Fotoreise nach Jakutien Kalt, kälter, Oimjakon

Michael Martin

Wer nicht aufpasst, friert sich sofort die Nase ab: Am kältesten Ort der bewohnten Welt ist Überleben eine Kunst. Fotograf Michael Martin zu Besuch bei Fischern, Rentier- und Pferdezüchtern.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Minus 71,2 Grad Celsius steht in großen, silbernen Buchstaben am Ortseingang von Oimjakon. Die angeblich im Jahre 1926 gemessene Temperatur verschaffte dem sibirischen Dorf den Titel "Kältepol der bewohnten Gebiete der Erde". Wissenschaftlich gesichert gelten minus 67,8 Grad, ermittelt am 6. Februar 1933.

Und ich laufe an einem frühen Februarmorgen viel zu dünn bekleidet vom Toilettenhäuschen über den Hof zu unserer Unterkunft und werfe hastig einen Blick auf das am Fenster angebrachte Thermometer: minus 52 Grad. Schnell öffne ich die Tür des Holzhauses zur geheizten Küche von Tamara, unserer Gastgeberin in Oimjakon. Sie kennt bereits meine Vorliebe für heißen, schwarzen Kaffee und stellt mir eine dampfende Tasse auf den Tisch. Der Tag kann beginnen.

Ich fahre mit meiner Frau Elly und unseren russischen Guides Alexej und Aljona zunächst zu einem nahen Bach, der aufgrund einer heißen Quelle nicht komplett zufriert, sodass über dem offenen Wasser Dampf aufsteigt. Meine Begeisterung über das perfekte Motiv für den nahen Sonnenaufgang lässt mich die obligatorische Gesichtsmaske vergessen - und ich erfriere mir gleich mal die Nasenspitze.

Am Abend zuvor sind wir nach zweitägiger Fahrt im UAZ-Allradbus in Oimjakon eingetroffen. Die Extremtemperaturen in dem Ort sind auf seine besondere Lage zwischen zwei Gebirgszügen zurückzuführen, hier staut sich die abgesunkene kalte Luft. Außerdem liegt er im Herzen Sibiriens, weit entfernt von wärmenden Ozeanen. Die Region gilt weltweit als Zentrum des Permafrosts. Der Boden ist hier bis zu 1500 Meter tief gefroren und taut im Sommer nur wenige Dutzend Zentimeter auf.

Sushi aus der Indigirka

In Tamaras Küche treffen wir Mischa, einen schwergewichtigen Pferdezüchter mit vielen Lachfalten im Gesicht. Er nimmt uns mit raus zu seinen Jakuten-Ponys. Die meisten seiner 150 Tiere verbringen den langen Winter sich selbst überlassen im Wald, doch eine Handvoll Jungtiere belässt er auf der weitläufigen Koppel.

Jakuten-Ponys sind bekannt für ihre Widerstandsfähigkeit. Sie kommen sowohl mit 60 Grad Kälte im neunmonatigen Winter wie auch mit den Mücken und sumpfigen Böden des kurzen Sommers zurecht. Im Alter von einem Jahr werden viele Tiere geschlachtet, gelten sie doch als wichtige Fleischlieferanten. Mischa erzählt uns, dass Pferde nicht so leicht von Wölfen gerissen würden wie Schafe und Ziegen. Im laufenden Winter aber habe er schon fünf Bären geschossen, die seine Pferde fressen wollten.

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Jakutien: Sibiriens kaltes Herz

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Fischer Igor zum Indigirka-Fluss. Der 59-jährige Jakute möchte seine unter dem Eis ausgelegten fünf Netze kontrollieren. Mit einer spitzen Holzstange öffnet er die ersten beiden der jeweils 30 Meter auseinanderliegenden Eislöcher und zieht an einer unter dem Eis gespannten Leine das Netz an die Oberfläche. Pro Netz haben sich zwei bis drei Fische verfangen, die, auf das Eis geworfen, sofort den Kältetod sterben. Abends essen wir in der Küche von Tamara den in Streifen geschnittenen, leicht angetauten, rohen Fisch, dazu gibt es jakutischen Wodka.

Auch ohne Wodka ist das Leben in Oimjakon auszuhalten. Ein Teil des Dorfes wird durch ein kleines Kohlekraftwerk mit Fernwärme versorgt. Im April wird es dann für jakutische Verhältnisse frühlingshaft warm: zwischen minus 15 Grad und minus 10 Grad. Es gibt auch einen richtigen, wenn auch sehr kurzen Sommer mit Temperaturen von bis zu 30 Grad. Das ist auch der Grund, warum in weiten Teilen Sibiriens trotz der grimmigen Wintertemperaturen ausgedehnte Nadelwälder existieren. Wo die Sommer nach Norden hin oder in Höhenlagen zu kurz und zu kalt werden, geht die Taiga in Tundra über.

Im Schlitten mit Rentierzüchter

Wir sind bereits wieder auf dem langen Rückweg nach Jakutsk, als wir 100 Kilometer westlich von Oimjakon am frühen Vormittag in einem kleinen Dorf anhalten. Dort haben sich unsere Guides mit einem Rentierzüchter verabredet, der ebenfalls Mischa heißt und die gleiche Figur wie sein Namensvetter besitzt. Wir fahren mit ihm ein paar Kilometer in den Wald hinein, stellen den Bus ab und laufen noch einmal eine halbe Stunde. Irgendwann tauchen die Baumwollzelte von Mischa und seinen beiden Brüdern auf. Ein paar selbstgebaute Holzschlitten stehen davor, von Rentieren keine Spur.

Doch dann streut Mischa Salz in den Schnee und ruft eine bestimme Lautfolge. Es dauert ein paar Minuten, und plötzlich tauchen etwa 20 Rentiere aus dem Wald auf. Sie nähern sich vorsichtig und beginnen, das Salz gierig mit dem Schnee aufzunehmen. Sie brauchen es dringend, denn ihren Flüssigkeitsbedarf decken sie im Winter mit Schnee, der kaum Mineralstoffe enthält. Mit einem Lasso fangen die Männer nach und nach ein paar der Tiere und legen ihnen Geschirre an. Es dauert fast eine Stunde, bis das Gespann aus sechs Rentieren und drei Schlitten zusammengestellt ist.

Mischa und seine Brüder müssen einen Teil der insgesamt 1500 Tiere umfassenden Herde suchen, die von Wölfen auseinander getrieben wurde. Es wird Wochen dauern, alle Tiere wieder zusammenzuführen. Auf Mischas Kommando ziehen die Rentiere die Schlitten an, und mit rasender Geschwindigkeit geht es durch unberührten Schnee. Wir fahren eine Zeitlang mit, doch dann wollen wir die Männer bei ihrer Suche nicht weiter aufhalten und steigen an der Piste zu Alexej und Alonja in den UAZ-Bus.

Zum Abschied erzählt uns Mischa, dass sie am nächsten Tag die Zelte abbrechen und in einem anderen Gebiet die Suche fortsetzen werden. Wir hätten sie gerne begleitet - trotz der Kälte.

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waldi.ede 23.02.2018

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