Islands Gletscher und Vulkane Es werde Polarlicht!

Dampfende Seen in Vulkankratern, imposante Eisformationen: Islands Hochebene ist für Fotografen jede Strapaze wert, die ein Besuch im Winter mit sich bringt. Auf große Kälte sollte man allerdings vorbereitet sein - und auf den spektakulären Tanz der Polarlichter.

Joerg Reuther

Von Michael Martin


Erst die Morgendämmerung beendet das Flimmern der Polarlichter am isländischen Winterhimmel. Die ganze Nacht stehen mein Freund und Kollege Jörg Reuther und ich im tiefen Schnee an unseren schweren Stativen und machen Tausende Aufnahmen. Danach sitzen wir in der kaum beheizten Hütte am Fuß des Vulkans Askja und fügen diese Bilder an unseren Notebooks zu Zeitrafferfilmen zusammen. Sie sind Teil einer Arte-Dokumentation, die wir im einsamen und tief verschneiten Hochland Islands drehen.

Nach einer strapaziösen Anreise genießen wir jetzt umso mehr den windstillen und wolkenlosen Morgen am Fuße der Askja, einem der eindrucksvollsten Ziele im isländischen Hochland.

Im Sommer führt eine ausgebaute Piste in wenigen Minuten zu einem Parkplatz unterhalb der gut tausend Meter hoch gelegenen Caldera. Doch nun wühlen sich die beiden Fahrzeuge mit ihren überdimensional erscheinenden Ballonreifen durch tiefen Schnee die Ostflanke der Askja hoch. Wir schleppen die Kameras und Stative die letzten Meter und sind augenblicklich ergriffen. Wir blicken auf drei ineinandergreifende Calderen, deren größte eine Fläche von 50 Quadratkilometer einnimmt. Darin liegt eine zweite Caldera, die mit einem gefrorenen See gefüllt ist. Nebelbänke liegen über der Eisfläche, an den Flanken des Vulkans steigt weißer Dampf einer heißen Quelle in den tiefblauen Himmel. Ein friedliches, geradezu majestätisches Bild, das sich uns bietet.

Geradezu überirdisch wird die Landschaft, als wir die Kante des Viti-Kraters erreichen. Am Boden des 300 Meter breiten und 60 Meter tiefen Kraters liegt ein smaragdgrüner Kratersee, der aufgrund vulkanischer Aktivität über 30 Grad Celsius warm und damit eisfrei ist. Von der warmen Wasseroberfläche steigen Dampfwolken auf, die sich noch im Krater auflösen.

Jedes Jahr wird Island größer

Die außerordentlich starke vulkanische Aktivität Islands ist auf seine weltweit einzigartige Lage zurückzuführen. Island liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken und übersteigt als einziger größerer Teil dieses Meeresrückens den Meeresspiegel. Durch Konvektionsvorgänge - thermische Strömungen im Erdinnern - entstehen hier derartige Kräfte, dass der Ozeanboden aufreißt. Nachfließendes Magma füllt den entstehenden Riss auf. Mit der Zeit entsteht so ein unterseeisches Gebirge, das über den Meeresspiegel gehoben wird.

Wir werden damit in Island zu Zeugen des sogenannten Seafloor Spreadings, das die Insel jährlich um zwei bis drei Zentimeter in Ostwestrichtung größer werden lässt. Die außergewöhnlich starke vulkanische Aktivität in Island wird durch den sogenannten Island Plume erklärt. Das ist eine besonders heiße Konvektionsströmung in der Asthenosphäre, einem Teil des äußeren Erdmantels, ihr Ursprung liegt in 2800 Kilometer Tiefe. Dies führt in der Region um Island zu einer Anhebung des Ozeanbodens, wodurch die Insel über den Meeresspiegel gehoben wird.

Der größte Ausbruch der Askja geschah vor mehr als 130 Jahren. Am 29. März 1875 brach die Hölle auf Erden los. Innerhalb von acht Stunden wurden 2,5 Milliarden Kubikmeter Bimsstein ausgestoßen. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 400 km/h schoss die Eruptionswolke bis in 25 Kilometer Höhe. Die geförderte Asche bedeckte eine Fläche größer als Deutschland vernichtete die Lebensgrundlage vieler isländischer Bauern. Eine heftige Auswanderungswelle nach Amerika setzte ein.

Die Faszination des isländischen Hochlands geht aber nicht nur auf die Vulkane zurück, sondern auch auf die zahlreichen Gletscher, deren König unumstritten der Vatnajökull ist.

Wir wollen das perfekte Wetter nutzen, verlassen mittags die Askja und durchqueren eine ausgedehnte Schotterebene, über die im Sommer Gletscherflüsse fließen. Tiefer Schnee liegt auf den ausgedehnten Kiesflächen. Wo die Flüsse Eisflächen gebildet haben, ist höchste Vorsicht geboten.

Eisleuchten im letzten Sonnenstrahl

Die Fahrer Kristjan und Oskar drosseln das Tempo der schweren Fahrzeuge auf Schrittgeschwindigkeit, um sie bei einem plötzlichen Einbrechen nicht zu beschädigen. Je mehr wir uns dem Vatnajökull nähern, desto größer wird die Dramatik der Landschaft. In der Region des Vulkans Kverkfjöll fließt der Vatnajökull von 2000 Meter hohen Bergen steil nach unten und bildet einen spektakulären Gletscherbruch. Darüber steigt der Dampf heißer Quellen auf. Wir stehen mit unseren Kameras auf einer Gletschermoräne und filmen und fotografieren das Leuchten des Eises in den letzten Sonnenstrahlen.

Mit Sonnenuntergang wird es schlagartig sehr kalt, höchste Zeit, die Siguroarskali-Hütte zu finden. Leider bekommen wir die Heizung nicht in Gang. Kristjan und Oskar beschließen daraufhin, gleich draußen das Abendessen zuzubereiten. Sie graben ein tiefes Loch in den Schnee, legen es mit Alufolie aus und kippen Holzkohle hinein. Bald glüht mit Hilfe von Unmengen Spiritus die Kohle. Nun legen sie zwei große Lammschlegel, in Alufolie verpackt, in die Glut.

Nun heißt es zwei Stunden warten. Die Zeit vergeht jedoch wie im Flug, denn am Himmel flackern die ersten Polarlichter. 15 Sekunden Belichtungszeit reichen, um auf Fotos ihre intensive grüne Farbe zur Geltung zu bringen. Ihre zuckenden Bewegungen erfassen wir wieder in Zeitrafferfilmen. Dann rufen uns Kristjan und Oskar ans Feuer zum Essen. Wir sitzen um die Glut und lassen uns das zarte Lammfleisch auf der Zunge zergehen. Es ist einer dieser Abende, an dem alle Mühen vergessen sind und ich mir keinen schöneren Beruf vorstellen kann.


TV-Tipp: "Michael Martin - Abenteuer Wüste", die Island-Folge läuft am Freitag um 19.30 Uhr auf Arte.



Forum - Was ist Ihr Tipp für eine Kamera-Expedition?
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chrome_koran 24.04.2012
1.
Atemberaubend… bin noch am Bibbern und brauche nen Wodka zum Aufwärmen. Danke fürs "Sharen". Was mir auffällt: Probleme mit der Fotoausrüstung scheinen sich auf die Stromversorgung zu konzentrieren. Heißt das, dass heutige Kameras (und Objektive!) der eingesetzten Klasse die extremen Temperaturen und auch Schwankungen der Luftfeuchtigkeit ohne weiteres aushalten? Oder wurde die Ausrüstung, wie es früher der Fall war, "winterfest gemacht"? Wenn ich daran zurückdenke, wie mir Mitte 1980er zwei SLR samt Objektive bei -27° C beim Wandern über die zugefrorene Weichsel binnen Minuten versagten… zuerst stieg übrigens die russische Zenith aus, die ich eigentlich nur aus naiver Hoffnung heraus mitschleppte, diese würde doch solche Kälte locker wegstecken… nichts da, keine Chance, obwohl unter dicker Jacke getragen, kein Hebel ließ sich bewegen… als Nächstes stieg das Zeiss Sonnar aus…
Jens Schuetz 24.04.2012
2.
Zitat von chrome_koranAtemberaubend… bin noch am Bibbern und brauche nen Wodka zum Aufwärmen. Danke fürs "Sharen". Was mir auffällt: Probleme mit der Fotoausrüstung scheinen sich auf die Stromversorgung zu konzentrieren. Heißt das, dass heutige Kameras (und Objektive!) der eingesetzten Klasse die extremen Temperaturen und auch Schwankungen der Luftfeuchtigkeit ohne weiteres aushalten? Oder wurde die Ausrüstung, wie es früher der Fall war, "winterfest gemacht"? Wenn ich daran zurückdenke, wie mir Mitte 1980er zwei SLR samt Objektive bei -27° C beim Wandern über die zugefrorene Weichsel binnen Minuten versagten… zuerst stieg übrigens die russische Zenith aus, die ich eigentlich nur aus naiver Hoffnung heraus mitschleppte, diese würde doch solche Kälte locker wegstecken… nichts da, keine Chance, obwohl unter dicker Jacke getragen, kein Hebel ließ sich bewegen… als Nächstes stieg das Zeiss Sonnar aus…
Hab leider noch nicht bei diesen Temperaturen fotografieren duerfen. Habe aber gelesen das bei Polarexpeditionen die Filme steif froren. Sollte der Film die groesste Schwachstelle sein, kann dies erklaeren, warum Digital besser funktioniert. Zur Stromquelle. Einfach eine normale Battery aufbrechen und aushoelen. An deren Kontake von innen 1,50m lange Draehte anloeten und diese mit einer funktionierenden Batterie verbinden. Die ausgehoelte Dummy Battery kommt in die Kamera. Die verbundene funktionstuechtige Batterie kann danke der Kabel problemlos am warmen Koerper getragen oder mit Handwaermern in einer Tasche transportiert werden.
chrome_koran 24.04.2012
3.
Es gibt schon spezielle Battery Packs für solche Einsätze… aber bei derart niedrigen Temperaturen frieren vermutlich die Elektronen im Kabel auf dem Weg zur Kamera zu ;) Das mit den Filmen stimmt zum Teil, aber eher ein halbwegs moderner Film wegen der Kälte riss, war schon die Transportmechanik für selbigen zugefroren. Da waren ja die meisten - und mit dem höchsten Drehmoment arbeitenden - mechanischen Teile zugange. Wenn ich mich recht erinnere, war das Schmierfett für die Mechanik ein großes Problem, das Zeug wurde zäh bei starkem Frost. Das erklärt auch, warum sich z.B. der ansonsten robuste Schneckengang des Sonnars nicht bewegen ließ - das Scharfstellen (wurde damals noch per Hand gemacht...) war unmöglich, der Fokusring saß fest. Gelesen hatte ich damals öfters mal, dass Fotografen, die in extremer Kälte fotografierten, die Kamera entsprechend vorbehandeln ließen, wobei die Vorbehandlung hauptsächlich darin bestand, den Schmierstoff aus der Kameramechanik zu entfernen. Ich stelle mir vor, dass nach einer solchen Expedition die Kamera ansonsten hin war, aber die Fotos im Kasten.
DIAMIR 24.04.2012
4.
In der Tat ist das Fotografieren unter arktischen Bedingungen immer noch eine Herausforderung! Dank moderner digitaler Technik ist diese jedoch heute vor allem auf den Faktor Mensch beschränkt, was es deutlich einfacher macht als noch vor zehn Jahren! Das ging mit kälteempfindlichen Filmmaterial los (Ab -20°C sind mir früher Filme häufig einfach entlang der Perforation gerissen.), über die ganze bewegliche Mechanik (Filmtransport!) bis hin zu dem Fakt, dass man im Schneesturm zwar durchaus noch fotografieren, aber unter Umständen keinesfalls mehr einen Film wechseln kann... Moderne Profi-Kameras funktionieren hingegen auch unter extremen Bedingungen oft noch erstaunlich gut: Selbst äußerlich bereits komplett vereist sind noch brauchbare Aufnahmen möglich. Auch das Akku-Problem ist (zumindest bis ca. minus 20 - minus 30°C) oft weniger schlimm als gedacht. Michael Martin, Jörg Reuther und ich sind mit einigen Ersatz-Akkus jeweils ganz gut über den Tag gekommen. Schwieriger war da schon die Versorgung der Filmkameras. Wichtig für die gesamte Reise-Logistik war natürlich, möglichst jede Nacht die Möglichkeit zum Akku aufladen zu haben. Was bleibt, ist wie gesagt der Faktor Mensch: Vorausschauende Planung, ein kluger Umgang mit der Technik und eine gehörige Portion Härte und Enthusiasmus sind schon erforderlich, um auch im heftigsten Schneesturm noch die Kamera herauszuholen und diese atemberaubenden Aufnahmen entstehen zu lassen. Hut ab und höchster Respekt an der Stelle vor Martin und Jörg! Ich habe bisher kaum jemanden erlebt, der so professionell und mit unermüdlichem Willen und vollem Einsatz jeden Tag aufs Neue alles gegeben hat, um trotz widrigster Bedingungen zu filmen und fotografieren! Während ich am Morgen noch die Wärme des Schlafsacks genossen habe, war Michael meist schon auf, um nach den ersten Sonnenstrahlen zu schauen. Und wenn zur Pause alle anderen nur an heißen Tee und Kaffee und etwas zu Essen dachten, standen für Michael und Jörg stets die Fotos im Vordergrund und erst danach die eigenen Bedürfnisse... Ich bin schon gespannt auf den zweiten Teil der Bilder! Ein paar weitere Bilder der Tour findet Ihr übrigens auch auf http://www.facebook.com/diamir.erlebnisreisen. Markus Walter
DIAMIR 24.04.2012
5.
In der Tat ist das Fotografieren unter arktischen Bedingungen immer noch eine Herausforderung! Dank moderner digitaler Technik ist diese jedoch heute vor allem auf den Faktor Mensch beschränkt, was es deutlich einfacher macht als noch vor zehn Jahren! Das ging mit kälteempfindlichen Filmmaterial los (Ab -20°C sind mir früher Filme häufig einfach entlang der Perforation gerissen.), über die ganze bewegliche Mechanik (Filmtransport!) bis hin zu dem Fakt, dass man im Schneesturm zwar durchaus noch fotografieren, aber unter Umständen keinesfalls mehr einen Film wechseln kann... Moderne Profi-Kameras funktionieren hingegen auch unter extremen Bedingungen oft noch erstaunlich gut: Selbst äußerlich bereits komplett vereist sind noch brauchbare Aufnahmen möglich. Auch das Akku-Problem ist (zumindest bis ca. minus 20 - minus 30°C) oft weniger schlimm als gedacht. Michael Martin, Jörg Reuther und ich sind mit einigen Ersatz-Akkus jeweils ganz gut über den Tag gekommen. Schwieriger war da schon die Versorgung der Filmkameras. Wichtig für die gesamte Reise-Logistik war natürlich, möglichst jede Nacht die Möglichkeit zum Akku aufladen zu haben. Was bleibt, ist wie gesagt der Faktor Mensch: Vorausschauende Planung, ein kluger Umgang mit der Technik und eine gehörige Portion Härte und Enthusiasmus sind schon erforderlich, um auch im heftigsten Schneesturm noch die Kamera herauszuholen und diese atemberaubenden Aufnahmen entstehen zu lassen. Hut ab und höchster Respekt an der Stelle vor Martin und Jörg! Ich habe bisher kaum jemanden erlebt, der so professionell und auch mit diesem unermüdlichem Willen und vollem Einsatz jeden Tag aufs Neue alles gegeben hat, um trotz widrigster Bedingungen zu filmen und fotografieren! Während ich am Morgen noch die Wärme des Schlafsacks genossen habe, war Michael meist schon auf, um nach den ersten Sonnenstrahlen zu schauen. Und wenn zur Pause alle anderen nur an heißen Tee und Kaffee und etwas zu Essen dachten, standen für Michael und Jörg stets die Fotos im Vordergrund und erst danach die eigenen Bedürfnisse... Ich bin schon gespannt auf den zweiten Teil der Bilder! Ein paar weitere Bilder der Tour findet Ihr übrigens auch auf der Facebook-Seite von DIAMIR Erlebnisreisen. Markus Walter
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.