Mekong-Delta in Vietnam Alles im Fluss

Schwimmende Märkte, prächtige Gärten, freundliche Mitreisende: Im Mekong-Delta zeigt sich das trubelige Vietnam von seiner gelassenen Seite. Wer auf eigene Faust versucht, in das Wasserlabyrinth einzudringen, benötigt etwas Geduld.

Von Alexander Del Regno

Alexander Del Regno

Lange bevor die ersten Sonnenstrahlen den Dunst durchbrechen, schippern die ersten Boote über den Strom. Das monotone Knattern der alten Dieselmotoren kündigt sie schon aus der Ferne an. Es ist noch nicht einmal 5 Uhr morgens, wenn auf dem schwimmenden Markt von Cai Rang die geschäftigste Zeit des Tages beginnt.

Reis, Gemüse und Früchte aller Art werden auf dem Fluss gehandelt. Bis zum Anschlag sind die Laderäume der bunten Holzboote gefüllt - und wenn der Platz darin nicht reicht, türmen sich die Berge aus Zuckerrohr, Kokosnüssen, Bananen, Mangos und Ananas an Deck. Manche der schwimmenden Marktstände trudeln schwerfällig und mit abenteuerlichem Tiefgang durch die Fluten. Am Heck ragen Stangen in die Höhe, daran baumelt für alle Markttreibenden weithin sichtbar die jeweilige Ware - quasi als Verkaufsschild.

Xuan und ihre Familie verkaufen Melonen. Mitten in der Nacht sind sie aufgebrochen, um früh genug auf dem Markt zu sein. Wie eine Galionsfigur steht die Frau nun mit verschränkten Armen am Bug und hält Ausschau nach Käufern. Ihr Mann steuert langsam durch das Gewirr aus Booten. Er stoppt, als ein Händler ein Zeichen gibt.

Dann geht alles ganz schnell: Gewicht und Preis der Waren werden ausgetauscht, die Früchte gekostet und für reif befunden, Geldscheine von Reling zu Reling gereicht - und schon wandert zentnerweise Obst in das Boot des Käufers. "Wir haben heute ein gutes Geschäft gemacht", sagt Xuan und lächelt jetzt.

Ausflug ins ländliche Vietnam

Seit Menschengedenken funktioniert das so im Mekong-Delta, in dem sich der 4500 Kilometer lange Fluss aus dem Himalaja in mächtige Arme aufteilt und ins Südchinesischen Meer mündet. Unzählige Frachter und Passagierschiffe, ebenso wie Motor- und Ruderboote schippern über die breiten Wasserstraßen, bevor sie in einem Labyrinth aus schmalen Flussarmen, Kanälen und Inselchen verschwinden. Der Begriff "Lebensader" ist hier, in der sogenannten Reiskammer Vietnams, treffend, der Fluss bestimmt alles: die Ernte, den Transport von Gütern und das Fortkommen der Menschen, die zumeist auch auf ihren Booten leben.

Als Tourist ist man in den kleineren Orten meist allein unter Einheimischen. Während die berühmte Halong-Bucht im Norden, der frühere Kaisersitz Hue oder die alte Händlerstadt Hoi An im Zentrum des Landes von Besuchern geflutet werden, erleben Reisende im Mekong-Delta das ländliche, ruhigere Vietnam. Die Menschen am Fluss seien offen und zugleich gelassen, heißt es über das Vielvölkergemisch im äußersten Süden. Manche der Dörfer sind noch immer nur per Boot erreichbar.

Zwar bieten auch für das Delta viele Reiseveranstalter in Ho-Chi-Minh-Stadt Flusskreuzfahrten, Bus- und Bootstouren an. Die organisierten Ausflüge folgen jedoch in der Regel den immergleichen Wegen - so konzentriert sich der Ansturm auf wenige und größere Orte. Besucher landen zumeist in den Städten My Tho, Vinh Long oder Can Tho, von hier aus befördern Ausflugsboote sie zu den schwimmenden Märkten. Im Touristenboot bleiben sie allerdings an der Peripherie des Geschehens.

Mittendrin im Markttreiben ist derjenige, der sich von einem Anrainer im Kahn zu den Handelsbooten rudern lässt. Dazu muss man zuvor direkt in die kleinen Marktorte reisen, was nicht immer auf Anhieb gelingt. Denn oft steuern nur klappernde, überfüllte Kleinbusse die Nähe dieser Orte an. Nicht gerade erholsam, aber abenteuerlich ist die holprige Fahrt neben Kisten, Körben und Hühnerkäfigen - bevor man sich schließlich am Rande einer Schnellstraße wiederfindet.

Reisnudelsuppe zum Frühstück

Die Verständigung ist schwierig, denn die Menschen sprechen meist kein Wort Englisch, benutzen unbekannte Gesten und schicken Verirrte aus Höflichkeit lieber in die falsche Richtung, als zu zeigen, dass sie sie nicht verstehen. Dafür aber lernt der Fremde die Hilfsbereitschaft der Vietnamesen kennen. Und deren Gastfreundschaft, wenn sie ihm während der Busfahrt Tamarinde schenken, gekochte Maiskolben, oder was sie sonst gerade in ihren Taschen haben.

So erreicht man beispielsweise Cai Be, dessen schwimmender Markt lange als einer der größten im Delta galt. Das Treiben vor der Kulisse der weißen Kathedrale ist zwar nicht mehr so rege wie früher, dank neuer Straßen und Brücken verlagert sich der Handel zunehmend aufs Land. Die Früchte, die hier angeboten werden, wachsen aber auf den vielen Inseln in der Nähe der Stadt in prächtigen Gärten und Plantagen - die gut per Rad zu erkunden sind.

Wer wenig Zeit hat, kann auch dies auf organisierten Touren tun. Ansonsten sind die Inseln für einen Bruchteil des Geldes auch auf eigene Faust mit Leihfahrrad und Fähre zu erreichen. Neugierige Kinder umringen während der Fahrt den westlichen Touristen, auch Erwachsene grüßen, winken und lächeln bei jeder Begegnung.

Während in Cai Be der schwimmende Markt den ganzen Tag dauert, wird es in Cai Rang ab acht Uhr bereits beschaulich. Die größeren Geschäfte sind erledigt, die Bootsleute frühstücken. Jetzt ist die Zeit der kleinen Verkaufskähne. Sie transportieren Thermoskannen mit Kaffee und ganze Garküchen, die vor allem Pho servieren. Die Reisnudelsuppe mit Fleisch, Sojasprossen und Kräutern ist mit Abstand das beliebteste Frühstück der Vietnamesen. Die Schälchen sammeln die Köchinnen später wieder ein und spülen sie für den nächsten Kunden - selbstverständlich im Fluss.

Xuan wäscht noch ein paar Hemdchen ihrer kleinen Tochter, bevor die Familie wieder in ihr Dorf tuckert. Dass das Flusswasser trüb und alles andere als schadstofffrei ist, stört sie nicht. Schließlich sei sie so groß geworden - auf dem Boot, das nun auch das Zuhause ihrer Kinder ist. Ein Heim auf festem Boden, sagt sie, das könne sie sich kaum vorstellen.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
kenterziege 23.03.2014
1. Hinfahren , so lange es noch natürlich zugeht
Ich kenne Veitnam seit 1999. Ein wunderbares Land. Leider verliert es mit jedem Jahr mehr von seinem eigentümlichen Charme. Also, bitte hinfahren bevor man im Mekong-Delta von McDonnalds überfallen wird.
RogerT 23.03.2014
2. Im Mekongdelta...
Zitat von kenterziegeIch kenne Veitnam seit 1999. Ein wunderbares Land. Leider verliert es mit jedem Jahr mehr von seinem eigentümlichen Charme. Also, bitte hinfahren bevor man im Mekong-Delta von McDonnalds überfallen wird.
Kann ich nur bestätigen. Anders als in Thailand haben die Vietnamesen ihren Stolz behalten und verkaufen sich nicht für eine Handvoll Dollar... Im Mekongdelta gibt es in den Seitenarmen viele kleine Restaurants, der Besuch lohnt sich auf alle Fälle. Viele bieten auch neben dem Essen ein kleines Unterhaltungsprogramm mit Musik und Tanz. Wer also die Gelegenheit hat sollte sich das Land anschauen bevor McDonalds und Kentucky Fried Chicken sich dort breit machen.
gg63 23.03.2014
3. Verwestlichung !!!
Zitat von sysopAlexander Del RegnoSchwimmende Märkte, prächtige Gärten, freundliche Mitreisende: Im Mekong-Delta zeigt sich das trubelige Vietnam von seiner gelassenen Seite. Wer auf eigene Faust versucht, in das Wasserlabyrinth einzudringen, benötigt etwas Geduld. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/mekong-delta-in-vietnam-a-960104.html
Da meine Frau aus Vietnam kommt und ich deshalb auch in die vietnamesische Gessellschaft etwas blicken kann, muß ich leider feststellen, dass sich auch dieses Land immer mehr an der amerikanischen Unkultur orientiert. Diese Gesellschaft, die sehr auf Familienbande und Miteinander basiert, bewegt sich in rasanter Geschwindigkeit auf die Individualisierung des Einzelnen zu und wird ( leider ) in 30 - 40 Jahren die gleichen Probleme haben wie "westliche" Kulturen. Ich hoffe sehr, dass ich Unrecht behalte.
lunasteff 23.03.2014
4. @RogerT
Ich bin sowohl Thailand-, als auch Vietnamreisende und ich muss sagen, dass die Vietnamesen sich vollkommen für eine Handvoll Dollar den Stolz nehmen lassen. Jede ältere Frau in Vietnam streckt ihre knochige Hand mit der Frage nach 1 Dollar aus, wenn sie einen Fotoaparat an einem Touristen sieht. Sowas ist mir in all den Jahren in Thailand beipielsweise noch nie begegnet. Aber zum Artikel: Der Bericht über das Mekong-Delta ist dermaßen romantisiert und hat nicht erwähnt, dass es im Fluß überall riesige Bagger gibt, die das Flußbett ausgraben, ungeachtet der Schäden an brüchigen, einstürzenden Ufern. Und: die auch sehr verbreiteten schwimmenden Fischfarmen, in denen Massen an Fischen produziert werden (Pangasius usw.), vollgepumpt mit Antibiotika dahinvegetieren und die das Flusswasser mit Unmengen Kot und Futter verdrecken. Ganz abgesehen davon, dass in all den kleinen und großen Städten in Vietnam ein dermaßen hohes Verkehrsaufkommen (zumeist Motorroller) herrscht, dem man nicht entkommen kann... Echt tolles Reiseland. Ich war auf meinen Reisen immer wieder schockiert, in welchem Zustand dieses Land schon ist und dass es auch scheinbar munter so weiter macht. Mc Donalds, KFC usw. braucht es da gar nicht mehr!
calexico55 23.03.2014
5.
Zitat von lunasteffIch bin sowohl Thailand-, als auch Vietnamreisende und ich muss sagen, dass die Vietnamesen sich vollkommen für eine Handvoll Dollar den Stolz nehmen lassen. Jede ältere Frau in Vietnam streckt ihre knochige Hand mit der Frage nach 1 Dollar aus, wenn sie einen Fotoaparat an einem Touristen sieht. Sowas ist mir in all den Jahren in Thailand beipielsweise noch nie begegnet. Aber zum Artikel: Der Bericht über das Mekong-Delta ist dermaßen romantisiert und hat nicht erwähnt, dass es im Fluß überall riesige Bagger gibt, die das Flußbett ausgraben, ungeachtet der Schäden an brüchigen, einstürzenden Ufern. Und: die auch sehr verbreiteten schwimmenden Fischfarmen, in denen Massen an Fischen produziert werden (Pangasius usw.), vollgepumpt mit Antibiotika dahinvegetieren und die das Flusswasser mit Unmengen Kot und Futter verdrecken. Ganz abgesehen davon, dass in all den kleinen und großen Städten in Vietnam ein dermaßen hohes Verkehrsaufkommen (zumeist Motorroller) herrscht, dem man nicht entkommen kann... Echt tolles Reiseland. Ich war auf meinen Reisen immer wieder schockiert, in welchem Zustand dieses Land schon ist und dass es auch scheinbar munter so weiter macht. Mc Donalds, KFC usw. braucht es da gar nicht mehr!
Nun, mal abgesehen davon dass es zu spät ist, weil McDoof vor einem Monat in HoChiMinh-Stadt eröffnet hat, gibts KFCs schon seit mindestens 2003 (und nach 2 Wochen Reis war ich nicht böse drum). Zum Stolz und der Bettelei: ist wohl Geschmackssache. War selbst in Thailand, Cambodia und in Vietnam. Ich fands in Kambodscha mit Abstand am schlimmsten, und die Menschen in VN am lockersten, echtesten (d.h. ein Lächeln war meistens genau das und kein Beginn eines Transaktionsgespräches). Dafür sind Thailand + Kambodscha touristisch etwas interessanter, bunter.
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