wogegen Kite englisch mehr gebraeuchlich fur 2- bis 4 Leinen Flugsegel ist, wo es die Fallschirm und die Tubevarianten gibt, aber immer so 7-15 Quadratmeter Segelflaeche, also deutlich mehr Power als ein "Drachen", definitiv der falsche Begriff in diesem Kontext.
katjastorten 23.08.2018
4. Wunderbar
Streitet Euch weiter! Ich fliege lieber hin, kannte ich nicht, ich bin voll begeistert und danke dem Autor.
third_space 27.08.2018
5. Kites und Drachen
Die Sportart heißt nun einmal Kitesurfen und das Gerät ist etwas völlig anderes als der Drachen, den man steigen lässt. Wem das nicht passt, der ist vielleicht auch eher im Zwischennetz daheim als im Internet oder bevorzugt "Gesicht-Erker" gegenüber "Nase", weil ihm alles andere nicht germanisch genug klingt. Allein, es sind Begriffe, die sich irgendwie nicht durchgesetzt haben, trotz ehrgeiziger Versuche seit dem 17. Jahrhundert. Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Einen so genannten Facility Manager will ich auch weiterhin Hausmeister nennen dürfen. Sprache funktioniert eben letzten Endes einfach so, wie einem der Schnabel gewachsen ist.
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