In 31 Tagen um die halbe Antarktis Im Packeis des Rossmeers

Lange hat Wüstenfotograf Michael Martin davon geträumt, einen Fuß in die "Dry Valleys" der Antarktis zu setzen. Sie sind das trockenste Gebiet der Erde - nur schwer zugänglich über raues Südpolarmeer und umgeben von gewaltigen Gletschern.

Michael Martin

Bei strahlendem Sonnenschein läuft die "Ortelius" aus dem verschlafenen Hafen von Bluff im äußersten Süden Neuseelands aus - Kurs Süd. Ihr Ziel: nichts weniger als eine Halbumrundung der Antarktis. Eine niederländische Reederei hat 75 Passagiere aus 15 Ländern für diese ungewöhnliche Seereise gewinnen können, die 31 Tage später in Südamerika enden soll. Für mich ist die Fahrt eine einmalige Gelegenheit, mein Fotoprojekt "Planet Wüste" abschließen zu können.

Vor uns liegen fünf Seetage im Südpolarmeer, dem rauesten Seegebiet der Erde. Nach einer kurzen Anlandung auf der subantarktischen Insel Campbell Island wird es ernst. Sturmböen mit bis zu 170 km/h erfassen das Schiff, bis zu zwölf Meter hohe Wellen werfen es von Backbord nach Steuerbord. Ich lerne, was eine Krängung von 45 Grad bedeutet und fühle mich seekrank. Meiner Frau Elly geht es nicht besser, auch sie kämpft mit einem Reisepflaster hinter dem Ohr gegen den Wunsch, sofort sterben zu wollen.

Neben dem Kapitän ist Don Mc Fazien aus Neuseeland der wichtigste Mann an Bord. Als sogenannter Expeditionsleiter trifft er die Entscheidungen über die Anlandungen, die entlang dieser Route als überaus schwierig gelten. Acht Zodiac-Schlauchboote und zusätzlich drei Helikopter stehen dafür zur Verfügung. Deren Notwendigkeit wird deutlich, als wir das Kap Adare an der Westflanke des Rossmeers erreichen.

Die Küste ist auch im antarktischen Spätsommer noch so vereist, dass sie mit Schlauchbooten nicht erreicht werden kann. In Gruppen von je vier Passagieren fliegen uns die chilenischen Piloten an Land. Dort steht die historische Hütte von Carsten Borchgrevink, der im Jahre 1899 als erster Mensch mit einer kleine Gruppe von Männern in der Antarktis überwinterte.

Pinguine, Küstenseeschwalben, unberührte Eislandschaft

Wenige Wochen zuvor war das Kap noch von Hunderttausenden Adelie-Pinguinen bevölkert. Nach Aufzucht ihrer Jungen haben sie das Kap verlassen. Nur ein paar hundert Nachzügler sind noch dort. Pinguine begeistern mich mit ihrer Fähigkeit, in der lebensfeindlichen Natur der Antarktikas zu überleben. Sie ernähren sich vom Krill, einem in der Antarktis in riesigen Schwärmen vorkommender Kleinkrebs, der vom pflanzlichen Plankton lebt, der im Sauerstoff- und Nährstoffreichen Polarmeer wächst.

Am Kap Adare beginnt eine Kette von aktiven und erloschenen Vulkanen, die sich entlang des Transantarktischen Gebirges bis zum Vulkan Erebus auf der Ross-Insel zieht und die ihre Fortsetzung im Marie-Byrd-Land findet. Nach 36 Stunden ruhiger Fahrt durch das Rossmeer fallen gerade die ersten Sonnenstrahlen auf den Krater des 2700 Meter hohen Stratovulkans Mount Melbourne in der Terra-Nova-Bucht.

Um 6 Uhr morgens werden die Zodiacs zu Wasser gelassen, und wir erkunden das Packeis in der 65 Kilometer langen Bucht. Auf den Eisschollen liegen Robben, am Morgenhimmel fliegen Küstenseeschwalben, Sonne taucht die umliegenden Gletscher in ein warmes Licht. Wir genießen die Schönheit und Unberührtheit Antarktikas, die durch den Antarktisvertrag und seine Folgeabkommen nur noch bis zum Jahre 2041 geschützt ist.

Nachmittags nimmt die "Ortelius" Kurs auf den McMurdo-Sund im Süden des Rossmeers. Plötzlich setzt der gefürchtete katabatische Wind ein, der als Fallwind mit bis zu 300 km/h vom Polarplateau zur Küste blasen kann. So schlimm wird es an diesem Nachmittag nicht, aber auch Windstärke zehn verwandelt das Rossmeer in eine Welt aus Wellen und Gischt, in der sogar die Eisberge zu tanzen scheinen.

Am nächsten Tag haben wir die Chance, mit den Helikoptern in eines der berühmten Trockentäler zu fliegen. Tiefhängende Wolken und Sturmböen machen einen Flug aber zunächst unmöglich. Um elf bessert sich das Wetter. Die Piloten geben grünes Licht. Es dauert mehrere Stunden, alle Passagiere mit drei Helikoptern in das Taylor Valley zu fliegen, und so wird es Abend, bis Elly und ich dort landen.

Mit dem Helikopter über Gletscherspalten und Trockentäler

Viele Jahre habe ich als Wüstenfotograf davon geträumt, in einem der Dry Valleys zu stehen! Sie sind das größte eisfreie Gebiet Antarktikas, das ansonsten zu 98 Prozent von einem bis zu 4000 Meter mächtigen Eispanzer bedeckt ist. Seit zwei Millionen Jahren gab es dort keinen nennenswerten Niederschlag, es ist das trockenste Gebiet der Erde. Ursachen dafür sind einerseits katabatische Winde, die vom Polarplateau durch die Täler zur Küste blasen, außerdem spielt ihre Lage im Lee hoher Bergketten eine Rolle.

Ich fotografiere eine 2000 Jahre alte, mumifizierte Robbe, die sich hier einst verirrt hat. Leben existiert in den Trockentälern sonst nur in Spuren, in Gesteinsritzen finden sich sogenannte endolithische Organismen, welche die minimale Luftfeuchtigkeit nutzen.

Dann hören wir den vom Schiff zurückkehrenden Helikopter des Chefpiloten, der kurze Zeit später neben uns landet. Don bittet mich, ein vorbereitetes Gurtzeug anzulegen, der Pilot schiebt die Helikoptertüre ganz auf und sichert sie. Dann steigen wir in den Abendhimmel auf - zu einem der faszinierendsten Flüge, die ich je erlebt habe.

Aus der Vogelperspektive wird der Kontrast zwischen dem eisfreien Talyor Valley und den umgebenden Eismassen erst richtig deutlich. Es erstreckt sich vom Polarplateau über 80 Kilometer bis zur Küste, von Seitentälern münden gewaltige Gletscher, deutlich sind kleine Seen zu erkennen, deren Eis teilweise zwei Millionen Jahre alt ist.

Wir fliegen wenige Meter über Gletscherspalten, um Sekunden später an senkrechten Bergwänden wieder aufzusteigen. Nach einer halben Stunde und 750 belichteten Bildern drehen wir ab und fliegen über das Packeis des Rossmeers zum Schiff zurück, auf dessen Helikopterdeck wir im letzten Sonnenlicht landen. Erschöpft und durchgefroren lassen wir uns auf das Bett unserer geheizten Kabine fallen und sind einfach nur glücklich, in Antarktika zu sein.

In weiteren Folgen wird Michael Martin von seinen nächsten Reiseetappen um die Antarktis erzählen.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
damtschweli 26.03.2015
1.
Es heißt Krängung...
tlatz 26.03.2015
2. Krängung
Interessante Methode. Anstatt das Wort in Google zu hauen, fragt man lieber mal im Forum nach. http://de.wikipedia.org/wiki/Krängung
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