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Wintertour durch Island: Lavahölle in Schwarzweiß

Von Michael Martin

Gefährliche Schneestürme, riskante Flussquerungen: Wer im Winter mit dem Geländewagen über Islands Hochebenen fährt, muss mit extremen Bedingungen rechnen. Unverzichtbares Utensil ist die Schneeschaufel - weil die Unterkünfte erst einmal ausgegraben werden müssen.

Island: Lavafelder und Schneeromantik Fotos
Michael Martin

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Verschlafen ziehe ich den Vorhang meines winzigen Hotelzimmers zur Seite und traue meinen Augen nicht. Draußen tobt ein heftiger Schneesturm, der die schwarzen Lavafelder des isländischen Hochlandes unter einer Schneedecke begraben hat. Mit mindestens 100 km/h peitscht der Sturm Schneewehen über den Parkplatz. Schemenhaft erkenne ich die beiden Zapfsäulen, die letzte Tankmöglichkeit vor der Durchquerung des Hochlandes.

Wir sind die einzigen Gäste der weitläufigen Hotelanlage Hrauneyjar, die in Ausstattung und Atmosphäre an eine Jugendherberge erinnert. Im kurzen isländischen Sommer gehen jeden Tag Hunderte Gäste ein und aus, weil hier der ideale Start- und Endpunkt vieler Hochlandrouten liegt. Doch im Winter sind die Pisten gesperrt.

Das steht jedenfalls in jedem Reiseführer. Unter einheimischen Hochlandfans gilt der Winter aber als Geheimtipp, denn die Behörden erlauben Reisen für gut ausgerüstete Expeditionen. Sogar die Hütten, im Sommer oft überlaufen, können genutzt werden, vorausgesetzt, man hat sich vorher in Reykjavik Zahlencodes für die Türen besorgt.

Noch tobt aber der Schneesturm, der es unseren Fahrern Kristjan und Oskar unmöglich macht, mit den Expeditionsfahrzeugen das knapp 200 Kilometer entfernte Reykjavik zu verlassen. Die Ausfallstraßen der Hauptstadt bleiben wegen der Schneemassen bis zum Nachmittag gesperrt, erst am späten Abend treffen die beiden in Hrauneyjar ein. Sie steigen aus riesigen Fahrzeugen, die mit ihren gewaltigen Ballonreifen und schwarzer Lackierung wie Monster wirken.

In die Tanks der beiden Fahrzeuge passen 600 Liter Treibstoff, gerade genug für unsere Route. Unser Plan ist, für die Arte-Fernsehserie "Michael Martin - Abenteuer Wüste" das Hochland von Südwest nach Nordost zu durchqueren und dabei den größten Gletscher Europas, den Vatnajökull, großräumig zu umrunden.

Abenteuerliche Flussquerungen

Als der Schneesturm nachlässt, verlassen wir die gut geheizte Unterkunft und folgen den letzten Kilometern Teerstraße, die bald in die sogenannte Sprengisandur-Piste übergeht, die klassische Nord-Süd-Route durch das isländische Hochland. Es bieten sich phantastische Blicke über eine weite Landschaft, die mit einer dünnen Schneedecke überzogen ist. Auf einer Holzbrücke überqueren wir einen tief eingeschnittenen Fluss, der zu reißend ist, um im Winter zu gefrieren.

Im Winter sind hier die meisten Flüsse mit Eis und Schnee bedeckt, allerdings manchmal nur oberflächlich. Einmal bricht der vier Tonnen schwere Ford im Uferbereich ein. Mit Schaufeln graben wir die Hinterreifen aus dem hart gepressten Schnee. Dann setzt das drehmomentstarke Mercedes-Allradfahrzeug mit einem langen Seil an und bekommt den Ford frei.

Immer wieder müssen wir die Piste verlassen, weil sie über Bruchschnee oder kaum tragfähige Eisflächen führt. So geht es querfeldein im Zickzackkurs über ausgedehnte Lavafelder. Einziger Anhaltspunkt ist der Bildschirm des Notebooks, das provisorisch unter dem Armaturenbrett des Fords montiert und über ein Kabel mit einem GPS-Empfänger auf dem Dach verbunden ist. Metergenau wird unsere Position angezeigt.

Westlich des kleinen Gletschers Tungnafellsjökull taucht eine Hütte auf, die ich von einer früheren Sommerreise als freundliche Unterkunft kenne. Jetzt im tiefsten Winter müssen wir sie erst einmal ausgraben. Nach einer halben Stunde habe wir den Eingang der Holzhütte so weit frei geschaufelt, dass sich die Türe des Vorraums aufstemmen lässt. Ich kann mich hineinquetschen, um den bis zur Decke reichenden Schnee aus dem Vorraum heraus zu schaufeln.

Uns gelingt es, den Petroleumofen und den Gasherd in Betrieb zu nehmen, so dass die Temperatur im Essraum wenigstens den Gefrierpunkt erreicht. Richtig warm wird es uns erst in den Daunenschlafsäcken.

Sturz im Sturm

Am nächsten Morgen ist der Schneesturm mit aller Wucht zurückgekehrt. Wir fahren trotzdem los und finden uns bald in einem weißen Inferno wieder. Die Piste ist nicht mehr sichtbar. Meter um Meter bahnen sich Kristjan und Oskar den Weg durch die schwarzweiße Lavahölle, den Blick abwechselnd auf den Bildschirm und auf den rauen Untergrund gerichtet. Der Sturm ist so heftig, dass wir uns nach dem Aussteigen am Auto festhalten müssen, um nicht umgeworfen zu werden.

Ich bin leichtsinnig und gehe über eine Eisfläche, als mich eine besonders heftige Böe in Orkanstärke erfasst und auf das Eis wirft. Ich knalle mit dem Rücken auf, habe augenblicklich höllische Schmerzen im Brust- und Rückenbereich. Meine Freunde eilen herbei und ziehen mich hoch. Sie tasten mich ab und kontrollieren die Beweglichkeit meiner Gliedmaßen, vermuten eine Rippenprellung oder einen Rippenbruch, außerdem einen eingeklemmter Nerv im Rücken. Eine glatte Fehldiagnose: Wochen später stellt ein Orthopäde in Gräfelfing den Bruch von drei Dornfortsätzen der Rückenwirbel fest. Das hätte böse enden können.

Weit kommen wir an diesem Tag wegen des Sturms nicht mehr. Nach 40 Kilometern steuern wir eine weitere Hütte an, die von einem Motorschlittenclub in einem Kessel erreichtet wurde. Auch hier sind eine Schaufel und die Kenntnis des Zahlencodes lebensnotwendige Voraussetzung, um sie betreten zu können. Die Nacht wird für mich wegen der Schmerzen nicht einfach.

Am nächsten Morgen sind die meisten Wolken verschwunden. Doch der Sturm bläst noch heftiger, reißt uns beim Beladen der Fahrzeuge sogar die schweren Taschen aus den Händen. Mühsam quälen sich die Geländewagen durch Schneeverwehungen einen Hang hinauf.

Bald öffnet sich an einem kleinen Pass der Blick auf den Vatnajökull, den größten Gletscher Europas. Im Norden taucht der Vulkan Askja auf, unser Tagesziel. Dazwischen liegt ein ausgedehnte Sander, ein schwach geneigter Schwemmkegel, der sich durch das Schmelzwasser des Gletschers gebildet hat. Ihn überzieht eine makellose Schneedecke, durch die bald unsere Spuren führen.

Die Sonne ist verschwunden, als wir die Askja erreichen; die Flanken des Vulkans stecken in Wolken. Wir schlagen unser Nachtlager in einer großen Schutzhütte auf, die offensichtlich seit vielen Monaten nicht betreten wurde. Nach dem bescheidenen Abendessen treten wir nach draußen und trauen unseren Augen nicht. Der Wind hat aufgehört, es ist sternenklar, und am Nordhorizont flackern Polarlichter über den Schneeflächen. Sofort packen wir die Kameras aus. Als nach 15 Sekunden Belichtungszeit die ersten Bilder auf den Monitoren erscheinen, kennt unsere Begeisterung keine Grenzen. Wir ahnen nicht, dass die nächste Nacht die stärksten Polarlichter des ganzen Winters bringen wird.


TV-Tipp: "Michael Martin - Abenteuer Wüste", Montag bis Freitag, jeweils 19.30 Uhr, Arte.

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wintertour mit Ski
brumm 06.05.2013
Ich habe diese Tour bzw. die Überquerung des Hochlands über die Sprengisandur mit Abstechern zu Vulkanen vor 5 Jahren im Februar bei ähnlich stürmischen Verhältnissen mit Ski und Pulka gemacht. Die Reisebeschreibung und die tollen Bilder erinnern mich sehr an unsere 14tägige Reise damals. Allerdings finde ich es sehr schade, dass so eine sensible, grandiose Landschaft mit Autos befahren werden darf, sogar auf den Gletschern. Ich bin mal gespannt, wann uns Autotouristen das erste Mal von ihrer Befahrung eines 4000ers in den Alpen berichten werden. Wer in die Natur möchte, soll bitteschön sein Auto davor abstellen.
2.
Ha.Maulwurf 06.05.2013
Zitat von brummIch habe diese Tour bzw. die Überquerung des Hochlands über die Sprengisandur mit Abstechern zu Vulkanen vor 5 Jahren im Februar bei ähnlich stürmischen Verhältnissen mit Ski und Pulka gemacht. Die Reisebeschreibung und die tollen Bilder erinnern mich sehr an unsere 14tägige Reise damals. Allerdings finde ich es sehr schade, dass so eine sensible, grandiose Landschaft mit Autos befahren werden darf, sogar auf den Gletschern. Ich bin mal gespannt, wann uns Autotouristen das erste Mal von ihrer Befahrung eines 4000ers in den Alpen berichten werden. Wer in die Natur möchte, soll bitteschön sein Auto davor abstellen.
Korrekt. Die Filmteams sollen sich mal nicht so haben und das bisschen Ausrüstung in die Hosentasche stecken.
3. Manchmal ist es hilfreich
earl grey 06.05.2013
Zitat von brummIch habe diese Tour bzw. die Überquerung des Hochlands über die Sprengisandur mit Abstechern zu Vulkanen vor 5 Jahren im Februar bei ähnlich stürmischen Verhältnissen mit Ski und Pulka gemacht. Die Reisebeschreibung und die tollen Bilder erinnern mich sehr an unsere 14tägige Reise damals. Allerdings finde ich es sehr schade, dass so eine sensible, grandiose Landschaft mit Autos befahren werden darf, sogar auf den Gletschern. Ich bin mal gespannt, wann uns Autotouristen das erste Mal von ihrer Befahrung eines 4000ers in den Alpen berichten werden. Wer in die Natur möchte, soll bitteschön sein Auto davor abstellen.
Sie sind ja ein ganz toller Typ. Sicherlich hatten sie auch eine große professionelle Filmausrüstung dabei, die steckte dann im Rucksack... so geschätze 150kg -200kg... Manchmal ist es hilfreich, sich so einen Artikel zweimal durchzulesen...nur so als Tipp.
4.
totalmayhem 06.05.2013
Zitat von brummIch habe diese Tour bzw. die Überquerung des Hochlands über die Sprengisandur mit Abstechern zu Vulkanen vor 5 Jahren im Februar bei ähnlich stürmischen Verhältnissen mit Ski und Pulka gemacht. Die Reisebeschreibung und die tollen Bilder erinnern mich sehr an unsere 14tägige Reise damals. Allerdings finde ich es sehr schade, dass so eine sensible, grandiose Landschaft mit Autos befahren werden darf, sogar auf den Gletschern. Ich bin mal gespannt, wann uns Autotouristen das erste Mal von ihrer Befahrung eines 4000ers in den Alpen berichten werden. Wer in die Natur möchte, soll bitteschön sein Auto davor abstellen.
Auf einem Gletscher am Polarkreis im Winter is absolut nix "sensibel" (hoechstens ein verklaerter Oeko-Touri). Grandios wenn die Sonne scheint, moerderisch im Schneesturm. Ein 100 Kilometer-Blizzard is da noch ein laues Lueftchen, bei 100 Meilen (keine Seltenheit) is ganz schnell Schluss mit der Pulka-Romantik.
5. optional
t...9 06.05.2013
warum im frühsommer ein bericht über den winter auf island? berichtet doch lieber mal von den hellen nächten, die jetzt beginnen und dass das leben sich nun nach draußen verlagert oder was weiß ich. aber nein, auch im nicht-winter muss den leuten klargemacht werden: Island ist kalt!
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Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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