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Marokko: Surfen, Beten, Surfen

Von Nadim Gleitsmann

Der "Beach break" von Moulay Bousselham ist der Geheimtipp des marokkanischen Ferienorts. Täglich treffen sich die Einheimischen in der Brandung zum Surfen. Viel brauchen sie dazu nicht: ein altes Brett, gute Wellen und ein paar Züge "Zéro Zéro" – dem feinsten Hasch weit und breit.

Seit einer viertel Stunde wartet Said Mhari nun schon auf dem Wasser. Noch immer nichts. Ringsum ist es still, nur ein paar Stimmen hallen vom Strand herüber. Dann wölbt sich hinter ihm der Horizont. Said liegt auf seinem Polyesterbrett und rudert mit den Armen im Wasser. Links, rechts, links, rechts. Er wirft einen Blick über seine Schulter: Die Welle ist dicht hinter ihm – eine Wasserwand, zwei Meter hoch, vielleicht werden es diesmal sogar zweifünfzig. Bevor die tonnenschwere Welle über ihm zusammenbricht, springt Said katzenhaft auf seine Füße.

Erwischt! Die Welle gehört ihm – für einen Moment, der nur knapp zwanzig Sekunden dauert und trotzdem unendlich geil ist. "Stoke", so nennen die Surfer das Hochgefühl, das entsteht, wenn sie auf der Welle reiten, das Adrenalin durch den Körper zischt und das Brett auf dem Wasser entlang rast – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 50 Stundenkilometern.

Für manche der Alten im Dorf ist das Surfen "unislamisch"

Moulay Bousselham, Saids Heimat, ist ein kleines Fischerdorf, hundert Kilometer nördlich von der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Der Sommer in Moulay Bousselham verwandelt die langen staubigen Sandwege hinter der Düne für gut drei Monate in ein Straßenfest. Vor allem auf dem Boulevard und dem "troisième plage" steht eine Imbissbude neben der nächsten, zusammengehämmert aus Holzbrettern, rot, gelb, blau oder grün angemalt, auf dem Dach eine alte Bambusmatte und, mit Kreide auf einer Tafel geschrieben, das "Angebot des Tages".

Wie jeden Tag, auch heute: Sandwich, wahlweise mit Spiegelei, Oliven und Käse. In den Cafés sitzen Strand-Touristen aus dem Landesinneren, sie rauchen Marlboro oder Schischa, trinken Cola oder Pfefferminztee. Verschleierte junge Damen spazieren neben ihren Freundinnen im modischen Bikini. "Moulay", wie es von Einheimischen genannt wird, ist ein Ferienort für die marokkanische Upperclass.

Gauris – so nennen die Marokkaner die Touristen aus Amerika, Australien oder Spanien – sind hier kaum. Aber einige Sportbegeisterte finden doch immer wieder hierher zum eher entspannten Surfen. Im Gegensatz zu anderen marokkanischen Küstenorten, die von dem Onlineguide für Surfer, wannasurf.com, als "Kamikaze only" bezeichnet werden. Dort erreicht der "Peak", wie Surfer den höchsten Punkt der Welle bezeichnen, kurz bevor sie bricht, zum Teil fünf Meter, und die Steine ragen wie übergroße Glasscherben aus dem Meeresboden. Manche Surfer treten ihren Ritt dann nur mit Helm an.

In Moulay trägt keiner Helm, denn Moulay ist ein "Beach break", im Jargon der Surfer eine Brandung, die sich an einer Sandbank bricht und gleichmäßig wie die Walze einer Schreibmaschine ausläuft. Der "Beach break" ist in Moulay ein absoluter Geheimtipp, sagt Said. Kaum ein Tag im Sommer, an dem er nicht im Wasser ist. Nur manchmal zerstören während der Sommersaison die reichen Marokkaner mit ihren Jetskis die Wellen.

Surfen ist Lebensstil, aber vor allem Sport

Said ist gerade 30 Jahre alt geworden, er trägt sein schwarzes Haar kurz, sein Körper ist durchtrainiert. Surfen ist Lebensstil, aber vor allem Sport: Er schwimmt gegen die Brandung, muss untertauchen wie eine Ente, damit ihn die Welle nicht wegspült, um dann weiterzupaddeln. Nicht selten dauert es über eine Stunde, bis er eine gute Welle erwischt. Ein Ritt dagegen ist kurz und kostet wenig Kraft. Meistens ist Surfen so anstrengend wie Skifahren ohne Lift. Aber eine guter Ritt entlohnt für all die Mühe.

Damit es in Moulay Wellen gibt, muss einige Tage zuvor ein Tief durch den Atlantik ziehen. Profi-Surfer beachten sogar Luftdruck, Wassertemperatur, Windrichtung und die Zeiten von Ebbe und Flut, bevor sie ihr Brett aufs Auto schnallen und an den Strand fahren. Said checkt am Abend vorher zumindest den Online-Wetterbericht im Internetcafé nebenan. "Du siehst eh erst im Wasser, wie die Wellen brechen", sagt er.

An diesem Morgen bricht die Brandung weich. Das frühe Aufstehen zahlt sich aus. Said erwischt drei, vier gute Wellen. Gestoked? "Immer." Wenn Said nicht surft, bringt er seinen Schülern die französische Grammatik bei. Seit einigen Jahren unterrichtet er an der Gesamtschule in Moulay. Bevor er am Morgen den Strand in Richtung Schule verlässt, steckt er sein Surfbrett in den Sand und breitet das Handtuch vor sich aus.

Er kniet nieder, achtet penibel darauf, dass kein Sand an seinen Beinen klebt, den Blick richtet er nach Osten. Für einige Momente betet er. Für manche der Alten im Dorf ist das Surfen "unislamisch" und Surfer verschwendeten nur ihre Zeit. Doch Said geht zum Freitagsgebet in die Moschee. Auch wenn draußen die besten Wellen des Jahres brechen. Und im Ramadan paddelt Said nie raus aufs Meer – aus Angst, er könnte Wasser schlucken.

Sonnenaufgang am türkisblauen Meer

Eine halbe Stunde später betritt er hastig das Klassenzimmer, die Schüler sitzen schon auf ihren Bänken. "Alaikum salam et bonjour", grüßen sie ihn. In Saids ersten Unterrichtsstunden fiel es ihm schwer, als junger Lehrer bei den Schülern Aufmerksamkeit und Respekt zu erreichen. Seine älteren Kollegen rieten ihm, er solle doch einfach mal öfter das Lineal "zur Hilfe nehmen", um ernst genommen zu werden. Doch davon hält Said nichts. Und die Fortschritte der Schüler sind mittlerweile groß, genau wie Saids Ansehen im Dorf. Eine Ausnahme, denn um Marokkos Bildungswesen steht es schlecht. Rund 48 Prozent der über 15-Jährigen können laut dem Human Development Index weder lesen noch schreiben. Die Folge: soziale Konflikte, illegale Migration nach Europa und Perspektivlosigkeit.

Die trifft auch Saids Freunde. Wenn er morgens auf seiner erste Welle reitet, ist von ihnen noch niemand am Strand zu sehen. Sie hängen noch zu Hause und gucken MTV oder Al Jazeera. "Auch wenn ich wie die meisten anderen arbeitslos wäre, würde ich morgens surfen. Ich frage mich immer, ob es etwas Schöneres gibt, als an einem menschenleeren Strand die Sonne aufgehen zu sehen und vor mir das türkisblaue Meer." Manchmal fliegen am Strand von Moulay Flamingos vorbei, die in dem Vogelreservat auf der anderen Seite des Dorfes überwintern. Mitten in dem Naturschutzgebiet liegt eine riesige Lagune. "Da kann ich einfach nicht anders, als Gott für die Schönheit seiner Schöpfung und alle Geschenke zu danken."

Ein Ritt auf der Welle ist kurz

Said wohnt noch zu Hause – ungewöhnlich für Männer in seinem Alter ist das aber nicht. Sobald Said von der Schule nach Hause kommt, führt er die rituelle Waschung durch und verrichtet sein Mittagsgebet. Seine Mutter hat das Mittagsessen vorbereitet. Es gibt Fisch, Gemüse und Brot, ein typisches Gericht in den Küstenstädten Marokkos. Nach dem Essen ein Nickerchen, um für die Brandung gestärkt zu sein, dann geht es in seinem weißen Renault 4 an den Strand.

Von der Düne des "troisième plage" sieht er schon, wie seine arbeitslosen Freunde mit ihren Brettern hinter der Welle herjagen. Sie sind erst jetzt an den Strand gekommen. Jeder Tag ist für sie wie Urlaub: ausschlafen, surfen und Sonnenuntergang mit Lagerfeuer, Gitarre und "Zéro Zéro" – feinem Haschisch, angebaut in den Bergen des Rifgebirges im Norden des Landes, tiefbraun und nicht künstlich gestreckt wie überall in Europa. Über 80 Prozent der Produktion gehen in die europäischen Staaten. Auch in Moulays Cafés wird zum Tee oft ein Joint geraucht. Früher hat Said auch gekifft und Alkohol getrunken. Dann hatte er vor einigen Jahren einen Autounfall. Er redet nicht gern darüber, jedenfalls war dann Schluss mit den Drogen.

Said schnallt sein Brett vom "Surfmobil", wie alle seinen weißen R4 nennen, klemmt es unter den Arm und rennt aufs Meer zu. Er gackert, juchzt und jubelt. Mit einem Satz springt er nach vorn ins Wasser, landet mit der Brust auf seinem Brett und paddelt los.

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