Manù-Nationalpark in Peru Zutritt verboten!

Nur ein sehr kleiner Teil des Manù-Nationalparks im Amazonasbecken darf betreten werden - aus Rücksicht auf die Natur und die indigenen Völker. Michael Martin erkundet das Gebiet per Boot.

Jörg Reuther

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Der Amazonas-Regenwald liegt 4000 Meter unter mir in einem Wolkenmeer begraben. Ich stehe auf einem Bergpass in den Anden Perus, hinter mir glänzen vergletscherte Gipfel in der Wintersonne. Ich schaue die vor mir liegende, steile Piste hinab, die in den Tropenwald führt, schwinge mich auf mein schwer bepacktes Motorrad und fahre los.

Nach vier Stunden erreiche ich Atalaya, das am Río Alto Madre de Dios liegt. Mein Freund und Kollege Jörg Reuther und unser Guide Jose warten bereits auf mich. Der junge Peruaner bringt uns zu einem zehn Meter langen Boot, das von zwei Männern gesteuert wird, die uns mit Chikichiki und Rambo vorgestellt werden.

Unser in Cusco angeheuerter Koch Franklin verlädt die letzten Vorräte, dann legen wir ab. Das Ziel: der Manù-Nationalpark nördlich von Cusco. Mehr als 80 Prozent des Parks dürfen von Besuchern nicht betreten werden - um die Natur und die indigenen Völker zu schützen, die dort abgeschieden leben und keinen Kontakt zur modernen Welt wünschen.

Als wir ablegen, erfasst uns die heftige Strömung des Río Alto Madre de Dios, der zu den größeren der unzähligen Amazonas-Nebenflüssen gehört. Kapitän Chikichiki scheint jede Flussbiegung zu kennen und steuert das Boot souverän durch die Stromschnellen.

Im letzten Abendlicht erreichen wir schließlich die Boca Manù Lodge. Dabei ist der Begriff "Lodge" etwas irreführend: Die Lodges im Amazonasbecken sind meist sehr einfache Unterkünfte ohne Strom und Bewirtung. Ein Moskitonetz ist hier wichtiger als eine heiße Dusche.

Nach dem Essen schlägt Jose uns eine Nachtwanderung durch den Regenwald vor. Gummistiefel schützen vor Schlamm und Schlangen, der Pfad ist schmal und komplett eingewachsen, schon tagsüber dringt hier wenig Licht durch.

Rechts und links des Weges offenbart sich der Urwald: Eine Schlange windet sich um einen Baum, ein Giftfrosch sitzt auf einem Blatt vor einem Insekt, und im Morast ist der Tatzenabdruck eines Jaguars zu erkennen. Rund 1,4 Millionen Pflanzen- und Tierarten sind im Regenwald des Amazonasbeckens dokumentiert.

Fotostrecke

14  Bilder
Unberührter Regenwald im Amazonasbecken: Vom Aussterben bedroht

Am nächsten Morgen brechen wir noch bei Dunkelheit auf und erreichen bald darauf den Zusammenfluss des Río Alto Madre de Dios und des Río Manù. Wir folgen nun dem Río Manù flußaufwärts, dessen Wasser von der Schlammfracht braun gefärbt ist, und legen zunächst an einer Rangerstation an, wo wir registriert und eingewiesen werden.

Der Fluss ist von dichtem Regenwald gesäumt. Wir steuern eine Sandbank an, packen unsere Fotodrohne aus und lassen sie etwa 500 Meter über uns aufsteigen. Als wir auf das übertragene Bild auf dem Monitor blicken, verschlägt es uns fast die Sprache. In gleichmäßigen Windungen schlängelt sich der Fluss bis zum fernen Horizont, der Nebel gibt gerade die Sonne frei.

In gleichmäßigen Schleifen
Michael Martin und Jörg Reuther

In gleichmäßigen Schleifen

Solche Anblicke sind selten geworden im Amazonasbecken. Holzwirtschaft, Palmöl- und Sojaplantagen sowie Bergbau mit der dafür notwendigen Infrastruktur haben inzwischen große Teile des Regenwaldes unwiederbringlich zerstört.

Nach vier weiteren Bootsstunden erreichen wir ein einfaches Camp, in dem wir wieder die einzigen Gäste sind. Ein Pfad bringt uns von dort zum Lake Salvador, den wir mit einem handbetriebenen Katamaran befahren, um die Tiere so wenig wie möglich zu stören. Jose erzählt, dass im Amazonasbecken rund 1300 Vogelarten leben. Wir sehen aber auch vom Aussterben bedrohte Schwarze Kaimane und Riesenfischotter.

Ozelot auf Papageienjagd

Nach zwei Nächten im Camp fahren wir den Manù-Fluss wieder hinunter, folgen dem Río Madre de Dios und erreichen abends die Tambo Blanquillo Lodge. Hier wartet ein besonderes Highlight auf uns: Rund zehn Bootsminuten entfernt gibt es eine gut hundert Meter lange Lehmwand, die jeden Tag von Papageien besucht wird. Der Grund für dieses Verhalten ist umstritten. Manche Biologen meinen, dass die Aras mit dem Lehm Giftstoffe in der aufgenommenen Nahrung neutralisieren wollen, andere gehen davon aus, dass mit dem Lehm Salze aufgenommen werden sollen.

Von einem Beobachtungsstand aus warten wir auf die Vögel. Mittags tauchen die ersten Papageien auf, lassen sich auf den nahen Bäumen nieder und warten einen sicheren Zeitpunkt ab, um die Lehmwand anzufliegen. Sobald ein Greifvogel am Himmel auftaucht, fliegen sie sofort davon und kommen erst nach einiger Zeit wieder. Am frühen Nachmittag wagen sich die ersten Aras an die Wand, um Lehm zu picken.

Plötzlich bricht ein Ozelot aus dem Gebüsch, schnappt einen Ara, stürzt mit diesem im Maul die Lehmwand hinunter, überschlägt sich mehrfach und trottet dann mit dem Ara davon. Laut krächzend fliegen alle anderen Papageien auf und kommen an diesem Tag nicht wieder.

Ozelot gegen Ara
Michael Martin

Ozelot gegen Ara

Bevor wir den Río Madre de Dios wieder flußaufwärts fahren, machen wir in der Siedlung Boca Manù Halt. Hier leben vor allem Peruaner, die aus den Anden stammen und Handel treiben. Ein Teil der Bewohner sind Machiguenga, ein indigenes Volk, das sich teilweise an den modernen peruanischen Lebensstil angepasst hat.

Auf Völker wie die Mashco-Piros oder Amahuacas, die isoliert im Regenwald des Manù-Nationalparks leben, wird man als Reisender nicht treffen, und das ist auch gut so. Trotzdem sind sie akut bedroht seit im Nahua-Nanti-Reservat, einer wichtigen Pufferzone des Nationalparks, nach Öl gesucht wird. Angeblich gibt es bei den peruanischen Behörden Pläne, auch im Nationalpark selbst Öl- und Gasförderung vorzubereiten. Damit würde eines der weltweit bestgeschützten Regenwaldgebiete der Zerstörung ausgesetzt.

Video: Entlang der Anden-Abgründe von Peru

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6 Leserkommentare
seine_unermesslichkeit 26.06.2018
frankfurtbeat 26.06.2018
mborevi 26.06.2018
seriphos02 26.06.2018
erzengel1987 26.06.2018
uemaerz 24.08.2018

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