Erst war da das Donnern der Lawine. Dann rüttelte ein heftiger Windstoß an der Zeltwand, den die Schneemassen mit ihrer Wucht auslösten. Wir haben uns zunächst nichts dabei gedacht, wir waren auf etwa 6400 Meter Höhe am Manaslu neben einem riesigen Steilhang, da hört man ständig Lawinenabgänge.
Doch als ich den Reißverschluss der Zelttür öffnete, sah ich die Lichter von Stirnlampen, die sich schnell bewegten. Aus der Ferne konnten wir Hilferufe hören, auf Deutsch. Scheiße, da schreit jemand, habe ich gedacht. Schnell haben wir - eine insgesamt sechsköpfige Skiexpedition, fünf Deutsche, ein kanadischer Kameramann - unser Zeug zusammengepackt. Mit Schaufeln und Sauerstoffflaschen sind wir in die Richtung der Lichter gelaufen. Dahin, wo die anderen Expeditionen am Vorabend ihre Zelte aufgestellt hatten, wo etwa 30 Bergsteiger übernachteten.
Fünf Minuten von unserem Lager entfernt entdeckten wir einen Schuh im Schnee. Jetzt war uns klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Nach etwa einer Viertelstunde, gegen fünf Uhr morgens, erreichten wir die Reste von Zelten, die von der Lawine mitgerissen worden waren.
Es wurde gerade hell, so dass wir einen Überblick über die Situation gewinnen konnten - und über das Ausmaß der Zerstörung: Das Camp war völlig verwüstet. Unter Schneebrocken ragten Teile von zerstörten Zelten heraus, Bergschuhe und Kleidungsstücke lagen herum. Wir sahen Verletzte, die teilweise verschüttet oder im Schnee eingeklemmt waren.
Die Leute waren im Schlafsack von der Lawine überrascht worden. Der Großteil von denen, die überlebt haben, war zum Glück nicht schwer verletzt. Doch sie hatten keine Schuhe oder Handschuhe und standen unter Schock. Wir haben alle an einem Platz gesammelt, wo wir hofften, dass der Helikopter landen kann.
Wir gruben Überlebende und Tote aus, verteilten Schuhe, Sonnenbrillen und halfen mit Nahrung und Sauerstoff. Die Spur der Lawine zeigte, dass sie auf etwa 7300 Meter losgegangen und bis etwa 6200 Meter herabgedonnert war. Schuld war der Abbruch eines riesigen Séracs, eines Turmes aus Gletschereis.
Als wir vor fünf Jahren schon einmal am Manaslu waren, ging an exakt der gleichen Stelle eine Lawine herunter. Damals waren keine Menschen an dem Hang. Wir hatten unseren Übernachtungsplatz unter einer Gletscherspalte weitab der Normalroute gewählt und wurden nicht von der Lawine tangiert.
Ski-Legende unter den Überlebenden
In den Morgenstunden der Katastrophe waren wir so beschäftigt, dass wir nicht viel nachgedacht haben. Quasi auf Autopilot haben wir die Menschen versorgt. Zwischendurch musste ich doch innehalten und mit den Tränen kämpfen.
Weiter oben am Hang entdeckten wir im Schnee einen Freund: Glen Plake, einen der bekanntesten Freeskier der USA. Er war wie durch ein Wunder fast unverletzt, hatte nur ein paar Kratzer im Gesicht. Wir fielen uns in die Arme.
Nach sechs Stunden, die uns wie eine Ewigkeit vorkamen, kam endlich der erste Rettungshubschrauber. Es war ein großes Glück, dass wir nach vielen Tagen Dauerschneefall in den vorherigen Wochen nun gutes Wetter hatten, die Sicht war hervorragend. Sonst hätte der Hubschrauber in dieser Höhe nicht landen können, und möglicherweise wären noch mehr Menschen gestorben, weil sie nicht rechtzeitig im Krankenhaus in Katmandu gewesen wären.
Intensive Beziehung zu den Verletzten
Außerdem hat die Sonne geholfen, dass sich die Überlebenden recht schnell wieder aufwärmen konnten und keiner ernsthafte Erfrierungen erlitt. Nach unseren Informationen sind acht Menschen tot, drei gelten offiziell noch als "vermisst".
Ein bisschen tröstet mich das Wissen, dass wir helfen konnten, dass wir nicht völlig ohnmächtig waren. Man baut eine kurze, aber sehr intensive Beziehung auf zu den Verletzten, die man in den Stunden bis zum Hubschrauberabflug betreut. Jetzt haben wir erfahren, dass sie sich gut erholen.
Im Basecamp auf 4400 Meter Höhe ist jetzt, drei Tage nach dem Unglück, die Stimmung weiter getrübt. Viele Expeditionen sind abgereist, doch etwa 150 Leute sind immer noch hier, die den Gipfel weiterhin versuchen wollen.
So viele wie dieses Jahr waren noch nie am Manaslu. Weil Tibet derzeit keine Ausländer ins Land lässt, sind die populären Achttausender Cho Oyu und Shisha Pangma nicht zugänglich, viele Bergsteiger wichen deshalb zum Manaslu aus. Auch wir, eigentlich wollten wir auf den Cho Oyu. Schon verrückt: Hätten wir ein Visum für Tibet bekommen, wären wir nicht hier.
Aufgezeichnet von Stephan Orth
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