Maori-Kultur in Neuseeland: Der Tod! Der Tod! Das Leben!

Von Christina Otten

Sie verdrehen die Augen, strecken die Zunge heraus und brüllen bedrohliche Laute - Begegnungen mit den Maoris sind gewöhnungsbedürftig, aber ungefährlich. Denn die ersten Siedler Neuseelands sind längst keine Kannibalen mehr. Ihre Kultur prägte die Gesellschaft des Inselstaates und erlebt jetzt eine Renaissance.

Die Maoris blicken selbstbewusst in die Zukunft
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Die Maoris blicken selbstbewusst in die Zukunft

Maui ist ein Krieger. Er ist groß, stark und furchteinflößend. Als Maui auf die Jagd geht, kündigt er an: "Ich werde einen Fisch fangen, so groß, dass wir ihn nicht auf einmal essen können". Maui schnitzt einen Angelhaken aus dem Kieferknochen seiner toten Großmutter. Dann betupft er ihn mit Blut und wirft den Angelhaken ins Meer. Wenig später merkt Maui, dass etwas Gigantisches an dem Köder angebissen hat. Mit seiner ganzen Kraft zieht er den Fang an die Oberfläche. Zum Vorschein kommt "Aotearoa", die Nordinsel Neuseelands.

"Aotearoa" heißt in der Sprache der ersten Siedler Neuseelands "Land der langen weißen Wolke". Noch heute wissen die Maoris viele Mythen und Legenden über den Ursprung ihrer Heimat zu erzählen. Tatsächlich zeigt eine Luftaufnahme der Nordinsel, wie sehr sie einem Fisch ähnelt. Die Maoris besiedelten Neuseeland vor über 1000 Jahren, weit bevor der erste Europäer einen Fuß in das "Ende der Welt" auf der Südhalbkugel setzte. Sie sind ein polynesisches Volk, das irgendwann mit ihren Kanus die Inselwelt des Pazifiks auf der Suche nach neuem Land verlassen hatte.

Die genaue Herkunft der Maoris ist unbekannt. Sprache und Kultur sind aber denen anderer polynesischer Völker sehr ähnlich. "Kia ora" (Guten Tag) und "haere mai" (Willkommen) werden sicher auch von den Ureinwohnern Hawaiis und Tahitis verstanden. Schwieriger könnte es bei "taumata-whakatatangihangakoauaotamateapokaiwhenuakitana-tahu" werden. Das Wort heißt übersetzt "Der Platz, an dem Tamatea, der Mann mit den großen Knien, Berge glättete, erklomm und verschluckte, bekannt als der Landesser, der für seine Geliebte Flöte spielte". Es ist der Name eines Hügels, der in der Nähe von Hawkes Bay im Osten der Nordinsel liegt und fände sicherlich Platz im Guiness-Buch der Rekorde - als Sehenswürdigkeit mit der längsten und unaussprechlichsten Bezeichnung.

Die traditionelle "Nasen-Begrüßung" der Maoris

Die traditionelle "Nasen-Begrüßung" der Maoris

Derzeit leben rund vier Millionen Menschen in Neuseeland. Zehn Prozent davon sind Maoris. Jedoch nur noch die wenigsten können sich Vollblut-Maori nennen. Gleich nach dem Eintreffen der weißen Siedler kam es zu Eheschließungen zwischen Europäern und Polynesiern. Für Kapitän James Cook, der Neuseeland 1769 für König George von England in Besitz nahm, waren die Maoris ein ungewöhnlicher Anblick. Sie waren größer und kräftiger als die meisten Europäer der damaligen Zeit. Zudem trugen sie Tätowierungen am ganzen Körper, sogar im Gesicht. Der imposante Kriegstanz der Maoris, genannt "haka", tat ein Übriges um die "pakehas" (Die Weißen) auf Abstand zu halten. Mit weit aufgerissenen Augen, die sie diabolisch verdrehten, und ausgestreckter Zunge versuchten die Krieger ihren Gegnern das Fürchten zu lernen. "Der Tod! Der Tod! Das Leben!" schrieen sie den ahnungslosen Neuankömmlingen entgegen.

In Rotorua brodeln heiße Quellen neben Maori-Dörfern
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In Rotorua brodeln heiße Quellen neben Maori-Dörfern

Den "Todestanz" gibt es heute nur noch als touristische Attraktion, zum Beispiel in Rotorua. Die kleine Stadt im Herzen der Nordinsel ist Hochburg der Maori-Kultur und gleichzeitig Dreh- und Angelpunkt für Ausflüge in das größte Thermalgebiet Neuseelands. Die über Rotorua hängende Duftnote "faule Eier" hat dem Ort den Maori-Namen "Whangapipiro" eingebracht, was soviel bedeutet wie "fürchterlich stinkender Platz". Mitten zwischen brodelndem Schlamm und Wasser sprühenden Geysiren liegt das Maori-Dorf "Whakarewarewa". Mit dem Zischen und Qualmen zwischen bunt angemalten Häusern wird zweckmäßig umgegangen: Kochende Wasserstellen dienen den Einwohnern abwechselnd als Herd oder Waschzuber. Probleme kommen jedoch bei Beerdigungen auf dem angrenzenden Friedhof auf. Weil nur wenige Meter gegraben werden kann, ohne dass heißes Wasser zu Tage tritt, müssen die Gräber überirdisch aus Stein angelegt werden.

In "Whakarewarewa" fertigen die Maoris vor den Augen der Besucher Holzschnitzereien, Körbe sowie Anhänger aus grüner Jade und Tierknochen. Zudem gibt es täglich Tanzshows. Weitere Orte, um die Maori-Kultur Neuseelands kennen zu lernen sind die beiden größten Museen des Landes. Im Te Papa-Museum in der Hauptstadt Wellington steht ein Maori-Versammlungshaus. Das War Memorial Museum in Auckland, der größten Stadt Neuseelands, zeigt riesige Schnitzereien sowie den Häuptlings-Umhang aus Moa-Federn. Der straußenähmliche Moa-Vogel war mit bis zu vier Metern Körpergröße der größe Vogel Neuseelands. Da er jedoch flugunfähig war, wurde er zur leichten Beute für die Maoris und starb aus.

Übersichtskarte des Nord- und Südinsel Neuseelands
Foto: GMS

Übersichtskarte des Nord- und Südinsel Neuseelands

Wer die Maori-Kultur abseits von Touristen-Pfaden erkunden möchte, sollte versuchen, auf eigene Faust Kontakt zu den Bewohnern herzustellen. Maoris sind in der Regel sehr gastfreundlich und haben ihre Kannibalen-Kulte längst abgelegt. In der Vergangenheit konnten Streitigkeiten noch übel enden. Besiegte Feinde landeten manchmal im Kochtopf. Teilweise wurde ihnen der Kopf abgehackt und im Dorf zur Schau gestellt. Wer dem Tod entging, war in der Regel zum Sklavendasein verbannt.

Durch die Übermacht der europäischen Siedler waren die Traditionen der Maoris jahrzehntelang zurückgedrängt worden. Immer weniger erlernten alte Kunsthandwerke und die Sprache, die nur in mündlicher Form existierte. Auch das Gesichtstatoo "moko", das Status und Stammeszugehörigkeit erkennbar machte, verlor an Bedeutung. Ein anderes Problem nach der Ankunft der Weißen war die Landverteilung. Nach Maori-Verständnis ist alles Land Stammesland und nicht zu verkaufen. Dies war natürlich gar nicht im Sinne der neuen Siedler und Grund für zahlreiche Auseinandersetzungen.

Auch das neuseeländische Rugby-Team hat sich einer bekannten Maori-Tradition verpflichtet
AFP

Auch das neuseeländische Rugby-Team hat sich einer bekannten Maori-Tradition verpflichtet

Die Lösung der englischen Krone: Ein Vertrag mit den Maori-Häuptlingen. Im Jahr 1850 unterzeichneten sie den Vertrag von Waitangi. Durch ihn erhielt das britische Königshaus das Recht, Land von den Maoris aufzukaufen. Im Gegenzug wurden den Maoris alle Rechte und Privilegien britischer Untertanen verliehen. Waitangi liegt im äußersten Norden Neuseelands an der traumhaften Bucht Bay of Islands. Im Waitangi-Besucherzentrum liegt hinter Glas eine Kopie des Vertrages. Über einen Waldpfad gelangen die Besucher zu dem vermutlich größten Kriegskanu, das je gebaut wurde: 36 Meter lang, in der Mitte zwei Meter breit, mit Platz für 150 Krieger und 80 Ruderer.

Heute wird die "Treaty of Waitangi" von vielen Maoris kritisiert. Die Übersetzung des Vertrages für die Häuptlinge sei unklar gewesen, da einige Wörter und Ausdrücke in der Maori-Sprache nicht existieren, lautet der Vorwurf. Gestritten wird also um die Frage, welche Landverkäufe zum Zeitpunkt der Unterzeichnung rechtens waren und welche nicht. Neuerdings stellen Maoris sogar Besitzansprüche auf Küste und Meeresboden Neuseelands. Diesen Bestrebungen will die neuseeländische Regierung nun mit Gesetzen entgegentreten.

"Maoritanga" nennen die Neuseeländer das neue Selbstbewusstsein der Maoris. Maori ist mittlerweile neben der Amtssprache Englisch offizielle Landessprache und Teil von Fernseh- und Radioprogrammen. Am Wochenende treffen sich die Maori-Familien in ihren "maraes" (Versammlungshäusern), diskutieren, feiern und empfangen Gäste. Die Helden der Nation, die "All Blacks"-Rugby-Mannschaft, tanzen in den Stadien der Welt vor jedem Spiel den "haka" und die bekannteste Opern-Diva des Landes heißt Kiri Te Kanawa. Die Menschen sind wieder stolz, Maori zu sein.

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