Superlative im australischen Outback Steinreich unter der Wüste

Unzählige Rinder und wertvolle Opale: Wüstenfotograf Michael Martin besucht im australischen Outback Viehbarone und Glücksritter. Dabei wird ihm ein farbenfrohes Vermögen auf einem dreckigen Küchentisch präsentiert.

Jörg Reuther

"The Jellyfish is coming up", schreit Adam gegen den Propellerlärm an. "Die Qualle erscheint gleich?", versuche ich im Geiste, den Pilotenspruch zu übersetzen. Als ich meine Kamera aus der offene Luke des Flugzeugs senkrecht nach unten richte, entdecke ich tatsächlich eine grüne Oase in Form einer Qualle inmitten der unendlichen Weite des australischen Outbacks. Seit unserem Start in William Creek 30 Minuten zuvor hatte sich die Wüstenlandschaft nicht verändert, und sie ändert sich auch die nächsten 30 Flugminuten nicht: nichts als unendliche, rot eingefärbte Weite, darüber ein tiefblauer, wolkenloser Himmel.

"The Painted Desert ist coming up", meldet sich Adam wieder zu Wort. Und tatsächlich wird die Landschaft hügeliger, Ocker- Gelb- und Beigetöne mischen sich ins Rot des Outbacks.

Nach 90 Minuten Flugzeit fliegen wir zurück nach William Creek, mit acht Einwohnern der kleinste Ort Südaustraliens. 15 Kilometer westlich der Siedlung strahlen die weißen Gebäude der Anna Creek Homestead, von dort unten wird die größte Viehfarm der Erde geführt. Tay, die Chefpilotin des Charterunternehmens Wright Air, stellt den Kontakt zu Norman, dem Manager von Anna Creek, her.

Am nächsten Morgen folge ich noch vor Sonnenaufgang seinem Landcruiser auf dem Motorrad. Die ungeheure Dimension der Farm wird uns nach einer Stunde Fahrt bewusst, ihre Fläche entspricht der von Belgien. An einer Wasserstelle sind 1000 der insgesamt 18.000 Rinder versammelt, die man tags zuvor mit Hubschraubern und Motorrädern zusammengetrieben hat. Es sollen die trächtigen Kühe separiert werden.

Ein Hauch von Cowboy-Romantik

Zu diesem Zweck ist Jack, ein Tierarzt aus Adelaide, eigens mit dem Sportflugzeug auf die Farm geflogen. Seine Aufgabe ist es, zu ertasten, welche Kühe tragend sind. Zu diesem Zweck treiben die australischen Cowboys, die Stockmen, Rind für Rind durch Stahlgitter in eine Box. Derweil interviewe ich Norman und erfahre, dass die reichen Regenfälle der vergangenen Jahre ein Segen für diese Art der extensiven Rinderhaltung darstellen.

Anna Creek, einst im 19.Jahrhundert vom Viehbaron Sydney Kidman gegründet, ist heute im Besitz eines Konsortiums und wird geführt wie ein Industriebetrieb. Trotzdem sorgen die Stockmen mit ihren Stiefeln und breitkremprigen Hüten sowie ihre Feldbetten am rauchenden Feuer für einen Hauch Cowboy-Romantik. Die Wüstengebiete Südaustraliens werden aber auch noch auf eine andere Art und Weise wirtschaftlich genutzt. 166 Pistenkilometer westlich von William Creek liegt Coober Pedy, wo weltweit die meisten weißen Opale aus dem Wüstenboden geholt werden.

Justin ist Opalschürfer und bereit, uns seinen Claim zu zeigen. Er erzählt, dass seine wichtigsten Opal-Käufer in Idar-Oberstein am Hunsrück sitzen. In der chaotischen, abgedunkelten Küche präsentiert er uns seine Funde der vergangenen Monate. Im Schein einer Lampe glitzern die Edelsteine in den schönsten Farben. Laut Justin sind die Opale auf dem Küchentisch weit über 100.000 Dollar wert.

Dann steige ich zu Justin in seinen alten Geländewagen, der uns zu seiner Mine bringen soll. Die Piste führt zwischen Tausenden meterhohen Erdhügeln hindurch, die neben den Bohrungen aufgeschüttet wurden. Nach einer halben Stunde habe wir den Claim von Justin erreicht, ein unscheinbares Areal von knapp 5000 Quadratmetern, das mit hölzernen Pfählen abgesteckt ist.

27 Meter in die Tiefe

Justin zeigt uns seinen Fuhrpark, der im Wesentlichen aus einem mobilen Bohrturm und einem überdimensionalen Staubsauger besteht, mit dem das Aushubmaterial aus der Mine heraufgesaugt wird. Mit einem auf dem Ladefläche seines Autos montierten Kran sollen wir durch ein enges Bohrloch in die Mine einfahren. Auf einer Art Schaukel sitzend, klammere ich mich an das Stahlseil und versuche, nicht nach unten zu blicken. Mit einem Elektromotor werde ich in 27 Meter in die Tiefe hinabgelassen, die anderen folgen Mann für Mann.

Unten tut sich ein weit verzweigtes Stollennetz auf, das mit Glühbirnen schwach erleuchtet ist. Am Ende eines Schachtes steht die mächtige Bohrmaschine, die sich mit ihren rotierenden Fräsen in den Sandstein frisst. Justin geht mit uns durch den Stollen und zeigt uns immer wieder feine Opaladern, die sich wenige Zentimeter dick durch den Sandstein ziehen. Viele dieser Stratas genannten Adern enthalten nur minderwertige, kleine Opale. Der Traum jedes Miners ist, auf eine Ader zu stoßen, die ihn wegen der Größe und Qualität der darin enthaltenen Opale schlagartig zum Millionär macht.

Wir haben abends Coober Pedy noch verlassen und fahren die Piste nach Oodnadatta, wo wir wieder auf den gleichnamigen Track stoßen. Die Nacht verbringen wir, wie alle Nächte in Südaustralien, unter freiem Himmel in einer der zahllosen, zwischen den Dünen eingelagerten Lehmpfannen.

Oodnadatta ist unser letztes Ziel am Rande der Simpson-Wüste, bevor es zurück nach Melbourne geht. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Lynnie und Adam, den charismatischen Inhabern des legendären Pink Oodnadatta Road House. In den letzten knapp 40 Jahren machten sie dieses zur wichtigen Anlaufstelle für Wüstenreisende. Dort angekommen erfahren wir, dass Adam einen Tag zuvor bei einem Autorennen tödlich verunglückt ist. Ich bin völlig geschockt von der Todesnachricht.

Adam Plate war einer der großen Persönlichkeiten im australischen Outback. Er hatte sich vier Jahrzehnte lang dafür eingesetzt, dass diese verlassene Region von der fernen Provinzregierung in Adelaide nicht ganz vergessen wird. Noch ein Jahr zuvor hatte ich erlebt, wie viel die beiden auch für das Miteinander von Weißen und Aborigines in Oodnadatta getan haben. An diesem sonnigen Tag sitzt vor dem Roadhouse ein australischer Ureinwohner und zupft an seiner Gitarre eine traurige Melodie.

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spon-facebook-10000308556 10.09.2012
1. Idar-Oberstein
" Er erzählt, dass seine wichtigsten Opal-Käufer im hessischen Idar-Obenstein sitzen." Die Stadt Idar-Oberstein liegt in Rheinland-Pfalz und nicht in Hessen.
Falsche Küste 10.09.2012
2. Idar-Oberstein..
..liegt aber nicht in Hessen, sondern in Rheinland-Pfalz.
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