Tauchen an einer Ölplattform Im Schatten des Stahlskeletts

Das Öl ist versiegt, die Bohrinsel blieb: Eine 50 Jahre alte Plattform im Golf von Mexiko entwickelt sich zum Paradies für Fische und Taucher. Doch das ist nun bedroht.

Anuar Patjane Floriuk

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Mexikos außergewöhnlichster Tauchspot liegt weit draußen. Fast 30 Kilometer von der Küste entfernt. Dort, wo Fischer ihre Netze nicht mehr auswerfen dürfen. Dort, wohin der Kapitän, der früher selbst einmal Fischer war, nun sein Boot mit Tauchern steuert.

Mehr als eine Stunde lang springt es hart über die Wellen. Dann zeichnet sich am Horizont ein seltsames Gebilde ab, zuerst wirkt es nur wie eine Art Hütte auf Stelzen, dann wird eine gigantische Stahlkonstruktion erkennbar.

Meterdicke Säulen, rostige Brücken, Stege und Leitern, die teils verbogen in die Luft ragen. Der Kapitän umrundet das 30 Meter aus dem Wasser ragende Skelett auf der Suche nach einem Liegeplatz. An einer der Säulen steht PEMEX P. TIBURON. Der Zielort ist erreicht: eine stillgelegte Plattform des staatlichen Erdölproduzenten Petróleos Mexicanos.

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Golf von Mexiko: Tauchen nach Öl

An einem der Gerüstbeine macht das Boot fest. Hier, im Strömungsschatten, sind die Wellen nicht mehr ganz so stark. Die Taucher machen sich bereit. An einem Seil ziehen sie sich langsam hinab - und hinein in das Dunkel des stählernen Gerippes, dessen Ausmaße unter Wasser noch gigantischer scheinen und das überwuchert ist von Korallen und Schwämmen verschiedenster Farben und Formen.

Im Inneren steht senkrecht wie ein dichter Wald ein dickes Bündel Leitungen, die das schwarze Gold einst tief aus dem Grund zur Oberfläche beförderten. In ihrem Schatten ist die Strömung kaum mehr zu spüren. Von hier aus scheint das Meer außerhalb der Konstruktion gleißend hell: als würde man aus einem dunklen Raum durch ein Fenster schauen, vor dem sich unzählige Fischschwärme in immer neuen Formationen zusammenfinden, hinauf- und hinunterziehen und blitzschnell die Richtung ändern.

Der Taucher an seinem Fensterplatz ist nie allein. Gleich neben ihm verharren Barrakudas, Raubfische. Auch sie starren auf das tausendfache Blinken der im Sonnenlicht glitzernden Fischkörper. Gelegentlich schießt einer nach vorn und fasst seine Beute. Weiter unten ziehen die noch größeren Tarpune ihre Runden um den Rohrleitungswald. Es ist ein Paradies für die Räuber - und für die Beobachter.

Video vom Tauchgang

Solveig Grothe

Eine Anlage wie die "P. Tiburón" ist für Freizeittaucher selten zugänglich, noch dazu eine derart sehenswerte. Das P. steht für Plataforma, Tiburón bedeutet Hai - so nannte die staatliche Ölfördergesellschaft Pemex Mitte der Sechzigerjahre eine ihrer ersten Offshore-Anlagen im "Faja de Oro", im "Goldgürtel", der Wiege der mexikanischen Ölindustrie. Seither entwickelt sich die Bohrinsel vor der Küste des Fischerortes Tamiahua zu einem erstaunlichen Ökosystem, das seine Existenz im Wesentlichen staatlicher Ignoranz verdankt.

Denn seit etwa zehn Jahren ist die Ölförderung an dieser Stelle eingestellt. Standorte wie das weiter östlich gelegene Campeche hatten sich ab den Siebzigerjahren als lukrativer erwiesen. Seit der Quell versiegt ist, schenkt Pemex dem rostigen "Hai" kaum mehr Beachtung. Heute symbolisiert er exemplarisch die weithin offene Zukunft einer ganzen Region: Was wird aus den für Natur und Umwelt noch immer höchst riskanten Hinterlassenschaften der Ölförderung? Und vor allem: Was kommt jetzt, nach dem Öl?

Lagune von Tamiahua
Solveig Grothe

Lagune von Tamiahua

Veracruz, die Provinz am Golf von Mexiko, zu der Tamiahua und die Plattform "P. Tiburón" gehören, hat auf diese Fragen noch keine endgültige Antwort gefunden. Den Küstenbewohnern selbst hatte das Öl wenig bedeutet, es brachte keine Arbeitsplätze, und auch die Einnahmen flossen anderswohin. Jetzt aber droht ihre einzig verlässliche Einnahmequelle zu versiegen: die Fischerei. Die Lagune von Tamiahua ist berühmt für ihre Krabben. Doch das Geschäft bringt immer weniger ein. Die engmaschigen Netze haben zudem den Fischbestand so weit reduziert, dass er sich nicht mehr erholt. Die Kanäle sind leergefischt, und aufs Meer auszuweichen ist keine Option, denn seit dem Ende der Ölförderung stehen die Riffe unter Naturschutz.

"Es gibt einfach zu viele Fischer", sagt Xareni Favela, die mit ihrem Mann Alberto Bolaños eine Tauchbasis in Tamiahua betreibt. Vor 20 Jahren kamen die beiden erstmals mit ihren Kunden aus Mexico-Stadt in diese Region. Jobs, bei denen Fischer, statt Netze auszuwerfen, Gäste aufs Meer bringen, sind bisher die Ausnahme. Dabei sind die beiden überzeugt, dass die Region eine Zukunft im Tourismus hätte.

Seit dem Bau der Autobahn vor wenigen Jahren ist die Golfküste in nur vier Stunden für einen Wochenendausflug aus der stickigen Großstadt zu erreichen. Verglichen aber etwa mit der längst vom Massentourismus überschwemmten Riviera Maya kommt der Wandel in der Region Veracruz kaum voran. Wie auch, wenn die Unterstützung von ganz oben fehlt: Erst im April dieses Jahres wurde der langjährige Gouverneur der Provinz nach einem erschütternden Skandal um gefälschte Krebsmedikamente, Geldwäsche und Korruption auf der Flucht geschnappt.

Isla Lobos
Solveig Grothe

Isla Lobos

Auch den Ölmonopolisten Pemex haben viele Bewohner der Golfküste in keiner guten Erinnerung: Die zum Teil zweifelhaften Aktivitäten des Staatsunternehmens waren stets sakrosankt - das betraf auch die Okkupation der Isla Lobos.

Die 500 mal 600 Meter kleine Palmeninsel liegt umgeben von Korallenriffen 13 Kilometer vor der Küste. Auch dort ließ Pemex in den Sechzigerjahren Ölbrunnen bohren - obwohl man sich der Schönheit des von hellem Sandstrand umsäumten Eilands durchaus bewusst war: Für die Hochzeit eines Funktionärs wurde eigens ein Stück Riff weggesprengt - damit die Jacht anlegen konnte.

Seit acht Jahren steht nun auch die Isla Lobos unter Naturschutz. Abgesehen von den monatlich wechselnden Leuchtturmwärtern und einer Minibesatzung Soldaten ist sie unbewohnt. Unter strengen Auflagen aber ist Camping erlaubt: Die Insel ist ein idealer Ausgangspunkt für Tauchexkursionen in die umliegenden Riffe - und zur benachbarten "P. Tiburón".

Die Lagune von Tamiahua, Isla Lobos und die rostige Plattform - das artenreiche Naturidyll hätte Potenzial, eine touristische Musterregion für die Zeit nach dem Öl zu werden. Doch ihm fehlt die Lobby.

Schmerzhaft bewusst wurde dies den Fischern vor wenigen Wochen: Da begann - nach der Öffnung des mexikanischen Energiemarktes für private Investoren - der Bau einer Erdgas-Pipeline von Texas in die Provinz Veracruz. Geplanter Streckenverlauf: quer durch die geschützten Riffe und Lagunen. Von Vorteil für Politik und Investoren sei, so heißt es, dass der politische Widerstand in der Region um Tamiahua gering sei.

Es ist ein Paradies auf Zeit. Nicht nur für Barrakudas und Tarpune.



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StephanH. 16.08.2017
1. Super Ziel Destination
Ich finde die neuen Möglichkeiten, den ökologischen Tourismus zu stärken enorm. Dieser erzielt tolle Erfolge im Naturschutz, gerade weil ein ökonomischer Blick auf die Erhaltung und Schutz der Natur gelegt wird. Gerade mit dem Tauchtourismus liegt der Fokus auf die Unterwasserwelt und Meere. Hier muss global betrachtet einiges geschehen. Wobei es muss nicht immer die weite Welt sein muss. Gerade die Vielfalt von Deutschland ist gigantisch, Meer, Gebirge, Seen, Flüsse, Moor, Halde, Wald .... usw usf :) hat für jeden was zu bieten. Gerade die Natur bieten da eine tolle Abwechslung. Die pure Natur habe ich vor ca. 1 Jahr in Alaska. Über die RA Brandner reiseagentur-brandner.de haben ich und mein Partner ein ursprüngliche Reise nach Alaska geplant. Wir haben versucht die touristischen Massenattraktionen zu vermeiden. So eine Reise ist für mich immer ein absolutes Highlighte und wird aus ökonomischer und ökologischer Perspektive nicht jedes Jahr durchgeführt. Jetzt wird erstmal wieder in Deutschland die nächste Trekkingtour geplant. Getaucht wird demnächst auch in Oberhausen :)
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