Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Mao-Tourismus in China: Ideologie zum Anfassen

Selbst Maos Schlafanzug ist heute ein Museumsstück: Der frühere Staatsführer wird verehrt wie ein Gott, fast 700 Millionen Besucher pilgern jährlich zu seinen Gedenkstätten in China. Manche legen nur einen Kranz nieder - wer jedoch mehr Action will, kann einen Straßenkampf nachspielen.

Roter Toursmus: Pilgern zu Mao Fotos
REUTERS

Shaoshan - Xu Wenxiang ist 1300 Kilometer gereist, um Mao Zedong die Ehre zu erweisen. Tief verbeugt sich Xu vor der sechs Meter hohen Bronzestatue von Chinas Revolutionsführer. "Für den Vorsitzenden ist kein Weg zu weit", sagt er. Zwei Männer in Militäruniformen tragen im Stechschritt einen Blumenkranz vor Xu bis zu der Statue. Aus den Lautsprechern am Rande des Platzes in Maos Geburtsort Shaoshan in der südchinesischen Provinz Hunan erschallt das Mao-Loblied "Der Osten ist rot". Passanten skandieren den Slogan: "Vorsitzender Mao lebe 10.000 Jahre!"

Xu hat sich für die Premiumversion der Zeremonie vor der Mao-Statue entschieden. 999 Yuan (120 Euro) hat ihn der Kranz mit einer Schleife und seinem Namen gekostet. Für den festlichen Akt mit den als Soldaten verkleideten Schauspielern musste er weitere 1000 Yuan bezahlen. Nach fünf Minuten ist alles vorbei. "Das war das Geld wert", sagt Xu neben der breiten Treppe, von der ein roter Teppich zu der Mao-Statue auf einem Betonsockel führt. Touristen wie er lassen sich den Respekt für Mao einiges kosten.

Mao ist 37 Jahre nach seinem Tod in China längst zu einer Geldmaschine geworden. Jedes Jahr pilgern Millionen Touristen zu den Wirkungsstätten des umstrittenen Revolutionärs. In einem Museum in der Nähe von Maos Geburtshaus in Shaoshan sind einige sehr private Dinge wie Reliquien ausgestellt: von Maos Schlafanzug über seine Socken bis hin zu seiner Badehose. Mehrere zehntausend Besucher zählt das Museum nach eigenen Angaben an Spitzentagen.

Kein Wort über die Opfer

Der von Chinas Führung propagierte "rote Tourismus" ist für Daniel Leese von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg nur eine neue Verpackung für die ideologische Erziehung der Bevölkerung. "Die Inhalte müssen an die Zeit angepasst werden", sagt der Juniorprofessor. In einem Forschungsprojekt untersucht er den Maoismus in China.

An Feiertagen müssen Touristen mehr als drei Stunden anstehen, um einen kurzen Blick in Maos Kinderzimmer am anderen Ende des Ortes zu werfen. Der Revolutionär wird als ein Führer mit Bürgernähe gefeiert. Kein Wort fällt über die Millionen Menschen, die seiner skrupellosen Politik zum Opfer fielen, etwa durch die Kampagne "Großer Sprung nach vorn".

Die Zahl der Besucher an den Pilgerorten der Kommunistischen Partei Chinas ist im Jahr 2012 nach offiziellen Angaben um 24 Prozent auf 670 Millionen angewachsen. Insgesamt brachten die "Roten Touristen" demnach 167 Milliarden Yuan (20 Milliarden Euro) ein. Die Zentralregierung macht Geld für die Touristenorte locker. Gleichzeitig sollen sie die Wirtschaft in den weniger entwickelten Regionen des Landes ankurbeln.

Erziehung in Patriotismus

Die Kommunistische Partei in China treibt den "roten Tourismus" mit Macht voran. Die staatliche "Nationale Koordinierungsgruppe" gibt die Leitlinien für den Kult um die Partei vor. Seit 2004 lenkt die Zentralregierung den Ausbau im ganzen Land gezielt. "Die Erziehung in Patriotismus, Kollektivismus und Sozialismus muss weiter vertieft werden", hatte der Chef der Koordinierungsgruppe, Zhu Zhixin, beim Jahrestreffen 2013 gefordert.

Mit den Touristenspektakeln soll "eine emotionale Verbindung geschaffen werden", sagt Daniel Leese. China schafft so eine Ideologie zum Anfassen und Miterleben. "Disneysierung" nannte die Forscherin Yoko Takayama vom Slavic Research Center in Japan die Entwicklung in einer Analyse, in Anlehnung an die Disney-Freizeitparks.

Sie meint Orte wie die ehemalige Revolutionsbasis Yan'an 900 Kilometer südwestlich von Peking, in der sich Mao nach 1935 verschanzt hatte. Dort können Touristen einen Kampf um den Ort mit Panzern und Gewehren nachspielen. In Zhuanbi in der nordchinesischen Provinz Shanxi ist ein ganzer Freizeitpark für die "roten Touristen" errichtet worden, in der sie in einem Hindernisparcours an einem Häuserkampf teilnehmen können.

Danach gehen die meisten Touristen shoppen: Mao-Abziehbilder, Schlüsselanhänger, Jacken oder iPhone-Hüllen finden hervorragenden Absatz.

Stephan Scheuer/dpa/sto

Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Steuerzahler0815 10.02.2014
Zitat von sysopREUTERSSelbst Maos Schlafanzug ist heute ein Museumsstück: Der frühere Staatsführer wird verehrt wie ein Gott, fast 700 Millionen Besucher pilgern jährlich zu seinen Gedenkstätten in China. Manche legen nur einen Kranz nieder - wer jedoch mehr Action will, kann einen Straßenkampf nachspielen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/mao-tourismus-in-china-pilgern-zum-revolutionsfuehrer-a-952507.html
Das ist eben der Unterschied zwischen realem und theoretischen Sozialismus
2. Ideologie zum Anfassen?
citizen_kane 10.02.2014
Dieses Mao-Denkmal vom sitzenden Mao ähnelt erstaunlich dem Lincoln Memorial in Washington.
3. Es sollte allen nochmals in Erinnerung gerufen werden
bocklos851 10.02.2014
daß es sich bei Mao um einen der größten Massenmörder aller Zeiten handelt. Neben AH und Stalin...
4. Sie haben Recht, ...
winki 10.02.2014
nur wen die Chinesen verehren und wie sie das tun ist deren Sache und geht uns einen feuchten Kehricht an. Müssen wir uns denn immer überall rein hängen?
5. Immer angenehm,
richsorge 11.02.2014
wenn man seine Vorfahren so einfach entlasten kann, indem man darauf verweist, daß andere ja genauso schlimm sind. Auch so läßt sich der unselige Vergleich von Mao mit A.H. deuten. Nur dumm, daß dem Überfall des Letzteren auf Polen & das Überziehen der gesamten westlichen Staaten mit Krieg nichts dem Ersteren anzuhängen ist. Also offene kriegerische Aggression gegen alle Nachbarn, wie es heutzutage dem Land der Mitte auch gerne unterstellt wird, hat es unter Mao nicht gegeben & wird es auch in Zukunft nicht geben. Auch ein so perfides *Unternehmen* wie den Holocaust hat es vergleichbar nur von Japanern an Chinesen, aber eben beispielsweise nicht umgekehrt gegeben. Machen Sie sich also lieber darüber Gedanken, warum dem so ist anstatt hier Ihre unseligen (abgekupferten, also keiner eigenen Denkleistung entsprungenen) Vergleiche zu ziehen, bocklos851. Aber, ich vergaß, Mao hatte einfach nicht die Mittel dazu, die anderen zu überfallen (Ironie aus). Und der Grundtenor des Artikels gibt das Niveau der Gegenpropaganda (wenn wir es hier überhaupt mit "Gegen" Propaganda zu tun haben) vor. Der Forist citizen_kane hat sehr schön umschrieben, welcher Form von Verdummung wir hier aufsitzen könnten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia| China-Reiseseite


Getty Images
Kontinent der Superlative: Hier sind die Berge am höchsten, die Riesenräder am größten und die Menschen am ältesten. Wie genau kennen Sie sich aus in der Welt der asiatischen Rekorde? Finden Sie es heraus im Reisequiz! !