"Meet The People" in Jamaika Schleudertraum im Paradies

Fußball, Musik und leckere Küche - diese Smalltalk-Themen gehen immer, auch auf Jamaika. Dort führt die "Meet The People"-Initiative Touristen und Einheimische zusammen. Manchmal auch bis vor die Waschmaschine.

Von Martin Cyris

imago

"Soon come", das ist ein geflügeltes Wort auf Jamaika. Eine Mischung aus "Wird schon!" und "Komm ich heut nicht, komm ich morgen". Michelle Williams aber kommt auf die Minute pünktlich.

Sie warte schon in ihrem Auto, um mich abzuholen, wie sie mir mehrfach per SMS mitteilt. Williams ist Teilnehmerin bei "Meet The People" (MTP), einer offiziellen Grüß-Gott-Initiative des Fremdenverkehrsamts von Jamaika. Das Motto ist Programm: Touristen treffen Einheimische. Abseits von Grenzkontrolle, Frühstücksbüfett und Kreuzfahrtmall.

Ich wäre auch pünktlich gewesen. Aber der Fahrer meines public taxis hat vergessen, mich an vereinbarter Stelle abzuladen. Public taxis sind Sammeltaxis. Ein inoffizielles "Meet The People" auf Rädern. In diesen Sardinenbüchsen kommt man Land und Leuten näher. Und zwar derart, dass man sich kaum noch bewegen kann. Nicht einmal die Hände für ein Stoßgebet, welches manchmal durchaus angebracht wäre. Rasen ist auf Jamaika offenbar die Richtgeschwindigkeit.

Ein Abenteuer. Aber nirgendwo sonst als in den public taxis bekommt man so viel vom jamaikanischen Alltag mit - gäbe es da nicht auch noch das offizielle und kostenlose Meet-The-People-Programm. Und Hunderte freiwillige Botschafter, die Touristen willkommen heißen und mit ihnen ein paar Stunden, Interessen und Ansichten teilen.

Karibische Klänge und Meerblick

Wie Michelle Williams, die mich zum Lunch in ihr Haus einlädt. Sie wurde mir über einen Koordinator zugeteilt. Weil sie a) in der Nähe wohnt, b) Zeit hat und c) etwas mit meinen gewünschten Gesprächsthemen anfangen kann: Fußball, Musik sowie tropische Küche. Gäste dürfen dem Koordinator via visitjamaica.com Beruf, Hobbys und Wünsche durchgeben - damit sich ein Austausch ergibt und die Treffen nicht in einer einseitigen Kulturgafferei münden. Gast und Gastgeber sollen sich auf Augenhöhe begegnen.

Beziehungsweise auf Ohrenhöhe. "Uuuuh! Wow!" bricht es aus Michelle heraus. Sie ist bass erstaunt, dass der Gast aus Germany die Dancehall-Reggae-Stars kennt, die aus dem Autoradio schmettern: Beenie Man, Lady Saw, Super Cat. Sie dreht vor lauter Freude noch lauter auf. Nicht nur den Regler. Auch ihre Stimme.

Musik verbindet eben überall. Wir sind erst wenige Minuten unterwegs und quatschen doch schon munter drauflos. Das Eis ist gebrochen. Wenige Minuten stehe ich mit einem Willkommensdrink auf der Terrasse der Williams in den Hügeln über Ocho Rios, an der Nordküste Jamaikas. Michelles Ehemann Mervin serviert den weißen Rum mit Früchten, frisch gepflückt im eigenen Garten.

Mervin Williams erzählt von seinem zurückliegenden Berufsleben auf einem Kreuzfahrtschiff. Er erinnert sich an Landgänge im fernen Europa und will vom Gast Einschätzungen über Lage und Liga wissen, Stichworte: Weltpolitik und Bundesliga. "Ich liebe Soca", sagt Mervin und legt seine nächste Lieblings-CD auf. Karibische Klänge und Meerblick - "Meet The Paradise".

Michelle kümmert sich inzwischen um die weiteren Programmpunkte: tropische Speisen. In der Küche bereitet sie Köstlichkeiten zu, etwa den Eintopf Callaloo, die Frucht Akee und Jerked Chicken. Das gegrillte Hühnchen ist eines der Nationalheiligtümer - nach Bob Marley, Usain Bolt und dem Jamaika-Kolibri. Michelle betreibt einen Catering-Service und weiß, wie man Gäste bewirtet. "Ich liebe Menschen, und ich liebe mein Land", sagt sie. Was liegt da näher, als beides zu verbinden und Fremden ihre Heimat und ihr Wohnzimmer zu zeigen?

Und wenn es sein muss, sogar den Weg zur Waschmaschine. Weil ich es vor dem Treffen nicht mehr rechtzeitig zum Waschsalon geschafft habe, schmeißt Michelle Williams kurzerhand alles in die Trommel. Wärme ist auf Jamaika offenbar nicht nur ein klimatisches Phänomen, sondern dank "Meet The People" auch ein sehr menschliches. "Wir Jamaikaner helfen gern", sagt Michelle Williams.

Botschafter aus der Mittelschicht

Zum Beispiel helfen sie Touristen aus der Sterilität und Anonymität ihrer Hotels und Apartments. Und sie animieren dazu, die Insel abseits der Trampelpfade zu erkunden. Denn die Botschafter sind über das ganze Land verstreut. "Wir haben auch viele Mitglieder außerhalb der Touristenzentren", sagt MTP-Mitarbeiter George Douglas. Etwa auf dem Land oder in Provinzen, an denen die Besucherströme vorbeigehen.

Die jamaikanischen Gastgeber begleiten zu Ausstellungen oder Kochkursen. Sie organisieren Besuche von Öko-Farmen, Schulen, Waisenhäusern. Plaudern über Gott, die Welt und Jamaika. Stehen mit den Gästen im Zuschauerblock bei einem Cricket- oder Fußballspiel. Und das schon seit über 40 Jahren. Meet The People ist eines der ältesten Besucherprogramme. Lohn sind die Dankbarkeit der Touristen und eventuell kleine Gastgeschenke.

"Kürzlich haben wir für eine Gruppe von Deutschen ein Fußballmatch mit einem lokalen Team organisiert", sagt Essie Gardner, Sprecherin vom Fremdenverkehrsamt von Jamaika. Anschließend hätten sie sogar den Trainer des Nationalteams Reggae Boyz getroffen.

Die Botschafter können theoretisch aus allen Schichten kommen. In der Realität sind es jedoch fast durchweg Angehörige der Mittelschicht mit festem Einkommen und vorzeigbarem Zuhause. Ghettobesuche, etwa in der Hauptstadt Kingston, werden nicht unbedingt forciert. Auch wenn das laut Essie Gardner gelegentlich gewünscht werde. "Wir vermitteln die Gastgeber ausschließlich nach gemeinsamen Interessen und Hobbys, nicht nach deren Wohnort", erklärt sie diplomatisch.

Tatsache ist, dass Jamaika nicht an jeder Ecke einfach zu nehmen ist. Armut und Arbeitslosigkeit treiben so manchen in die Kriminalität. Auch das sogenannte hustling - das aufdringliche Bewerben von Waren und Dienstleistungen - schreckt Touristen ab.

Darüber sind sich die Macher von Meet The People im Klaren. Soziale Brennpunkte und Orte mit lästigen Verkäufern werden jedenfalls gemieden. Aber sie sind eben auch nur ein Teil Jamaikas. Der andere besteht aus waschechter Herzlichkeit und frischer Wäsche. Gefaltet und geschleudert. Ein Traum.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
postmaterialist2011 06.01.2014
1. Toll !
Toll, dass der Autor "Dancehall Stars" wie Beenie Man kennt, der für seine menschenverachtenden und extrem homophoben Texte bekannt ist. Das ist in etwa so also ob ein ausländischer Besucher das Horst Wessel Lied liebt und man es gemeinsam laut anhört. Erschreckend !!
drponnonner 06.01.2014
2.
Tropische Papageienfische isst man doch nicht.
lluke 06.01.2014
3. Man kann sich auch anstellen...
Von menschenverachtend kann keine rede sein und eine homophobe Ausrichtung ist bei jamaikanischen Musikern immer gegeben bei dem einen mehr beim anderen weniger, diese Thematik ist aber nie im Fordergrund und deswegen wohl auch kein Grund sich aufzuregen, weil beide Beenie Man kennen.
Duke_NewCam 06.01.2014
4. Auwärtiges Amt
Die wichtigsten Verkehrsmittel in Jamaika sind Bus und Minibus. Diese Fahrzeuge sind oft in schlechtem technischen Zustand. Sie sind häufig in Verkehrsunfälle verwickelt und auch immer wieder Tatort von Überfällen und Diebstählen. Es wird empfohlen, von Reisen mit diesen Fahrzeugen nach Möglichkeit Abstand zu nehmen. Das Reisen mit einem amtlich zugelassenen Taxi (Fahrzeug mit einem roten PP-Kennzeichen) ist eher zu empfehlen; der Preis sollte auf jeden Fall vor Abfahrt ausgehandelt werden. Das Fahren auf der Landstraße sollte nach Einbruch der Dunkelheit tunlichst vermieden werden.
steffen_schmidt 06.01.2014
5. ...am sichersten
Zitat von Duke_NewCamDie wichtigsten Verkehrsmittel in Jamaika sind Bus und Minibus. Diese Fahrzeuge sind oft in schlechtem technischen Zustand. Sie sind häufig in Verkehrsunfälle verwickelt und auch immer wieder Tatort von Überfällen und Diebstählen. Es wird empfohlen, von Reisen mit diesen Fahrzeugen nach Möglichkeit Abstand zu nehmen. Das Reisen mit einem amtlich zugelassenen Taxi (Fahrzeug mit einem roten PP-Kennzeichen) ist eher zu empfehlen; der Preis sollte auf jeden Fall vor Abfahrt ausgehandelt werden. Das Fahren auf der Landstraße sollte nach Einbruch der Dunkelheit tunlichst vermieden werden.
ist es natürlich, wenn man zuhause bleibt. Dort kann man auch politisch korrekte Musik hören und minimiert die Gefahr von Durchfällen.
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