Fotoreise nach Sibirien Angeln mit Panzer

Im Winter Schneestürme, im Sommer Mückenplage: Die Rentiernomaden von Tschukotka trotzen widrigsten Bedingungen. Sie leben noch ohne die Vorzüge des 21. Jahrhunderts - immerhin leistet ein Kettenfahrzeug unschätzbare Dienste beim Eisfischen.

Michael Martin

Von Michael Martin


Wenn sich ein zartes Blau auf die verschneite Tundra Tschukotkas legt, beginnt nicht nur ein neuer Tag im Nordosten Sibiriens, sondern auf der ganzen Erde. Denn Tschukotka liegt am 180. Längengrad, der internationalen Datumslinie. Östlich von ihr zeigt der Kalender noch den Tag zuvor, westlich bereits den neuen Tag. Nach einer sternenklaren Nacht beginnt dieser mit einer Morgentemperatur von minus 30 Grad Celsius.

Die Kälte hat mich augenblicklich wach werden lassen, als ich den Polok verließ, eine mit Rentierfellen ausgelegte Schlafkabine, in der ich zusammen mit meinem Freund und Fotografenkollegen Jörg Reuther und einer fünfköpfigen Tschukschen-Familie Platz fand. Ich stehe zwischen den Yarangas, aus Rentierfellen genähten Zelten, und warte auf den Sonnenaufgang. Bald leuchten die tipiartigen Zelte in einem zarten Gelb, während die umliegenden, schattigen Hänge noch eisblau sind.

In der Ferne erkenne ich die 1500 Tiere umfassende Rentierherde, auf die bereits die Morgensonne fällt. Ich sehe mich um und betrachte die aus Zweigen gebogenen Schlitten und die auf Leinen trocknenden Rentierfelle. Alles wirkt mit der Natur im Einklang, kein Gegenstand weist darauf hin, dass wir das Jahr 2012 schreiben.

Ich bin zusammen mit fünf weiteren Europäern nach Anadyr in den äußersten Nordosten Sibiriens geflogen, um das Leben der Rentierzüchter auf der Halbinsel Tschukotka kennenzulernen. Die gut 500 Kilometer von Anadyr quer durch die verschneite Tundra haben wir mit Motorschlitten zurückgelegt.

Geschlechtertrennung bei den Tieren

Als wir am Vorabend das Lager der Rentierzüchter erreichten, war für die Nomaden gerade ein wichtiger Tag zu Ende gegangen. Die 3000 Rentiere umfassende Herde war nach Geschlechtern getrennt worden. Hierfür waren Helfer aus dem 100 Kilometer entfernten Dorf Amguema mit Kettenfahrzeugen durch die Tundra gekommen, um die wenigen Männer des Lagers bei dieser anstrengenden Arbeit zu unterstützen.

Bald sehe ich den hochgewachsenen Slawa mit seinen Stiefeln aus Rentierfell durch den Schnee zur Herde marschieren. Er ist fast eine Stunde unterwegs, bis er die Herde erreicht hat und vom Lager aus nur noch als winziger schwarzer Punkt im Schnee zu erkennen ist. Es dauert wieder eine Stunde, bis er, die Herde vor sich hertreibend, sich dem Lager wieder nähert.

Inzwischen sind auch die anderen Männer aus den drei Yarangas gekommen und helfen Slawa beim Dirigieren der Herde. Sie besitzt einen ausgeprägten Bewegungsdrang und wirkt wie ein Vogelschwarm, der scheinbar spontane und doch geordnete Richtungsänderungen vollzieht. So bricht die Herde plötzlich nach Süden aus und erklimmt einen Steilhang, auf dem sie kurz zum Grasen verweilt. Ich beobachte, wie die schlanken Tiere den lockeren Schnee wegscharren, um so an die unter der Schneedecke verborgene Tundravegetation zu kommen.

Rentiere gehören zur Familie der Hirsche und zählen zu den am weitesten nördlich lebenden Säugetieren. Sie sind in Grönland, Spitzbergen, Sibirien und Nordamerika zu finden, wo sie Karibus genannt werden. Rentiere sind Herdentiere, die sich zu jahreszeitlichen Wanderungen zusammenfinden, dann können die Herden zeitweise mehrere hunderttausend Tiere umfassen.

Weidetiere gehören dem Staat

Nach den Wanderungen lösen sich die Herden wieder in kleinere Verbände mit mehreren hundert Tieren auf. Bei den großen Rentierherden Lapplands und Nordostsibiriens handelt es sich ausschließlich um domestizierte Tiere, die wegen ihres zarten Fleisches und warmen Fells gehalten werden. In Tschukotka leben 200.000 Rentiere, davon 18.000 in der Region Iultin. Die verteilen sich wiederum auf sechs Herden, eine davon wird von unseren Gastgebern gehalten. Anders als in vielen Wüsten der Erde befinden sich die Weidetiere nicht im Besitz der Nomaden, sondern gehören dem Staat.

Von einem Hügel beobachten Jörg und ich, wie die Männer die Herde zu umkreisen versuchen, um sie auf einen gefrorenen, schneebedeckten See zu treiben. Immer wieder greifen die Männer zu Lassos, welche bei den Tschuktschen "cha'at" genannt werden, und versuchen, einzelne Tiere zu fangen. Sofort nimmt die Herde die Jungtiere in die Mitte und beginnt zu rotieren. Dieses Rotieren ist immer dann zu beobachten, wenn Gefahr durch einen Angreifer, zum Beispiel einen Wolf droht.

Trotz des Rotierens gelingt es Slawa und seinen Männern, einzelne Tiere aus der Herde heraus zu fangen. Sie werden am Seil zu den Zelten geführt und sofort geschlachtet. Das Zerlegen der Tiere besorgt Soia, die betagte Großmutter der beiden Kinder im Lager. Bald hängen fünf Felle in der Morgensonne, die später verkauft oder zu Kleidungstücken verarbeitet werden. Fünfzig von ihnen sind nötig, um die Zelthaut einer Yaranga zu nähen.

Es ist bereits später Vormittag, als wir uns ans Feuer setzen, um zu frühstücken. Irina, die Tochter von Soia, bietet uns gekochtes Rentierfleisch an, das zart und wohlschmeckend ist. In einer unserer Essenskisten finde ich noch gefrorenes Brot und Kaffeepulver. Ich liebe es, mit einer Tasse Kaffee in der Sonne zu sitzen, die am Morgen entstandenen Bilder auf dem Notebook zu sichten und dann den Tag zu planen.

Im Winter Schneestürme, im Sommer Mücken

Wladimir, der russische Fahrer des noch im Nomadenlager verbliebenen Kettenfahrzeugs, bietet uns an, Eisfischen zu gehen. Die Aussicht auf eine Alternative zum Rentierfleisch lässt Jörg und mich gerne mitfahren. Wir erreichen nach kurzer, wilder Fahrt durch die Tundra einen langgestreckten gefrorenen See. Mit einem handgetriebenen Bohrer treibt Wladimir mehrere zehn Zentimeter große Löcher in die meterdicke Eisdecke. Wir hängen mit Steinen beschwerte, mit Haken versehene Leinen in die Eislöcher, als Köder dienen kleine Stücke Rentierfleisch.

Als sich auch nach einer Stunde kein Fangerfolg einstellen will, springt Wladmir in sein panzerartiges Fahrzeug, startet den bulligen Dieselmotor und rast auf dem gefrorenen See hin und her, um die Fische aufzuscheuchen. Tatsächlich dauert es daraufhin nicht lange, bis wir zwei stattliche Exemplare aus den Löchern ziehen. Binnen Minuten sind sie steif gefroren und werden unser Abendessen bereichern.

Drei Tage verbringen wir in dem Nomadenlager. Das ist nicht viel und doch ausreichend, um bald tiefen Respekt für diese Menschen zu empfinden. Welche körperliche und mentale Kraft müssen sie besitzen, ein ganzes Leben lang dem Wandertrieb der Rentiere zu folgen, die Zelte auf- und abzubauen, im Winter Kälte und Schneestürmen, im Sommer Myriaden von Mücken zu trotzen.

Polarlicht am Horizont

Als ich unseren Gastgeber Gregory frage, ob er seine Yaranga mit einer beheizten Wohnung in Anadyr tauschen möchte, höre ich ein überzeugtes "Njet". Es bleibt aber abzuwarten, ob die Kinder der Tschuktschen, die in Internaten eine moderne Schulbildung erhalten, nach Abschluss ihrer Schulzeit Facebook und Handy gegen das Leben mit den Rentieren tauschen wollen.

Der letzte Abend draußen in der Tundra. Langsam weicht die Dämmerung der Dunkelheit, der Mond wird erst kurz vor Mitternacht aufgehen. Auf einmal entdecken Jörg und ich ein erstes Polarlicht über dem östlichen Horizont. Es windet sich wie eine Schlange, flackert, verschwindet, taucht wieder auf und löst sich dann ganz auf. Aber schon entstehen neue Polarlichter, die sich nun auch am westlichen Himmel mit den Farben der Dämmerung mischen. Jörg und ich sind völlig fasziniert von diesem Naturschauspiel - noch mehr, als wir auf die Monitore unsere Digitalkameras blicken: Nach 20 Sekunden Belichtungszeit leuchten sie in den Farben Grün und Rot, je nachdem, in welcher Höhe sie entstehen.

Am nächsten Morgen packen wir unsere Motorschlitten und verabschieden uns von der kleinen Nomadengruppe. Wir werden fast eine Woche mit Motorschlitten und Flugzeugen unterwegs sein, um wieder in unser Leben zu Hause zurückzukehren. Gregory, Soia und Irina werden bis dahin mit ihren Tieren ebenfalls weiter gezogen sein.

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Tschukotka: Im Tiefschnee zu den Rentiernomaden



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noodles66 17.05.2012
1. Sinn und Unsinn
Muss das denn wirklich sein? Kann der Autor und selbsternannte "Wüstenexperte" nicht einfach einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen und die Wüsten im Urlaub besuchen, wie wir anderen es auch machen? Welchen Nutzen haben wir davon, dass der Autor jetzt nach wenigen Tagen die Erkenntnis gewann, dass die Einwohner dort prima klarkommen - wirklich bahnbrechend
winni123 17.05.2012
2. ERGYRON - Chukchi-Eskimo Ensemble
Hier ist noch die passende Musik zum Arikel: --- Ergyron Ensemble - Chukchi song 'Nunlingran' (http://www.youtube.com/watch?v=yf7hyCjqkLQ) --- ERGYRON - Chukchi-Eskimo Ensemble, Tschukotka, Ostsibirien (http://translate.google.com/translate?hl=en&sl=ru&tl=en&u=www.ergyron.ru) --- Chukotka Ensembles - Amateur folklore ensembles in the Chukchi and Eskimo communities, Chukotka, Siberia (http://translate.google.com/translate?hl=en&sl=ru&tl=en&u=www.chukotka-ensembles.ru)
arktisss 19.10.2012
3.
Zitat von noodles66Muss das denn wirklich sein? Kann der Autor und selbsternannte "Wüstenexperte" nicht einfach einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen und die Wüsten im Urlaub besuchen, wie wir anderen es auch machen? Welchen Nutzen haben wir davon, dass der Autor jetzt nach wenigen Tagen die Erkenntnis gewann, dass die Einwohner dort prima klarkommen - wirklich bahnbrechend
Ich finde den Artikel sehr gut geschrieben und die unternommene Reise mehr als sinnvoll: die Interesse am Leben der indigenen Völker soll dabei helfen, ihre Kultur und Lebensgebiete (für Nomaden zwar nicht so aktuell, aber für die anderen Völker schon) zu bewahren. Hier noch ein ziemlich ausführliches Material dazu: Völker des Nordens: Wiederbelebung von Traditionen : Stimme Russlands (http://german.ruvr.ru/2012_08_25/86195058/)
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