Meditations-Retreat in Chiang Mai Kampf dem inneren Affen

Still dasitzen, an nichts denken. Meditation ist schwerer, als es aussieht. Die Mönche im nordthailändischen Chiang Mai helfen Urlaubern bei der inneren Auszeit. Ein Selbstversuch in sechs Lektionen.

Christine Luz

Von Christine Luz


Phra Chai hat die Augen geschlossen, die Beine im Lotussitz gekreuzt. Der Mönch wirkt, als könnte er stundenlang so verharren. Wahrscheinlich stimmt das auch. Vorerst sind es aber nur zehn Minuten.

Zu seinen Füßen sitzen wir, rund 50 Schüler, in Weiß gekleidet. In zwei Tagen soll er uns beibringen zu meditieren. Still dazusitzen, an nichts zu denken. Die Aufgabe klingt simpel und ist doch kaum zu lösen. Kaum senken sich meine Lider, tobt dahinter der Kampf der Gedanken. Erste Lektion: Nie ist der Kopf so voll, wie wenn er leer sein soll.

Wir, die wir alle mehr oder weniger angestrengt die Augen zukneifen, kommen von überall her: aus den USA, Schweden, Kroatien, China, Argentinien, Südafrika, Deutschland. Im thailändischen Chiang Mai, hoch im Norden des Landes, suchen die einen nach spiritueller Erleuchtung, andere nach innerer Ruhe, manche nur nach einem weiteren Eintrag für das Reiseblog.

Ein tätowierter Kerl, Typ Heavy Metal, sitzt neben einer fülligen Dame mit Dutt, ein Blondschopf auf Weltreise neben einem glatzköpfigen Yoga-Fan. Für die Dauer des Mediationskurses spielen Herkunft oder Job keine Rolle.

Ein weltlicher Ton zerreißt plötzlich die Stille. Phra Chai erwacht aus seiner Starre und greift nach dem Handy, stellt den Wecker aus. Die ersten zehn Minuten sind um.

Wie wilde Affen auf Bananenentzug

Der Mönch wirkt jungenhaft, mit breitem offenem Gesicht, den Kopf bedecken wenige Millimeter dunkles Haar. Zwischen seinen weiß gekleideten Schülern leuchtet sein traditionelles orangefarbenes Gewand. "Wie der Körper gutes Essen, braucht auch der Geist Nahrung", sagt er auf Englisch. Meditation ist ein Energydrink fürs Gehirn. Das Problem ist Lektion Nummer zwei, die Sache mit dem Affen.

An vielen thailändischen Tempeln turnen die Tiere entlang der Wege und erleichtern Touristen um mitgebrachte Speisen. Der Affe aber, von dem Phra Chai spricht, existiert nur im Kopf: "Ihr müsst lernen, euren monkey mind zu kontrollieren." Die Gedanken tollen herum, zerren am Geist wie eine wilde Horde auf Bananenentzug.

Im Alltag steht das Gehirn unter Dauerbeschuss. Smartphone, Computer, Fernseher buhlen um Aufmerksamkeit. Fehlt die Ablenkung, fällt der Umgang mit der Leere im Kopf schwer. Meditation soll helfen. Studien zeigen den Einfluss der Auszeit auf das Gehirn und zeigen Effekte bei chronischen Schmerzen, Experten empfehlen sie als Mittel gegen Stress.

Phra Chai rät, sich ganz auf die Atmung zu konzentrieren. Wer möchte, kann stumm zählen. Eins. Luft ein, Luft aus. Zwei. Luft ein ein, Luft aus aus. Noch einmal schließen sich unsere Augen, in der Halle ist es still, eine Uhr tickt. Nach ein paar weiteren Minuten Ewigkeit ist der Geist fürs Erste gesättigt, dafür regt sich Hunger. Die Teilnehmer strömen aus der weißen Halle.

Das Meditations-Retreat ist ein wöchentliches Angebot der buddhistischen Universität in Chiang Mai. Zwei Tage dauert der Schnupperkurs, übernachtet wird in Zweibettzimmern, gegessen in einem Speisesaal. Die Mönche verlangen dafür wenig mehr als eine Spende. Bei der Zimmeraufteilung sind sie streng: Frauen und Männer schlafen getrennt.

Klumpiger Kaffee? Kein Problem

Während des Abendessens fällt kein Wort. Für die zwei Tage ist Schweigen vereinbart. Lektion Nummer drei: Essen nicht wegen des Genusses, sondern weil der Körper es braucht, so lehren es die Mönche, Sie selbst dürfen nach Mittag bis zum nächsten Morgen keine Mahlzeit mehr zu sich nehmen. Als vor allen Teilnehmern ein Teller mit der Nudelspezialität Pad Thai steht, verlässt Phra Chai den Speisesaal. Kurz darauf holen sich die ersten Nachschlag.

Während des Essens ist es draußen dunkel geworden. Es bleibt noch etwas Zeit bis zur nächsten Einheit. Die meisten drängen sich um einen Tisch, auf dem Instantkaffee und Tee stehen. Aus dem Behälter mit der Aufschrift "Hot" kommt kaltes Wasser. Das Pulver klumpt, aber keiner beschwert sich. "Ihr müsst negative Emotionen beiseitelegen", hatte Phra Chai gesagt. Lektion Nummer vier scheint auch bei kaltem Kaffee zu funktionieren.

Einen Glockenschlag später sind alle zurück in der Halle und haben die Augen auf die Füße gerichtet. Mediation im Gehen steht auf dem Programm. "Right goes thus", die Füße heben und senken sich im steten Rhythmus von Phra Chais Worten. "Left goes thus." Die monotonen Anweisungen hallen im Kopf wider, der Affe ist ruhiggestellt.

Im Gleichschritt schreiten die Schüler durch die Halle. Bis kurz nach neun Uhr wiederholen sich Abfolgen aus Verbeugungen, das Singen religiöser Mantren, das sogenannte Chanting, und Übungen. Dann schickt Phra Chai seine Schüler ins Bett - zum Meditieren im Liegen. Mit einem stummen Nicken wünschen sich die Zimmernachbarn gute Nacht. Die Übung geht in Schlaf über.

Der Affe wacht auf

Doch nicht für lange. Noch vor Sonnenaufgang erklingt der Weckruf des Mönchs. Lektion Nummer fünf: Wer seinen inneren Affen besiegen will, muss früh aufstehen. Kein Sitzkissen bleibt leer. Frühstück gibt es erst, nachdem sich der Geist gestärkt hat. Reissuppe mit Chili weckt den Rest des Körpers.

Den Tag über wird das Gelehrte weiter vertieft, dann hat jeder eine Stunde zur freien Verfügung: Meditieren im Sitzen, Gehen - oder Liegen. "Es ist nicht schlimm, wenn ihr einschlaft, wacht auf und übt weiter." Viele tragen ihre Matten ins Freie.

Je näher die Abreise rückt, umso mehr gewinnt der Affe die Oberhand zurück. Eine Teilnehmerin schreibt auf der sonnenbeschienenen Treppe zur Halle Tagebuch, der blonde Weltreisende knipst Bilder, einige liegen langgestreckt auf dem Rasen. Leises Schnarchen räumt jeden Zweifel aus, ob es sich dabei noch um Meditation handelt.

Als die Songthaews, die thailändischen Sammeltaxis, am späten Nachmittag auf dem Gelände eintreffen, ist aus der weißen Einheit wieder eine bunt gemischte Truppe geworden. Die Meditationsschüler schmieden schon wieder Pläne für die Weiterreise, tauschen sich über hübsche Bungalows am Strand und riskante Bootsfahrten aus. Kilometer für Kilometer tragen die Pritschenwagen sie aus dem Gedankenpalast zurück in die Wirklichkeit.

Lektion Nummer sechs: Der Weg zur Erleuchtung ist lang.

Meditations-Retreat in Chiang Mai
Termin
Es findet jede Woche von Dienstag bis Mittwoch statt. Treffpunkt ist dienstags um 13 Uhr im Monk Chat Office auf dem Campus des Wat Suan Dok, Suthep Road, etwas außerhalb der Stadtmauer. Taxi- oder Tuk-Tuk-Fahrer kennen das Wat. Anmeldung direkt im Office oder über E-Mail: thaimonkchat@yahoo.com. Eine Kopie des Reisepasses oder Visums mitbringen.
Kosten
Das Programm kostet inklusive Transfer zum Meditationszentrum, Übernachtung im Zweibettzimmer, mit Verpflegung, 500 Baht, cica 13 Euro. Während des Retreats muss weite, weiße Kleidung getragen werden. Ein Set (Hose, T-Shirt) kann für 300 Baht, circa 7,80 Euro, erworben werden. Die Mönche freuen sich über eine Spende.
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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
ojk 30.10.2016
1. nicht wirklich
zum meditieren - besonders fuer anfaenger - empfiehlt sich eine ruhige umgebung. Chiang Mai ist das zentrum des nordens, riesige stadt, probleme mit der luftqualitaet usw. ich empfehle, einen bus ins 3 stunden entfernte Pai zu mehmen. das liegt in den bergen und liegt in einem wunderschoenen tal direkt am fluss. yoga, reiki, meditation fuer jedermann. und Muay Thai gibts dort auch, ein Lumpini Park champion trainiert dort.
Nicole1975 30.10.2016
2. Geht auch naeher
Ein netter Artikel, das mit dem monkey mind kenne ich auch nur zu gut. Aber irgendwie erschliesst es sich mir nicht ganz, warum man ausgerechnet zum Meditieren um die halbe Welt fliegen sollte. Soviel kann man sich dabei eigentlich nicht beibringen lassen, das meiste muss man selbst erfahren und einfach ueben. Es gibt auch in Europa ganz ausgezeichnete und authentische Moeglichkeiten, buddhistische Meditation zu lernen, auch in Kloestern, und ganz egal ob z.B. Vipassana oder Zen. Gut, das ist dann vielleicht weniger aufregend und exotisch, aber gerade das ist beim Meditieren ja eigentlich eher hinderlich. Ein weiterer Vorteil: Wenn man seine Meditationsgruppe oder gar seinen Sangha erst am Heimatort gefunden hat, dann kann man das auch ganz anders in seinen Alltag einbinden, Gleichgesinnte treffen, usw.
fiftysomething 30.10.2016
3. Jetzt neu!
Meditationstourismus. Dann hat man nun aber auch wirklich alles gemacht auf so einem Asientrip. Anschließend schön in den Flieger und noch ein paar Tonnen CO2 rausblasen. Was kommt als nächstes? Nacktklettern am K2?
markus.gegenwart 30.10.2016
4. Joga??wirklich nicht
aber-ich lebe hier und will nieeee wieder weg!10 Tage Deutschland und dann reichts mir :weg nur weg- ab nach Hause-yes nach Chiangmai.Schönste Großstadt Thailand und in der City muss man ja nicht Leben-so what?
langenscheidt 30.10.2016
5. Zu Hause
Kopfhörer auf und esoterisch-klangwabernde Musik, Augen zu und auf die Musik konzentrieren und hören. Vielleicht sich noch auf eine Decke auf dem Boden legen. Auch wenn die Gedanken immer wieder dazwischen kommen, nicht auf sie achten, sie verschwinden wieder.
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