Flug über den Eyre-See Kunstwerk aus Salz

Dunkelblaue Flüsse, ockerfarbene Wüste und ein knallroter Salzsee: Im heißen Zentrum Australiens spielt sich ein seltenes Naturschauspiel ab, das bald wieder verschwunden sein wird. Michael Martin fliegt über den gefluteten Eyresee - und hält das Wunder in beeindruckenden Fotos fest.

Michael Martin

Wunder in der Wüste sind vergänglich. Die Wassermassen, die seit dem Jahr 2008 den Lake Eyre fluten, den größten Salzsee Australiens, werden in Kürze wieder verschwunden sein. 30 Jahre lang war das Bassin zuvor nicht so wasserreich. Grund genug für mich, dort noch einmal hinzufahren, auch wenn die Anreise alles andere als einfach ist. Startpunkt ist Melbourne, dort steht mein Motorrad nach einem Flug um die halbe Erde in einer Speditionshalle schon bereit.

Ich werde diesmal nicht nur von meinem Freund Jörg Reuther, sondern auch von einem Arte-Fernsehteam im Geländewagen begleitet, dabei sind Kameramann Ralf Leistl, Tonmann Bertim Molz und Regisseur Sebastian Lemke. Für die 1500 Kilometer von Melbourne bis Marree brauchen wir eine halbe Nacht und eine langen Tag.

Marree hat 70 Einwohner und wäre nach Stilllegung der Great Northern Railway, der sogenannten Old Ghan, im Jahr 1980 längst ein sterbender Ort, wäre nicht seine günstige Lage am Ausgangspunkt der Birdsville- und Oodnadatta-Tracks. Beides sind Pisten im australischen Outback, die von Reisenden gerne genutzt werden.

Wir biegen auf den Oodnadatta-Track ein, der 620 Kilometer über Williams Creek nach Marla am Stuart Highway führt. Die Piste ist für meine BMW-Maschine keine echte Herausforderung. Gut gepflegt und zweispurig zieht sie sich durch die typische, meist flache Landschaft des Outbacks - immer parallel zur alten Ghan-Eisenbahnlinie.

Der erste Blick auf den Eyresee - wenn auch nur auf den südlichen, kleineren Teil - bietet sich eine Fahrstunde vor William Creek. Dieser ist allerdings ähnlich enttäuschend wie der in der nahen Halligan Bay. Das Salz ist im Uferbereich mit Erde vermischt und daher bräunlich, außerdem gibt es kaum die für Salzseen so typischen Polygonmuster. So bleibt die Vogelperspektive die beste Möglichkeit, das Naturwunder in seiner ganzen Schönheit zu erfassen.

Zehntausende pilgern zum Wunder in der Wüste

Dies zu realisieren ist einfacher, als man annehmen möchte, denn Australien ist ein Land mit unzähligen kleinen Landepisten und Charterflugunternehmen. So gibt es in dem acht Einwohner zählenden William Creek nicht weniger als 17 Flugzeuge, die für Rund- und Charterflüge bereit stehen. Seitdem das Wasser in die Wüste kam, konnte der Inhaber von Wright Air, Trevor Wright, seine Flugzeugflotte drastisch vergrößern, pilgerten doch seit 2008 Zehntausende Australier zum Wunder in der Wüste. An manchen Tagen ist das Rollfeld von William Creek der meistfrequentierte Flughafen Südaustraliens. Und das in einem Ort, der aus zwei Gebäuden besteht.

Das andere Gebäude von William Creek ist nicht minder wichtig für Reisende. Auch wenn die Preise im William Creek Hotel astronomisch hoch, und das Personal - ganz untypisch für Australien - mürrisch ist, gibt es kaum einen Reisenden, der dort nicht seinen Tank füllt oder die berühmte, mit Tausenden Visitenkarten, Abzeichen und Ausweispapieren verzierte Bar besucht.

Unser Interesse gilt aber ganz den Luftaufnahmen über dem Lake Eyre. Tays, mit 26 Jahren die jüngste Chefpilotin Australiens, teilt uns Adam als Piloten zu, der mit farbverschmierter Hose und dreckigem Holzfällerhemd eher an einen durchgeschwitzten Handwerker erinnert. Wir bekommen die achtsitzige Gippsland GA8 "Airvan", eine Art fliegenden Omnibus, zu Sonderkonditionen. Außerdem erhalten wir die Zusage, während des Fluges die Türe öffnen zu dürfen, um einen ungetrübten Blick nach unten zu haben.

Eine halbe Stunde nach dem Abheben in William Creek haben wir die Halligan Bay erreicht, unsere Flughöhe beträgt bereits 3000 Meter über Grund. Deutlich zeigt sich, wie stark das Wasser in den letzten zwölf Monaten seit meinem letzten Flug über den Eyresee zurückgegangen ist. Nur noch im Südteil des 10.000 Quadratkilometer großen Salzsees sind größere Wasserflächen auszumachen, im Nordteil hat die potentielle Verdunstung von 3,5 Meter Wassersäule im Jahr dafür gesorgt, dass Australiens größter Salzsee trocken liegt.

Sagenhafte Formen- und Farbenwelt

Aufgrund der exzellenten Sicht an diesem wolkenlosen Wintertag erkennen wir, dass die in den Nordteil des Sees mündenden Flüsse Wasser führen. Mit Handzeichen machen wir Adam klar, dass er nach Norden fliegen und weiter steigen soll. Der Luftstrom an der Maschine ist so stark, dass wir die Tür, einmal geöffnet, nicht mehr schließen können. Es ist daher lausig kalt und extrem windig im Flugzeug, das Außenthermometer zeigt minus zwölf Grad Celsius, der Höhenmesser 4200 Meter.

Die dünne Luft ist nicht ungefährlich, kann sie doch zu plötzlichen Ohnmachtsanfällen und Schwindel führen. Kein schöner Gedanke für Jörg, Ralf und mich, die wir uns an der offenen Türe - nicht immer angeschnallt - drängeln. Doch für solche Bedenken bleibt keine Zeit, wir sind viel zu aufgeregt, tut sich doch unter uns eine sagenhafte Formen- und Farbenwelt auf.

Von Norden münden Flussarme des Copper Creek, Georgina-Diamantina, Warburton, Neales und Macumba in den Eyresee, flankiert von den Dünenfeldern der Simpsonwüste. Das Dunkelblau und Smaragdgrün der mäandernden Flüsse hebt sich grandios gegen die Ocker- und Rottöne der Dünen ab. Ein tiefblauer Flussarm reicht weit in den Salzsee hinein.

Jörg und ich belichten binnen Minuten Hunderte Bilder, Ralf dreht das Schauspiel mit seiner Fernsehkamera. Erst die untergehende Sonne setzt dem Naturspektakel ein Ende. Wir sind erleichtert, als Adam die Maschine steil nach unten drückt und im letzten Licht nach William Creek zurückfliegt.

Fotostrecke

15  Bilder
Australien: Naturwunder Lake Eyre

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.