Flussfahrt durch Borneo Große Nase trifft Geister

Wer auf Borneo auf Safari geht, will Orang-Utans und Elefanten sehen. Aber wenn sich die Riesen der Insel nicht zeigen? Dann schärft Führer Louis Murni den Blick für die Wunder des Waldes - und dafür, dass es Nasenaffen und Co. hier überhaupt noch gibt.

Von

Marcel Klovert

Wie ein dürrer, weißer Finger tastet der Scheinwerfer die Bäume am Ufer ab. Er rutscht ihre Stämme entlang bis in die Kronen und bleibt zitternd in einer Astgabel hängen. Ein Orang-Utan? Es ist ein Nasenaffe. Auch gut. Witzige Nase und niedlich, wie er im Schlaf den Kopf gegen den Stamm lehnt.

Wir sind gekommen, um nach Borneos wilden Tieren zu suchen. Nirgends soll man sie so gut beobachten können wie am Kinabatangan River in Sabah. Unser Motorboot schleicht im Dunkeln am Ufer entlang, so gut ein Motorboot eben schleichen kann. Der Lichtfinger gleitet übers Gebüsch, hält inne, huscht zurück. "Ein Meninting-Eisvogel", sagt Louis Murni, 45, unser Führer. Der Vogel schläft mit offenen Augen zwischen den Blättern.

Wir sehen auf unserer ersten Nachttour außerdem: fünf Eulen, zwei Nashornvögel und einen weiteren Eisvogel. Keinen Zwergelefanten, keinen Orang-Utan, kein Krokodil. Macht nichts. Wir haben ja noch zwei Tage. Der Kanadier, den wir in Kota Kinabalu kennengelernt haben, hat eine ganze Elefantenherde im Fluss baden gesehen.

Es riecht streng nach Zoo. Elefanten!

Am nächsten Morgen laufen wir durch den Wald. Es riecht süß nach Blumen, und dann plötzlich streng nach Zoo. Elefanten! Vor zwei Wochen haben ein paar Touristen sie hier angetroffen. "Die Spanier rannten vor Schreck in die eine Richtung und die Elefanten in die andere", sagt Louis und schüttelt den Kopf. Bleibt einfach hinter mir und ruhig, hatte er gesagt.

Wir spähen zwischen den Bäumen hindurch. Wir würden die Nerven behalten, klar. Vielleicht vorsichtig ein Foto schießen. Doch wir finden nur einen Haufen trockenen Elefantenmist. Außerdem sehen wir: einen Nashornvogel, einen Tausendfüßler, mehrere Langschwanzmakaken.

Nachmittags und abends dasselbe: kein Elefant, kein Orang-Utan, kein Krokodil. Ich ertappe mich dabei, wie ich unruhig werde. Das hier ist Borneo, und wir haben nur noch einen Tag.

"Das hier ist kein Zoo", sagt Louis Murni. Der drahtige Mann mit dem Zopf fährt seit 26 Jahren fast täglich über den Kinabatangan, und er hat es satt, den Dienstleister für die Fremden zu spielen, die Tierfotos begehren wie Jagdtrophäen. "Glaubst du an Geister?", fragt er, während wir durch einen Seitenarm tuckern, in dem Wurzeln wie Zauberbärte von den Bäumen hängen. Nein. Typisch. Die meisten Touristen glauben nicht an sie. "Doch Geister leben auch in euren Ländern."

Im Wald stellen sich die Nackenhaare auf

Louis glaubt an Dinge, die er nicht sehen kann. Manchmal stellen sich seine Nackenhärchen auf, wenn er durch den Wald läuft, sagt er, oder er spürt eine leichte Berührung am Ohr. Er spricht zu den Geistern. Wenn er die Fremden zu dem gewaltigen Feigenbaum führt, dessen Rinde grau und narbig ist und sich lebendig anfühlt, bittet er ihn um Entschuldigung für die Störung.

Als wir wieder mit dem Boot losfahren, blicke ich anders in den Wald. Auf einem Stamm döst ein Waran in der Sonne, Makaken turnen über unseren Köpfen durchs Geäst, Zikaden lassen die Blätter des Baums vibrieren, in dem sie sitzen, obwohl wir keine einzige erspähen. Auch die Elefanten sind da, es weht wieder würzig und streng über den Fluss. Die Schlafnester der Orang-Utans hängen in den Kronen, und ich sehe mehrere Krokodile, endlich.

Sie verwandeln sich alle auf den zweiten Blick in schwimmende Baumstämme. Aber ist das schlimm? Ich hatte erwartet, drei Tierarten zu sehen, und bin darüber erblindet für die anderen Wunder des Waldes. Ich war kurz enttäuscht. Und das an einem der schönsten Orte der Erde. Dabei sollte ich einfach nur sein. Mehr nicht. Der Wald schert sich nicht um meine Erwartungen.

Es ist ein Glück, dass es ihn noch gibt. Palmölplantagen sind bis an den Fluss herangekrochen. Den Tieren bleibt nicht einmal mehr ein Streifen rechts und links des 560 Kilometer langen Stroms, sondern nur einzelne Urwaldinseln. Dass man am Fluss so viele Tiere sieht, ist kein gutes Zeichen. Ihnen bleibt woanders wenig Raum.

Die letzte Nachtfahrt

"26.000 Hektar", schimpft Louis. "Das reicht nicht!" Tiere, Tierschutzorganisationen, Touristen - sie alle ballten sich im Kinabatangan Wildlife Sanctuary. Den restlichen Wald verkaufe die Regierung an chinesische Palmölinvestoren. Die Orang Sungai, die einheimischen Flussvölker, dürften innerhalb des Naturreservats hingegen nicht einmal zehn Hektar Land erstehen. "Das ist eine Killer-Regierung!", sagt Louis, der als Kind junge Krokodile fing und sie schnell wieder ins Wasser setzte, bevor das Mutterkrokodil den Nachwuchs suchen kam.

Unsere letzte Nachtfahrt. Die Milchstraße reicht bis auf den Waldboden, wo Glühwürmchen im Gebüsch funkeln. Wir gleiten an einer Spinne vorbei, die emsig an ihrem Netz webt. Zwei Motten paaren sich auf einem Blatt. Frösche quaken, ein Affe wacht auf und zetert, Zikaden singen. "Ein Meninting-Eisvogel", sagt Louis. Wir betrachten den kleinen schlafenden Vogel mit dem blau-roten Gefieder. "Gute Nacht", wünscht Louis ihm.

Erfüllt tuckern wir zurück zu unserer Hütte und rollen uns unter dem Mückennetz zusammen. Ich träume von badenden Elefanten und all den anderen Wundern des Waldes.

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insgesamt 6 Beiträge
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wunschkunde0 13.06.2014
1. Zu Fuß durch Borneo
Wir sind vor ca. 20 Jahrem als erste Touristengruppe (mit Dr. Weiglein als Guide, veranstaltet von Hauser/München)durch Borneo und haben die Insel durchquert. ca. eine Woche mit Booten (sie wuren jeden Tag kleiner) hinein, dann etwa eine Woche mit Indios als Füher über das Müllergebirgen und dann wieder ca. eine Woche mit Booten (sie wurden jeden Tag größer) auf der anderen Seite der Insel wieder hinaus. Wir sahen auch keinen "Affen" geschweige einen Elefanten.
Mathias Brust 13.06.2014
2. fast unglaublich, das es das noch gibt!
Ich habe im Sommer 1991 mit einem Freund Indonesien bereist, und wir waren auch einige Tage in Uncle Tan's Jungle camp am Kinabatangan Fluss, wo wir eine unglaubliche Vielfalt von Arten gesehenhaben, insbesondere die erwaehnten Nasenaffen und auch Elefanten. Eine Begegnung mit letzeren waere beinahe uebel ausgegangen. Uncle Tan selbst warnte schon damals, das dieser duenne Streifen Natur nicht mehr lange bestehen wuerde. Daher freue ich mich sehr zu lesen, das es ihn 23 Jahre spaeter scheinbar immernoch gibt - fast ein Wunder.
Mathias Brust 13.06.2014
3. fast unglaublich, das es das noch gibt!
Ich habe im Sommer 1991 mit einem Freund Indonesien bereist, und wir waren auch einige Tage in Uncle Tan's Jungle camp am Kinabatangan Fluss, wo wir eine unglaubliche Vielfalt von Arten gesehenhaben, insbesondere die erwaehnten Nasenaffen und auch Elefanten. Eine Begegnung mit letzeren waere beinahe uebel ausgegangen. Uncle Tan selbst warnte schon damals, das dieser duenne Streifen Natur nicht mehr lange bestehen wuerde. Daher freue ich mich sehr zu lesen, das es ihn 23 Jahre spaeter scheinbar immernoch gibt - fast ein Wunder.
alohas 13.06.2014
4.
Zitat von sysopMarcel KlovertWer auf Borneo auf Safari geht, will Orang-Utans und Elefanten sehen. Aber wenn sich die Riesen der Insel nicht zeigen? Dann schärft Führer Louis Murni den Blick für die Wunder des Waldes - und dafür, dass es Nasenaffen und Co. hier überhaupt noch gibt. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/malaysia-borneos-wilde-tiere-am-fluss-kinabatangan-a-974720.html
Der Tourist hat eben keinen Anspruch darauf, dass sich ihm wilde Tiere zeigen; die machen, was sie wollen und scheren sich nicht um menschliche Urlaubserlebnisse. Man muss Geduld haben und darf nicht zuviel erwarten. Ich hatte zum Beispiel das große Glück, im Krügerpark einen Löwen beobachten zu dürfen. Schon vor der Reise habe ich mir aber klar gemacht, dass es, auch wenn es schön wäre, ein solches Tier zu sehen, sehr gut sein kann, dass ich keinen Löwen zu Gesicht bekomme und meine Erwartungen dementsprechend angepasst. Dass es letztendlich dennoch geklappt hat, war dann das Sahnehäubchen.
cato-der-ältere 13.06.2014
5. Mehrere Nationalparks
Auf Sumatra im Leuser Nationalpark kann man gut Orang Utans sehen. Ujung Kulon auf Java bietet besondere, landschaftliche, Schönheit und eine Vielzahl an Tieren. Es gibt viele Nationalparks in der Region, vor allem Indonesien, die unglaubliche Erlebnisse ermöglichen: http://indochina.iconlab.de/leuser-np-indonesien Der Tourismus schafft auch Probleme ist aber sehr wichtig für den Schutz dieser Gebiete. Es lohnt sich den kleinen Aufwand auf sich zu nehmen und sich respektvoll diesen Wäldern zu nähern.
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