Markt in Jerusalem: Shoppen auf dem Shuk

Von Katharina Riehl, Jerusalem

Europäischer Käse neben koscherem Fleisch, indische Miniröcke neben Kippas: Jerusalems quirligster Markt startet in die Moderne. Nach zwei schweren Terrorattacken ist der Mahane Yehuda wieder ein Touristenziel - auch dank neuer westlicher Cafés.

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Mahane Yehuda: Jerusalem quirligster Markt
Guillaume hat nicht nur den blütenweißen Kittel und das große Käsemesser, Guillaume hat sogar einen französischen Akzent. Wenn Guillaume kleine Stücke von den harten, weichen, schimmligen, gelben, weißen, sogar grünen und roten Käsestücken abschneidet und auf der Klinge zum Probieren über die Theke reicht, kann man durchaus kurz vergessen, dass man gerade nicht in Paris Urlaub macht.

Denn Guillaumes Käsetheke steht nicht in der französischen Hauptstadt, Guillaume ist Verkäufer im Bascher, einem Käseladen auf Jerusalems größten und schönsten Markt, dem Mahane Yehuda. Und die israelische Popmusik aus dem Radio des Nachbargeschäftes und das laute Rufen, mit dem die arabischen Verkäufer am Stand gegenüber ihre Petersilie anpreisen, holen einen schnell wieder in den Nahen Osten zurück.

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass in dem kleinen Geschäft auf der Hauptstraße des Mahane Yehuda die Falafel-Fritteuse den Käseregalen Platz machen musste. Guillaume erzählt, dass sein Chef Eli damals eine Europa-Reise unternahm. Dort lernte er den französischen, belgischen, deutschen Käse kennen, "und er hat sich verliebt". Als er wieder nach Jerusalem kam, hatte er sich entschieden: Sein Falafel-Imbiss - seit mehreren Generationen von der Familie geführt - sollte ein Käseladen werden.

Jetzt fährt Eli alle drei bis vier Wochen nach Paris, zu einer Käseauktion, verlädt die Ware auf einen Container und lässt sie nach Tel Aviv verschiffen. Rund 800 Sorten führt der Laden. Und einmal, da hat Eli nicht nur französischen Käse, sondern auch gleich einen französischen Verkäufer mitgebracht. Und so schmiert Guillaume, der blonde Franzose, nun mitten in Jerusalem Ziegenmilchbutter auf Baguette. Auf einem Markt, der Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht mehr war als eine improvisierte Ansammlung von Ständen arabischer Händler.

Erdbeeren und Orangen haben Saison

Besonders die Juden aus den neu entstehenden umliegenden Vierteln kamen damals auf den Mahane Yehuda, um Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch nicht den weiten Weg von der Altstadt nach Hause tragen zu müssen. Erst um 1920, als die Briten mit einem Mandat des Völkerbundes das damalige Palästina beherrschten, wurde ein Teil des Marktes fest installiert. Nach und nach lösten dann jüdische Händler die arabischen ab. Inzwischen bieten hier mehr als 250 Händler ihre Waren zum Verkauf an.

Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch - auch heute noch ist Mahane Yehuda der zentrale Einkaufsort für Lebensmittel in Jerusalem. Erdbeeren und Orangen haben jetzt im Winter gerade Saison, sie türmen sich auf den Ständen entlang der Marktgassen genauso wie Tomaten, Gurken und Fische - manche von ihnen so frisch, dass sie in ihren Styroporbehältern nach Luft schnappen.

An all dem mag sich in den letzten hundert Jahren wenig geändert haben, trotzdem erlebt Jerusalems größter Markt in diesen Monaten einen gewaltigen Umbruch - und Eli mit seinem exklusiven Käsegeschäft war ein Vorreiter dieser Entwicklung: Auf dem "Shuk", wie die Jerusalemer ihren Markt einfach nennen, werden nicht mehr bloß Grundnahrungsmittel und Haushaltsgegenstände verkauft, Delikatessenstände und teilweise sogar Galerien verändern das Gesicht des Mahane Yehuda.

Zum Beispiel der Brotladen auf der Hauptstraße: Hier gibt es kein Pita zu kaufen, das Fladenbrot ohne Hefe, das beim Backen nicht aufgeht. El Chanam, der langhaarige Händler, verkauft Sauerteigbrot - dicke Laibe, Vollkorn mit dunkler Kruste, so wie man sie bei Deutschlands Biobäckern kaufen kann. Erst vor ein paar Monaten hat die Bäckerei mit dem für den Nahen Osten eher ungewöhnlichen Brot ihren Stand auf dem Markt eröffnet. "Am Anfang mussten wir viel herschenken", erzählt El Chanam, "weil die Leute ja gar nicht wussten, was das ist. Wir mussten sie erst mal probieren lassen".

Doch inzwischen kommen die Kunden - und zum Teil von weit her. Gerade steht ein kleiner älterer Herr mit Baskenmütze am Stand, sein Hebräisch hat einen stark amerikanischen Akzent. Er kauft gleich einen ganzen Einkaufswagen voller Brotlaibe: zwei mit getrockneten Tomaten, zwei mit Blaubeeren, zwei mit Pinienkernen. Auf Vorrat, sagt er, weil er nicht so oft auf den Markt kommen kann. "Und sonst kann man so etwas in Israel ja nirgends kaufen."

Der Mahane Yehuda wird modern

Die Veränderungen, die der Markt in letzter Zeit erlebt, sind nicht nur kulinarischer Natur. An jeder Ecke des Marktes, zwischen den Vitrinen mit den noch zappelnden Fischen, eröffnen Geschäfte, in denen man glaubt, sich in einen Designer-Shop in Berlin-Mitte verlaufen zu haben. Zum Beispiel der Stand mit dem polierten Parkettboden, der dezenten Deko, dazwischen stehen goldgelbe Flaschen in Reih und Glied, im Hintergrund ein riesiger Flachbildschirm: eine Olivenöl-Boutique. Vor zwei Monaten eröffnet, die Geschäfte laufen super, versichert die junge Verkäuferin Ariel. Vor allem Touristen kaufen hier gerne ein, Tagesausflügler aus Tel Aviv, aber auch Urlauber von weiter her.

Mahane Yehuda ist sicherlich nicht dabei, eine elegante Shopping-Mall zu werden. Aber die sich nun entwickelnde Mischung aus dem ursprünglichen Markt und den neuen hübschen Cafés und Kunsthandwerk passt wohl gut in eine Zeit, in der gerne vom "Shopping-Erlebnis" anstatt vom Einkaufen gesprochen wird. 1997 und 2002 erlebten Händler und Kunden des Mahane Yehuda zwei schlimme Terrorattacken durch Selbstmord-Attentäter. Heute machen die neuen Geschäfte den Markt wieder zu einem Ausflugsziel.

Die meisten Läden der neuen Generation haben gerade erst eröffnet: der Töpferladen am Ende einer Seitengasse, in dem elf Künstler ihre Arbeiten verkaufen wollen, das Geschäft mit den aus Indien importierten Mini-Kleidern. Oder der kleine Stand am Eingang der Hauptstraße. Hier versucht Eitan, die Touristen mit Kippas und kleinen siebenarmigen Leuchtern in seinen Laden zu locken.

Die neuen Stände dominieren den Markt aber noch lange nicht. Sie verlieren sich zwischen den Obst- und Gemüseläden, den unzähligen Sorten an türkischem Honig. Zwischen Läden wie dem Gewürzgeschäft, in dem Itzik arbeitet. Der Betrieb ist seit drei Generationen in Familienbesitz. 300 verschiedene Gewürzsorten in großen runden Gläsern, in Schalen und Säcken gibt es hier zu kaufen - ohne Dekoration, ohne Geschenkverpackungen: Als eine junge Jüdin, nach den orthodoxen Regeln mit langem Rock und Perücke zum Verdecken der Haare bekleidet, nach Curry verlangt, schippt Itzik eine große Schaufel des orangen Pulvers einfach in eine Plastiktüte.

Das Geheimnis der Franzosen

Vor allem in den Seitengassen ist der Shuk nach wie vor weder schick noch modern: Es riecht nach den Tiergedärmen, die sich in den Vitrinen stapeln, ein junger Mann schiebt einen Einkaufswagen mit blutigen Rinderköpfen zwischen den Marktbesuchern hindurch. Mahane Yehuda ist ein Ort der Gegensätze geworden. Da sind die ultraorthodoxen Juden mit ihren großen schwarzen Hüten und langen Mänteln, die immer eiligst durch die Gassen huschen. Und dazwischen die amerikanischen Touristen, die in Eitans Souvenirladen für zwei Schekel ein Armband mit einem handförmigen Anhänger als Glücksbringer kaufen, bevor sie im Café um die Ecke italienischen Cappuccino zu französischen Croissants bestellen.

Doch in Elis Käseladen, da drängeln sie sich alle. Die Ultraorthodoxen fragen mit kritischer Miene nach dem koschersten Produkt und kaufen am Ende ein in dickes Plastik eingeschweißtes Käserad. Die europäischen Touristen und die Israelis, die es mit der koscheren Ernährung nicht so eng sehen, lassen sich von Guillaume ein Stück von dem grünen Käse mit Pesto-Geschmack abschneiden. Für Elis Käse kommen sie von überall her, schließlich ist es der einzige derartige Laden in ganz Israel, sagt Guillaume. Von den eigenen Filialen in Tel Aviv und Rishon Lezion einmal abgesehen.

Diese Exklusivität hat ihren Grund: Viele der hier verkauften Käsesorten sind aus nicht pasteurisierter Milch gemacht - und dürfen deshalb laut Gesetz eigentlich nicht nach Israel eingeführt werden. Fragt man Guillaume danach, lacht er und sagt: "Ja, das ist wohl so. Aber wie wir das machen, das ist unser kleines Geheimnis."

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1. Gut so!
heinrichp 04.02.2010
Zitat von sysopEuropäischer Käse neben koscherem Fleisch, indische Miniröcke neben Kippas: Jerusalems quirligster Markt startet in die Moderne. Nach zwei schweren Terrorattacken ist der Mahane Yehuda wieder ein Touristenziel - auch dank neuer westlicher Cafés. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,675577,00.html
Man soll die Hoffnung nie aufgeben, mich freut es das es in Israel und Palästina viele solcher Inseln der Hoffnung gibt. Und wenn es nur der Markt in Jerusalem ist. Gut so!
2. friedlich geht´s doch besser....
eikfier 06.05.2010
Zitat von heinrichpMan soll die Hoffnung nie aufgeben, mich freut es das es in Israel und Palästina viele solcher Inseln der Hoffnung gibt. Und wenn es nur der Markt in Jerusalem ist. Gut so!
...mich freut´s auch wirklich, die Sachtatsache und der interessante SPON-Artikel! Zumal ich bisher nur den Cardo kannte, der aber mit dem Shuk (arabisch: suk!) sicherlich an Gediegenheit der hochwertigeren Artikel, nicht aber an orientalischer Marktquirligkeit mithalten kann und wohl auch gar nicht soll. Übrigens stimme ich Theodor Fontane gleich mehrfach zu: Jenseits der Berge wohnen auch Menschen, manchen z.B. auch gute Videoblogs anderswo, z.B. beim BR mit Reporter Richard Schneider, finde ich nur so als zufriedener Endabnehmer....
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