Mexiko Die zwei Gesichter der Baja California

Was für den Deutschen Mallorca, ist für den Nordamerikaner die Baja California: Den Norden der mexikanischen Halbinsel belagern die Touristen aus den nahen USA auf der Suche nach Sex, Drugs and Alcohol. Doch noch fühlt sich die Baja ganz schön mexikanisch an.

Von Katja Rieger


Avenida Revolución ("La Revo") in Tijuana: Wie auf einer Reeperbahn Kaliforniens steht Spielhölle neben Stripbar neben Disco
Katja Rieger

Avenida Revolución ("La Revo") in Tijuana: Wie auf einer Reeperbahn Kaliforniens steht Spielhölle neben Stripbar neben Disco

Der Lärm auf Tijuanas Touristenmeile Avenida Revolución ist ohrenbetäubend. Spielhöllen, Stripbars, Discos, Burgerketten und Apotheken reihen sich wie eine Perlenkette aneinander. Aus den bunt verkleideten Häusern erschallt Discomusik. Vor den Eingängen stehen Männer und locken die Passanten mit lauten Rufen: "Come in, have a look! - Kommen Sie rein, schauen Sie her!" oder "Cheap Viagra! Stock up now! - Billiges Viagra! Jetzt einen Vorrat anlegen!".

Tijuana liegt im äußersten Norden der Baja California, direkt an der mexikanisch-amerikanischen Grenze bei San Diego. Wer vom Grenzübergang aus nach zehn Minuten Fußmarsch auf der Avenida Revolution landet, wähnt sich nicht in Mexiko, sondern eher auf einer Art Reeperbahn Kaliforniens. Hier gibt es vor allem dreierlei: Alkohol, Drogen und Sex - am liebsten gegen US-Dollar. Böse Zungen behaupten, die Halbinsel vor der Westküste Mexikos - kurz "Baja" genannt - sei bereits der 51. US-Staat.

Cardón-Kaktus in Mulegé: Die mächtigen Kakteen können bis zu 20 Meter hoch und 500 Jahre alt werden und Tonnen von Wasser in sich speichern
Katja Rieger

Cardón-Kaktus in Mulegé: Die mächtigen Kakteen können bis zu 20 Meter hoch und 500 Jahre alt werden und Tonnen von Wasser in sich speichern

Schon in den zwanziger Jahren zu Zeiten der Prohibition in den USA. fuhren viele reiche Amerikaner in den Nachbarstaat Mexiko, um sich dem Alkohol und anderen Sünden hinzugeben - halb Hollywood war damals in mexikanischen Kasinos zu Besuch. Tijuana kann also eigentlich kaum etwas dafür, dass es so ist, wie es ist. Dieser Tage strömen vor allem Studenten über die Grenze - aus fast den gleichen Gründen: In den USA darf man erst ab 21 Jahren Alkohol trinken, in Mexiko ab 18.

Betuchtere Touristen zieht es zur tropischen Südspitze

Über 28 Millionen Besucher kommen jedes Jahr in den Norden der Baja. Die Städte Rosarito und Ensenada an der Pazifikküste südlich von Tijuana sind für die Nordamerikaner das, was für die Deutschen Mallorca ist. Einen ihrer Höhepunkte erreicht die Touristenwelle bereits im Frühjahr, wenn die amerikanischen Studenten Semesterferien haben: In den "Spring Breaks 2003" - so heißt es in der "Gringo Gazette" (Gringo ist die Bezeichnung der Mexikaner für "Bleichgesicht") - waren die Hotels in Ensenada wieder fast komplett ausgebucht.

Amerikanisch-mexikanische Grenze bei Tijuana: Einer der meistfrequentierten Grenzübergänge der Welt
Katja Rieger

Amerikanisch-mexikanische Grenze bei Tijuana: Einer der meistfrequentierten Grenzübergänge der Welt

Wohlhabendere Touristen zieht es hingegen nicht so sehr in die Grenzregion, sondern eher zu den langen weißen Sandstränden an die tropische Südspitze der Baja: San José del Cabo, Cabo San Lucas und La Paz. Mexikos bundesstaatliche Agentur für Tourismusentwicklung, Fonatur, hat dort mit mexikanischem und ausländischem Kapital riesige Luxus-Resorts errichten lassen mit Tennisplätzen, Golfanlagen und allem, was zu einem Rundum-Versorgt-Urlaub dazugehört. Cabo San Lucas ist inzwischen Mexikos viertgrößter Badeort direkt nach Cancun, Puerto Vallarta und Acapulco. Die Küstenlinie wird von Hotels und palmengesäumten Promenaden und Ständen bestimmt, auf denen es ähnlich lebhaft zugeht wie in den Partyhochburgen im kühleren Norden.

Kakteen-Kuriosa Cardon und Cirio

Ein touristisches Highlight ist der Meeres-Nationalpark im nahe gelegenen Cabo Pulmo. Er beherbergt das einzige Korallenriff der nordamerikanischen Westküste, das schätzungsweise 25.000 Jahre alt ist. Kein Wunder also, dass die meisten Freizeitangebote mit Wasser zu tun haben: Surfen, Tauchen, Schnorcheln, Kajakfahren oder Wale und Delphine beobachten - der Süden der Baja bietet viel Abwechslung für aktive Badeurlauber. Dementsprechend überfüllt sind die Stände in der Hauptreisezeit von November bis März.

 Badeort San Felipe im Sonnenuntergang: Abendstimmung an der Ostküste
Katja Rieger

Badeort San Felipe im Sonnenuntergang: Abendstimmung an der Ostküste

Wer die Einsamkeit bevorzugt, muss sie in Zentral-Baja suchen. Zwischen den pulsierenden Touristenzentren im Norden und Süden der Halbinsel liegen 960 Kilometer dünn besiedelte Einöde - überwiegend Wüste und felsiges Bergland mit spärlicher Vegetation. Der einzig annehmbare Weg hindurch führt über die Carretera Transpeninsular. Entlang dieser Landstraße gibt es nur in den allernötigsten Abständen Tankstellen, aber dafür umso mehr Staub, dorniges Gebüsch und Kakteen in allen Größen und Formen, so weit das Auge reicht. 120 Arten wachsen hier, 50 davon gibt es nirgendwo sonst auf der Welt.

Der mächtige Cardón-Kaktus ist besonders auffällig und zugleich ein Symbol für die Baja. Er kann bis zu 20 Meter hoch und 500 Jahre alt werden und Tonnen von Wasser in sich speichern. In seiner Nachbarschaft ist oft der Cirio zu finden, wohl die kurioseste Pflanze der mexikanischen Wüste: ein kaktusähnlicher Baum, der in seiner Gestalt einer auf dem Kopf stehenden überdimensionalen Karotte gleicht.

Naturschönheit Bahia Concepción

Die Fahrt durch das so menschenfeindlich wirkende Landesinnere steigert das Entzücken über die wenigen Oasen von Zentral-Baja. Eine dieser Oasen ist das unter einem Meer von Palmen versteckte Kleinstädtchen Mulegé. Es liegt an einem trägen Fluss, dem Rio Mulegé, der sich drei Kilometer weiter in den Golf von Kalifornien ergießt, den der Tauchexperte Jacques Cousteau einmal das "Aquarium der Welt" nannte. Die einzige Tauchschule im Ort heißt "Cortez Explorer". Sie wird von einem Schweizer Ehepaar geführt, bietet Tauchkurse für alle Könnensstufen an und verleiht außerdem Schnorchel-Ausrüstungen und Mountainbikes.

Naturschönheit Bahia Concepción: Lagune am Playa Santispac südlich von Mulegé
Katja Rieger

Naturschönheit Bahia Concepción: Lagune am Playa Santispac südlich von Mulegé

Ein reizvolles Ausflugsziel ist die Bahia Concepción südlich von Mulegé. Diese 80 Kilometer lange Bucht ist mit kleinen Inseln durchsetzt, von kakteenbestandenen Bergen umgeben und beherbergt eine Vielfalt an Fischen und Vögeln. Wenn es nach mexikanischen Naturschützern ginge, wäre die Bahia Concepción schon längst zum Nationalpark ernannt worden. An ihren Ufern laden sich schmale Sandstrände und türkisfarbene Lagunen zum Schnorcheln, Tauchen oder Kajakfahren ein. Die Strände an der Ostseite der Bucht sind unerschlossen und einsam, auf der Westseite hingegen gibt es einige Campingplätze und - zumindest bis jetzt - nur ein einziges Resort-Hotel.

Ähnlich beschaulich zeigt sich der Ortskern von Mulegé: eine Dorfidylle bestehend aus kleinen bunten Häuschen, einer Kirche, in der noch mit an den Glocken befestigten Seilen die Messe eingeläutet wird, kleinen Geschäften, die irgendwie alle das gleiche Sortiment haben, ein paar Gästehäusern und Restaurants sowie einigen Taco-Ständen, an denen herzhafte, mit Fisch, Fleisch oder Käse gefüllte Maisfladen gebrutzelt werden. Und wer sich abends in Mulegé am Rande des Jardín Corona niederlässt, einen Margarita schlürft und den Männern zusieht, die in der Mitte des Platzes ins Dominospiel vertieft sind, wird den Gedanken nicht los: Für einen 51. US-Staat fühlt sich die Baja ganz schön mexikanisch an.



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