Manaslu-Trek in Nepal Dorf-Hopping am Achttausender

Jede Tagesetappe führt tiefer ins wahre Nepal: Der Manaslu-Trek ist längst nicht so populär wie die berühmten Annapurna- oder Everest-Basecamp-Touren - aber kaum weniger spektakulär. Fünf Momentaufnahmen von einer der schönsten Wanderungen der Welt.

Stephan Orth

Von


Erster Tag: Arughat Bazar, 608 Höhenmeter

Um Punkt sechs Uhr kommt Besuch. "Morning Sir, tea Sir" und "Warm water, Sir", verkündet Dal Shingh Tamang und stellt zwei Teetassen aus Aluminium und zwei orangefarbene Plastik-Wasserschüsseln vor das Zelt. Derweil machen sich Koch Milan Tamang und Küchenhelfer Bhim Tamang vernehmlich an den Töpfen und Pfannen zu schaffen. Wer ein einsames Outdoor-Abenteuer suchte, dann aber jeden Morgen von diesem Spektakel geweckt wird, muss sich erst mal an den neuen Status als Befehlshaber einer Großexpedition gewöhnen.

Mit dabei sind außerdem noch der Bergführer Pawan Tamang und die Träger Kumar, Sudip, Laxman und Amrit Tamang. Ganz schön viel Personal für zwei deutsche Wanderer.

An archaisch wirkenden Stirnriemen werden sie in den nächsten Tagen geflochtene Holzkörbe mit Zelten, Kochgeschirr und Proviant für zwei Wochen schleppen. Nur 30 Kilo pro Person sind erlaubt. "Kein Problem", sagt einer der stets heiter wirkenden Tamangs. "Abends kann man für ein paar Minuten den Kopf nicht richtig bewegen, aber dann geht's wieder."

Darf man das, als Luxusspaziergänger mit Tagesrucksack diese orthopädisch fragwürdige Plackerei für acht Euro am Tag unterstützen? Die Tamangs, Newars, Sherpas - sie sind übrigens nicht alle verwandt, der Nachname bezeichnet in Nepal den Volksstamm - haben schon vor 100 Jahren Lasten auf diese Art getragen, und im Heimatdorf verdienen sie weniger. Aber ein komisches Gefühl bleibt.

Viereinhalb Kilometer Höhenunterschied

Der Manaslu ist der achthöchste Berg der Welt. Die Tour um das Massiv führt über eine alte Handelsroute an der Grenze zu Nepal, immer am Buri-Gandaki-Fluss entlang. Von 608 Metern über Normalnull geht es stetig bergauf bis zum Larkya-Pass auf über 5100 Metern, dann in steilen Etappen zurück ins Tal.

Der Weg ist erst gesäumt von einsamen Bergdörfern und Kiefernwäldern, später führt er durch karge Felslandschaft. Erst 1991 wurde die Wanderroute für Besucher geöffnet, gut 2000 pro Jahr kommen inzwischen hierher. Das sind erheblich weniger als auf der quasi nebenan verlaufenden Annapurna-Runde: Der berühmte "Apple Pie Trek" wird von der 30fachen Besucherzahl zu Tode getrampelt.

"Ich mag die Manaslu-Runde lieber, weil hier nicht so viele Leute sind", sagt Pawan Tamang. Er trägt eine schwarz glänzende Timberland-Kapuzenjacke und hat überraschend dünne Waden. Mit runden Brillengläsern, einem dezenten Schnäuzer und schüchternen Lächeln könnte der 38-Jährige auch ein freundlicher indischer Mathelehrer sein.

Dabei hat er einen Job, von dem Abenteurer auf der ganzen Welt träumen. Pawan ist seit 16 Jahren zertifizierter Trekking-Führer im nepalesischen Himalaja. Doch Pawans Verhältnis zur Ausnahme-Natur seines Landes ist eher nüchtern. "Manchmal weiß ich nicht mehr, was schön ist und was nicht", sagt er und stapft dann über eine schwankende Hängebrücke. Hinter ihm leuchtend grüne Terrassenfelder, unten ein schäumender Fluss, am Horizont hohe Felszacken im Sonnenlicht - jeder Bildband-Fotograf würde jetzt hastig sein Weitwinkel-Objektiv aufschrauben und um einen Stopp betteln.

Doch Pawan wirkt in etwa so beeindruckt wie ein Dortmunder, der zum ersten Mal die Innenstadt von Castrop-Rauxel sieht. "Ich bin in einem Bergdorf aufgewachsen, die Schneegipfel sind nichts Besonderes für mich - aber die Touristen sind begeistert."

Wie oft er schon die populären Routen zum Everest Base Camp oder um die Annapurna gelaufen ist, kann er nicht mehr zählen. Reine Routine, Wandern als Arbeit. Pawan ist zum sechsten Mal am Manaslu.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
dongerdo 30.03.2011
1. -
Es ist schön mal einen Bericht über Trekking in Nepal zu lesen der _nicht_ den Annapurna-Circuit oder Everest als zentrales Thema hat. Ein großer Teil von Nepal hat mit den kitschigen Vorstellungen von "back to the nature" leider nichts mehr zu tun (Allein die Kugelschreiber Geschichte! Die Motive waren ja irgendwo löblich auf Kugelschreiber statt Süßigkeiten zu setzen, aber die Ausmaße die das ganze angenommen hat sind vollkommen Irrwitzig), aber es ist ein _wunderschönes_ Land...
Layer_8 30.03.2011
2. Oy
Zitat von sysopJede Tagesetappe führt tiefer ins wahre Nepal: Der Manaslu-Trek ist längst nicht so populär wie die berühmten Annapurna- oder Everest-Basecamp-Touren - aber kaum weniger spektakulär. Fünf Momentaufnahmen von einer der schönsten Wanderungen der Welt. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,753624,00.html
Jetzt muss ich dochmal nach Nepal. Ich war schon ein paarmal in der Gegend. Pakistan (Karakorum), Indien (Ladakh, Sikkim). Nur Nepal hat mich immer etwas abgeschreckt, weil ich nur von Everest und Annapurna und dem ganzen Trubel dort gehört hab. Danke für diesen Artikel.
dongerdo 30.03.2011
3. -
Zitat von Layer_8Jetzt muss ich dochmal nach Nepal. Ich war schon ein paarmal in der Gegend. Pakistan (Karakorum), Indien (Ladakh, Sikkim). Nur Nepal hat mich immer etwas abgeschreckt, weil ich nur von Everest und Annapurna und dem ganzen Trubel dort gehört hab. Danke für diesen Artikel.
Nehmen Sie einfach eine Karte und den Lonely Planet Nepal. Dann streichen Sie einfach alle "Geheimtipps" u.ä. aus dem Führer auf der Karte durch - und voilà, der Trubel ist weg. Nepal kann wunderschön sein _wenn_ man sich von den günstigen "Guided-Tours" abwendet. Ein bisschen Abenteuer Geist ist zwar nötig, aber wenn Sie im Karakorum unterwegs waren wird der ja vorhanden sein ;-)
StMusi 30.03.2011
4. Annapourna Round - tolle Erfahrung
2003 bin ich mit einem Freund nur mit Rucksack und ohne Guide oder Träger um die Annapurna gewandert. Zumindest damals waren keine biertrinkenden amerikanischen Rentner auf der Strecke. Der anspruchsvolle Weg über den Thorang Pass auf 5.400 m siebt solche Kandidaten auch gnadenlos aus. Es ist eine phantastische Strecke - und der Manaslu-Trek sicherlich auch.
Layer_8 30.03.2011
5. °iöi°
Zitat von dongerdoNehmen Sie einfach eine Karte und den Lonely Planet Nepal. Dann streichen Sie einfach alle "Geheimtipps" u.ä. aus dem Führer auf der Karte durch - und voilà, der Trubel ist weg. Nepal kann wunderschön sein _wenn_ man sich von den günstigen "Guided-Tours" abwendet. Ein bisschen Abenteuer Geist ist zwar nötig, aber wenn Sie im Karakorum unterwegs waren wird der ja vorhanden sein ;-)
Karakorum war ja noch das Beste von Allem. An zweiter Stelle rangiert bei mir Sikkim. Zweithöchster und dritthöchster Berg auf unserer Erde. Hab ich nicht bestiegen, aber grandiose Bilder gemacht.
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