Malediven: Schatten im Paradies

Von Erwin Koch

3. Teil: Per SMS: Einer von euch muss sterben

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Am Ostrand von Malé feiert heute Nacht, Mittwoch, die Maldivian Democratic Party den zweiten Jahrestag ihrer Anerkennung, Mohamed Nasheed, genannt Anni, steht auf einer Bühne und redet sich heiser. Zwei Musiker spielen, The sound of silence, Sultans of swing. Der Mond fast voll.

Seit zwei Jahren verkraftet Präsident Maumoon Abdul Gayoom fünf Parteien, die eigene, DRP, die alles bestimmt, die demokratische MDP, deren Mitglieder er ab und an durch die Straßen jagt und einsperrt, die islamische AP, außerdem MSDP und IDP, beide klein und nebensächlich. Freie Wahlen, seit 1965 aus dem britischen Protektorat ein unabhängiger Staat wurde, gab es auf den Malediven noch nie.

Donnerstagmorgen – In der Astafee Magu liegt ein Mädchen im Innenhof, 16 Jahre alt und drogenkrank, Mizna Adam. Sie sei, reden die Gaffer, drei Tage lang nicht mehr im Haus der Eltern gewesen. Die Polizei sperrt ab, Police Line Do Not Cross, niemand hält sich daran, das Mädchen, heißt es, sei noch am Leben, das Mädchen, sagt man, sei vom Balkon gestoßen worden, dritter Stock, und plötzlich beginnt die Menge zu rennen, Polizisten schwingen sich über Mauern, setzen auf Dächer, die Menge, dem Geschehen näher zu sein, wechselt die Straße, eine wilde Jagd durch Malés Nordosten. Das Mädchen, sagt jemand, sei vom eigenen Freund ermordet worden, dem Mitglied einer Bande namens Bosnia. Und jetzt führen Polizisten einen jungen Mann durch die Meute, seine Arme verdreht, er schreit vor Schmerz und Angst.

Die Marken der Jugendbanden von Malé leuchten von Mauern und Türen, Bosnia, Gaamagu, Machangolhi buru, nachts, heißt es, kämpfen sie mit Schwertern aus Saudi-Arabien.

Innenminister wird zum Atollminister

Heute ist zu lesen, nach der jüngsten Gefängnisrevolte vor drei Wochen habe Seine Exzellenz der Präsident das Kabinett neu bestellt. Seinen Innenminister, durch den Hungerstreik der Gefangenen unhaltbar geworden, habe er zum Minister für Atollentwicklung bestimmt, den bisherigen Atollentwicklungsminister zum Jugend- und Sportminister, den bisherigen Jugend- und Sportminister zum Minister für Fischerei und Landwirtschaft, den bisherigen Fischerei- und Landwirtschaftsminister zum neuen Innenminister, in der Zeitung steht, die Menschen auf der Insel Hanimadhu seien bereit, die Bevölkerung der Insel Hathifushi aufzunehmen, 27 Menschen, deren Häuser jüngst überflutet wurden.

Kein Flecken Erde überragt hier den Meeresspiegel mehr als anderthalb Meter. Die Malediven sind 1190 Inseln, verteilt auf 26 Atolle. Wie ein Band leuchten sie aus dem Indischen Ozean, 823 Kilometer lang, 130 breit. Rund 200 Inseln sind bewohnt, weitere 100 den Touristen vorbehalten. Nur 0,3 Prozent des Staatsgebiets sind Land.

Vergangene Nacht warf jemand schwarze Farbe ans Haus einer Zeitung und schlug das Fenster ein. Die Zeitung, den Demokraten verlobt, hatte geschrieben, wenn schon die Frauen sich verhüllen müssten, um die Männer nicht zu reizen, dann müssten sich auch alle Männer verhüllen, um gewisse Männer nicht zu reizen, mehr noch, alles Wertvolle müsste vermummt werden, um Diebe nicht zu versuchen.

Freitag – Im Propellerflugzeug nach Gan aufs Addu-Atoll. Hochglanz liegt auf, The wonderful Maldivian climate at full sailing, diving, surfing, relaxing. Addu liegt am Ende des Staates, jenseits des Äquators. Polizisten empfangen am Flughafen, eine ehemaligen Piste der britischen Royal Air Force, die das Land 1976 verließ. Addu ist eine Hochburg der Maldivian Democratic Party MDP, das Sorgenatoll des Präsidenten.

Am liebsten würdest du ihn wegputzen?

Nein, antwortet Abdullah Rasheed, den alle IC nennen, ich will nicht die Revolution, ich will, dass die Leute hier erwachen und ihre Rechte wahrnehmen, ich will Wahlen, wirkliche und freie und friedliche Wahlen, ich will ein Parlament, das das Volk vertritt, nicht den Präsidenten. Der Präsident ist mir egal.

IC, 39, langes wildes Haar, die Sonnenbrille in der Frisur, sitzt im Speisesaal des einzigen Hotels auf Gan, die ehemalige Offiziersmesse der Briten, hier arbeitete einst sein Vater, Waiter Number One. Vor fast drei Monaten, erzählt IC, am 9. April 2007, war es wieder so weit, Präsident Gayoom reiste an, um hier eine Landungsbrücke zu eröffnen. Kommt Gayoom, kommt die Küstenwache, seine halbe Armee. Kommt Gayoom, befiehlt die Polizei, die Häuser neu zu streichen, den Vorplatz zu rechen und sich dann an die Straße zu stellen und zu winken und zu loben. Wer zu Hause bleibt, wird verhaftet, sagt IC, der 18 Jahre lang Touristen diente.

Zwei Tage zuvor hatten wir Spruchbänder geschrieben: Wo sind die Reformen? Wo die neue Verfassung? Anni war hier, der Vorsitzende der MDP, um uns zu helfen. Und Hussein Salah, der ein Motorrad besaß, war sein Fahrer. Das hat Hussein das Leben gekostet.

Per SMS: Einer von euch muss sterben

In der Halle des "Equator Village Hotel" läuft der Fernseher, Maumoon Abdul Gayoom, die Hände verschränkt, als wollte er beten, sitzt kurzärmelig vor der Fahne seines Reiches, feine Brille, dicke Uhr, in der Brusttasche ein Kugelschreiber, und redet die zweite seiner allmonatlichen Reden, Voice of Maldives und Television Maldives übertragen. Ungehorsam, schimpft der Präsident, und Hungerstreiks sind nicht Teil der maledivischen Lebensart. Keiner schaut hin.

Am Mittag – Eine Fahrt auf der längsten Straße der Republik, 18 Kilometer, vier Inseln sind mit Dämmen verbunden, Gan, Feydu, Maradhu, Hithadhu, Palmen am Weg und Wellblechhütten, Frauen, die Korallen zu Staub schlagen, Männer, die bis zum Hals im Meer stehen und tauchen, weißen, feinen Sand in Säcke füllen, drei Rufiyaa für einen Sack Baustoff, 20 europäische Cent.

Hussein Salah, 30, war Sandtaucher.

Am 7. April 2007 nahm er Anni auf seinem Motorrad mit, den Parteichef der Demokraten, der ihm einst, als beide zusammen im Gefängnis von Maafushi waren, von seinem Shampoo geschenkt hatte. Stunden später erhielt Anni eine SMS: Einer von euch muss sterben.

Sie holten Hussein am Abend des 9. April 2007, brachten ihn auf ein Boot, die Reise in die Hauptstadt dauerte drei Tage. Als er in Malé war, rief er uns kurz an und sagte, er sei mit den Polizisten, alles Gute, bis bald, erzählt sein Bruder, Ibrahim Zareer, der älteste von zehn Geschwistern.

Das war am 12. April, sagt der Bruder, nachmittags um halb zwei.

Der Bruder, Tränen in den Augen, sitzt auf einem Stuhl aus billigem Plastik, im Arm hält er seine schlafende Tochter, hinter ihm, fast blind, der Vater, daneben die Mutter, die Cousine, die Brüder, die Schwestern, niemand spricht, Beton und Wellblech, Naazukee Hingun, Hithadhu, Addu-Atoll, Republik Malediven.

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Forum - Reisen in Krisenregionen - sorglos oder kluges Timing?
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
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1. Ich würde nicht reisen,
Wuz-zy 13.07.2007
Zitat von sysopWer jetzt in den Libanon fährt, der hat spektakuläre antike Ruinen für sich alleine, wird herzlich empfangen, kriegt Preisnachlässe in den halbleeren Hotels. Ist das Reisen in Krisenregionen allzu sorglos oder gutes Timing, um dem Massentourismus zu entgehen?
aber viele sehen das anders. Einige Leute empfinden eine Reise in ein "Krisengebiet" als besonders sensationell und wundertoll, um damit im Bekanntenkreis angeben zu können. Auch Geschäftsleute, die sehr oft in "Krisenregionen" unterwegs sind, sehen ihre Reisetätigkeit nicht als bedenklich an, zumal laut deren Aussagen in hiesiger Presse vieles aufgebauscht und negativer dargestellt würde, als es wirklich ist. Bei meinem alten Arbeitgeber habe ich das täglich erlebt.
2.
AKA 13.07.2007
Zitat von sysopWer jetzt in den Libanon fährt, der hat spektakuläre antike Ruinen für sich alleine, wird herzlich empfangen, kriegt Preisnachlässe in den halbleeren Hotels. Ist das Reisen in Krisenregionen allzu sorglos oder gutes Timing, um dem Massentourismus zu entgehen?
Wer unbedingt "Abenteuer-Urlaub" benötigt - bitte. Aber dann auch die Risiken alleine tragen.
3.
Wopper 13.07.2007
Zitat von AKAWer unbedingt "Abenteuer-Urlaub" benötigt - bitte. Aber dann auch die Risiken alleine tragen.
Richtig. Und dann nicht auf "ich kann ja nichts dafuer" machen wenn man von irgendwelchen Irren entfuehrt wird (wie im Jemen oder Kashmir vor einigen Jahren)
4.
frietz 16.07.2007
Zitat von WopperRichtig. Und dann nicht auf "ich kann ja nichts dafuer" machen wenn man von irgendwelchen Irren entfuehrt wird (wie im Jemen oder Kashmir vor einigen Jahren)
interessanter wird es dann wieder in deutschland, wenn man verhaftet wird, weil man ja angeblich in einem terrorlager zur ausbildung war.
5.
Constantinopolitana 16.07.2007
Hallo, als Tourist zum puren Vergnügen würde ich sicher nicht in den Libanon fahren, einfach weil ich das Gefühl habe, ich hätte dort nichts zu suchen. Es ist schon klar, daß die Leute, die vom Tourismus leben, das sicher anders sehen - aber Tourismus in Krisenregionen kommt mir ein bißchen vor wie Schaulust bei Unfällen oder Bränden. So nach dem Motto: "Mir geht's prächtig, aber interessant ist es schon, was denen da zugestoßen ist". Für die Arbeit war ich im März im Libanon (und wo ich schon einmal da war, habe ch natürlich auch das beiruter Nachtleben genossen, nicht nur bis abends um zehn), aber das ist was anderes. Ich war da, um für die EU nach einem Krankenhausabfallprojekt zu sehen und um ein anderes Projekt im Umweltministerium zu betreuen. Wenn meine Anwesenheit den Leuten da etwas nützt, sehe ich auch nichts Übles darin dorthinzufahren. Das war eigentlich überhaupt mein Hauptbeweggrund, diese Art von Beruf zu wählen - Umwelt und Entwicklung, im Besonderen Abfallwirtschaft -, aber ich will auch nicht leugnen, daß die zweite Motivation bei der Berufswahl war, daß ich mengenweise Länder und Kulturen kennenlernen will, und zwar nicht nur die Ruinen von Baalbek, sondern auch die Leute, die jetzt in dem Lande wohnen und arbeiten. Was die Angst vor Bomben anbelangt, sehe ich das ähnlich wie die anderen von der Sorglosfraktion. Ich würde niemals in ein Land wie den Irak fahren, auch nicht für das allerwichtigste und großartigste Projekt, einfach, weil ich viel zu viel Angst vor Entführung und Enthauptung hätte und als potentielles Entführungsopfer schon kilometerweit erkennbar wäre. Aber alle Länder, in denen nicht ein derart anarchischer und grausamer Bürgerkrieg herrscht wie im Libanon, sondern wo es einfach ein bißchen unruhiger ist, kommen mir nicht so fürchterlich vor. Es wäre vielleicht anders, wenn die Terroristen sich nicht soviel Mühe gäben, Angst und Schrecken auch mitten in Europa zu verbreiten. Das führt nunmal dazu, daß man sich sagt, ob's mich nun in Madrid in der Eisenbahn oder in Beirut auf der Corniche erwischt, macht nicht den großen Unterschied. Sicher ist man inzwischen nirgends mehr, außer vielleicht in kleinen, entlegenen Ländern, die den Volkszorn diverser Mudschahidin noch nicht gereizt haben (Island, Seychellen, Botswana...). Allerbeste Grüße, Eva
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